Leitner Alpengold - Folge 166
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5643-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sie ging den schweren Weg ...
E-Book, Deutsch, Band 167, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-8387-5643-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Außer sich vor Wut ist der Wurzbacher-Veit, als der junge Kilian Adler um die Hand seiner schönen Tochter Leni anhält. Ein Habenichts und Hungerleider sei der Holzschnitzer, der sich auf dem reichen Wurzbacher-Hof nur ins gemachte Nest setzen will, tobt er. Doch die hübsche Leni ist entschlossen, um ihr Glück zu kämpfen und nicht von Kilian zu lassen. Noch in diesem Jahr will sie mit ihrem Schatz vor den Traualtar treten - notfalls auch ohne den Segen des Vaters ... Doch beim Perchtenlauf zur Fastnacht, dem traditionsreichen Umzug mit den alten Holzmasken, kommt es vor den Augen der Zuschauer zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen dem alten Wurzbacher und einem der Maskierten! Am Ende des Tages wird Veit Wurzbacher in einer schmalen Gasse in seinem eigenen Blut aufgefunden - tot, erschlagen! Im Nu steht für alle fest, dass sein Mörder nur der Träger der Perchtmaske sein kann! Und das ist in diesem Jahr kein anderer als Kilian Adler ...
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In breiten Bahnen fiel das blasse Licht der Wintersonne durch die Fester in die holzvertäfelte Stube des Wurzbacher-Hofs. Noch ließ der Frühling in den Bergen auf sich warten. Der weiß verputzte Ofen in der Ecke verbreitete eine behagliche Wärme.
Ein großer Korb voll Bügelwäsche stand mitten in der Stube, gleich neben dem aufgeklappten Bügelbrett. Geschickt fuhr die junge Leni mit dem heißen Bügeleisen über ein weißes, geripptes Unterhemd. Dann faltete sie es gewissenhaft und legte es auf einen Wäschestapel, um sich gleich darauf das nächste Hemd vorzunehmen.
Das blonde Haar hatte die Bauerntochter mit einem bunten Band aus der Stirn gebunden, sie trug helle Jeans und einen Wollpullover, dessen leuchtendes Blau mit der Farbe ihrer Augen wetteiferte. Die schmalen Wangen waren rosig von der Ofenwärme. Ganz still war es in der Stube. Außer dem leisen Zischen des Bügeleisens auf der feuchten Wäsche und dem gleichmäßigen Ticken der alten Pendeluhr war nichts zu hören.
Wäre es nur immer so friedlich auf dem Wurzbacher-Hof wie in diesem Moment!, dachte Leni. Unwillkürlich entfuhr ihr ein leiser Seufzer.
In der Küche klapperten Töpfe, dort begann ihre Mutter wohl, das Mittagessen vorzubereiten. Draußen im Hof hörte sie das Brummen eines Motors. Offenbar war der Lastwagen gekommen, der das bestellte Kraftfutter für die Mastkälber bringen sollte. Das war gut so. Eigentlich hatten sie ihn schon vor zwei Tagen erwartet, aber dann hatte es noch einmal geschneit und der Fahrer hatte sich wohl nicht auf die oftmals schlecht geräumte Straße gewagt, die nach Obersteinbach führte.
Im nächsten Moment war es mit dem Frieden auf dem Wurzbacher-Hof vorbei. Krachend flog die Tür der Stube auf. Wie ein Gewitter stürmte der Bauer herein. Seine Gummistiefel hinterließen auf den blanken Holzdielen Spuren von Lehm und Schnee.
»Du dumme Gans! Bist du denn zu gar nix nütze!«, herrschte er Leni an. Sein rundes Gesicht war vor Zorn dunkelrot angelaufen, und die feisten Wangen wabbelten vor Erregung, die dunklen Augen sprühten Blitze. Erschrocken fuhr Leni zusammen. Sie war sich keiner Schuld bewusst.
»Was ist denn, Vater?«, stammelte sie.
»Was los ist? Das fragst du? Ha! Das falsche Futter hast du bestellt. Das ist los! Erst kommt die Lieferung zu spät, und jetzt musste ich alles wieder zurückschicken. Mit was soll ich die Viecher jetzt füttern? Na? Da sagst du nix mehr.« Der Bauer stemmte die Arme in die Seiten und baute sich vor ihr auf. »Du weißt doch, dass jeder Tag bei der Kälbermast zählt. Zumindest sollte dir das klar sein. Aber selbst das ist wohl zu viel verlangt bei meinem Fräulein Tochter.«
»Aber Vater«, presste Leni hervor. Ihre schmalen Wangen waren blass geworden. »Ich bin ganz sicher, dass ich das richtige Futter bestellt hab. Da muss der Händler sich geirrt haben.«
»Was!«, polterte Veit Wurzbacher. »Jetzt willst du die Schuld auch noch auf andere schieben, anstatt deinen Fehler zuzugeben. Das wird ja immer schöner. Du bist für den Schreibkram hier auf dem Hof zuständig. Aber diese Verantwortung hätt ich dir wohl besser net übertragen. Da sieht man’s wieder, alles muss man selbst machen.«
Leni biss sich auf die Lippen. Das war so ungerecht! Sie war ganz sicher, dass sie nichts falsch gemacht hatte. Seit sie die Buchführung und die Büroarbeiten für den Hof erledigte, war sie ganz besonders gründlich und ordentlich, weil sie wusste, wie wichtig das war. Allerdings hatte sie die Bestellung telefonisch aufgegeben, und so hatte sie keinen Beweis, dass der Fehler nicht bei ihr lag.
»Du sagst nix mehr?« Ihr Schweigen schien den Bauern nur noch mehr aufzubringen. »Mit Trotz kommst du auch net weiter. Jetzt gib deinen Fehler zu, schau zu, dass du so schnell wie möglich das richtige Futter beschaffst, und entschuldige dich gefälligst! Das ist wohl das Mindeste, was ich von meiner Tochter erwarten kann.«
Leni schossen Tränen in die Augen. Wie konnte sie etwas zugeben, was sie gar nicht gemacht hatte? Und sich obendrein noch entschuldigen? Oft genug gab sie nach, wenn der Vater ihr Vorwürfe machte, und das war viel zu häufig der Fall. Schon um des lieben Friedens willen verbiss sie sich manche Antwort, die ihr auf der Zunge lag. Aber das war einfach zu viel verlangt! Alles in ihr wehrte sich dagegen.
»Vater, so glaub mir doch!«, begehrte sie auf. »Du tust mir unrecht.«
»Was sagst du? Du wagst es, auch noch Widerworte zu geben?« Er machte einen Schritt auf Leni zu. »Dir werde ich schon Respekt und Ordnung beibringen! Dafür bist du mit deinen einundzwanzig Jahren net zu alt!«
Unwillkürlich ließ Leni das Bügeleisen los und hob schützend die Hände. Es war nicht das erste Mal, dass der Vater auf sie losging. In dem Moment stieg ein beißender Gestank vom Bügelbrett auf. Ein braun verbrannter Fleck breitete sich auf dem Unterhemd aus.
Entsetzt starrte Leni auf die Bescherung. Hastig riss sie das Bügeleisen fort, doch der Schaden war angerichtet.
»Da, schau! Net einmal zum Bügeln taugst du!« Der Bauer brüllte auf und hob die Hand. Mit schreckgeweiteten Augen wich Leni zurück.
***
»Veit! Halt ein! Versündige dich net!« Keiner von ihnen hatte bemerkt, wie die Wurzbacher-Anna, alarmiert von den lauten Stimmen, aus der Küche in die Stube gekommen war. Sie fiel ihrem Mann in den Arm.
»Was willst denn du hier?« Der Bauer fuhr herum wie ein gereizter Stier. »Misch dich da net ein! Allweil nimmst du das Flitscherl in Schutz, anstatt es richtig zu erziehen. Das war schon immer so. Kein Wunder, dass es zu nix taugt. Es wird höchste Zeit, dass ich ihm Manieren beibringe.«
»Lass doch gut sein, Veit, ich bitte dich!« Die Mutter rang die Hände. »Reg dich net auf. So schlimm ist es doch net. Das Unterhemd war eh schon alt und verwaschen. Die Leni wird auch gleich neues Futter bestellen, das kann schon morgen geliefert werden, gell, Leni?« Beschwörend sah sie ihre Tochter an. Ihre Augen hatte dieselbe Farbe wie die des Mädchens. Sie hatte auch die gleichen schmalen Wangen. Freilich waren ihre blassen Gesichtszüge verhärmt, und graue Strähnen durchzogen das einst blonde Haar.
»Ach, du willst wieder mal gut Wetter machen.« Veit dachte gar nicht daran, sich beschwichtigen zu lassen. »Es ist immer dasselbe mit dir, wenn es um dein ach so kostbares Madl geht. Da drückst du allweil die Augen zu. Schau dir doch nur an, wie sie herumläuft. In neumodischen Hosen wie ein Bursch. Dabei sollte sie als erwachsene Hoftochter wirklich mehr auf sich achten. Da muss man sich ja schämen. Aber dich kümmert das alles net. Und wenn ich ein Machtwort spreche, dann stellst du dich gegen mich, und das vor dem Madl.«
»Veit, bitte, lass doch endlich Leni in Frieden! Nix kann sie dir recht machen. Merkst du denn net selbst, dass du ihr unrecht tust?«
»Ha, jetzt ist es also wieder einmal meine Schuld, ja? Weiberleut! Du vergisst wohl, wer eigentlich der Herr im Haus ist und wo dein Platz ist.« Geradezu hasserfüllt starrte er seine Frau an. Jetzt richtete sich all seine Wut auf sie. Er packte sie an den schmalen Schultern und begann, sie zu schütteln.
»Vater!«, rief Leni entsetzt. »Hör auf!«
»Geh hinaus, Leni!«, befahl die Bäuerin dem Mädchen.
»Aber …!« Leni wollte die Mutter nicht im Stich lassen.
»Geh. Dein Vater und ich haben zu reden. Geh jetzt! Sofort!«, drängte die Wurzbacher-Anna. »Lass uns allein!«
Mit äußerstem Widerstreben gehorchte Leni. Noch einmal sah sie verzweifelt zu ihrer Mutter hin, dann schloss sie die Tür hinter sich. Tränen rannen über ihre Wangen. Jetzt würde die Mutter an ihrer Stelle den geballten Zorn des Vaters zu spüren bekommen. Sie hörte das Gebrüll des Bauern selbst durch die geschlossene Tür. Etwas polterte.
Leni fuhr zusammen. Am liebsten wäre sie zurück in die Stube gestürzt. Sie presste sich die Hände auf die Ohren.
»Lieber Gott«, betete sie, »lass es net zu, dass er sich an der Mutter vergreift! Ich halte das nimmer aus!«
Längst ahnte sie, dass der Vater es nicht immer bei Worten beließ. Hin und wieder bekam auch sie seine Hand zu spüren, obwohl sie schon längst kein Kind mehr war. Das war schlimm genug, aber wenn der Vater seine Launen an der Mutter ausließ, dann war das für Leni ganz und gar unerträglich! Dass die Mutter alles widerspruchslos ertrug, das konnte sie einfach nicht begreifen.
Keinen Augenblick länger konnte Leni im Haus bleiben. Sie lief auf den Hof hinaus und weiter auf die Straße, die Hände noch immer auf die Ohren gepresst. Tränen rannen ihr über die Wangen, ohne dass sie es bemerkte. Es war einfach alles zu furchtbar! Sie wünschte sich nur fort, weit fort vom Wurzbacher-Hof.
***
Bremsen quietschten, Schneematsch spritzte, und im letzten Moment kam der schwarze Geländewagen zum Stehen. Um ein Haar hätte er Leni erfasst.
»Jesses, Madl!« Der Bursch, der aus dem Auto stieg und zu dem Mädchen lief, war ganz blass vor lauter Schreck. Besorgt nahm er sie in die Arme. »Ist dir was passiert? Was tust du denn? Um ein Haar hätt ich dich überfahren.« Erst jetzt sah er ihre geröteten Augen und die Spuren der Tränen auf ihren Wangen. »Aber da musst du doch net gleich weinen. Es ist ja zum Glück nix passiert.«
Ein wenig ratlos stand Beni Niedertaler vor der noch immer stummen Leni. Gerade erst hatte er im Auto darüber gegrübelt, wie er es anstellen sollte, sie allein abzupassen, ohne ihre Mutter und erst recht ohne ihren strengen Vater. Schon seit...




