E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Lewis Schlafe still
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-19450-5
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-641-19450-5
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Luana Lewis ist klinische Psychologin und Autorin zweier Sachbücher. Sie verfasst regelmäßig Artikel für Zeitungen, Magazine und Zeitschriften und hat einen Abschluss in Kreativem Schreiben. Mit ihrem ersten Spannungsroman, »Lügenmädchen«, hatte sie auf Anhieb großen Erfolg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Zwei Wochen später
Das Merkwürdige an den Fragen von DS Cole ist, dass ich die meisten von ihnen bereits beantwortet habe. Allerdings nicht hier; nicht auf einer Polizeiwache, in einem beengten und fensterlosen Verhörraum mit verkratzten Wänden.
Ich hebe die Hand, um mir die rechte Schläfe zu reiben.
»Alles in Ordnung, Rose?«
»Nur wieder Kopfschmerzen«, sage ich.
DS Cole nickt, als würde sie verstehen, als würde sie an meinem Schmerz Anteil nehmen. »Möchten Sie ein Glas Wasser?«
»Nein danke.« Ich stemme die Hände gegen den alten Holztisch zwischen uns und schlage die Beine eng übereinander. Die Spannung hilft mir, mich zu konzentrieren. »Bitte machen Sie weiter. Ich falle Ihnen schon nicht in Ohnmacht, versprochen.«
Außerdem ist es merkwürdig, wie sich das Blatt gewendet hat. Ich bin normalerweise diejenige, die auf der anderen Seite des Tisches sitzt. Diejenige, die verzweifelten Eltern schlechte Nachrichten überbringt – die schlimmsten aller nur möglichen Nachrichten. Aber jetzt sitze ich hier, und meine Seite dieses Gesprächs ist ein dunkler Ort, von dem es kein Entrinnen gibt.
DS Cole spricht langsam und deutlich. »Bitte erzählen Sie mir von jedem Kontakt, den Sie in den Tagen vor Viviens Tod mit ihr hatten.«
Sie wartet geduldig, bis ich anfange.
»Zum letzten Mal gesehen habe ich sie am Sonntag«, sage ich. »An diesem Wochenende feierte meine Enkelin ihren achten Geburtstag, und Vivien hatte ein paar Gäste eingeladen, vier, fünf Schulfreundinnen von Lexi und deren Eltern. Eine junge Frau hat den Kindern die Gesichter bemalt, mit Schmetterlingen und Tigern und so, und im Garten stand eine Hüpfburg. Ich war ungefähr anderthalb Stunden bei ihnen.«
DS Cole ist jung, Ende zwanzig in etwa. Jünger als meine Tochter, als sie starb. Wenn ich sie so ansehe, erinnert sie mich manchmal an die Vexierbilder, die man uns in der Schule gezeigt hat. Sie verändern sich ständig, je nachdem, wie man sie betrachtet. Sie ist eine attraktive junge Frau mit großen, tiefliegenden Augen und einem wasserstoffblonden Pony, der ihr bis zu den Brauen reicht; aber als ich noch einmal hinschaue, wirkt sie mit ihren hinten und seitlich kurzrasierten Haaren und dem kräftigen, kantigen Unterkiefer beinahe jungenhaft. Auch ihre Figur lässt sich schwer bestimmen. In ihrer maßgeschneiderten Bluse wirkt sie schlank und flachbrüstig, ihre trapezförmigen Schultern verengen sich zu schmalen Hüften.
»Wenn Sie an diesen Tag zurückdenken«, fährt sie fort, »ist Ihnen da etwas Ungewöhnliches aufgefallen, etwas, das darauf hätte hindeuten können, dass Vivien unglücklich oder beunruhigt war?«
»An eine Sache erinnere ich mich«, sage ich. »Vivien hat gefragt, ob sie mich oben unter vier Augen sprechen könne. Sie hat mir erzählt, sie sei nicht zufrieden mit dem Rat ihrer Kinderwunschspezialistin und wolle eine zweite Meinung einholen. Sie wollte wissen, ob ich ihr jemanden empfehlen könne.«
»Und was haben Sie gesagt?«
»Dass ich mich erkundigen würde. Ich arbeite auf der Neugeborenenstation mit mehreren Fachärzten zusammen. Aber ich habe ihr auch gesagt, dass ich von einem Wechsel nicht viel halte. Meiner Meinung nach leistet die Frau, die sie konsultiert hat – Mrs Murad –, hervorragende Arbeit.«
»Hat Vivien gesagt, warum sie mit dem Rat, den sie bekommen hatte, unzufrieden war?«
»Wir haben nur kurz gesprochen, und sie ging nicht ins Detail. Danach hatte sie zu tun, war abgelenkt, lief herum und kümmerte sich um die Kinder, den Kuchen, die Unterhalter. Ich habe mich mehr auf meine Enkelin konzentriert.«
DS Cole nickt. Offenbar genügt ihr das.
»Wie würden Sie Viviens Stimmung an diesem Tag beschreiben?«, fragt sie.
»Im Rückblick stellt die Tatsache, dass sie das Problem mit Mrs Murad erwähnt hat, vielleicht einen Hinweis dar, aber mir ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Sie und Ben versuchen seit Jahren, ein zweites Kind zu bekommen, und sie war bei unserem Gespräch nicht besonders aufgeregt. Zumindest habe ich es nicht bemerkt. Andererseits war es auch die Geburtstagsfeier ihrer Tochter, und sie hatte Gäste. Es war ihr wichtig, den äußeren Schein zu wahren.«
DS Cole hat ein Klemmbrett vor sich. Sie hebt es hoch, betrachtet ihre Notizen, formuliert ihre nächste Frage.
»Und da haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?«, fragt sie.
»Ja.«
Ich halte ganz still. Meine Beine sind überkreuzt, die Hände liegen übereinander im Schoß.
»Während der Woche hatten Sie keinen Kontakt? Nach der Geburtstagsfeier?«
»Nein.«
»War das ungewöhnlich?«
»Nein.«
DS Cole stellt wirklich immer wieder dieselben Fragen. Es ist verstörend, dass sie sich benimmt, als hätten wir dieses Gespräch noch nie geführt. Sie legt das Klemmbrett hin und schiebt ihren Stuhl nach hinten, weiter vom Tisch weg. Als sie die Beine übereinanderschlägt, fallen mir ihre Schuhe auf: spitze braune Budapester.
»Vielleicht könnten wir uns auf den Freitag konzentrieren.« Sie hält inne, beobachtet meine Reaktion. »Ich kann Ihnen wirklich keinen Schluck Wasser anbieten?«
Ich habe zwar einen trockenen Mund, aber ich will das lieber schnell hinter mich bringen. »Nein danke«, sage ich. »Bitte fahren Sie fort.«
»Ich würde gerne noch einmal mit Ihnen durchgehen, was wir wissen. Vielleicht fällt Ihnen noch etwas Zusätzliches ein, oder Sie haben etwas anders in Erinnerung.«
»Gut.« Meine Gesichtsmuskeln verhärten sich, und das Sprechen strengt mich sehr an.
»Wir wissen, dass Vivien an diesem Freitagmorgen ihre Tochter zu Fuß in die Schule gebracht hat«, sagt sie. »Und nachdem sie Alexandra am Schultor verabschiedet hatte, ging Vivien laufen. Sie lief ihre übliche Runde durch den Regent’s Park. Die Kellnerin im Café erinnert sich daran, sie bedient zu haben. Sie sagt, Vivien war fast jeden Vormittag da, und sie sei aufgefallen, weil sie ungewöhnlich attraktiv und in guter Form war. Aber es war sehr neblig, und die Sicht war nicht gut, deshalb haben wir keine Aussagen von Zeugen, die Ihre Tochter auf dem Rückweg vom Park zum Haus in der Blackthorn Road gesehen haben. Wir gehen davon aus, dass sie wie sonst auch direkt nach Hause gegangen ist.«
Ich schaue hinunter auf meine Hände, die in meinem Schoß liegen, mit ihren kurzen Nägeln und der rauen Haut. Das jahrelange gründliche Händewaschen hat seinen Tribut gefordert. Vivien hatte immer ganz weiche Hände, ihre Haut war wie Seide, und die Nägel hatte sie in einem kühnen Rot oder einem eleganten Beige lackiert.
»Vivien hat an diesem Vormittag keinen Kontakt zu Ihnen aufgenommen?«, fragt DS Cole.
»Nein. Aber ich bekam einen Anruf von Mrs Murads Sekretärin, weil Vivien nicht zu ihrem Termin erschienen war.«
»Wissen Sie, warum die Praxis bei Ihnen angerufen hat und nicht bei ihrem Mann?«
»Ich ging davon aus, dass sie es bei Ben versucht hatten und ihn nicht erreichen konnten. Außerdem kennen Mrs Murad und ich uns gut, wir arbeiten im selben Krankenhaus. Ich manage die Neugeborenenstation, und wir haben immer wieder Babys, die durch eine künstliche Befruchtung gezeugt wurden.«
DS Cole beugt sich vor, wischt sich den Pony aus den Augen und stützt die Ellbogen auf die Knie. »Was haben Sie gemacht, als Sie den Anruf wegen des verpassten Termins bekommen haben?«
»Ich habe Mrs Murads Sekretärin gesagt, dass ich nicht weiß, wo Vivien ist. Danach habe ich selbst versucht, sie auf dem Handy anzurufen, aber es schaltete sofort auf die Mailbox um.«
»Kam das schon einmal vor, dass Vivien nicht zu einem Termin erschien?«
»Das weiß ich nicht, aber ich würde meinen, das passte nicht zu ihr. Vivien war ein extrem organisierter Mensch, sie wollte immer gern alles weit im Voraus planen. Andererseits hatten wir nicht viele Verabredungen und haben uns nicht so oft gesehen, deshalb kann ich das gar nicht sicher sagen.«
DS Cole blickt von ihrem Klemmbrett auf. Ich frage mich, ob sie sich ein Urteil über mich bildet. Ich frage mich, ob sie ihrer eigenen Mutter nahesteht oder ob ihr bewusst ist, wie schwierig es manchmal sein kann.
»Haben Sie daran gedacht, sich mit Ben in Verbindung zu setzen, als Sie den Anruf wegen Viviens Ausbleiben bekommen hatten?«
»Nein. Auf den Gedanken bin ich gar nicht gekommen. Ben hat immer sehr viel zu tun und ist häufig geschäftlich unterwegs. Ich ging davon aus, dass Mrs Murads Praxis es schon bei ihm versucht und kein Glück gehabt hatte. Ich hatte keinen Grund anzunehmen …«
Es hat keinen Sinn, meinen Satz zu beenden.
»Hatten Sie überlegt, bei Vivien vorbeizuschauen, um nach dem Rechten zu sehen?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, das wäre keine gute Idee gewesen. Vivien mochte im Allgemeinen keine spontanen Besuche, am allerwenigsten von mir. Sie hasste Überraschungen. Ich dachte mir, es sei ihr etwas Wichtiges dazwischengekommen und sie würde danach einen neuen Termin vereinbaren.«
Meine rechte Hand kriecht über meine linke. Am liebsten würde ich mir die Nägel fest in die Haut bohren, um mich von den Schmerzen im Kopf abzulenken, aber DS Cole beobachtet mich, deshalb lasse ich es bleiben.
»Trotzdem, ich frage mich, ob sie noch am Leben sein könnte, wenn ich gleich zu ihr gegangen wäre.«
»Es tut mir leid«, sagt DS Cole.
Seit meine Tochter tot ist, entschuldigen...




