E-Book, Deutsch, 298 Seiten
Levin Refugium
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-6560-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Insel der Verlorenen
E-Book, Deutsch, 298 Seiten
ISBN: 978-3-7504-6560-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Levin wurde 1966 geboren. Sie lebt mit ihrer Familie in Lilienthal. Nach einer Schauspielausbildung in Hamburg arbeitete sie zehn Jahre lang am Theater bevor sie in Hamburg Psychologie studierte. Seit 2010 arbeitet sie als Professorin an der Universität Bremen. Ihr Buch Refugium - Insel der Verlorenen ist das erste Buch einer dreiteiligen Reihe.
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1 Wettlauf mit der Zeit
Es war dunkel. In der Ferne hörte Elaf das Meer, er hörte es kommen und fühlte, dass ihm nur begrenzt Zeit blieb. Er folgte dem Priel zu seiner Linken und hoffte inständig, dass nicht alles wusste, dass sie nicht alles gelesen hatte in der Nacht, als sein Großvater gestorben war. Sein Großvater, wenn er bei ihm wäre, dann würden sie es schaffen. Elaf hatte Angst vor ohne ihn, er hatte Angst, dass er seinen Großvater enttäuschen würde und das Geheimnis verloren wäre.
Der Sand unter seinen Füßen wurde schlickig. Mühsam bahnte er sich seinen Weg. Immer wieder sah er sich um, aber es war nur undurchdringliche Dunkelheit um ihn. Der Wind hatte in der letzten halben Stunde abgenommen, stattdessen hatte sich nun Dunst gebildet, der sich zunehmend zu Nebel verdichtete.
***
In der Nacht, als sein Großvater gestorben war, hatte er lange bei ihm gesessen. Elaf hatte gespürt, dass sein Großvater sterben musste. Aber er hatte noch so viele Fragen an ihn, er war noch nicht bereit für diese Aufgabe.
Sein Großvater hatte ihn in den letzten Monaten immer wieder mitgenommen, er hatte gewusst, dass sein Ende nah war, aber Elaf hatte es nicht glauben wollen. Wie ein junger Hund war er mit seinen zwölf Jahren neben seinem Großvater hergesprungen, mit einer Leichtigkeit, die er sich jetzt sehnsüchtig zurückwünschte, von der er geglaubt hatte, dass er sie nie verlieren würde.
Aber in der Nacht war Trine Deichgraf, plötzlich gekommen, als hätte sie den Geruch des Todes wahrgenommen. Sie hatte instinktiv gewusst, dass er in dieser Stunde schwach sein würde, dass sie leichtes Spiel mit ihm hatte. Sie, die genügend Erfahrung darin hatte, sich das Unglück anderer Menschen zu Nutze zu machen. Elaf hatte sie überrascht, als er aus der Kammer seines Großvaters kam.
Trine Deichgraf stand über den kleinen hölzernen Tisch am Fenster gebeugt. Ihr scharfkantiges Gesicht war vom Licht der Petroleumlampe beleuchtet und ihre Züge wirkten auf ihn noch härter als sonst.
Er konnte das Funkeln in ihren Augen sehen, als sie begierig in dem kleinen, in Leder gebundenen Buch seines Großvaters blätterte. Elaf gefror bei ihrem Anblick das Herz. Er wusste, dass er ihr sofort, bevor es zu spät war, das Buch entreißen musste.
Als sich seine Hand um das Buch schloss, lächelte sie ihn spöttisch an, ihr strähniges dunkles Haar klebte auf ihrer Stirn und an ihren Wangen. Zu seinem Erstaunen ließ sie ihm das Buch und wandte sich zum Gehen.
»Es ist vorbei, Elaf. Dein Großvater hat es nie glauben wollen, dass er mit so einem kleinen Nichtsnutz wie dir verloren ist. Er hätte es ahnen müssen. Aber …«, sie zuckte mit den Schultern, »so ist es mit törichten Menschen. Am Ende verlieren sie alles, weil sie nicht zur rechten Zeit die Gelegenheit wahrnehmen, sich an Stärkere zu wenden.«
Als sie gegangen war, spürte er den Schmerz über den Tod seines Großvaters jäh über sich hereinbrechen. Gelähmt von Trauer und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, saß er viele Stunden an dem kleinen Holztisch und blickte in die dunkle Nacht hinaus.
In den Morgenstunden kam mit der Müdigkeit und Erschöpfung auch die Sorge und beunruhigt fragte er sich immer wieder, was Trine Deichgraf in dem Buch gelesen hatte. Diese Sorge trieb ihn auch in den folgenden Tagen vermehrt um und so hatte er endlich an diesem Abend beschlossen, hinauszugehen und sich der Angst zu stellen.
***
Elaf hatte das Gefühl, als sei er schon Stunden unterwegs. Er hatte Angst, dass er womöglich den falschen Weg eingeschlagen hatte, sich nicht mehr richtig erinnerte. Zweifel stiegen in ihm mit der Erinnerung an ihre Worte empor.
Was, wenn die Deichgraf Recht hatte, wenn er versagte und alles verloren war? Angst legte sich auf seine Seele wie der Nebel, der sich um ihn schloss und ihn scheinbar erdrückte. Elaf wusste, dass es nicht klug war, ein Licht zu entzünden, aber er hatte keine Wahl, wenn er sich des Weges sicher sein wollte.
So suchte er kurz darauf fieberhaft nach den bekannten Zeichen im Licht seiner Petroleumlampe, gleichzeitig auf jeden unbekannten Laut achtend, aber es schien ihm, als ob die Nacht den Atem anhielt, und außer dem fernen Gemurmel der Wellen war es still.
Endlich fand er, wonach er gesucht hatte, erleichtert, dass er weitergekommen war als befürchtet. Jetzt musste er nur noch die Furt überqueren und dann, dann, so hoffte er, würden er und all die anderen sicher sein. In der Ferne konnte er die Erhebung erahnen und wusste, dass er die Insel erreicht hatte. Gerade als er die Furt durchschreiten wollte, hörte er plötzlich ein Zischen hinter sich. Erschrocken drehte er sich um, konnte aber im dichten Nebel kaum etwas erkennen. Ein Anflug von Panik überflutete ihn. Er rannte los, durch die Furt, zum Saum der Insel, als vor ihm die Silhouette einer Frau dunkel und hager sichtbar wurde. Trine Deichgraf stand zwischen ihm und der Pforte, die ihm den Zutritt zur Insel ermöglichte. Er konnte das dunkle Holz des niedrigen Tores sehen, das den Weg, der zwischen den hohen Dünen hinaufführte, verschloss. Er musste an ihr vorbei, aber sie hatte ihn bereits gesehen und auch ihr war bewusst, dass er keine Chance hatte, wenn sie den Weg blockierte.
»Was habe ich gesagt, Elaf. – Du bist ein Versager. Du hättest niemals kommen dürfen. Jetzt hast du sie verraten. Ich wusste, dass du mich zu ihnen führen würdest.«
Sie lachte heiser. Er sah, wie sich ihre Hand in den schwarzen Umhang schob. Als sie die Hand aus dem Umhang nahm, hielt sie etwas darin. Sie streckte den Arm zu ihm aus.
Elaf taumelte, als er das schimmernde Glas in ihrer Hand sah. Instinktiv griff er in seine Tasche. Und bereits während seine Finger die glatte runde Fläche ertasteten, erkannte er, dass sie ihn betrogen hatte. Sie hatte die Glaskugeln in der Nacht vertauscht, als sein Großvater gestorben war. Und er hatte es in seinem Kummer nicht bemerkt.
»Komm nur, Elaf, lass es uns hinter uns bringen.« Und während sie beide Hände schützend über die dunkle Kugel legte, flüsterte sie die Worte, die sie in dem kleinen schwarzen Buch gelesen hatte. Es war, als würden kleine Lichtpunkte emporschweben, gleichzeitig hörte Elaf ein Seufzen in der Luft und fühlte einen leichten Windhauch, der sein Gesicht streifte. Das dunkle, hölzerne Tor schwang wie von selbst auf und gab den Blick auf den Weg frei. Trine Deichgraf schritt zwischen den abgewetzten schwarz schimmernden Pfosten hindurch und betrat so die Insel, um dann den schmalen, steinernen Weg zwischen den hohen, buschartig wachsenden Eiben hinauf zu gehen. Elaf folgte ihr. Seine Gedanken rasten in seinem Kopf, er überlegte fieberhaft, wie er an die gläserne Kugel kommen konnte. Er durfte nicht riskieren, dass sie zersprang, also versuchte er, sich ihr möglichst unauffällig zu nähern. Er sah das Glas jetzt schwach in ihren Händen schimmern. Er musste warten, bis sie das Haus erreichten, das das Herz der Insel bildete und zu dem der Weg sie führte.
Der Pfad war uneben und stieg in Kurven langsam an. Nebel waberte zwischen den hohen Eiben, die den engen Weg säumten und sich an ihn zu drängen schienen. Er fragte sich kurz, ob er die Kinder warnen konnte, aber da es auf der Insel keinen anderen Zufluchtsort als das Haus selbst gab, fürchtete er, dass sich während der Nacht alle dort aufhalten würden.
Schließlich, nachdem sie etwa eine halbe Stunde gelaufen waren, tauchte hinter einer letzten Biegung fast unvermittelt ein rotes Fachwerkhaus auf. Das Dach war reetgedeckt und nur Teile waren im Nebel zu erkennen. Aus den wenigen Fenstern leuchtete schwach gelbliches Licht und Elaf sah, dass die rote hölzerne Eingangstür angelehnt war.
Trine Deichgraf hielt einen Moment inne, als ob sie den Moment des Triumphes einatmen wollte. Elaf hatte sich ihr vorsichtig genähert und konnte das Glitzern in ihren Augen und ein ihn unangenehm berührendes Lächeln um ihren Mund sehen. Ohne weiter nachzudenken, warf er sich auf ihre Hände und entriss ihr die Kugel. Sie hatte den Angriff nicht erwartet. Er rollte sich zur Seite weg und blieb dabei mit seinem Hemd an einer Wurzel hängen. Er versuchte aufzustehen, stolperte aber. Elaf taumelte und spürte im nächsten Moment einen schmerzhaften Stich im Arm. Er lockerte unwillkürlich seinen Griff und sah über sich ihren schwarzen Umhang, aus dem ihm eine knochige Hand mit einem Messer bedrohlich entgegenfuhr. Sie nahm die Kugel zischend an sich und schritt auf das Haus zu. Das ohnehin nur schwache Licht in dem großen Raum verdunkelte sich, als sie den Raum betrat.
Elaf stürzte hinter ihr durch die Tür. Er konnte zunächst nur schattenhaft die Gestalten, die sich in der hinteren Ecke des Raumes zusammendrängten, erkennen.
Sieben Kinder standen dort, sie waren im Alter zwischen sechs und elf Jahren. Ihre Kleidung war alt und verblichen, die Kinder selbst sahen mager und bleich aus. Ihre vor Entsetzen geweiteten Augen blickten sie stumm an. Elaf erkannte das...




