E-Book, Deutsch, 203 Seiten
Leuthold Traumpässe
4. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7502-0005-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein wahres Fussballmärchen
E-Book, Deutsch, 203 Seiten
ISBN: 978-3-7502-0005-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Journalist und Dokumentarfilmer. 2013 erschien im Verlag Nagel& Kimche sein Buch 'Brasilien. Der Traum vom Aufstieg'.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Der Ruf des Streifenkuckucks
Es ist Sonntagnachmittag, kurz vor Sonnenuntergang, als Bruder Theo den Engel sieht. Der Engel trägt kurze Hosen und ist barfuss.
Nach dem Mittagessen hatte Bruder Theo auf einem Sportkanal ein Golfturnier gefunden und war darüber eingeschlafen.
Er wachte mit dem Gefühl auf, sich selber fremd zu sein.
Bruder Theo sah sich zu, wie er einen Tee machte. Er hörte den Bürostuhl stöhnen, als er sich darauf setzte. Lauschte dem Seufzer nach, der seiner Brust entwich. In der alten Missionsstation Nova Esperança, tief im Westen Brasiliens, umgeben von unendlichen Soyafeldern, verhallte die Anklage, im Duett vorgetragen, ungehört.
Jaja, redete Theo sich selber zu, in diesem alpenländischen Tonfall, mit dem seine Mutter die Kümmernisse ihrer Kinder besänftigt hatte.
Dabei hatte der Mann längst die Hoffnung verloren, dass es irgendwo, also auch dort oben, jemanden gab, der sich um das Flehen und Flennen da unten kümmerte. Mochte es noch so musikalisch vorgetragen sein.
Soweit war es mit ihm gekommen.
Auf dem lädierten Bürostuhl hatte er die linguistischen Studien und Thesen zur Sprache des eingeborenen Volkes verfasst, mit dem er den grössten Teil seines Lebens verbracht hatte. Vor einiger Zeit war eines der fünf eisernen Räder, die ihm Beweglichkeit verschafften, weggebrochen, und Bruder Theo hatte den Ersatz aus dem harten Holz eines Goldtrompetenbaumes selber geschnitzt. Das lief nicht besonders rund, aber wahrte das Gleichgewicht.
Das Volk, dessen Laute, bestehend aus zehn Vokalen und zwölf Konsonanten, er zu einer Grammatik geordnet hatte, nannte sich selber„“Die Menschen“. Seine eigenen Schüler hatten die Lehrschrift aus seiner Feder verbrannt und triumphierend eine neue präsentiert. Seiner Meinung nach wies sie einige Fehler auf, aber seine Meinung zählte nicht mehr. Der Unterricht war den Klosterbrüdern von der Regierung verboten, „die “Menschen“ hatten jetzt ihre eigenen Lehrer, ihr geschütztes Land, und Nova Esperança war ein Sanatorium geworden für alte Missionare und ein Trainingsplatz für junge Priester, die hier weitgehend schadlos daran arbeiteten, ihre hoffnungsvollen Ideale der Realität anzupassen.
Bruder Theo klappte das Laptop auf, klickte auf das Dokument mit dem Titel “Formel eins“. Er schrieb: Wenn ich auf etwas stolz bin in meinem Leben, dann darauf, dass die Menschen mich zu einem der ihren gemacht haben. Er machte sich einen Kaffee, setzte die Menschen in Anführungszeichen. Er hörte dem Stück einer brasilianischen Sängerin zu, und als sie fertig gesungen hatte, kam ihm sein eigener Gesang plump vor und unfertig. Er löschte den Eintrag. Aber dabei, stritt er mit sich selbst, ist es ein wahrer Satz! Was willst du denn, hörte sich Bruder Theo rufen: Schönheit oder Wahrheit? Er holte sein Wort aus dem Land des Ungesagten zurück.
Dann weinte er.
Wenn alles anfängt, schrieb er, weiss man nicht, wer man ist. Man weiss nur, wer man sein möchte. Als es anfing, wollte er einer sein, der das Schöne und Gute verteidigt. Und er wollte Fussballer werden. Das war ungefähr das gleiche.
Den Kopf in beide Hände gestützt, flog ihm eine weitere Erkenntnis zu. Er schrieb. Das Leben ist schön. Schönheit ist grausam. Des Dichters hartes Brot sie ist. Er bedachte die Formel von allen Seiten und kam zum Schluss, sie stehen zu lassen. Morgen konnte er sie wieder ins Nirgendwo verbannen. Es erforderte Geduld, die Grammatik der eigenen Existenz zu erforschen. Und er erinnerte sich, wie lange es gedauert hatte, bis er dem ungewohnten Sprachbau seiner wahren Menschen auf die Spur gekommen war und er verstanden hatte, dass sie das Objekt dem Subjekt und dem Prädikat voranstellten. Die Liebe gestorben sie ist.
Er klappte sein Laptop zu und suchte seinen Sportkanal.
Es war Sommerpause in Europa, die grossen Ligen machten Pause und Borussia Dortmund spielte gegen irgendein amerikanisches Team, dessen Name sich Bruder Theo nicht auch noch merken mochte. Bruder Theo begeisterte sich an Testspielen. Sie waren wie eine unerprobte Liebe. Man bleibt bei jedem Gegentor entspannt und denkt, wenn es ernst wird, wird es schon klappen.
Sonst war Bruder Theo Anhänger von Borussia Dortmund. Auch von Manchester United, von Barcelona und der AS Roma. In Wahrheit wechselte er seine Lieblinge häufig. Was Bruder Theo brauchte, war ein Name für eine schwer zu fassende Sehnsucht. Möglicherweise nichts anderes als die Sehnsucht nach wahren Gefühlen, die nicht in Mord und Totschlag enden.
Fussball.
Fussball war einmal seine Offenbarung gewesen. Das war, als ihm die Träume seiner Jugend vorgaukelten, das Leben sei ein Doppelpass und der Himmel ein Fussballfeld. Pele, Rivelinho. Wegen ihnen war er in Brasilien. Weil er zu viele Indianerbücher gelesen hatte und wegen der Weitsicht einer klugen Mutter. Der Vater hatte ihm die Literatur um die Ohren geschlagen. Weil es doch so viel zu tun gab, draussen auf ihrem kleinen Hof in den Voralpen. Und weil er der Älteste war, der einmal das Gut übernehmen würde. Und dabei hatte der Jüngere doch so viel mehr Talent und Interesse.
Jetzt noch, eine Ewigkeit später, konnte der Sohn nicht anders als die sanfte Intelligenz zu bewundern, mit der die Mutter seine Schritte in die Kirche lenkte, zu einem Pfarrer, der Verständnis hatte für seinen Durst nach Weite und für ihre Hoffnung auf einen gottgefälligen Sohn, dessen Kampf für verlorene Seelen ihrem eigenen Leiden einen Sinn geben würde. Der Pfarrer verhalf ihm zum Eintritt in eine Klosterschule. Nach der Ausbildung zum Lehrer trat er dem Orden der Salesianer bei. Die führten Missionsstationen bei den Indianern. Der Jüngere übernahm den Hof. Der Vater hielt ihn für schwul, die Mutter für einen Heiligen.
In Brasilien lernte Bruder Theo, dass keines von beiden zutraf.
Fussball blieb ein Trost. Bundesliga am Samstag, englische Liga am Sonntag, spanische Liga samstags und sonntags. Bruder Theo war mit wenig zufrieden.
Aber seiner Mutter machte er keine Vorwürfe, auch wenn er ihren Glauben an die himmlischen Zinsen einer irdischen Entsagung nicht mehr teilte. Aber mit diesem Versprechen war ihr der Frieden gelungen im Haus. Sonst hätte er, der Älteste, wer weiss, den Alten umgebracht. Oder der Vater ihn. Oder der Jüngere alle beide.
Bruder Theo schloss seine Klause ab. Den Schlüssel band er an den Gurt. Er war so klobig und zackig, dass er ohne Weiteres auch eine Verwendung als Mordinstrument finden könnte. Wie komme ich bloss auf solche Gedanken, befragte er sich, als er ins Freie trat. Er sah die Schotterstrasse, die in die Missionsstation und ins Reservat der Menschen führte, und weil sich dahinter die gleichförmigen Soya-und Maisfelder ausbreiteten, gezüchtet in den Labors des Fortschritts, wollte ihm die Buschlandschaft des Indianerlands daneben wie ein altes biblisches Land vorkommen, ein Paradies vor der Vertreibung.
Ein schönes Land, in dem so viele Vögel in der Luft schwirrten wie Lieder, mit genügend Schlangen für mehr als einen Garten Eden, mit einer schönen Anzahl von Säugern, und nicht wenige dieser Mitbewohner hatte Bruder Theo, zusammen mit seinen Menschenbrüdern, schon eigenhändig gejagt und am Feuer in Stücke gerissen, die Riesenschlange noch zuckend, das Gürteltier im eigenen Panzer gebraten, das Affenhirn aus dem eingeschlagenen Schädel geschlürft.
Anfänglich hatte Bruder Theo die Lebensweise der Menschen, die ihm als Gipfel der Freiheit und Ursprünglichkeit erschien, mit Begeisterung geteilt. Mittlerweile musste er sich eingestehen, dass die Menschheit doch einige Fortschritte gemacht hatte in der Bemühung, ihre Mordlust zu tarnen, und er schätzte wie nichts anderes einen weiss gedeckten Tisch mit Messer und Gabel an der richtigen Stelle.
Allerdings war es nicht der Jagdeifer seiner Leute, die den Tierbestand der brasilianischen Savanne gefährdeten. Die Sprühflugzeuge der Sojabauern verteilten ihr Gift grosszügig auch über den kleinen Rest des Landes, das noch nicht domestiziert war.
Die Kleinen, hatte Bruder Theo seine Schüler aufzuklären versucht, begehen kleine Verbrechen.
Die grossen Verbrechen geschehen im Namen des Fortschritts. Deshalb werden sie erst viele Jahre später aufgedeckt.
Eine Rotbauchdrossel quetschte ihr Lied in den blauen Himmel, grell und ungeölt. Die Kraft der Sonne liess nach, das Land erwachte und Bruder Theo stapfte über den Pausenhof des Schulhauses, hinüber zu den flachen Dienstgebäuden.
Hier, wusste er, hatte Schwester Bertha immer ein Bier für ihn versteckt.
Die Gesten ihrer Verbundenheit waren etwas kühler geworden, aber nicht weniger zärtlich, und ihre Vorhaltungen nahm er als Bitte um ein bisschen Zuspruch.
Aber jetzt schon ein Bierchen, Bruder Theo, ist doch erst vier.
Ach, Schwester Bertha, seien Sie nicht so streng mit mir. Ich bin zur Unzeit eingeschlafen und möchte Gewissheit haben, wach zu sein. Ich fühle mich so fremd und ausgesetzt.
Aber ihre Verwirrung, Bruder Theo, ist gewiss keine Neuigkeit, und ich möchte wetten, ein Bier macht sie nicht besser.
Keine Verwirrung, meine Liebe, nur das Gefühl, dass das Leben viel grösser ist als wir selber, und dass es schwierig ist, ihm mit Worten beizukommen. Noch weniger mit Geboten. Warum soll ich denn kein Bierchen trinken an einem schönen Nachmittag, Schwester Bertha?
Weil es der Doktor doch empfohlen hat.
Eine kleine Sünde nur, Schwester Bertha, während vor unseren Augen eine Welt verschwindet, nur weil der Appetit der Chinesen anspruchsvoller geworden ist, ich spreche nicht einmal von Forellenbäcklein oder Gänseleber, nur Hühnerfleisch zum...




