Lem | Der Schnupfen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Lem Der Schnupfen


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945386-26-2
Verlag: Eder & Bach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-945386-26-2
Verlag: Eder & Bach
Format: EPUB
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Ein spannender Kriminalroman und ein brillantes philosophisches Verwirrspiel über Zufall und Wahrscheinlichkeit. Ausgezeichnet mit dem Grand prix de littérature policière 1979. Eines von 12 bisher vergriffenen Meisterwerken aus der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher.

Stanislaw Lem ( geb. 12. September 1921 in Lemberg; gest. 27. März 2006 in Krakau) war ein polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor. Seine Kurzgeschichten, Romane und Essays zeichnen sich insbesondere durch überbordenden Ideenreichtum und fantasievolle sprachliche Neuschöpfungen aus.
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ROM – PARIS

Um acht Uhr morgens ging ich zu Randy, ich war recht guter Stimmung, denn ich hatte den Tag mit Plimasin begonnen, und trotz der trockenen Hitze kitzelte es mich nicht in der Nase. Randys Hotel kam an das ›Hilton‹ nicht heran. Es lag an einer von Autos verstopften Gasse mit römischem Pflaster nahe der Spanischen Treppe. Ihren Namen habe ich vergessen. Während ich in dem Durchgang, der die Rolle eines Foyers, der Rezeption und eines Cafés spielte, auf Randy wartete, sah ich den ›Herald‹ durch, mich interessierten die Verhandlungen zwischen der Air France und der Regierung, weil ich keine Lust hatte, in Orly festzusitzen. Das Hilfspersonal des Flughafens streikte, aber bis jetzt nahm Paris noch Flugzeuge an.

Bald erschien Randy, für eine schlaflose Nacht war sein Zustand nicht schlecht, er schien missmutig, aber das Fiasko war auch zu offensichtlich. Als letzter Rettungsanker blieb uns nur noch Paris. Randy hatte vor, mich persönlich zum Flughafen zu bringen, doch ich ließ es nicht zu. Ich wollte, dass er schlief. Er behauptete, in seinem Zimmer sei das nicht möglich; also ging ich mit ihm nach oben. Das Zimmer war in der Tat sonnig, und durch die sperrangelweit offene Badezimmertür zog nicht Kühle herein, sondern heißer Seifengeruch.

Zum Glück hatten wir ein recht trockenes Azorenhoch, ich griff also auf meine beruflichen Kenntnisse zurück, zog die Vorhänge zu, machte sie unten nass, um die Luftzirkulation zu verbessern, ließ aus allen Hähnen das Wasser in schmalem Strom rinnen und verabschiedete mich nach diesem Samariterdienst von ihm, indem ich ihm versicherte, ich würde anrufen, sobald ich etwas Konkretes erführe. Zum Flughafen fuhr ich mit dem Taxi, unterwegs holte ich im ›Hilton‹ mein Gepäck ab, und schon vor elf Uhr schob ich den Karren mit den Koffern zur Abfertigung. Ich war zum ersten Mal auf dem neuen römischen Terminal und suchte mit den Augen nach den Wundern seiner technischen Sicherungen, die von der Presse so gepriesen worden waren; ich ahnte nicht, wie genau ich sie noch kennenlernen würde.

Die Presse hatte die Eröffnung dieses Terminals lärmend begrüßt und behauptet, nun sei das Ende aller Terroranschläge gekommen. Nur die verglaste Abfertigungshalle sehe aus wie überall. Das – von oben her gesehen – trommelähnliche Gebäude sei mit einem Netz von Rolltreppen und Gängen durchzogen, das die Menschen diskret filtere. In letzter Zeit hatte man begonnen, Waffen und Sprengmaterial in Teilen zu transportieren, die dann in den Flugzeugtoiletten zusammengesetzt wurden; deshalb verzichteten die Italiener als Erste auf Magnetometer. Die Untersuchung von Kleidung und Körpern nahmen Ultraschallgeräte während der Fahrt auf den Rolltreppen vor, und die Ergebnisse dieser nicht spürbaren Kontrolle wertete ein Computer aus; der die des Schmuggels Verdächtigten aussiebte. Man schrieb, diese Wellen entdeckten jede Plombe in den Zähnen und jede Spange am Hosenträger. Nicht einmal eine nichtmetallische Sprengladung würde durchkommen.

Inoffiziell trug der neue Terminal den Namen Labyrinth. In der Probezeit drängten sich wochenlang Geheimdienstler mit äußerst listig versteckten Waffen auf die Rolltreppen, und nicht einem soll der Schmuggel gelungen sein. Seit April arbeitete das Labyrinth normal und ohne ernstliche Zwischenfälle, man schnappte nur ständig Leute mit ebenso komischen wie unschuldigen Objekten, z. B. mit einem Spielzeugrevolver oder einem Pistolenumriss aus Metallfolie. Die einen Experten meinten, das seien psychologische Störaktionen enttäuschter Terroristen, andere, es handele sich um Bemühungen, die die Leistungsfähigkeit der Kontrollen feststellen sollten. Die Juristen hatten Mühe mit diesen Pseudoschmugglern; denn ihre Absichten schienen eindeutig, waren aber nicht strafbar. Der einzige ernstliche Zwischenfall ereignete sich an dem Tage, an dem ich Neapel verließ. Ein Asiate entledigte sich auf der sogenannten Seufzerbrücke mitten im Labyrinth, als ihn die Sensoren demaskierten, einer echten Bombe. Er warf sie in die Halle hinab, über die diese Brücke führt, und verursachte eine zwar unschädliche, aber die Nerven der Passagiere strapazierende Explosion. Mehr passierte nicht. Ich glaube jetzt, diese kleinen Zwischenfälle waren die Vorbereitungen zu der Operation, bei der eine neue Form des Angriffs die neue Verteidigung durchbrechen sollte.

Der Start meiner Alitalia-Maschine verzögerte sich um eine Stunde, weil nicht sicher war, ob wir in Orly oder de Gaulle landen sollten. Ich ging also, um mich umzuziehen, denn auch in Paris wurden dreißig Grad im Schatten angekündigt. Ich wusste nicht mehr, in welchem Koffer ich mein Netzhemd hatte, und machte mich deshalb mit dem Karren, der nicht auf die Rolltreppen passte, zu den Waschräumen auf. Lange irrte ich über die schiefen Ebenen der Untergeschosse, bis ein Radschah mir den Weg zeigte. Ich weiß nicht, ob er wirklich ein Radschah war, vermutlich nicht, denn er konnte fast kein Englisch, aber einen grünen Turban trug er. Ich hätte wissen mögen, ob er ihn in der Badewanne abnahm. Durch den Ausflug mit dem Karren hatte ich so viel Zeit vertan, dass ich mich im Eiltempo duschte und den Leinenanzug und die Leinen-Schnürschuhe anzog. Den Kleinkram mit dem Necessaire packte ich in den Koffer und begab mich mit leeren Händen zur Abfertigung. Alle meine Sachen gingen als Reisegepäck. Dieser Schritt erwies sich als vernünftig, denn ich bezweifle, dass meine Mikrofilme – ich hatte sie im Necessaire – das ›Gemetzel auf der Treppe‹ heil überstanden hätten.

Die Klimaanlage in der Halle arbeitete ungleichmäßig, stellenweise zog es eiskalt, stellenweise heizte sie. In Richtung Paris wehte es warm, ich hängte mir also das Jackett um die Schultern. Auch das war ein glücklicher Schritt. Jeder erhielt einen Ariadne-Passierschein, einen Plastikumschlag für die Flugkarten, in den ein elektronischer Resonator eingelassen war. Ohne ihn kommt man nicht in das Flugzeug. Gleich nach dem Drehkreuz des Durchgangs folgte eine so enge Rolltreppe, dass man sie nur im Gänsemarsch betreten konnte. Die Fahrt erinnerte ein bisschen an Tivoli und ein bisschen an Disneyland. Man fährt zunächst bergauf, dann fügen sich die Stufen zu einem Laufsteg, der im Flutlicht der Leuchtröhren quer über die Halle hinwegläuft. Dennoch sieht man deren im Dämmer verborgenen Boden nicht. Es ist mir unklar, wie man diesen Effekt erzielt hat. Hinter der ›Seufzerbrücke‹ biegt der Laufsteg ab, verwandelt sich wieder in eine Treppe und führt ziemlich steil aufwärts durch dieselbe Halle, doch kann man das nur an der durchbrochenen Decke erkennen, denn jedes Transportband ist auf beiden Seiten durch Aluminiumplatten mit mythologischen Szenen eingefasst. Die Fortsetzung des Weges kennenzulernen, war mir nicht beschieden. Die Idee ist einfach – der Plastikumschlag des Passagiers, der etwas Verdächtiges bei sich hat, macht ihn durch einen anhaltenden Ton kenntlich. Der Gebrandmarkte kann nicht fliehen, weil das Transportband zu schmal ist, und die sich wiederholenden Passagen über der Halle sollen ihn weich machen und veranlassen, sich der Waffe zu entledigen. Im Abfertigungssaal hingen Warnungen in zwanzig Sprachen, wer Waffen und Sprengmaterial schmuggle, riskiere sein Leben, wenn er versuche, die Mitreisenden zu terrorisieren. Diese rätselhaften Drohungen wurden unterschiedlich ausgelegt. Ich hörte von verdeckten Scharfschützen hinter den Aluminiumwänden, schenkte dem aber keinen Glauben.

Es war ein Charterflug und die bereitgestellte Boeing größer als der Bedarf der Charterer, deshalb wurden an den Kassen die restlichen freien Plätze verkauft. Wer wie ich ein Ticket erstand, geriet in das Schlamassel. Die Boeing war von einem Bankenkonsortium gemietet, aber meine Nachbarn auf der Treppe sahen nicht nach Bankiers aus. Als Erste betrat die Rolltreppe eine alte Frau mit Stock, hinter ihr eine Blondine mit Hündchen, dann ich, ein kleines Mädchen und ein Japaner. Als ich mich oben umblickte, bemerkte ich Zeitungsflächen, die ein paar Männer entfaltet hatten. Ich zog es vor, mich umzuschauen, steckte also meinen ›Herald‹ unter den Hosenträger auf der Schulter wie eine Feldmütze.

Die Blondine, deren perlenbestickte Hosen so eng waren, dass man ihren Slip auf dem Hintern sah, trug einen ausgestopften Hund. Er sah aus wie lebendig, denn er blinzelte. Sie erinnerte mich an die Blondine auf dem Magazin, die mich während der Fahrt nach Rom begleitet hatte. Das kleine weiß gekleidete Mädchen mit den flinken Augen sah wie eine Puppe aus. Der Japaner, nicht viel größer als sie, spielte den eifrigen Touristen, er war seiner Kleidung nach wie aus dem Ei gepellt. Auf dem zugeknöpften karierten Anzug kreuzten sich die Riemen von Transistor, Fernglas und großer Nikon-Six-Kamera; als ich mich umdrehte, öffnete er gerade das Futteral, als wollte er die Wunder des Labyrinths fotografieren. Die Stufen flachten ab zu einem Laufsteg, als ich ein lang gezogenes Piepsen vernahm. Ich drehte mich um. Es kam von dem Japaner. Das Mädchen schob sich ängstlich von ihm weg, es presste die Tasche mit dem Plastikumschlag an die Brust. Er aber stellte mit ausdruckslosem Gesicht sein Radio an. Er war naiv, wenn er glaubte, er könnte das Piepsen übertönen – es war nur die erste Warnung.

Wir glitten über der großen Halle entlang. Zu beiden Seiten der Brücke glänzten im Lampenlicht Romulus, Remus und die Wölfin, und der Plastikumschlag des Japaners jaulte bereits durchdringend. Eine Bewegung ging durch die zusammengedrängten Menschen, obwohl niemand etwas sagte. Allein der Japaner zuckte nicht einmal mit den Wimpern. Eine ganze Zeit lang stand er mit steinernem Gesicht in dem anschwellenden Geheul, doch der Schweiß trat ihm in Tropfen auf die Stirn. Er riss den...


Stanislaw Lem ( geb. 12. September 1921 in Lemberg; gest. 27. März 2006 in Krakau) war ein polnischer Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor. Seine Kurzgeschichten, Romane und Essays zeichnen sich insbesondere durch überbordenden Ideenreichtum und fantasievolle sprachliche Neuschöpfungen aus.



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