E-Book, Deutsch, 356 Seiten
Leip Des Kaisers Reeder
1. Auflage 2015
ISBN: 978-87-11-46723-7
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 356 Seiten
ISBN: 978-87-11-46723-7
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hans Leip (1893-1983) war der Sohn eines ehemaligen Seemanns und Hafenarbeiters im Hamburger Hafen. Leip wuchs in Hamburg auf. Ab Ostern 1914 war er Lehrer in Hamburg-Rothenburgsort. Im Jahre 1915 wurde er zum Militär einberufen; nach einer Verwundung im Jahre 1917 wurde er für dienstuntauglich erklärt. Leip kehrte in seinen Lehrerberuf zurück, gleichzeitig begann er, in Hamburger Zeitungen Kurzgeschichten zu veröffentlichen. 1919 fand die erste Ausstellung von Leips grafischen Arbeiten statt, der zu dieser Zeit das Leben eines Bohemiens führte. In den zwanziger Jahren unternahm Leip ausgedehnte Reisen, die ihn u. a. nach Paris, London, Algier und New York führten. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 1925 mit dem Seeräuberroman 'Godekes Knecht'. Während des Zweiten Weltkriegs lebte er ab 1940 dann vorwiegend am Bodensee und in Tirol. 1945 kehrte er für kurze Zeit nach Hamburg zurück, ließ sich jedoch dann im Schweizer Thurgau nieder. Hans Leips literarisches Werk besteht aus Romanen, Erzählungen, Gedichten, Theaterstücken, Hörspielen und Filmdrehbüchern; vorherrschende Themen sind das Meer und die Seefahrt. Sein Nachruhm beruht allerdings hauptsächlich auf dem Gedicht 'Lili Marleen', das Leip 1915 verfasst und 1937 in den Gedichtband 'Die kleine Hafenorgel' aufgenommen hatte; in der Vertonung von Norbert Schultze, interpretiert von der Sängerin Lale Andersen und verbreitet durch den Soldatensender Belgrad erlangte das Lied während des Zweiten Weltkriegs eine ungemeine Popularität nicht nur bei den Angehörigen der deutschen Wehrmacht.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
Der Heranschaffer
Am Johannisbollwerk · Boß und Agent · Der Mantel des Kapitäns · Schlafplatz Zwischendeck · Lange Jahre großer Segen · Ein Freund aus London · Träumerei und Mission · Bruder Josephs feiner Job · John Meyer von der Packetfahrt · Die Zarenhymne · Reeder Carr bietet die Hand.
„Los!“ brüllte der Boß.
Der Matrose an der Gangway löste die Sperrkette. Klirrend fiel die letzte Fessel des Kontinents. Die Auswanderer strömten an Bord. „Kutschieren die mit dem miesen Pott übern Atlantik, Herr Carr?“ fragte einer der Zuschauer an der Schranke.
„Nein, Herr Cassel“, antwortete der Angesprochene und schlug den Kragen des eleganten Havelocks hoch: „Die steigen in Liverpool um.“ „Und eine direkte Möglichkeit von Hamburg nach New York gibt es nicht?“ „Nein, Mister, nicht für diese polnisch-galizischen Zwischendecker. Die müssen denn schon nach Bremen zum Lloyd gehn.“
Der Schutzmann, der daneben schnauzbärtig den Durchlaß bewachte, reckte die Pickelhaube. Vorn an der Rampe des Bollwerks brüllte der dicke Boß: „Stop! Stoi! Halt, du Pijaukel!“ und riß einen jungen Kaftanträger robust am Ellenbogen zurück. „Deinen Ausweis, fellow!“
Der Matrose warf die Kette quer über die Holme der Gangplanke. Die Auswanderer, beladen mit Sack und Pack und Bitternis und Hoffnung, stockten wie ein scharf gebremster Güterzug. Einer stieß dem andern gegen Rückfront und Habseligkeiten. Einige lupften murrend den Ballen Bettzeug von der Achsel, husteten und spuckten im herniederfahrenden Schlotqualm. Rasseln von Kohlen und Schaufeln erscholl aus dem Bauch des stämmigen Schiffes. Die Heizer machten Dampf.
Warten? Immer noch warten? Was hat denn der Boß zu meckern! Aus überzerrten Händen gleiten Bügel billiger, abgewirtschafteter Koffer, Bindfäden schneiden in Fingergelenke, Verschnürung für das bißchen, was an armseligem Hausrat mitgeschleppt werden darf.
März 1881. Der Wind bläst von Ost und ist voller Hafengeruch, Trümmerdunst und Geheul, das zuweilen in einem Sprengschuß zerbirst. Den Flüchtlingen erschauert das Eingeweide, als kämen die Kosaken wieder hinterher, von denen sie durch enge Ghettogassen in Galizien gehetzt wurden. Es war aber nur der Lärm von der Kehrwieder-Insel, wo hinterm Jonashafen die Freie und Hansestadt Hamburg darangeht, mit jaulenden Baggern und dem nagelneuen „Nobels Patent-Pulver Dynamit“, den Bismarck abgerungenen Freihafen zu schaffen und dafür bedenkenlos ein ganzes Wohnviertel schönsten Barocks opfert. „Da hätt’ ich Arbeit kriegen können“, sagt einer in dem Haufen, „aber drüben überm großen Teich gibt es Gold statt Dreck.“
Aus dem langen Schlot des Liverpooler Schraubendampfers strähnt der Rauch nun hoch gen West wie ein grauer Wimpel der Unbegrenztheit. Darunter, vor dem letzten schmalen Steg in die goldene Weite, steht der Boß der Reederei, dick wie zehn Grenzpfähle. Der Bursche in Kaftan und Lammfellmütze, den er gepackt hält und den die ungeduldig Nachdrängenden gegen die Kette pressen, wiederholt voll Trotz unaufhörlich: „Agent weiß, Agent hat!“
Es nützt ihm nichts. Matrosenfäuste befördern ihn aufs Bollwerk zurück. Und wieder löst sich die Kette. Der Boß, die erkaltete Zigarre zwischen den Zähnen, vergleicht polternd Ausweis um Ausweis mit einer langen Liste und schaut drein, als habe er es mit nichts als Gaunern und Abschaum zu tun.
„Wo bleibt bloß dieser Ballin! Damn’it!“ dröhnt er dem Kapitän zu, der am Bordende der Gangplanke Posten gefaßt hat. Der „Alte“ zuckt einen Mundwinkel nach oben. Seine verkniffenen blauen Augen gleiten über die paar Gebäude am Bollwerk: Hotel, Brauerei, Zirkuskuppel, Seemannsheim und Reeperbahn, Budiken.
„Haben bald Hochwasser, Boß!“ erwidert er und mustert weiter die Passagiere, die auf dem immer steiler vom Ufer ragenden Laufbrett an Bord klimmen, als ginge es geradewegs in den Himmel.
„Dung für den ausgelaugten Indianerboden“, meint Mister Cassel und streicht sich den gepflegten schwarzen Bart, den er sich à la Prince of Wales um Lippe und Kinn stehen läßt.
Herr Carr, das bunte Bild ostischer Kaftane durch die Schlaufe seiner Reitpeitsche visierend, fügt hinzu: „Und so gratis von Rußland geliefert, daß das Geschäft lohnt. Der Boß da vom in seinem teuren Pelz scheint jedenfalls auf seine Kosten zu kommen.“
„Aber für seinen Ranschaffer hat es offenbar nicht mal zum Sommerüberzieher gereicht“, lächelt Cassel. Mit leichter Bewegung des Handschuhs zeigt er auf einen jungen Mann, der sich atemlos, die kleine Nickelbrille auf der schweißglänzenden Nase, durch das Gedränge am Bollwerk zwängt. Seine schwarzen Locken, der kleine Schnurrbart, das weiße Formular mit dem Kontorhut in seiner Linken, schaukeln und wippen zwischen Frachtstapeln, Fuhrwerken, Quartiersleuten, Waterclerks, Hafenlöwen, Händlern, Heuerbaasen und Gaffern heran. Hier und da grüßt er und eilt an dem gemütlich zurücknickenden Polizisten vorbei zur Laufplanke. Der Bursche mit der Lammfellmütze stürzt dem Agenten entgegen, küßt ihm den Saum des abgewetzten Jacketts und jammert: „Panje Agent, Panje Ballin! Karta parowiec! Ausweis meiniges!“ Der nimmt ihn sachte beim Arm: „Wratislaw! Cicho, cicho! Dobrze! Alles in Ordnung!“ Er zieht ihn mit sich auf die Gangway. Der Boß wirft einen vorwurfsvollen Blick auf den Fahrschein.
„Ham Se woll retour gekauft, Ballin“, grinst er verächtlich.
„Das ging am schnellsten und unauffälligsten, Miller. Die Dämchen auf Sankt Pauli haben sein Heimweh ausgenützt. Aber sie fanden seine Barschaft zu armselig und wollten dafür seinen Rock und die Hosen behalten; da hat er schon lieber das Ticket gegeben. Hat sich im Seemannsheim wieder angefunden.“
Der Pelzmützige drückt sich scheu an Bord und in den Niedergang. „Menschenfreund!“ zuckt der Boß die Achseln, speit den zerkauten Zigarrenstummel in die Lücke zwischen Rampe und Schiffsbauch und reicht Ballin die Namensliste: „Bringen Sie das denn man auch zu Ende, junger Mann! Mir ist die Flosse schon ganz steif vor Kälte und Kreuzemachen.“
„Meine Tätigkeit hört zwar an der Gangway auf, doch will ich Ihnen und den Leuten gern mal wieder den Gefallen tun, Herr Miller“, entgegnet Ballin höflich.
Und nun geht es flott. Es ist auf einmal alles ganz anders. Als wehte plötzlich ein anderer Wind. Die Sonne, eben noch eine hohle Schweinsblase, scheint jetzt zu leuchten und zu wärmen, und wo bislang bedrücktes Schweigen und verhaltenes Murren geherrscht, erschallt unterdrücktes Gelächter, ja hin und wieder lobt sogar ein Dankeswort die gute Beköstigung und Unterkunft in Hamburg: Die Columbia-Agentur hat es an nichts fehlen lassen, und ihr Inhaber und Expedient ist der junge Albert Ballin, der, der nun geschickt den Rest des Auswandererhaufens an Bord schleust.
Hier und da hat er ein Scherzwort, eine Ermunterung, sein rascher Blick geht hin und her. Kreuz um Kreuz setzt er hinter Namen um Namen. Da und dort faßt er selbst mit zu und hilft einem Bündel, einem aufplatzenden Karton, einem Dreikäsehoch oder einem Mütterchen über die abgewetzten Querlatten der Bohlen zur Bordkante empor.
„Nun man gau, Iwan! – Jegnam pana, pani Bella! – Ah, pani dobrosjejka, gode Reis! – Marja Katjimiera, was macht das Zahnwehweh? Dobje? Dobje, dobje! – Palt niewoljno, Stanislaw! Rauchen darf an Bord nur der Schornstein und der Kapitän. – Immer sutje, jechatsch stäppem, Schritt fahren, Matka Kanapka! – Warschau! Uwagatsche, vorsichtig, Bäbily! ...“
„Der kleine Jud kennt doch die ganze Polakenmischpoche wieder mal persönlich, Käptn“, knurrt der Boß. „Und dabei hat er das Gesindel doch erst gestern abend vom Bahnhof bugsiert.“
„Schätze, hat ein verflucht gutes Gedächtnis, Boß, und vielleicht noch ’n bißchen mehr“, lächelt der Kapitän. Der Boß qualmt mit dem Schlot um die Wette, die Fäuste tief in den Pelztaschen. „Wieso mehr?“ kaut er.
„Dat, wat man so Herz nennt, Boß.“
„Wissen Se, Käptn, das zehrt bloß. Das sehn Se dem Moses ja an.“
„Aber immer gut zu tun, Boß“, schmunzelt der Kapitän.
„Ist jetzt endlich Schluß?“ brüllt der Boß zu dem Agenten hinunter. Die letzten Kopftücher und Matratzen gelangen aufs Schiff und tauchen in der Luke unter. Matrosen beginnen, die zur Zeit auch bei Dampfern noch üblichen Rahsegel vorn und achtern an den Rahen loszubändseln.
„Haben Sie auch alles angekreuzt, Herr Miller?“ fragt Ballin die Gangway hinauf.
„Glauben Sie, mir rutscht auch nur eine Wanze durch die Trallen?“ knattert der Boß.
„Dann fehlen noch zwei, Herr Miller.“
„Ham die bezahlt?“
„Prepaid. Fahrkarte ist von drüben geschickt.“
„Dann haben die Dreckschweine auch da zu sein. Abfahrt, Käptn!“
Der Boß klettert die Gangplanke abwärts, aber der Kapitän ruft ihm nach: „Wenn Ballin meint? Ebbe setzt eben erst ein. Bei der Brise hau ich mit volle Seils zeitig genug nach See. Können ja mal tuten.“
„Danke, Käptn Knuth“, ruft Ballin hinauf.
Die Dampfsirene orgelt gewaltig dreimal über Hafen und Stadt. Ballin greift mit beiden Händen um die Geländer des Laufstegs. Die eilige Fahndung nach dem Ausweis hat ihn erhitzt gehabt. Jetzt friert ihn elend. Kapitän Knuth wischt sich über die Stirn, zieht seinen blauen Mantel aus und ächzt: „Verdammt warm von all den Abschiedsgrogs!“
Und mit abschätzendem Blick nach unten und geschicktem Schwung läßt er den Mantel sitzgerecht auf den schmächtigen Schultern des kleinen jüdischen Agenten landen.
Zu Erstaunen, Rührung oder Abwehr bleibt keine Zeit. Knuth...




