E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Lewycka Das Leben kleben
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-423-41041-0
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-423-41041-0
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)
Marina Lewycka wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind ukrainischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und wuchs in England auf. Sie lebt in Sheffield und unterrichtet an der Sheffield Hallam University. Ihr erster Roman >Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch< wurde zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, eroberte die internationalen Bestsellerlisten, wurde in 33 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Marina Lewycka gilt als eine der wichtigsten und populärsten englischen Autorinnen der Gegenwart.
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1.
Klebrige Gerüche
Als ich Wonder Boy zum ersten Mal sah, pinkelte er mir ans Bein. Vermutlich sollte es eine Warnung sein, was ziemlich vorausschauend von ihm war, wenn man bedenkt, wie die Geschichte ausging.
Eines Nachmittags Ende Oktober hatte ich mich irgendwo zwischen Stoke Newington und Highbury im Norden von London in eine unbekannte Straße gewagt und zwischen zwei hohen Gartenmauern einen kopfsteingepflasterten Weg entdeckt. Nach fünfzig Metern öffnete sich der Weg auf einen runden grasbewachsenen Platz, und vor mir erhob sich eine große Villa mit zwei Giebeln, die halb verfallen, mit Efeu überwachsen und so versteckt hinter den Gärten der Nachbarhäuser war, dass man von draußen nie erraten hätte, was sich hier verbarg, hinter der wuchernden Ligusterhecke und einem Dickicht wilder junger Eschen und Ahornbäume. Ich ging davon aus, dass das Haus leer stand – wer konnte an einem solchen Ort wohnen? Am Torpfosten war eine Inschrift. Ich zerrte den Efeu zur Seite: Canaan House. Kanaan – der Name verströmte einen modrigen Hauch von Frömmigkeit.
Eine Wolke verschob sich, und ein niedriger Sonnenstrahl ließ wie durch einen Zaubertrick die Fenster aufleuchten. Dann verschwand die Sonne wieder, und im stumpfen Dämmerlicht sah ich bröckelnden Stuck, rohes Holz, wo die Farbe abblätterte, geflickte Fenster, kaputte Regenrinnen und eine stachlige Araukarie, die viel zu dicht am Haus gepflanzt war. Hinter mir fiel das Gartentor ins Schloss.
Plötzlich zerriss ein lautes Heulen die Stille, als weinte ein Kind. Es schien aus dem Dickicht zu kommen. Schaudernd zuckte ich zurück und rechnete halb damit, dass Christopher Lee mit blutigen Fangzähnen aus dem Gebüsch schnellen würde. Doch es war nur eine Katze, besser gesagt, ein großer weißer, brutal aussehender Kater mit drei schwarzen Pfoten und einem hässlichen Gesicht, der mit hoch erhobenem Schwanz aus den Büschen hervorstolzierte und mich mit seinem Blick aus funkelnden Augen durchbohrte.
»Hallo, Kater. Wohnst du hier?«
Er schlenderte heran, als wollte er sich an meinem Bein reiben, doch als ich mich bückte, um ihn zu streicheln, hob er den Schwanz, ein Zittern lief durch seinen Körper und ein starker Strahl Eau de Kater schwängerte die Luft. Bevor ich ihm einen Tritt verpassen konnte, war er schon wieder im Schatten verschwunden. Auf dem Rückweg durchs Gestrüpp roch ich seine Marke an meiner Jeans – ein stechender, klebstoffartiger Geruch.
Unsere zweite Begegnung fand etwa eine Woche später statt, und diesmal lernte ich auch seine Besitzerin kennen. Eines Abends gegen elf hörte ich Geräusche auf der Straße, ein Scharren und Poltern, dann das Klirren von Glas. Ich sah aus dem Fenster. Jemand holte Sachen aus dem Müllcontainer vor unserem Haus.
Erst dachte ich, es sei ein Junge, eine dünne, spatzenhafte Gestalt mit einer Schiebermütze tief im Gesicht; doch dann bewegte er sich ins Licht, und ich sah, dass es eine alte Frau war, dürr wie eine Straßenkatze, die an den dunkelroten Veloursvorhängen im Container zerrte, um eine Kiste mit den alten Schallplatten meines Mannes unter dem Gerümpel freizulegen. Ich winkte ihr durchs Fenster zu. Fröhlich winkte sie zurück, dann zerrte sie weiter. Plötzlich löste sich die Kiste, und die Frau fiel rückwärts auf den Boden, während die Schallplatten auf der Straße landeten und einige davon zu Bruch gingen. Ich öffnete die Tür und lief hinaus, um ihr zu helfen.
»Haben Sie sich verletzt?«
Sie rappelte sich hoch und schüttelte sich wie eine Katze. Ihr Gesicht war halb unter dem Mützenschirm verborgen – sie trug eine dieser großen, frechen Ballonmützen wie Twiggy früher, mit einer Strassbrosche an der Seite.
»Ich weiß ja nicht, was für Menschen solche Musik wegwerfen. Die großen russischen Komponisten.« Eine klangvolle Stimme, braun und körnig wie Früchtebrot. Ich konnte ihren Akzent nicht einordnen. »Müssen Barbaren sein, die hier wohnen, nich wahr?«
Sie stand breitbeinig da, mit erhobenem Kinn, als wollte sie mich zum Faustkampf herausfordern.
»Schauen Sie sich das an! Tschaikowsky. Schostakowitsch. Prokofjew. Und alle in der Mülltonne!«
»Bitte, nehmen Sie die Schallplatten mit«, sagte ich entschuldigend. »Ich habe keinen Plattenspieler.«
Ich wollte nicht, dass sie mich für eine Barbarin hielt.
»Danke. Ich liebe vor allem Prokofjews Klaviersonaten.«
Jetzt sah ich, dass hinter dem Container ein altmodischer Kinderwagen mit großen spiraligen Sprungfedern stand, in den sie bereits einige der Bücher meines Mannes gepackt hatte.
»Die Bücher können Sie auch mitnehmen.«
»Haben Sie sie alle gelesen?«, fragte sie, als wollte sie mich über meine barbarischen Tendenzen verhören.
»Alle.«
»Dann ist ja gut. Danke.«
»Ich bin Georgie. Georgie Sinclair.«
Sie nickte steif, ohne etwas zu sagen.
»Ich wohne noch nicht lange hier. Wir sind erst vor einem Jahr aus Leeds hierhergezogen.«
Da hob sie eine behandschuhte Hand – zwischen den Fingern waren Löcher – wie eine verschrobene Monarchin, die eine Untertanin grüßte.
»Mrs.Naomi Shapiro.«
Ich half ihr, die Platten von der Straße einzusammeln und sie auf die Bücher zu laden. Armes altes Ding, dachte ich, hat Pech gehabt im Leben und karrt ihren weltlichen Besitz in einem alten Kinderwagen durch die Gegend. Sie schob ihren Wagen die Straße hinunter und wackelte auf hohen Absätzen davon. Selbst in der kalten Luft konnte ich sie riechen, stechend und streng wie reifer Käse. Als sie ein paar Meter gegangen war, entdeckte ich den weißen Kater wieder, denselben räudigen Rowdy mit den drei schwarzen Socken wie neulich. Jetzt kam er aus dem Dickicht im Nachbargarten und folgte ihr die Straße hinunter, indem er sich von Deckung zu Deckung stahl. Dann sah ich, dass da eine ganze Kohorte schattenhafter Katzen war, die an Mauern und unter Büschen entlangglitt und der alten Frau folgte. Ich stand da und sah ihr nach, bis sie um eine Ecke bog und verschwand, die Königin der Katzen. Im nächsten Moment hatte ich sie vergessen. Ich hatte andere Probleme.
Von der Straße aus konnte ich sehen, dass in Bens Zimmer noch Licht brannte und sein Computer flimmerte, während er durchs Web surfte. Ben, mein kleiner Junge, der inzwischen sechzehn war, ein vollwertiger Bürger der web-weiten Welt. »Ich bin ein Cyber-Kid, Mama. Ich bin mit Hypertext aufgewachsen«, hatte er einmal zu mir gesagt, als ich mich beschwerte, dass er zu viel Zeit online verbrachte. Das Lichtfenster blinkte blau, dann rot, dann grün. In welchen Gewässern war er heute unterwegs? Was bekam er zu sehen? So spät. Allein. Ich spürte einen Stich im Herzen – mein sanfter, etwas zu ernster Ben. Wie konnten zwei Kinder derselben Eltern so unterschiedlich werden? Seine Schwester Stella, die zwanzig war, hatte das Leben an den Hörnern gepackt, zu Boden gerungen und brachte ihm bei, ihr aus der Hand zu fressen (zusammen mit einer wechselnden Ménage hoffnungsvoller junger Männer), in einer Wohngemeinschaft in einem Häuschen in der Nähe der Durham University, wo, immer wenn ich anrief, eine Party im Gange zu sein schien oder im Hintergrund eine Rockband probte.
Im oberen Fenster blinkte das bunte Rechteck noch einmal auf, dann erlosch es. Schlafenszeit. Ich ging ins Haus und schrieb meinem Mann einen kurzen Zettel mit der Bitte, seinen Müll abzuholen, schob ihn in einen Umschlag und klebte eine Briefmarke auf. Gleich am nächsten Morgen würde ich die Entsorgungsfirma anrufen, damit sie den Container abholte.
Lassen Sie mich erklären, warum ich die Sachen meines Mannes in einen Container geworfen hatte – dann können Sie selbst urteilen, wessen Schuld es war. Eines Morgens in der Küche. Es herrscht die übliche Eile, Rip muss ins Büro, Ben in die Schule. Rip drückt auf seinem BlackBerry herum. Ich mache Kaffee, schäume Milch auf und lasse den Toast anbrennen. Rauch und Dampf und frühmorgendliche Hektik schwängern die Luft. Im Radio laufen die Nachrichten. Ben poltert oben in seinem Zimmer herum.
Ich: Ich habe einen neuen Zahnbürstenhalter fürs Bad gekauft. Meinst du, du könntest ihn irgendwann an der Wand festmachen?
Er: (Schweigen.)
Ich: Er ist sehr schön. Weißes Porzellan. So eine Art dänisches Design.
Er: Was?
Ich: Der Zahnbürstenhalter.
Er: Wovon zum Henker redest du, Georgie?
Ich: Von dem Zahnbürstenhalter. Er muss an der Wand angebracht werden. Im Bad. (Ein Hauch von hilfloser Einfalt in meiner Stimme.) Ich glaube, es ist ein Fall für Akutbohrer und Dübel.
Er: (Ein tiefer männlicher Seufzer.) Manche von uns versuchen auf der Welt etwas zu bewirken, wichtige Dinge, Georgie. Dinge, die die Entwicklung der Menschheit vorantreiben und dazu beitragen, die Zukunft kommender Generationen zu gestalten, verstehst du? Und du quatschst hier von Zahnbürsten.
Ich kann nicht erklären, was in diesem Moment über mich kam. Mein Arm zuckte, und plötzlich war alles voller Milchschaumflocken – die Wände, er, sein BlackBerry. Eine Schaumflocke klebte in den blonden Haaren seiner linken Braue und zitterte mit seinem Zorn.
Er: (Wütend.) Was ist denn in dich gefahren, Georgie?
Ich: (Kreischend.) Dir ist alles scheißegal, oder? Das Einzige, was dir wichtig ist, ist deine verdammte weltverändernde zukunftsgestaltende Scheiß-Arbeit!
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