E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Reihe: BALANCE Erfahrungen
Leps Zange am Hirn
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-86739-720-9
Verlag: BALANCE Buch + Medien Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Geschichte einer Zwangserkrankung
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Reihe: BALANCE Erfahrungen
ISBN: 978-3-86739-720-9
Verlag: BALANCE Buch + Medien Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
In dieser 'Geschichte mit Zwängen' können Leser und Leserinnen, die sich in einzelnen Abschnitten wiedererkennen, sehen, dass sie nicht allein sind mit dieser anstrengenden und zermürbenden Störung. Und so kann dieser Erfahrungsbericht auch eine Anregung sein, sich selbst Hilfe zu suchen. Die ausführliche Darstellung der Therapiegeschichte macht deutlich, wie notwendig das Zusammenspiel unterschiedlicher methodischer Ansätze ist, um eine Heilung zu bewirken.
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Weitere Infos & Material
1;Inhalt;6
2;Geleitwort;8
3;Vorwort;13
4;Der Schlächter;15
5;Ohne Hintertürchen;21
6;How long, great Pumpkin, how long?;29
7;Die Abschottung vom wirklichen Leben;41
8;Falsche Alternativen;47
9;Bei null anfangen;58
10;Den Faden wieder aufnehmen;77
11;Das Alphabet der Gefühle lernen;83
12;Familienpuzzle;92
13;Rituale schleichen sich ein;104
14;Die Farben des Alltags;110
15;Die gefütterte Wut;119
16;Angriff auf die Zwänge I;125
17;Lesen mit der Brechstange;135
18;Die Zwänge greifen auf die Arbeit über;143
19;Die magische Fünf;151
20;Fressattacken;155
21;Angriff auf die Zwänge II;160
22;Eine offene Stelle in meinem Innern;167
23;Ein Tag im Zwangslabyrinth;176
24;Die Eskalation der Zwänge;189
25;Angriff auf die Zwänge III;198
26;Der Aufbruch;206
27;Epilog;223
Die Abschottung vom wirklichen Leben (S. 40-41)
Tagsüber ging ich in die Bibliothek. Ich wollte vorwärts machen mit meiner Arbeit, da ich aus .nanziellen Gründen nicht mehr beliebig lange an der Universität bleiben konnte. Ich weigerte mich, von den Eltern weiterhin Geld anzunehmen. So saß ich für Stunden im großen Lesesaal an einem der langen hölzernen Tische mit schwarzer Schreibfläche, unter einer Tischlampe mit grünem Glasschirm und versuchte mich dazu zu zwingen, etwas zu denken, was für die Arbeit verwertbar sein könnte. Nur was mit äußerster Konzentration zu.el, konnte ich gelten lassen, weshalb ich alle Muskeln anspannte und den Atem kurz gehen ließ.
Ich wollte etwas schreiben über die Besonderheiten der Wissenschaftssprache. Den Anstoß dazu gab eine Beobachtung, die ich an mir selbst gemacht hatte: Es hatten sich in mir zwei verschiedene Sprachebenen gebildet, eine, auf der die Sprache der Wissenschaft regierte, und eine zweite, die der Alltagssprache angehörte, und nun fragte ich mich, ob dasselbe Wort auf jeder dieser Ebenen das Gleiche bedeutete.
Daran hatten sich mir so große Themen geknüpft wie Sprache und Persönlichkeit, Sprache und Identität, Sprache und Kultur, Sprache und Wirklichkeit, und ich hatte mehrere Monate damit zugebracht, entsprechende Literatur zu sammeln, sodass ich über eine weitläu.ge Kartei von Titeln verfügte, die allein zu lesen wohl zwei Jahre in Anspruch genommen hätte. Erst als mein Professor mich fragte, mit welchem Material ich denn zu arbeiten gedenke, bemerkte ich, dass ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht hatte. Wir einigten uns dann auf ein wissenschaftliches Einführungsbuch als Grundlage, und über dieses beugte ich mich, wenn ich um Einfälle rang.
Worum ging es mir eigentlich? Was war das Zentrale? Was geschah mit mir, wenn ich mit der Wissenschaftssprache konfrontiert wurde? Es ließ sich nicht fassen. Ich beschimpfte mich, weil ich mich nicht ausreichend konzentrierte. Eine noch strengere Anspannung musste ein Resultat zeigen. Ich markierte Stellen im Buch, unterstrich Ausdrücke und Formulierungen, aber nichts führte wirklich weiter. Mehrere Tage dauerte dieser Kampf, bis an einem Nachmittag, kurz vor Feierabend, ein Durchbruch gelang:
Auf einmal stieg bei einer der Konzentrationsübungen – Atem anhalten, Muskeln anspannen – ganz unvermutet das Bild eines Baumes in mir auf, des Kirschbaums vor dem Haus meiner Eltern. Sofort wusste ich, dass es dieses Bild gewesen war, das ich gesucht hatte.




