Lerche Damit ich dich besser küssen kann
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-88769-858-4
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erotische Geschichten
E-Book, Deutsch, 100 Seiten
ISBN: 978-3-88769-858-4
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mal schmachtet sie ihm nach, mal er ihr, mal fühlt er sich zu lieblos geküsst, mal sie. Doris Lerche greift mit ihren Geschichten beherzt ins weitgefächerte Spektrum geschlechtlicher Liebe mit all seinen Bettdesastern, inkompatiblen Sehnsüchten, libidinösen Verwirrungen, emotionalen Abstürzen. Unverblümt spricht sie Dinge aus, die wir am liebsten verschweigen. Sie rührt an Tabus - in unserer angeblich tabulosen Zeit.
Die trotzig-Pubertierende kommt ebenso zu Wort wie die wütend-Liebeshungrige jenseits des Klimakteriums. Der betrogene Ehemann genauso wie die betrügende Geliebte. In alle fühlt Doris Lerche sich ein: in die Bindungsängstliche, den besessenen Liebhaber, die Tantrageschulte, den ehemüden Manager, die abgebrühte Dreißigjährige, die romantische Achtzigjährige. Doris Lerches immer wieder variiertes Thema ist unsere unermüdliche Suche nach dem Glück, das wir mit ausgeklügelten Strategien verhindern.
Doch bei all ihrer Lust am Desaster, unterschwellig spürt man in Doris Lerches Geschichten eine vitale erotische Spielfreude jenseits genormter Sex-Programme. So wird urplötzlich aus Befangenheit Neugierde, aus Angst Begehren, aus Abwehr Vergnügen.
Autoren/Hrsg.
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Ich hasse die Liebe
Solange sie auf dem Sofa sitzen, sich seine Hand über ihr Knie spreizt, sich unter ihren Rocksaum schleicht, sich unters Slipgummi gräbt, sich dorthin vorreckt, wo es feucht wird – solange ist sie übermütig erregt. Aber dann zieht er die Hand weg und drängt aufs Bett, wo es gemütlicher ist, wo er nicht mit gebogenem Rücken verdrehter Wirbelsäule versuchen muss, unter dem Rocksaum unter dem Slipgummi sie zu ertasten, angelockt und abgebremst. Das scharfe Spiel an den Grenzen, das sie so liebt, das liebt er nicht. Er hat es gern bequem, damit er an alles richtig ran kann, er will keinen Stoff zwischen sich und ihr, kein lästiges Slipgummi, keine umständlichen BH-Verschlüsse, die jedes Mal anders sind, die immer wieder lästig sind, jetzt kennen wir uns doch schon eine Weile, warum diese lästigen Barrieren jedes Mal? Damit es spannend bleibt, sagt sie. Es ist lästig, sagt er. Widerwillig gibt sie nach, lässt sich ins Schlafzimmer schieben. Rasch zieht er sich aus. Nicht die Unterhose, fleht sie. Na gut, sagt er. Seufzend legt sie ihren Pulli ab, zieht, während er bereits auf dem Bett liegt, ihren Rock aus, ihre Strumpfhose runter, ihre Schuhe aus, öffnet ihren BH-Verschluss, damit er sich nicht unnötig abmühen soll. Aber ihren Slip behält sie an. Sie will nicht einfach nackt dastehen und abwarten, wann es losgeht. Immer dieser Kampf um deinen Slip, sagt er. Nackt und natürlich ist doch viel schöner, sagt er. Wieso natürlich, sagt sie, dir gefällt doch, wenn ich enge Röcke trage, mit einem hohen Schlitz an der Seite. Das ist auch nicht natürlich. Das ist was anderes, sagt er. Da guckt man nur. Da hat ja noch nichts angefangen. Wenn sie endlich nachgibt, wenn endlich der verknäuelte Slip über ihre Schenkel rutscht, wenn sie ihn endlich über die Knöchel ins Leere strampelt, wenn endlich alles Intime frei liegt, all das verklebte Gefältel zwischen den prallen Lippen, endlich seiner Zunge zugänglich, dann legt er sich ins Zeug. Jetzt will er ihr zeigen, was in ihm steckt. Ausgebreitet liegt sie unter ihm und denkt, jetzt sollte ich genießen. Jetzt sollte ich in Ekstase geraten. Aber sie genießt nicht, sie denkt. Jede Frau will verwöhnt werden, denkt sie. Warum nicht ich? Bin ich unnormal? Unsinnlich? Unweiblich? Ich habe nicht geduscht, denkt sie. Andere Frauen präparieren sich stundenlang, duften nach Erdbeer-, nach Limonenfrische, aber ich kann einen Mann doch nicht einfach mitten in der Arbeit unterbrechen und sagen, ich möchte jetzt duschen. Die Südländer haben es gut mit ihrem Bidet, denkt sie, da kann man sich rasch waschen, vorher und nachher. Ein Mann ist doch kein Hund, dass er meinen Naturgeruch will. Sie selbst riecht sich gern. Auch ihren scharfen Frauengeruch. Sie schnuppert mit lüsternem Widerwillen an Slipeinlagen, an Tampons und Binden. Das ist pervers, denkt sie, das darf ich keinem Mann erzählen. Ich sollte nicht denken, während er mich leckt, denkt sie. Aber wie kann ich dieses Denken abstellen, das sich automatisch einschaltet, kaum dass seine Zunge mich berührt? Ich sollte mich rasieren, denkt sie, so wie es die aktuelle Bettmode verlangt. Ein einziges Mal hat sie sich die Schamhaare entfernt und sie kam sich kastriert vor. Wie Samson, in dessen Haar seine Kraft steckte. Ich will meine wilden Haare, denkt sie. Aber für einen Mann ist es lästig beim Lecken, mit all dem Gestrüpp im Mund. Aber wenn er mit meiner Muschi beschäftigt ist, denkt sie, dann bemerkt er wenigstens meine fetten Schenkel nicht, meinen kleinen Busen nicht, dann ist er abgelenkt von mir. Nein, unangenehm ist es eigentlich nicht, was er da unten macht. Wenn all ihre kreiselnden Gedanken nicht wären, könnte es sogar durchaus angenehm sein. Seine Zunge ist geübt, wie sie sich spitz zwischen all ihre Fältchen schiebt, ihr die winzigsten Ausstülpungen streichelt, sich plötzlich breit in sie hineingräbt und wieder auftaucht, um vibrierend über sie hinzuschlängeln, dass sie beinahe das Denken vergisst. Ich muss irgendetwas tun, denkt sie. Ich kann doch nicht einfach langweilig daliegen und ihn machen lassen. Sie drückt seinen Kopf beiseite. Was ist, fragt er und atmet scharf durch die Nase ein und aus. Lass, sagt sie und hält ihren Unterarm als Barriere zwischen sich und ihn, das bringt nichts, das hat keinen Sinn. Er rollt von ihr weg und pult sich ein Schamhaar aus dem Mund. Sie schiebt entschlossen die flache Hand in seine Boxershorts, sie sucht die Ablenkung von sich selbst. Sein Glied ist schlaff. Er findet mich reizlos, denkt sie, er leckt mich nur aus Höflichkeit. Nun muss sie zeigen, dass sie mehr zu bieten hat als einen behaarten, übelriechenden dickfleischigen Weiberkörper. Sie muss diesen Mann in Stimmung bringen, damit er vor Aufregung nicht mehr genau riechen kann, nicht mehr genau schauen kann, nicht mehr genau fühlen kann. Damit er sie nicht mehr wahrnimmt in all ihrer kläglichen Nacktheit. Reglos beobachtet er, wie sie alles falsch macht. Er macht es lieber selbst, sagt er, das klappt besser. Aber sie gibt noch nicht auf, jetzt hat sie der Ehrgeiz gepackt, schließlich hat sie schon andere Kaliber von Männern zum Jubeln gebracht. Sie schwingt sich rittlings über ihn. Sie muss sich nur gerade halten dabei, darf ihre Brüste nicht über seinem Gesicht baumeln lassen. Er muss ja nicht merken, wie schlaff sie geworden sind nach der Null-Diät. In den gepolsterten Wonderbra-Schalen sehen sie immer noch ansehnlich aus. Wenn er wenigstens die Augen schließen würde. Aber er schaut sie an. Er schaut ihr ins Gesicht, bis sie verlegen wird, bis sie unsicher wird, bis sie nüchtern wird. Seine Wimpern sind kurz und blass. Sie spürt seinen steifen Körper, den er ihr höflich überlässt, er freut sich nicht an ihrem Auf und Ab. Was turnst du da auf mir herum, sagt er. Was machst du für eine Hektik, sagt er. Er kommt mit einem selbstkritischen Seufzer: Ich war zu schnell, entschuldige. Macht nichts, sagt sie. Er besteht darauf, dass es was macht. Du hast mich zu stark zwischen deinen Schenkeln gequetscht, sagt er vorwurfsvoll, da kann ich es natürlich nicht lange aushalten. Sie lässt sich neben ihn fallen. Da liegen sie also. Nach einer Weile rafft er sich auf für einen erneuten Versuch mit ihr. Sie spürt seine Schuldgefühle, wie sie ihn quälen. Nun möchte er alles wieder gut machen. Lass, sagt sie knapp. Er hebt den Kopf. Er fragt, ob sie schon immer so war. Ich brauche Zeit, sagt sie. Um mich zu öffnen, brauche ich Zeit. Wie lange sie brauchen wird, fragt er. Monate? Jahre? Sie fühlt, wie er wissen will, ob es sich letztlich lohnt mit ihr oder ob es vertane Zeit ist. Um ihn abzulenken, streicht sie ihm über eine seiner Brustspitzen. Lass, sagt er kalt, da spüre ich nichts. Als sie weitermacht, sagt er: Das bringt nichts. Aber deine Brustspitze richtet sich auf, sagt sie, das fühlt sich gut an. Es stört mich nicht, dass du nichts spürst. Aber wenn ich sie immer wieder streichele, vielleicht entsteht irgendwann eine Sehnsucht in ihr, vielleicht vermisst sie irgendwann meinen Finger. Warum soll ich deine Brustspitze nicht streicheln, wenn es mir gefällt? Sie ist klein und fest, ganz anders als meine, sagt sie. Fühl mal, sagt sie, wie groß meine Brustspitzen sind, fühl mal, wie sie sich aufrichten. Aber er will nichts mit ihren Brustspitzen zu tun haben, er ist auf das Wesentliche fixiert. Schon teilt er ihre Schenkel mit der Handkante und flüstert, während er sich von Neuem über sie beugt: Ich möchte dich zum Orgasmus bringen. Zu einem Super-Orgasmus, den du niemals vergisst. Schon zieht sich ihr Schneckchen zusammen, schon graust es sie vor einem Gebirge an Ansprüchen. Ich will keinen Orgasmus!, stößt sie hervor. Und denkt: Jetzt ist es vorbei. Jetzt will er nie wieder Sex mit mir haben. Er richtet sich auf. Seine Locken fallen ihm wirr ins Gesicht. Wie schön er aussieht! Aber ich möchte dich befriedigen, sagt er. Ich will nicht befriedigt werden, sagt sie. Wozu hat man denn Sex, sagt er ungläubig, wenn man nicht befriedigt werden will? Man kann sich streicheln, sagt sie, einfach so und schauen, was passiert. Wir sind doch keine Kinder mehr, sagt er, zum Sex gehört ein Orgasmus. Ich will keinen Orgasmus, sagt sie streng. Jeder will einen Orgasmus, sagt er, das ist doch ganz natürlich. Ich will fühlen. Einfach nur fühlen was ich fühle. Aber der Orgasmus ist doch Gefühl, sagt er. Das schon, sagt sie verzweifelt, aber vielleicht fühle ich was anderes beim Sex als normale Leute. Was denn?, fragt er ratlos. Was weiß ich, sagt sie gereizt, vielleicht werde ich wütend oder traurig, kann doch sein. Du wirst wütend, sagt er, wenn du keinen Orgasmus kriegst. Ich hatte noch nie einen Orgasmus beim Geschlechtsverkehr, sagt sie trotzig. Dann haben die Männer was falsch gemacht, sagt er. Nein, sagt sie, es liegt an mir. Ich fühle nicht, was ich fühlen soll. Nun schweigt er. Sie schaut auf die düsteren Schatten der Möbel. Sie schaut auf den Mann in ihrem Bett, der unbeweglich daliegt wie ein Stein. Ich hasse die Liebe!, sagt sie. Er regt sich nicht. Gleich springt er zur Tür und geht, denkt sie. Aber nach einer Weile richtet er sich auf, stützt seinen Kopf in die Handfläche und schaut auf sie hinunter wie sie daliegt, das Deckbett bis zum Kinn hochgerafft. Er betrachtet sie lange. Und schließlich fragt er: Wovor hast du Angst? Sie rührt sich nicht. Die Möbel stehen an der Wand wie düstere Leibwächter. Der Spalt unter der Tür ist ein scharfer Streifen...




