Lermontow | Ein Held unserer Zeit | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 350 Seiten

Lermontow Ein Held unserer Zeit


Verbesserte Ausgabe
ISBN: 978-80-268-0850-3
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 350 Seiten

ISBN: 978-80-268-0850-3
Verlag: e-artnow
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Dieses eBook: 'Ein Held unserer Zeit' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Ein Held unserer Zeit ist ein von 1837 bis 1840 entstandenes literarisches Werk von Michail Lermontow. In dem Roman wird die Tragödie der gebildeten und freiheitlich denkenden Jugend seiner Zeit geschildert, welche mit gesellschaftlichem Stillstand unzufrieden war, sich vereinsamt fühlte und das Leben als nichtig ansah. Mit diesem Werk schuf er wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung eines psychologischen Romans in Russland als Genre und gilt damit als Begründer des russischen Realismus. Michail Jurjewitsch Lermontow (1814-1841) war ein russischer Dichter. Neben Alexander Puschkin und Fjodor Tjuttschew ist er einer der bedeutendsten Vertreter der romantischen Literatur in Russland.

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2. Maxim Maximitsch.


Nachdem ich von Maxim Maximitsch Abschied genommen, jagte ich rasch an den Abgründen des Terek und des Dareal vorüber. Ich frühstückte zu Kasbek, nahm meinen Thee zu Lars und aß in Wladikawkas zu Abend. Ich verschone euch mit den Beschreibungen der Berge und den Exclamationen, die nichts ausdrücken, – am wenigsten für diejenigen, welche nicht dieselbe Reise gemacht haben; auch will ich euch nicht mit statistischen Notizen behelligen, die ja doch kein Mensch liest.

Ich blieb in einer Schenke, wo alle Reisende einkehren, und in welcher es doch Niemand gibt, der Einem eine Suppe kochen oder einen Fasan braten könnte. Denn die drei Invaliden, welche die Aufwartung besorgen, sind entweder zu dumm oder zu betrunken, als daß irgend etwas von ihnen zu erhalten wäre.

Man erklärte mir, daß ich noch drei Tage dort warten müsse; denn eher komme die "Occasion" (Gelegenheit) aus Jekaterinograd1 nicht an, und daß ich folglich nicht früher abreisen könne. Welch eine Gelegenheit! ... Um mich zu zerstreuen, kam ich auf den Einfall, Bela's Geschichte niederzuschreiben, nicht ahnend, daß sie das erste Glied einer langen Reihe von Novellen werden sollte. Da sieht man, wie bisweilen der unbedeutendste Zufall ernste Folgen hat! ... Aber ihr wißt vielleicht nicht, was man in jenem Lande eine Occasion nennt? Das ist eine militärische Bedeckung, bestehend aus einer halben Compagnie Infanterie mit einigen Kanonen, welche die Proviantzüge durch die Kabardie von Wladikawkas bis Jekaterinograd escortirt.

Am ersten Tage langweilte ich mich recht herzlich. Am Morgen des zweiten sehe ich einen Wagen in den Hof fahren .... Ah, Maxim Maximitsch! ... Wir begrüßten uns wie alte Freunde. Ich stellte ihm mein Zimmer zur Verfügung. Er nahm ohne alle Umstände an, schlug mir vertraulich auf die Schulter und machte eine Grimasse, die für ein Lächeln gelten sollte. Welch ein seltsamer Mensch! ... Maxim Maximitsch besaß tiefe Kenntnisse in der culinarischen Kunst. Er verstand ausgezeichnet einen Fasan zu braten, den er sehr passend mit Gurkensauce begoß, und ich muß gestehen, daß ich ohne ihn sehr schmal gelebt haben würde. Eine Flasche Kachetinerwein half uns die Einfachheit unseres Menus vergessen, das nur aus einem einzigen Gericht bestand. Dann steckten wir unsere Pfeifen an und setzten uns, ich ans Fenster und er an den Ofen, denn die Temperatur war feucht und kalt.

Wir bewahrten Beide Schweigen. Wovon hätten wir reden sollen? ... Was er Interessantes erlebt, hatte er mir bereits mitgetheilt, und ich hatte von mir nichts zu erzählen. Ich sah zum Fenster hinaus. Durch die Bäume hindurch gewahrte man eine Menge kleiner niedriger Häuser, die an dem Ufer des hier sehr breiten Terek zerstreut lagen, etwas weiter erhoben sich die Berge mit ihren Felsenkämmen, und aus noch weiterer Ferne blickte der Kasbek mit seinem weißen Cardinalshute herüber. Ich nahm im Geiste von der ganzen Gegend Abschied; mir war traurig zu Muthe ... Lange blieben wir so schweigend sitzen. Die Sonne verschwand hinter den kalten Berggipfeln, ein weißlicher Nebel begann in die Thäler herabzusteigen, – da plötzlich höre ich von der Straße herauf die Töne eines Postglöckchens und das Geschrei mehrerer Postillone. Ein paar Wagen, von schmutzigen Armeniern geführt, fuhren auf den Hof der Herberge. Ihnen folgte eine Reisekalesche, die leer zu sein schien. Die leichte Bewegung, die sorgfältige Construction und die elegante Form derselben hatten ein gewisses ausländisches Gepräge. Hinter diesem Gefährt schritt ein Mann mit großem Schnurrbart her, in polnischem Schnürrock und überhaupt für einen Bedienten ziemlich gut gekleidet. Die Art, wie er seine Pfeife ausklopfte und den Kutscher anredete, ließ über seine Stellung keinen Irrthum aufkommen. Allem Anscheine nach war er der verzogene Diener eines faulen Herrn – eine Art russischer Figaro.

"Sage mir, Freund," rief ich ihm aus dem Fenster zu, "ist das die Occasion, die da soeben angekommen ist?"

Er sah mich ziemlich impertinent an, rückte seine Cravatte zurecht und wandte mir den Rücken.

Ein Armenier, der sich neben ihm befand, begann zu lächeln und antwortete dann statt seiner, daß es in der That die Occasion sei, und daß sie am folgenden Morgen wieder abreisen würde.

"Gott sei Dank!" sagte Maxim Maximitsch, der in diesem Augenblick ans Fenster trat. "Aber welch wundervolles Gefährt," fügte er hinzu. "Ohne Zweifel das irgend eines hohen Würdenträgers, der sich nach Tiflis begibt. Man sieht es, unsere Berge kennt er nicht. Nein, mein Lieber, mit dem Wägelchen kommt er nicht weit und käme es aus der Fabrik des besten englischen Wagenbauers. Aber wem mag das Ding wol gehören? ... Das müssen wir doch wissen ..."

Wir gingen in den Corridor hinaus. Am Ende desselben stand die Thür zu einem Nebenzimmer auf, in welches der Diener und der Kutscher Koffer hineintrugen.

"Höre, Freundchen," sagte der Hauptmann zu dem Diener, "wem gehört diese merkwürdige Kalesche? ... In der That, ein sehr schönes Fuhrwerk."

Der Diener brummte, ohne sich umzuwenden, ein paar unverständliche Worte in den Bart und setzte seine Arbeit fort.

Maxim Maximitsch wurde zornig; er schlug dem ungezogenen Menschen auf die Schulter und sagte:

"Ich spreche mit dir!"

"Wem diese Kalesche gehört ...? Na, meinem Herrn ..."

"Und wer ist dein Herr?"

"Petschorin ..."

"Was sagst du, was sagst du?" rief Maxim Maximitsch. "Petschorin? ... Ach, mein Gott! ... Hat er nicht im Kaukasus gedient?"

Der Hauptmann zog mich am Aermel. Die Freude glänzte ihm in den Augen.

"Ich glaube, ja," antwortete der Diener; "aber ich befinde mich erst seit kurzer Zeit bei ihm."

"Er ist's, er ist's! Gregor Alexandrowitsch ... nicht wahr, das ist sein Tauf- und Vatersname? ... Ich habe mit deinem Herrn zusammen gedient," setzte er hinzu, indem er dem Diener so freundschaftlich auf die Schulter klopfte, daß dieser strauchelte ...

"Verzeihen Sie, mein Herr," sprach dieser mürrisch, "Sie hindern mich an meiner Arbeit."

"Ach was, mein Lieber!" ... fuhr der Hauptmann fort, "du weißt also nicht, daß ich mit deinem Herrn innig befreundet gewesen, daß wir zusammen gelebt haben? ... Aber wo ist er denn geblieben?"

Der Diener erklärte, daß Petschorin sich bei dem Oberst N. befinde, daß er dort zu Abend esse und übernachte.

"Aber kommt er denn nicht heut' Abend hierher?" sagte Maxim Maximitsch, "oder gehst du nicht zu ihm? ... Dann sage ihm, daß sich hier Maxim Maximitsch befindet, hörst du? das genügt ... Ich gebe dir auch ein paar Griweniks2 Trinkgeld ..."

Der Diener machte ein verächtliches Gesicht bei einem so bescheidenen Anerbieten, versprach jedoch Maxim Maximitsch, seine Bestellung auszurichten.

"Er wird sofort herbeieilen!" sagte Maxim Maximitsch mit triumphirender Miene. "Ich will ihn am Thor erwarten ... Wie schade, daß ich mit Oberst N. nicht bekannt bin."

Mit diesen Worten setzte sich Maxim Maximitsch auf eine Bank an der Thür der Herberge, und ich begab mich in mein Zimmer. Ich gestehe, daß auch ich mit einiger Ungeduld das Erscheinen dieses Petschorin erwartete, obgleich mir die Erzählung des Hauptmannes keine sehr hohe Meinung von ihm gegeben; allein er hatte einige Charakterzüge an sich, die mir interessant schienen.

Eine Stunde war verstrichen. Der Invalide brachte mir den kochenden Samowar3 und die Theekanne.

"Maxim Maximitsch," rief ich durch das Fenster, "wollen Sie keinen Thee?"

"Ich danke; ich habe keine Lust."

"Warum denn nicht? Es ist schon spät .... und dabei recht kalt."

"Ich danke ..."

"Na, wie Sie wollen!"

Und ich begann allein Thee zu trinken. Zehn Minuten später sehe ich meinen Alten zu mir hereintreten.

"Sie haben doch Recht; am besten, ich trinke ein Täßchen ... Ich habe da auf Petschorin gewartet. Sein Diener muß ihm doch schon längst gemeldet haben, daß ich hier bin; offenbar hat er nicht abkommen können."

Eiligst trank er eine Tasse, weigerte sich, eine zweite zu nehmen und kehrte wieder auf seinen Posten an der Thür zurück; jedoch mit einer gewissen Unruhe. Offenbar fühlte er sich durch Petschorins Gleichgiltigkeit gekränkt, – um so mehr, da er mir vor Kurzem von ihrer Freundschaft erzählt hatte, und er noch vor einer Stunde so fest überzeugt gewesen, daß Petschorin, sobald er seinen Namen höre, sofort herbeieilen würde.

Es war schon spät und ziemlich dunkel, als ich nochmals das Fenster öffnete, um Maxim Maximitsch zuzurufen, daß es Zeit zum Schlafen sei. Er murmelte nur etwas Unverständliches durch die Zähne. Ich wiederholte meine Aufforderung – er gab gar keine Antwort.

Ich wickelte mich in meinen Mantel und legte mich auf das Sofa. Das Licht ließ ich angezündet auf der Ofenbank stehen und schlief bald ein; und ich glaube, daß ich recht gut geschlafen hätte, wenn mich Maxim Maximitsch, als er spät eintrat, nicht geweckt hätte. Er warf die Pfeife auf den Tisch, schritt im Zimmer auf und ab, sah nach dem Feuer im Ofen und legte sich endlich hin; aber noch lange hörte ich ihn husten, ausspucken und sich auf seinem Lager hin- und herwenden ...

"Belästigen Sie vielleicht gewisse Insekten?" fragte ich.

"Ach ja, die Insekten!" antwortete er mit einem tiefen Seufzer.

Am folgenden Morgen wachte ich früh auf; aber Maxim Maximitsch war mir bereits zuvorgekommen. Ich fand ihn schon...



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