E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Leip Drachenkalb singe
1. Auflage 2015
ISBN: 978-87-11-46733-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-87-11-46733-6
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
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Aurike lachte hell auf über das kleine Buch, und es klang, als zerbreche ein Glas, klang wie der Nachhall aus der Meuslerschen Küche, an den er nicht mehr denken wollte. Doch dann entdeckte sie den Vers, den er in das „Liebeskochbuch“ geschrieben hatte, und dann sah sie ihm, von ihren Freundinnen umringt, krall wie immer in die Augen und fragte, ob er es wirklich so meine.
Es war ein dünnes Buch, das er schon voriges Jahr einmal für Aurike gekauft gelegentlich ihres Geburtstages. Er hatte es auf den Titel hin unbesehen erstanden, hastig und verschämt. Es hieß: „Die wahre Liebe.“ Bei späterem Besehen erwies es sich als ein Kochbuch. Er war dann lieber doch nicht auf den Geburtstag gegangen. Nun aber erschien ihm die Gabe ganz vernünftig. Und er hatte den Choralvers seines Solos auf das graugelbe Vorsatzpapier geschrieben. Ihm war dabei, als sei es mehr zur Erinnerung für ihn selber denn als Widmung für Aurike.
Er wurde rot unter all dem Gekicher und war froh, als Herr Dornvogel zu ihm trat, hoher Worte voll, und Aurike sich anderen Geschenken zuwandte und das Katzenfell ihres Bruders schnuppernd von sich wies.
Herr Dornvogel pries das Glück des Daseins, das immer zur rechten Zeit in den allgemeinen Staub herein funkele und das Nichts zum Blühen bringe, suum cuique, wie schon der Klassiker es zu formulieren gewußt. Er ließ Mandus von seinem Sohne ein Glas Portwein hinüberreichen, damit die Sandtorte besser rutschte, und Mandus überwand die erste Schüchternheit. Er war um sein Mittagessen gekommen. Herr Dornvogel trank den beiden jungen Männern zu. Mit Genugtuung sah er, um wieviel markiger sein Ajax dastehe. Sein magerer Spitzbart bebte vor Begeisterung, rote Weintropfen hingen darin. Und nun sprach er zu den Versammelten allgemein und anbefahl ihnen seine Tochter, die er nunmehr dem Leben darreiche, wie sie ihm einst vom Leben dargereicht worden sei zu ihrer Eltern und Geschwister Freude, welche sich denn ausbreiten möge über viele.
Mandus war es, als wenn Herr Dornvogel ihn dabei ins Auge faßte. Er fühlte, wie sich ihm der Puls beschleunigte und wie ihm der Wein in die Schläfen fuhr. Das Gekicher von Aurikens Freundinnen erstarb angestrengt unter zusammengepreßten Lippen und übereinandergelegten Händen, indes Aurike freimütig wie immer umher lächelte und ihre Brombeeraugen zu ihm hintappen ließ. Ringsum an den Wänden hingen ungerahmte Zeichnungen, Landschaften und Paläste und Bühnenbilder. Die stammten von Adele, Aurikens großer Schwester. Aurike aber, das hatte Ajax gesagt, war sich mit ihrem Bruder einig, nicht wie Adele so lange dem Vater auf der Tasche zu liegen, um etwas zu werden und dann doch noch nichts zu verdienen. Sie wollte am liebsten zum Zirkus. Oder zum Kabarett. Oder vielleicht auch — und das war ihr heimlichster Wunsch — zum Ballett der Oper.
Ajax aber konnte sich über diese Rede seines Vaters das Lachen nicht verbeißen, und dann lachten auch die Freundinnen, und dann kam Frau Dornvogel aufgeregt herein, von einer ungeheuren weißen Küchenschürze bedeckt, vom Herdfeuer und Krapfenbacken glühend, und teilte aufgeregt mit, daß Herr Püttering gekommen sei.
„Püttje!“ rief Ajax aus und warf Mandus einen bedeutungsvollen Blick zu und eilte ans Fenster. Wahrhaftig, drei Stockwerke tiefer, auf der Straße, stand der bekannte sandfarbene Wagen.
Herr Dornvogel geriet in eine zappelnde Verwirrung. Seine Frau dämpfte ihn mit wirkungsvoller Hand, er sah winzig aus, verglichen mit ihr. Seine Tochter Adele hatte die Eltern einmal karikiert. Eine riesige Bärenmutter geht mit einem Häschen Hand in Hand spazieren.
Jetzt aber trat Herr Püttering ein. Frau Dornvogel knickste an der Tür, und man sah, daß Pütterings Figur die ihre an Masse noch übertraf. Wohlhabenheit strahlte von ihm aus und Leutseligkeit. Er brachte keine Blumen mit, sondern drei Flaschen Rotspon und sagte, der kleine Schluck, den Aurike beim Abendmahl genießen werde, sei bestimmt zu geringfügig, um die Genüsse des Erwachsenseins ahnen zu lassen.
Herr Dornvogel machte Herrn Püttering umständlich und begeistert mit allen Familienmitgliedern bekannt und auch mit den Freundinnen Aurikes, und Herr Püttering hatte für jeden ein witziges Wort, griff auch ungeziert in die Pyramiden Berliner Pfannkuchen, die, auf geliehene Teller gehäuft, überall umherstanden und immer neu aus der Küche hereinwanderten. Sodann wurde Herr Püttering vor den Gabentisch geführt, und dort entdeckte er gleich das Katzenfell.
„Halali und Holdrio!“ sagte er. Und da er die übermäßig unschuldsvolle Miene des Dornvogelsohnes dicht daneben erblickte, fragte er nicht lange, woher die Beute stamme, sondern bemerkte gelassen: „Ein seltenes Stück! Ist die Schabracke verkäuflich? Ist das etwa eine gewisse Fifi?“
Ajax verdrehte die Augen und wies darauf hin, daß es ein Konfirmationsgeschenk sei für seine Schwester Aurike. Aurike mischte sich hinein und erklärte, sie wäre es gern wieder los, sie habe nämlich eine empfindliche Nase. Und somit nahm Ajax es ärgerlich wieder an sich. Püttering ließ nicht locker. Ihm war nämlich eine vage Neigung erwacht, das Katzenfell persönlich abzuliefern. Er hatte Frau Herlöck kürzlich mit ihrem Manne in der Stadt vor einem Geschäft stehen sehen. Es war ihm — wie er dergleichen zu benennen pflegte — bei ihrem Anblick ein Schmetterling übers Gemüt geflogen.
„Nun, was kostet die schmächtige Dachlöwin?“ fragte er. Und da er einige Hemmungen bei Ajax bemerkte, schlug er vor, er möge es ihm morgen in die Wohnung tragen.
„Bezahl ihn doch damit!“ flüsterte Mandus dem Freunde zu.
Ajax schüttelte die feurigen Haarstifte und hielt Herrn Püttering das Fell hin. Falls er den Hut von neulich wirklich bezahlen müsse, so knurrte er, so wolle er ihn denn damit bezahlen.
„Du also bist der wilde Nimrod auch auf das Hochwild der Hüte!“ schmunzelte der dicke Mann: „Also gut! Aber was hast du heute morgen fragen wollen?“
„Ach“, sagte Ajax da, und da er merkte, daß ringsum jedermann beflissen anderweitig sich beschäftigte, fuhr er leise fort: „Wir wollten so gern mal mit einem Fischdampfer mit!“
„Das ist mein Vetter“, lächelte Püttering, „der heißt Jonny, ich heiße bloß Ewald, und ich habe mit der Kabeljaujagd nichts zu tun.“
Ajax wies vorsichtig mit dem Daumen auf Mandus, der sich schüchtern näherwagte: „Wenn Sie mal ein Wort einlegen könnten, Herr Püttje ... Herr Püttering, für Mandus und mich ...?“
„Fischdampferreise? Das ist allerdings kein Marmeladenbonbon. Da gibt es dreimal täglich Teertau mit Schellfisch roh und ein bißchen Salz hinten drauf.“
„Das macht nichts!“ lächelte Ajax gegen die wohlgenährte Behaglichkeit: „Wir wollen doch gern mal ein büschen nach See, eine Reise nur erstmal!“
„O Hafengift, o Knabentraum!“ lächelte Püttering: „Und dann Mandus? Das ist doch der kleine Solist, das niedlichste der singenden Drachenkälblein, der wird ja wie ein Spatzenschwanz davongepustet, wenns hoch hergeht.“
„Oh ne, der ist ganz fix, der klettert wie ein Affe.“
„Na schön!“ nickte Püttering und tat einen Zupf in Ajaxens rote Borsten: „Ich will meinem Vetter Jonny sagen, er soll dich als Backbordlampe einstellen, und Mandus ist wohl grün genug, um für Steuerbord zu reichen. Also auf morgen!“
In diesem Augenblick trat Elise Gull herein mit einem Topf Alpenveilchen in einer gelockten Krause rosa Kreppapiers. Herr Dornvogel eilte ihr entgegen, nannte jauchzend ihren Namen und fügte hinzu: „Welche unerwartete Erweckung unserer nie schlummernden Verehrung für die geniale Organistin zu St. Jürgen!“
Jedermann blickte sie an, als sei ein holder Engel hereingekommen. Sie trug ein elegantes neues schwarzes Kostüm, sah aber mit dem vom Aprilwetter geröteten Gesicht irdisch genug aus und bat Herrn Dornvogel, seine Stimmbänder zu schonen. Sie gab der knicksenden Aurike die Blumen und erklärte das Rosa daran als terlaner- oder mäulchenfarben.
Nun gibt sie ihr einen Kuß auf die Stirn, dachte Mandus. Aber es geschah nicht. Die Erinnerung an seine Bevorzugung begann ihn zu brennen, und da kam auch schon die Reihe der Begrüßung an ihn.
„Ich habe das Klavier gekauft“, sagte sie und blickte ihn prüfend an.
Mandus schwieg bestürzt; es war ihm, als müsse er sich freuen, als sei es gar nicht so schlimm, das Instrument vermissen zu sollen.
Elise Gull sagte: „Ich brauche es für meine Schüler, und ich habe mit deiner Pflegemutter darüber gesprochen, daß du weiter bei mir darauf üben kannst.“ Mandus schüttelte den Kopf. Wer soll das wohl bezahlen, dachte er und wurde rot. Auch wollte er ja zur See fahren.
„Er spielt ja schon Orgel!“ platzte Ajax heraus.
Mandus fuhr ihn an, und in der nächsten Sekunde waren sie mit den Fäusten aneinander. Aurike sprang wie eine Katze dazwischen und trennte die Raufbolde mit kleinen raschen Ohrfeigen.
„Das auf meiner Konfirmation!“ schrie sie.
Und danach begab man sich an den versöhnenden Kaffeetisch. Da saß nun Elise Gull neben Herrn Püttering und zwischen den Tanten und jungen Mädchen und sah nicht aus, als ob sie etwas Besonderes darstelle. Aber Frau Dornvogel überwand das hausfrauliche Einteilungsbedürfnis und auch die gelinde Eifersucht, die aus den begeisterten Berichten ihres Mannes über die neue Organistin sich in ihr angesammelt hatte, und sie legte Elise Gull ein Stück Kuchen nach dem andern auf den Teller, bis der Turmbau dort umzustürzen drohte.
Herr Dornvogel sorgte für Unterhaltung, indes die andern aßen. Er pries die hohe Selbstentäußerung im Dienst am Höheren und führte Beispiele an aus...




