Liebmann | In Berlin | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Liebmann In Berlin


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7317-6144-0
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-7317-6144-0
Verlag: Schöffling
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Berlin ist einer der ungewöhnlichsten und intensivsten Berlinromane überhaupt. In temporeicher Sprache erzählt Irina Liebmann vom Klima des Umbruchs und von innerlich zerrissenen Menschen, die den Osten verlassen wollen und dann im Westen vergeblich auf das Gefühl der Befreiung warten. Wurden diese Menschen betrogen - verraten? Der Roman spielt vor dem Hintergrund des Berlins Anfang der Neunzigerjahre, und es gelingt Irina Liebmann, die atmosphärischen Eigentümlichkeiten der Stadt in eigenwillige Prosa zu fassen, diese Zeit gültig aufzubewahren. Großartige Bilder halten ein Berlin fest, das es so nicht mehr gibt, das aber Grundlage für die heutige Stadt, ihre Bedeutung und Wandelbarkeit ist.Die Neuausgabe mit einem aktuellen Nachwort der Autorin ist der Auftakt zu einer umfassenden Neuedition der Werke von Irina Liebmann bei Schöffling & Co.

Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau als Tochter des deutschen Journalisten Rudolf Herrnstadt und der russischen Germanistin Valentina Herrnstadt, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Fu?r ihre Bu?cher wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Berliner Literaturpreis (1998), dem Preis Von Autoren fu?r Autoren des Lu?becker Literaturtreffens (2015) und mit dem Uwe-Johnson-Preis (2020). Fu?r Wäre es schön? Es wäre schön! erhielt sie 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse. Ihr Werk erscheint in Neuausgaben bei Schöffling & Co. www.irina-liebmann.de
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OKTOBER

Tritt ein. Wiener Walzer trudelt aus Lautsprechern. Die erste Stewardeß riecht nach Kaffee und sagt Grüß Gott. Zu zweit zerren sie an der Tür, bis die fest genug zu ist, und jemand schaltet den Walzer aus. Die Greisin neben dir greift wiederholt ans Fenster, wo Rasen vorbeifliegt, klopft mit den Fingern ans Glas, winken, wird sie sagen, mein Wien, und dann den Mund schließen, weil du die Augen zugeklappt hast. Im Dunkeln denkst du, daß ihr jetzt im weißen Rauschen seid und bald im Eisernen Vorhang, man sieht nichts mehr hinter den Fenstern, die Stadt Wien hat es nie gegeben, keine Sonne drauf, keinen Zug, der dort ankam, pünktlich um zwölf, und um zwölf wieder abfuhr, mit einem Mann, der dir fehlen wird, in drei Sekunden war der ganze Zug zu einem Punkt verkleinert und ausgelöscht aus dem Bild, danach hattest du zwei Hände frei, für die sind Taschen eingenäht in deine lange Hose, zwei Taschen braucht der Mensch oder zwei Lehnen an so einem Flugzeugsessel, Push steht dann unter jeder Hand, wenn du sie so brav rauflegst, es gibt was zu essen, die Frau am Fenster hat sich Kaffee bestellt und nickt dir zu, wenn du die Augen aufmachst, will wissen, ob du auch weiterfährst von Schönefeld nach Westberlin, nein, das wird dir leid tun, tut mir leid, das findet sie schade. Schade. Zu weiteren Gesprächen wird es nicht kommen, denn schon habt ihr ein Fahrstuhlgefühl nach unten, dunkel wirds, in Wolken werdet ihr fallen, die Schachteln, die ihr gleich sehen werdet, kennst du gut, den schwarzen Fluß, den schwarzen Wald, jetzt sinkt ihr ohne Aufenthalt in einen dunklen Himmel, tritt ein. Schon kippen sie euch auf Beton, eure Beutel müßt ihr selber tragen, die Beute, zu den Durchgängen, in die eine Person sich geradezu reinzwängen muß, es hängen Spiegel darüber, auf Knopfdruck wird ein Türchen aufspringen, so ein kleines, massives Stahltürchen sitzt dann locker, aufklappen mußt du es selber, das ist die Grenze. Eintreten.

Da geht die Liebmann mit Koffer und Plastikbeutel zur S-Bahn, unten im Tunnel ist eine Schiefertafel aufgebockt, Kreideschrift. Soll tot sein, der Abschnitt, dafür fährt ein Bus, eiskalt, junge Männer in Lederjacken drin, alle mit Gehörschaden, so laut, wie die reden, einer rülpst für alle zusammen, die lachen, lachen beim Rausklettern, Hochhopsen, die Stufen vom Bahnhof Grünau, wo die S-Bahn wieder fahren soll, hoch zum Perron, ein einsamer Leutnant steht da, ist gleich darauf nicht mehr zu sehen in einer Wolke von Menschen, die aus der Bahn steigen, die gerade herangefahren war. War so leise, die Bahn, so laut ist es jetzt, Brüllen, Pfeifen, einer singt, zwei: Gehnse weiter, gehnse weiter, Sie sind ja nur Gefreiter, allgemeine Heiterkeit hier oben, der Gefreite grinst, paar Minuten lang hört man es vor dem Bahnhof noch weitersingen, dann ist Ruhe.

Ruhiger Sonnabendnachmittag. Die Liebmann steht auf dem Bahnsteig, der Gefreite auch, die nächste S-Bahn fährt ein und fährt weiter, die beiden sind eingestiegen, es sitzt noch ein Ehepaar im Waggon, zeigt sich die vorbeifahrenden Bäume, haben alle noch Laub drauf, so ein schöner Herbst isses gewesen, kann man nicht mekkern.

Bahnhof Ostkreuz drängeln viele herein, bringen kalte Luft mit und Blumengeruch, Winterastern, frisch aus den Gärten, ein Berliner muß einen Garten haben, sonst kommt er nicht über die Runden, historisch, das war ein Fehler, daß sie die Gärten abgeräumt haben, denkt die Liebmann, Tausende müssen es gewesen sein, ewig ist sie als Kind an Gärten vorbeigefahren mit der Bahn, endlos Lauben im Schnee und Gartenzäune bis zum Horizont.

Schönhauser Allee wieder alle raus, nur der Gefreite sitzt immer noch drin, zwei Bankreihen weg von der Liebmann, säubert sich die Fingernägel. Am Bahnhof Pankow sind die Laternen schon angezündet, sparsame Bühnenbeleuchtung, rötlich, rötlich zwei Männer an der Currywurstbude da drüben, eine Straßenbahn quietscht, Stehenbleiben, ruft eine Männerstimme hinter ihr – Bleibste stehen, du! – und jetzt hat die Liebmann noch einen halben Kilometer zu laufen und drei Stockwerke hochzusteigen.

Das Kind, das ihr öffnen wird, wird ihr blasser, strenger, greller geschminkt und lackiert vorkommen als vor vier Wochen, es wird sagen: So spät, und: Koch dir deinen Kaffee selber, den Pullover nicht schön finden, den die Liebmann mitgebracht hat, irgendwann wird es zu weinen anfangen und schlafen gehen.

Wer in diesem Haus schläft, schläft im rechten Winkel einer Hausecke nahe der Straßenbahn über einem Hof voller Katzen. Bei geöffnetem Fenster hört er Tiergeschrei und das Quietschen von Metall auf Metall, in Abständen füllen die Krachlawinen der Flugzeuge im Anflug auf Tegel das Zimmer. Andere Geräusche der Nacht kommen von Sirenen, Lastwagen, aneinanderknallenden Waggons auf dem Rangierbahnhof, Gesang.

Traum von zwei Tieren, die rennen oder fliegen.

Nur zwei Schultern erkannt, pelzig.

Im Geruch der eigenen Höhle die Kaffeemaschine aufs Gas setzen, duschen, Zähne putzen, Geschirr auf den Tisch stellen, runder Tisch mit Blümchendecke, hat nur eine Mark gekostet im Altwarenhandel, und keine Musik, Musik wolln wir nicht, nur frische Brötchen, die vorher im Froster lagen, die Mutter hat die gebacken, die gestern wieder abgefahren ist, mittags, weil abends die Züge zu voll sind, seit Oktober wird wieder geheizt, alles ist angewärmt in der Wohnung, man könnte auch nackt frühstücken, und draußen ist es immer noch nicht hell.

Die Liebmann sucht was zum Anziehen, wundert sich über ihr eigenes Zimmer, so ein riesiger Raum voll stiller Luft und paar braunen Möbeln, zwei Asternsträuße, einer gelb, einer rot, dunkelblau der Himmel vor den Fenstern. Hat also Blumen gekauft, das Kind. Sitzt zwei Straßen weiter in der Schule im Neonlicht, nur seine Katze hebt hier den Kopf, schlägt den Schwanz um das Hinterteil, wartet. Die Liebmann hat wieder was mit zwei Taschen angezogen, Hände reingesteckt, so guckt sie sich ihre Wohnung an. Süden ist da, wo die Straßenbahn quietscht, markiert durch den Kirchturm, die Richtung Wien, Marienbad. Das Streckennetz der Reichsbahn im Kursbuch hat sie schon nachgeschlagen und dann im Nachthemd am Fenster gestanden und zum Kirchturm geguckt.

Wunderbar langsam wird es heller, größer das Zimmer, die Wände weißer, jemand spielt Klavier.

Die Liebmann sucht in den Taschen ihres Kindes nach Zigaretten, findet welche, nimmt sich eine, setzt sich an den Tisch, raucht und sieht zu, wie die letzte Dunkelheit vergeht. Den hatte sie auch vergessen, den Tisch. Sind ein paar Katzenhaare drauf und von den Sträußen der gelbe, in einem Glas, in dem die Stengel den Boden nicht ganz erreichen. Luftblasen dran, kleines Aquarium, wakkelt, wenn die nächste über Pankow fliegt. Je blasser das Blau vor den Fenstern wird, um so deutlicher kann man Windstöße erkennen, es regnet.

An diesem Tag bleibt die Liebmann zu Hause. Sie hantiert mit Lappen und Geräten in der Wohnung herum und denkt sich bei allen Gegenständen, die sie berührt, daß sie sie hierlassen wird, liegen lassen, dem Schicksal überlassen, das Gegenstände eben haben. Zehn Jahre ist sie Stammgast im Altwarenhandel, wie es den Sachen ergeht, das weiß sie, und dem Papier noch viel schlimmer, noch liegts im Regal, unterm Tisch auch ein Haufen, es sind ganze Häuser im Grunde, auf Papier übertragen, die Einwohner von hundert Jahren, aus alten Adreßbüchern rausgesucht, die Namen, Berufe, die Jahreszahlen, Haus für Haus einer Straße – Karteikarten, Aktenauszüge, Papier, Krakel drauf, aus denen man auch noch entziffern könnte, was Leute der Liebmann erzählt haben, sind gestorben, inzwischen, die Leute, haben sich aus dem Staub gemacht, und jetzt will die Liebmann das auch, sich davonmachen, das ist ihr zu schwer, weiterschleppen, das Ganze, vielleicht geht es der Seele im Körper auch so, wenn der zusammenkracht. Bloß weg hier, denkt so eine Seele, raus hier, denkt die Liebmann und steht schließlich in der allerschönsten Ordnung in ihrer Wohnung herum, setzt sich ein bißchen an den Küchentisch, Sonne scheint in den Schrank mit dem Porzellan. Hat sie sich schon mal in einer Wohnung so wohl gefühlt wie in dieser hier, nein, hat sie nicht, nur hier ist es schön, hier will sie bleiben, also doch sterben, wenn sterben nicht das von vorhin ist, daß die Seele den Körper verläßt, irgendwie bin ich durcheinander, denkt die Liebmann, ich koch’ mir noch einen Kaffee, und dann geh ich raus an die Luft.

Schminkt sich also, klemmt sich Ohrringe an mit geschliffenen Glassteinen und setzt die Füße aufs Pflaster, einen vor den anderen, ist alles ruhig draußen, alles wie immer, weitergehn, wohin eigentlich, einen Freund besuchen wir nach vier Wochen, einen, der immer alleine ist bei seiner Arbeit, im Keller, in Mitte, Berlin, einen Freund.

Alle Bleche und Scheiben der Straßenbahn scheppern am Ohr, wenn sie so Platz nimmt, am Fenster lehnt. Kann sein, daß das schön ist, gefällt, dieser Krach in der dröhnenden Karre, draußen Schleiflinien überall, Staub, Lastwagen ohne Farben, Reklamen, die uns begleiten, auch mal niedrige Autos dazwischen, Frauen am Steuer, langer Halt an der Wand Bahnhof Dimitroffstraße, Sandsteinquader verdunkeln die Straßenbahnfenster links, rechts die Kreuzung, Menschen gehn rüber, Kuttengrün, Lodengrün, Polizeigrün, Polizeiblau, Anorakblau, Wattejackenblau, Jeansblau bis Grau bis Schmutzfarbe Blau, wenn sie Fahrt kriegt, die Bahn, in der schleifenden Kurve, erhöht sich das Klappern zum Heulen manchmal, quietscht rechts rum, rein die Kastanienallee, wo es enger wird, dunkler, Putz platzt wie Rinde an den Fassaden, blüht, und an diesen Borken ebenso wie an den Einschußlöchern halten sich Dreckbatzen von vierzig Jahren,...


Liebmann, Irina
Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau als Tochter des deutschen Journalisten Rudolf Herrnstadt und der russischen Germanistin Valentina Herrnstadt, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Fu¨r ihre Bu¨cher wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Berliner Literaturpreis (1998), dem Preis Von Autoren fu¨r Autoren des Lu¨becker Literaturtreffens (2015) und mit dem Uwe-Johnson-Preis (2020). Fu¨r Wäre es schön? Es wäre schön! erhielt sie 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse. Ihr Werk erscheint in Neuausgaben bei Schöffling & Co. www.irina-liebmann.de

Irina Liebmann, geboren 1943 in Moskau als Tochter des deutschen Journalisten Rudolf Herrnstadt und der russischen Germanistin Valentina Herrnstadt, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Fu¨r ihre Bu¨cher wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Berliner Literaturpreis (1998), dem Preis Von Autoren fu¨r Autoren des Lu¨becker Literaturtreffens (2015) und mit dem Uwe-Johnson-Preis (2020). Fu¨r Wäre es schön? Es wäre schön! erhielt sie 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse. Ihr Werk erscheint in Neuausgaben bei Schöffling & Co. www.irina-liebmann.de



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