E-Book, Deutsch, 662 Seiten
Lehmann / Oswald Das Leuchten der Wintersterne
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-386-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zwei Romane in einem eBook: »Der Winterwanderer« von Christine Lehmann und »Das kleine Weihnachtshaus des Glücks« von Susanne Oswald
E-Book, Deutsch, 662 Seiten
ISBN: 978-3-98952-386-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christine Lehmann, geboren 1958 in Genf, wuchs in Stuttgart auf. Heute pendelt sie zwischen ihrer Heimatstadt und Wangen im Allgäu. Christine Lehmann ist Nachrichtenredakteurin beim SWR und schreibt seit vielen Jahren erfolgreich in den verschiedensten Genres - von Krimis und historischen Romanen über Jugendbücher bis zu romantischen Liebesgeschichten. Außerdem arbeitet Sie an verschiedenen Sachbüchern und Hörspielen. Die Website der Autorin: christine-lehmann.blogspot.com/ Christine Lehmann veröffentlichte bei dotbooks ihren Hundekrimi »Eiskalte Fährte« sowie ihre Romane: »Der Zauber einer Inselnacht« »Das Grand Hotel an der Ostsee« »Die Liebesträumerin« »Das Geheimnis des Rabenhofs« »Der Winterwanderer« »Das Grand Hotel an der Ostsee« »Die Strandträumerin« »Die Inselträumerin« - als eBook- und Printausgabe erhältlich Die letzten drei Romane sind auch im Sammelband »Der Zauber der Insel« erhältlich. Außerdem sind »Der Zauber einer Inselnacht & Das Grand Hotel an der Ostsee« als Doppelband erschienen. Unter ihrem Pseudonym Madeleine Harstall erschienen bei dotbooks die Romane »Die Töchter der Heidevilla« und »Die Frauen von Usedom«.
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Kapitel 1
Der Scheibenwischer knarrte. Schneeflocken schossen auf Sophie zu wie Mücken ins Licht. Die Autobahn war weiß geworden. Vorne schlingerte ein Lastwagen mit Anhänger, fing sich aber wieder. Das Schneegestöber hatte erst auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb angefangen. Unheimlich rasch versank das Land unter einer weißen Decke.
Seit einer Stunde fuhr Sophie nur noch sechzig. In Stuttgart hatte der Tag ganz normal angefangen. Aber Dieter hatte sie gewarnt. »Fahr nicht. Der Wetterbericht sagt Schneechaos voraus. Ich möchte nicht, dass du auf der Autobahn dein Leben riskierst, nur um diesen Auftrag zu erfüllen. Das hast du doch nicht nötig.«
Aber Sophie war noch nicht lange genug im Geschäft, als dass sie es sich hätte leisten können, einen Vertrag nicht einzuhalten, nur weil es schneite. Laut Vertrag musste sie bis zum 5. Januar fertig sein. Hätte Dieter sich nicht so angestellt, als sie zwischen Weihnachten und Neujahr fahren wollte, dann wäre sie jetzt schon wieder zu Hause gewesen. Aber zwischen den Jahren pflegte Dieter seine Geschäftspartner und Freunde einzuladen. Jeden Tag waren Gäste da, und zu Silvester stieg eine Party. Wie hätte Dieter seinen Gästen erklären sollen, dass seine Frau nicht zu Hause war? Kriselte es etwa in ihrer Ehe?
Für Sophie war es der erste wichtige Auftrag in einem völlig fremden Haus außerhalb von Stuttgart. Den Fotos zufolge, die ihr eine gewisse Monika von Rohenfels geschickt hatte, handelte es sich um ein Schlösschen im schwäbischen Allgäu. Die Wand, um die es ging, befand sich in der Eingangshalle. Jeder, der das Schloss betrat, würde sehen, was Sophie auf diese Wand gemalt hatte. Eine bessere Werbung gab es nicht.
Auch wenn Dieter nicht einsah, dass sie für sich Werbung machen musste. Für einen seiner Kunden hatte sie um den Kamin herum eine Einfassung gemalt. Dessen Freundin hatte dann einen Karibikstrand mit Palmen im Bad ihrer Penthouse-Wohnung haben wollen. Sophie hatte sie überreden können, stattdessen eine romantische Landschaft nach Turner zu nehmen. Sie hatte zwei Monate im Sommer daran gemalt. Anfang Dezember kam dann der Anruf von Frau von Rohenfels.
»Rohenfels?«, sagte Dieter, als Sophie ihm davon erzählte. »Wie kommt der auf dich?« Es stellte sich heraus, dass Dieter einen Mathias von Rohenfels aus Studientagen in München kannte. »Seit fast zwanzig Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört.«
»Aber es ist eine Monika von Rohenfels, die mich angerufen hat«, gab Sophie zu bedenken.
»Das ist seine Frau.« Auf Dieters Gesicht mit dem Dreitagebart mischten sich Verblüffung, Wiedererkennensfreude und Skepsis, ja, fast sogar Ablehnung. Sophie hatte nicht herausbekommen, warum er eigentlich dagegen war, dass sie in Schloss Rohenfels malte. Vielleicht bildete sie es sich auch bloß ein. Seine Argumente waren allgemeiner Art. »Willst du wirklich eine solche Fronarbeit auf dich nehmen?«, hatte er sie gefragt. »Diese Leute ziehen dich doch über den Tisch. Was die dir zahlen, ist ein Witz. Das hast du doch wirklich nicht nötig.«
Nein, finanziell hatte sie das nicht nötig, seit sie mit Dieter verheiratet war und die Villa auf dem noblen Stuttgarter Killesberg bewohnte. Dieter war als Architekt ausgesprochen gut im Geschäft.
Als Sophie sich als Aushilfszeichnerin in seinem Architekturbüro in Dieter verliebte, befand sie sich auf dem Tiefpunkt ihres Selbstwertgefühls. Sie hatte Jahre gebraucht, um sich wieder aufzurappeln. Darum hatte sie diese Aufträge nötig.
Während sie auf der verschneiten Autobahn ihr Leben riskierte, als sie den schlingernden Lastwagen mit Anhänger überholte, für Sekunden völlig eingenebelt von Schneefahnen, riskierte sie es auch seit langem zum ersten Mal wieder, an die Katastrophe zu denken, die sich allmählich in ihr breit gemacht hatte. Sie kam heil aus dem Schneestaubnebel heraus und scherte vor dem Lastwagen auf die beinahe makellose Fläche der Autobahn ein. Im Schneetreiben verschwammen alle Grenzen. Der graue Himmel ging ins Gewirbel der Flocken über, die flache Landschaft versackte unter einer Decke, die keine Unterschiede machte zwischen Asphalt, Weiden, Gehöften, Bäumen und einsamen Waldstücken. Es war ein Nirgendwo, in dem Sophie sich befand, das stille turbulente Nirgendwo ihrer Seele.
Sie war gerade dreißig geworden. Um ihr Gesicht mit dem feinen hellen Teint kräuselte sich Haar von der Farbe gebrannten Tons, das ihr in einem langen schweren Zopf über den Rücken fiel. Unter den geraden Brauen blickten ein Paar lichte graue Augen abwartend in die Welt. Um ihre leicht geschwungenen Lippen lag ein ernster, gewissenhafter Zug. Wer sie lächeln sah, ahnte ihre Großherzigkeit und Wärme, aber dort, wo sie herkam, war das nicht sonderlich gefragt. Dieters Geschäftspartner und Freunde erlebten sie als leise Erscheinung von natürlicher Schönheit und als patente Managerin seines Haushalts. Die Ehefrauen bewunderten fachkundig das Organisationstalent, das hinter den fünfgängigen Menüs und perfekten Tischdekorationen steckte.
Wenn Dieter nach dem Essen die Drinks mischte und über seine Siege bei Wettbewerben für Großaufträge redete, räumte Sophie in der Küche die Spülmaschine ein und richtete die Snacks an. Dann kam manchmal eine Ehefrau dazu und erkundigte sich mit gewundener Indirektheit, warum Dieter und sie keine Kinder hatten. »Ich bin noch nicht so weit«, antwortete sie darauf. Aber an ihr lag es nicht. Es wäre an Dieter gewesen, mal zum Arzt zu gehen. Doch als sie das nach zwei Jahren Ehe angesprochen hatte, war er gemein geworden und hatte erwidert: »Wann schläfst du denn schon mit mir?« Sophie war so verletzt gewesen, dass ihr der Widerspruch im Hals stecken geblieben war. Wann war er denn je wirklich in Stimmung für die gemeinsamen Freuden? Für seine eigenen war er schon gelegentlich in Stimmung, aber nicht für ihre.
Dieter war fünfzehn Jahre älter als sie. Er hatte sie aufgefangen und ihr eine Perspektive geboten, als sie völlig desorientiert aus ihrem Studium in die Welt stolperte. Solange sie Kind war, hatten ihre Eltern, Onkels und Tanten sie als begabte Malerin gehätschelt. Es galt als ausgemacht, dass sie mal berühmt werden würde. Ein Volksschullehrer hatte als Erster ihre Begabung gefördert. Auch später bekam sie im Kunstunterricht immer nur Einser. Fast hilflos standen die Lehrer vor ihrer Fähigkeit, mit dem Bleistift ein Foto so zu kopieren, dass die Zeichnung wie das Foto selbst aussah. Aber schon damals hatte sie leichtes Unbehagen empfunden. Ihr fehlte etwas. Fotorealismus reichte nicht. Ihr fehlten die Ideen. Doch niemand schien das zu merken. Die Bewunderung überschlug sich, als sie anfing in der Stuttgarter Staatsgalerie die Bilder alter Meister in Öl zu kopieren. Sie war präzise und perfektionistisch. Doch als sie sich nach dem Abitur an der Kunstakademie bewarb, bekam sie eine Absage. Damit hatte niemand gerechnet. Für Sophie war es ein Schock. Freilich hätte sie sich an anderen Akademien bewerben können, aber ihr war schlagartig klar geworden, dass sie keine Künstlerin war. Sie verspürte keinen Drang, zu zeichnen oder zu malen. Sie besaß keine innere Bilderwelt, die sie auf der Leinwand verwirklichen musste. Sie musste nicht malen. Sie kopierte nur. Und nicht einmal das musste sein. Sie konnte genauso akribisch einen Tisch dekorieren oder die Farbtöne von Vorhängen, Teppichen und Servietten aufeinander abstimmen.
Weil es aber nicht so leicht war, mit Anfang zwanzig plötzlich das gesamte Selbstbild umzuwerfen, schrieb sie sich erst einmal in Kunstgeschichte ein. Ihre Eltern führten ein kleines Hotel in einem Stuttgarter Vorort und glaubten ihr, dass sie damit Lehrerin werden konnte. Doch in der Dunkelheit des Hörsaals gestand Sophie sich ein, dass sie das alles nicht wirklich interessierte. Ein Professor haspelte sich am Pult durch einen Aufsatz über den Klassizismus. Der Hilfswissenschaftler verwechselte die Dias. Amor und Psyche des Bildhauers Canova erschienen falsch herum. Die Folterkeller von Piranesi waren so dunkel, dass man gar nichts erkannte. Oder sie standen auf Exkursionen fröstelnd und fußmüde in einer Krypta, Sophie immer ganz hinten, damit sie nicht das »Bitte datieren Sie!« des Professors ereilte. Sporen an den dorischen Säulenbasen gab es nur bis 1250. Kunstgeschichte war nichts weiter als datieren und das Caravaggeske Hell-Dunkel erkennen.
Erst als Sophie nicht mehr umhin konnte, nach einem Thema für eine Magisterarbeit zu suchen, gestand sie sich und ihren Eltern ein, dass sie gescheitert war. Ihre Eltern schlugen ihr vor, die Hotelfachschule zu besuchen. Dann könnte sie eines Tages das Hotel übernehmen. Aber das kam Sophie wie Selbstmord auf Raten vor. Seit ihrer Kindheit hatte sie sich nach einem normalen Familienleben gesehnt, nach einem kleinen Haus, in dem man nicht ständig auf Fremde stieß, nach einer kleinen Küche mit kleinen Töpfen. Einer der Architekturstudenten, der gelegentlich Kunstgeschichte hörte, sagte ihr dann, dass der bekannte Architekt Dieter Benrath Aushilfszeichner und Modellbauer suche. Für Sophie war das die Flucht aus einer Zange zweier Horroralternativen gewesen. Bei der stundenlangen Arbeit am Zeichenbrett oder beim millimetergenauen Kleben von Modellen konnte sie sich völlig vergessen. Dieter führte sie zum Essen aus und erzählte ihr von seinen kreativen Krisen. Sophie konnte ihm bei einem Museumsprojekt zu einer anderen Lösung raten. So kam es, dass er sich in sie verliebte, weil sie ihn inspirierte, und sie sich in ihn, weil sie für ihn wichtig war und er die Häuser baute, in denen sie sich seit ihrer Kindheit zu leben sehnte.
Sie kauften sich eine Villa auf dem Killesberg. Sophie bekam zwei Zimmer für sich allein und durfte alle anderen Zimmer einrichten. Sie entdeckte ihr Talent...




