Levison | Gedankenjäger | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Levison Gedankenjäger

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-552-06332-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-552-06332-7
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Polizist Jared Snowe bemerkt bei einem Einsatz plötzlich, dass er Gedanken lesen kann. Während ihn das bei interessanten Frauen oft eher deprimiert - er weiß nun leider sofort, wenn er keine Chance hat -, profitiert er beruflich von seiner Fähigkeit und löst deutlich mehr Fälle als seine Kollegen. Nun soll er den geflohenen Mörder Brooks Denny aufspüren und zurück in die Todeszelle bringen. Snowe findet Denny mühelos, doch als sich die beiden treffen, machen sie eine überraschende Entdeckung: Sie haben beide das gleiche Schlangen-Tattoo auf der linken Schulter. Ein packender Thriller aus den USA, in dem sich die Grenzen zwischen Gut und Böse beständig verschieben.

Iain Levison, geboren 1963 in Aberdeen/Schottland, lebt seit 1974 in Amerika, wo er u.a. als Lastwagenfahrer, Maler und Krabbenfischer gearbeitet und an der Universität von Villanova Anglistik studiert hat. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Französisch, Italienisch, Deutsch und Niederländisch. Bei Deuticke erschienen der Roman Hoffnung ist Gift (2012) und der Thriller Gedankenjäger (2016).
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Kapitel zwei


Snowe war zurück in seinem Apartment und zappte sich durch die Kanäle, erleichtert, dass er die Gedanken der Protagonisten in den TV-Sendungen nicht lesen konnte. Nie war er glücklicher darüber gewesen, dass er allein wohnte. Als der Pizzalieferant an der Tür gestanden hatte, hatte er dreißig Sekunden dessen Gedankenstrom mitgehört, während er nach einem Zwanziger suchte … wird der Mann mir ein Trinkgeld geben. Shit, ich hoffe, der lässt sich nicht bis auf den letzten Cent rausgeben, hat ein nettes Apartment, so eins hätte ich auch gern, keine Mitbewohner, Mann, ich muss wirklich ausziehen und mir meine eigene Wohnung suchen, auch ’n tolles TV-Gerät, was ist das für einer, ein 36-Zoll-Flatscreen … Da ist sein Wechselgeld, da fällt kein Trinkgeld ab für mich …

»Behalten Sie den Rest«, sagte Snowe und verzichtete lieber auf volle sieben Dollar Wechselgeld, als sich den Nonsens noch länger anhören zu müssen.

»Wow, im Ernst? Thanks, Man«, geile Sache … was für ein cooler Typ. Könnte der bitte jeden Abend was bestellen?!

Snowe hatte versucht, ihm nicht die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Er ging ein paar Minuten in seiner Wohnung umher, die Pizzaschachtel lag mit geöffnetem Deckel auf dem Esszimmertisch, und er bemühte sich, nicht durchzudrehen. Hatte der Fahrer wirklich diese Gedanken gehabt, oder hatte er sich das nur vorgestellt? Und der Junkie letzte Nacht? Und Kleider, der Pillendieb? Nachdem er mit seinem Papierkram fertig war und Jenny, der Nachtdienst-Kollegin, eine gute Nacht gewünscht hatte, hatte die dann wirklich gedacht, Snowe habe einen kessen Hintern und dass sie ihn gern nackt sehen würde? Sie war sechzig Jahre alt, verheiratet mit vier erwachsenen Kindern, und sie backte Kekse r die Beamten, die sonntagmorgens Dienst hatten. Und war Sergeant Townes, der Schichtdienst machte, tatsächlich schwul? Snowe hatte ihn denken gehört, wie sehr er sich wünschte, Officer Aguilar, den erst kürzlich eingestellten Latino-Neuling, flachzulegen. Vielleicht treib ich mich einfach in der Umkleide bei den Spinden rum, wenn Aguilar in die Dusche geht. Sergeant Townes war Mitte fünfzig und sehr auf die Einhaltung der Vorschriften erpicht. Unter seinem Kommando mussten die Officer stets geschniegelt und frisch rasiert auf Streife gehen, darauf legte er großen Wert.

Kurz nachdem er sich das Frühstück zubereitet hatte, erhielt er einen Anruf von einem Telefonverkäufer, der ihm eine Aktualisierung seines Telefonvertrags anbot, und er dehnte das Gespräch einige Minuten länger als nötig aus, froh darüber, dass er nichts weiter als die Stimme des Mannes hörte. Letztlich hatte er dem neuen Vertrag nur aus Erleichterung darüber zugestimmt, dass er die inneren Stimmen übers Telefon nicht hören konnte. Der Verkäufer schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, zumal er das Gespräch mit Snowe alle paar Minuten unterbrach, um nachzufragen, »Mr. Snowe, sind Sie noch da?« Snowe hatte keine Ahnung, was er da jetzt vereinbart hatte. Er wusste nur, dass seine Mobiltelefonrechnung jetzt höher sein würde – und dass er die Gedanken einer anderen Person nur dann hören beziehungsweise lesen konnte, wenn er mit dieser in einem Raum war.

Vielleicht sollte er mit jemandem darüber sprechen. Aber mit wem? Wer würde ihm glauben? Und würden die Menschen sich nicht unwohl in seiner Gegenwart hlen und ihn womöglich meiden? Er wusste bereits, dass einer seiner Kollegen ein Dieb war, ein anderer schwul, ein weiterer geil – und all das nach wenigen Minuten. Was würde dann nach einer Stunde ans Tageslicht kommen? Wie konnte er eine ganze Schicht mit einem Partner absolvieren, acht Stunden in einem Auto mit einem anderen Streifenpolizisten, von dem er jedes noch so triviale Detail, das ihm durch den Kopf ging, ungefiltert mitbekommen würde? Es ging ja nicht nur um die Geheimnisse, es ging auch um die Banalitäten.

Jemanden ins Vertrauen zu ziehen war also keine Option. Aber was dann? Er ging ins Internet und suchte nach »Gedankenlesen«. Ein Wust technischer Artikel über neue medizinische Geräte r Gelähmte. Technischer Jargon. Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer, LOHA-Navigatoren, Software, die die eigenen Gedanken in Computeraktionen umzusetzen verstand. Und r die Fans von Stanniolhüten jede Menge Kopfgeschirr aus Metall, das andere Menschen davon abhalten sollte, ihre Gedanken zu lesen. Aber keine Informationen darüber, was du tun sollst, wenn du plötzlich diese Fähigkeit an dir feststellst.

Er klickte sich von einer Site zur nächsten, um irgendetwas zu finden, was zu seiner Situation passte. Auf der achten Ergebnisseite, nach einem Artikel, den ein Mann verfasst hatte, der »intuitiv wusste«, dass die US-Regierung r Nine Eleven verantwortlich war und obendrein unser Trinkwasser vergiftete, entdeckte er einen Eintrag auf einer Website über mentale Gesundheit mit dem Titel »Hilfe, ich kann die Gedanken anderer Menschen hören«.

Snowe klickte den Thread an und war sogleich enttäuscht, dass das Posting so kurz war. Es stammte von einem User, der sich als mindreader1234 bezeichnete. Der einfallslose Benutzername ließ darauf schließen, dass der Account hastig eingerichtet wurde, nur um das Posting abzusetzen.

Helft mir!, schrieb mindreader1234. Letzte Woche in der Arbeit fing ich an zu glauben, dass ich die Gedanken anderer Menschen lesen kann. Es ist aus dem Nichts gekommen. In meiner Familie hat’s nie so was wie Geisteskrankheiten gegeben. Keine Ahnung, was das soll.

Das war alles, mehr stand nicht in dem Posting. Die Antworten kamen sämtlich von gutmeinenden und hilfsbereiten Postern, die ihm vorschlugen, sich unverzüglich an einen Psychiater zu wenden. Der Ausdruck »Schizophrenie« kam häufig vor, dazu Anekdoten über Bekannte, die ähnliche Symptome gezeigt hatten, ehe sie diagnostiziert wurden. Ein Poster fragte, ob er in letzter Zeit einen Psycho- oder Persönlichkeitstest gemacht habe, und mindreader1234 antwortete: Nicht seit der Militärzeit. Es folgten keine weiteren Postings oder Antworten.

Der Eintrag war mit August 2008 datiert und schien zur Website eines psychiatrischen Krankenhauses in Pennsylvania zu gehören. Dieses Krankenhaus war mit einer Kette von Drogen-Reha-Zentren und Websites über Suchtkrankheiten in allen Teilen des Landes verlinkt.

Snowe ging durch den Hausflur und klopfte an die Tür seines Nachbarn. Das war ein tätowierter Musiker mit struppigem Haar, mit dem Snowe in den vergangenen drei Jahren bloß zweimal gesprochen hatte, und zwar jedes Mal nur, um ihn zu bitten, weniger Krach zu machen. Der Typ wusste, dass Snowe Polizist war, weshalb er sich gte, doch Snowe hatte das Gehl, der Nachbar wäre wohl ungemütlich geworden, hätte er sich nicht einem Angehörigen der Exekutive gegenübergesehen. Soviel Snowe von der Exfreundin des Musikers, die er mal in der Waschküche getroffen hatte, gerüchteweise hörte, war der Mann auch als Computer-Hacker aktiv.

Der Typ öffnete die Tür und blickte sich verwirrt um, zumal seine Stereoanlage gar nicht durchs Haus dröhnte. »Hey«, sagte er, um Freundlichkeit bemüht. Du meine Güte, was will dieser Bullenarsch. Bin froh, dass er nicht vor zwanzig Minuten aufgetaucht ist, da hätte er mich ein hübsches Pfeifchen rauchend angetroffen. Ich wünschte, dieser Scheißkerl würde ausziehen. Der macht mich noch ganz paranoid.

Snowe ignorierte die Gedanken, was ihm ohne Mühe gelang, obwohl das Phänomen kaum vierundzwanzig Stunden alt war – du kannst nicht auf die Gedanken der Leute reagieren, sondern bloß darauf, was sie sagen. Aus dem hinteren Zimmer wehte ihn ein leichter Geruch von Haschrauch an; auf der Couch des Musikers da hinten erspähte er eine junge Frau unter einer Decke liegend. »Sie müssen mir einen Gefallen tun«, sagte Snowe. »Ich zahle dar.«

»Worum gehts?«

»Sie kennen sich gut mit Computern aus, oder?«

Der Mann zuckte mit den Achseln. Er war älter, als Snowe ihn in Erinnerung hatte. Wegen seines Lebensstils hatte Snowe ihn auf höchstens Anfang zwanzig geschätzt; jetzt, so bei Tageslicht betrachtet, hätte Snowe ihm gute dreißig gegeben. Seine Haut war zerfurcht und lederartig. Snowe fragte sich, wie viel Geld man heutzutage mit Musik machen konnte. Konnte er sich sein Apartment und die neue Dodge-Ram-Karosse allein von dem leisten, was er als Bass-Spieler samstagnachts im HyperGrill verdiente?

»Ja, einigermaßen«, sagte er. Seine Gedanken waren ein konfuses Herumraten, was dieser Cop von ihm wollte. Außer dass er ein Bulle war, hatte Snowe bisher keinen Eindruck auf ihn gemacht, so viel stand fest.

Snowe nahm ihn rüber in sein Apartment und zeigte ihm das Posting von mindreader1234. »Ich muss wissen, woher das kommt. Gibt es irgendeine Möglichkeit, dass Sie über den Typen was rausfinden?«

Der Nachbar nickte. »Könnte ein paar Minuten dauern. Ich müsste die URL kopieren und auf meinem eigenen Computer damit arbeiten.« Ist der Mann verrückt? Gehört das zu irgendeiner Ermittlungsarbeit? Helf ich da mit, einen Typen einzunähen?

»Ist eine rein persönliche...


Levison, Iain
Iain Levison, geboren 1963 in Aberdeen/Schottland, lebt seit 1974 in Amerika, wo er u.a. als Lastwagenfahrer, Maler und Krabbenfischer gearbeitet und an der Universität von Villanova Anglistik studiert hat. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter Französisch, Italienisch, Deutsch und Niederländisch. Bei Deuticke erschienen der Roman Hoffnung ist Gift (2012) und der Thriller Gedankenjäger (2016).



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