E-Book, Deutsch, Band 318, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Leitner Alpengold 318
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-9159-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wer die Berge liebt ...
E-Book, Deutsch, Band 318, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7325-9159-6
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Carolin Endhofer hat sich in der Großstadt nie wohl gefühlt. Als sie den Marhof von ihrem Onkel erbt, weiß sie, dass sie zur Bäuerin geboren ist.
Der Hof liegt einsam, ist verwahrlost, das Land ringsum aber wunderschön. Hier will sie für immer bleiben, leben und arbeiten.
Doch Carolin ahnt nicht, welche Schwierigkeiten auf sie zukommen. Denn auf dem Hof lastet ein Geheimnis ...
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Wer die Berge liebt …
Sie fand ihr Glück im Einödhof
Von Monika Leitner
Carolin Endhofer hat sich in der Großstadt nie wohl gefühlt. Als sie den Marhof von ihrem Onkel erbt, weiß sie, dass sie zur Bäuerin geboren ist.
Der Hof liegt einsam, ist verwahrlost, das Land ringsum aber wunderschön. Hier will sie für immer bleiben, leben und arbeiten.
Doch Carolin ahnt nicht, welche Schwierigkeiten auf sie zukommen. Denn auf dem Hof lastet ein Geheimnis …
Als Carolin Endhofer den Brief des Rechtsanwalts bekam, erschrak sie. Auch sie dachte sofort an etwas Unangenehmes, wie es die meisten Leute taten, wenn sie einen solchen Brief bekamen. Die Mutter hatte ihn ihr übergeben, als sie am späten Nachmittag von der Arbeit nach Hause gekommen war.
Schnell überschlug Carolin in Gedanken die vergangenen Wochen, ob etwas Besonderes geschehen war, aber es kam ihr nichts in Erinnerung.
Ihr Leben verlief gleichförmig, fast zu gleichförmig. Jeder Tag war wie der andere.
Sie lebte mit ihren Eltern in München. Die Stadt war schön, aber zu groß. Carolin hatte oft Sehnsucht nach dem Lande, besonders, wenn sie nach einem Ausflug von dort zurückgekehrt war.
Sie leistete sich allerdings nur wenige solcher Ausflüge, denn sie sparte. Eigentlich war ihr gar nicht bewusst, für was sie sparte. Irgendwo musste ein Ziel sein, verschwommen und wie von Nebel eingehüllt. Aber es war da, sie konnte es nur nicht benennen – noch nicht.
Außerdem war sie sparen gewöhnt. Auch die Eltern taten es, und zwar so sehr, dass es oft die ganze Woche kein Fleisch zu essen gab, nur Kartoffeln und Gemüse, das gerade am billigsten war, oder dicke Suppen und einfache Mehlspeisen.
Aber die Eltern hatten ein festes Ziel. Sie hatten vor Jahren am Rand der Stadt ein kleines Grundstück erworben. Jetzt war die Stadt hinausgerückt und das Grundstück immer wertvoller geworden. Dort wollten sie sich ein Häuschen bauen. Ein Häuschen in der Stadt, die sie liebten und in der sie sich wohlfühlten.
Carolins Vater war aus den Bergen gekommen, hatte sich aber immer gewünscht, in einer großen Stadt zu leben und hatte auch eine Städterin zur Frau genommen, Carolins Mutter.
„Warum schaust du so versonnen drein?“, fragte sie jetzt. „Willst du den Brief nicht aufmachen?“
„Ach so, ja, den Brief.“
Carolin war ein wenig unruhig, als sie ihn öffnete. Schnell überflog sie die Zeilen, und je länger sie las, desto mehr hellte sich ihr Gesicht auf.
„Oh, wie herrlich!“, rief sie dann plötzlich, sprang auf und schwang den Brief wie eine Fahne. „Mama, du wirst staunen, lies!“ Sie reichte der Mutter den Brief.
Frau Endhofer las ihn. Sie blieb ruhig, als sie ihn zusammenfaltete.
„Und?“, fragte sie nur. „Was wirst tun?“
„Annehmen natürlich, was denn sonst? Das ist ein großer Glücksfall für mich, Mama.“
Die Augen der Mutter weiteten sich vor Erstaunen.
„Du wirst doch nicht damit sagen wollen, dass du in die Berge ziehst und den Hof bewirtschaften willst?“
„Doch, genau das.“
Die Frau blieb kühl. Carolin dachte daran, dass die Mutter immer kühl gewesen war, soweit sie sich zurückerinnern konnte. Kaum etwas vermochte sie zu begeistern, aber auch kaum etwas aufzuregen. Das war das Positive.
Sie, Carolin, war genau das Gegenteil. Sie war wie der Vater, und schon öfter hatte sie sich gefragt, wie wohl ihre Eltern, als so gegensätzliche Naturen, zusammengefunden hatten.
„Das kannst du doch nicht machen.“
„Du weißt, dass ich vor fünf Jahren einen landwirtschaftlichen Kurs absolviert hab, und dann kann mir der Vater alles erklären, was ich wissen muss.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob das genügen wird.“
„Ich werd’s schaffen, Mama, ganz bestimmt. Ich weiß es. Und nun weiß ich auch, dass mein größter Wunsch in Erfüllung gegangen ist.“
„Dein größter Wunsch?“
„Ja.“ Carolin nickte. „Ich würd’ so gern auf dem Lande leben, dort etwas Eigenes haben und arbeiten. Und nun hat mir der Onkel das Anwesen vermacht, obwohl Vater schon lange keine Verbindung mehr zu ihm hatte.“
„Du hast nie etwas von einem solchen Wunsch erzählt.“
„Wozu auch? Dieser Wunsch war ein Traum. Und jetzt geht er in Erfüllung. Ich kann’s noch gar nicht fassen.“
Plötzlich verschattete sich das Gesicht des Mädchens.
„Der Onkel ist gestorben, wir haben es nicht gewusst und konnten nicht zu seiner Beerdigung. Und trotzdem hat er mir das Anwesen vermacht. Er muss ein guter Mensch gewesen sein“, sagte Carolin nachdenklich.
„Er hat es deinem Vater übel genommen, dass er mich, die Städterin, geheiratet hat“, erklärte sie. Ihre Stimme klang fast hart.
In diesem Augenblick wusste Carolin, dass es von der Mutter ausgegangen war, die Verbindung abzubrechen. Ein solches Verhalten war ihr fremd.
„Der Onkel hat anscheinend nicht geheiratet und hatte auch keine Kinder!“
„Das sieht ihm ähnlich“, meinte Frau Endhofer. „Er ist schon immer ein Sonderling gewesen.“
„Ein Sonderling?“
„Na ja, er war ein wenig komisch, so ganz anders als dein Vater.“
Carolin ahnte, dass sie das, was die Mutter sagte, nicht ganz wörtlich nehmen durfte. Sie hatte den Schwager nicht gemocht.
***
Als Josef Endhofer nach Hause kam, staunte er über den Brief, war überrascht und zugleich betroffen. Carolin freute diese Regung, zeigte sie doch, dass sein Herz nicht so hart war wie das der Mutter.
„Mein Bruder ist gestorben, und ich hab’s nicht gewusst“, murmelte er.
„Er ist doch sicher vorher krank gewesen“, meinte die Frau. „Warum hat er dich davon nicht verständigt? Weil er dich gar nicht dort haben wollte“, gab sie sich selbst die Antwort.
„Es bedrückt mich, dass er gestorben und begraben worden ist, ohne dass ich davon wusste. Wir werden hinfahren zu seinem Grab“, erklärte der Vater.
Carolin nickte.
„Zuerst muss ich den Besuch beim Rechtsanwalt machen, um den er mich gebeten hat. Dort erfahre ich dann Näheres.“
„Was machst du dann mit deinem Erbe? Verkaufst du es?“
„Verkaufen? Aber nein, Vater! Ich werde auf dem Anwesen leben und arbeiten.“
Die Mutter verzog den Mund.
„So eine verrückte Idee.“
„Die Idee ist gar nicht so verrückt. Wenn ihr der Sinn danach steht, warum soll sie es nicht tun?“
„Vater“, sagte Carolin ernst, „mein heimlichster Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ich werd’ nun auf dem Land leben und ganz so sein wie die Leute dort.“
„Du gehst ganz nach meinem Bruder, Carolin, du siehst auch so aus wie er, als er jung gewesen ist.“
„Irgendwie freut mich das, Vater. Ich hätt’ den Onkel gern kennengelernt, und es hätt’ viel bedeutet, wenn ich meine Ferien hätt’ dort verbringen können.“
Josef Endhofer sagte nichts. Er presste nur die Lippen zusammen und warf einen Blick auf seine Frau, die sich nun abwandte.
„Du wirst dich um sein Grab kümmern“, sagte er dann.
„Ja, das werd’ ich ganz bestimmt.“ Sie ging an eins der hohen Fenster und blickte auf die graue Straße hinunter. Ohne sich umzuwenden, sagte sie: „Ihr werdet bald euer Ziel erreichen und zu bauen beginnen, und ich hab mein Ziel schon gefunden, den Bauernhof im Sargental.“
Jetzt wusste sie, dass es dieses Ziel war, auf das sie gespart hatte. Wenn sie auch noch nicht sehr viel zusammengebracht hatte mit ihren fünfundzwanzig Jahren, etwas konnte sie schon damit anfangen.
Später dann, als Carolin in ihrem kleinen Zimmer im Bett lag, konnte sie lange nicht einschlafen, und sie wollte es auch gar nicht. Sie war noch immer ganz aufgeregt. Die Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, sie dachte über alles nach.
Irgendwo über den Dächern musste der zunehmende Mond stehen. Ein karger Schein fiel gegen das Fenster. Wie der Mond wohl im Sargental schien? Ob er dort auch so weiß war wie hier?
Sie malte sich aus, wie schön es sein würde, auf dem Hof zu leben. Sicher war er hübsch anzusehen, hatte viele Kammern und einen großen Stall. Auf diesem Hof war der Vater aufgewachsen, und sie hatte nie ein Bild davon gesehen, wusste nicht, wie das Sargental aussah, war noch nie in dieser Gegend gewesen.
Carolin Endhofer war nicht so naiv, dass sie sich nicht denken konnte, in Zukunft viele körperliche Arbeit verrichten zu müssen. Das war sie nicht gewöhnt, aber sie war trotzdem sicher, dass sie es schaffen würde. Sie hatte viel guten Willen, die nötige Liebe und Begeisterung.
Irgendwann schlief sie ein. Aber dann hatte sie einen merkwürdigen Traum. Als sie den Hof suchte, fand sie eine Ruine, zwischen deren Mauern hoch das Unkraut wuchs.
***
Carolin Endhofer rief vom Büro aus den Rechtsanwalt an und bekam schon für den nächsten Tag einen Termin. Sie nahm sich zwei Stunden frei und suchte die Kanzlei...




