Lehmann | Harte Schule. Kriminalroman | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 255 Seiten

Lehmann Harte Schule. Kriminalroman

Der vierte Fall für Lisa Nerz
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95988-047-3
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der vierte Fall für Lisa Nerz

E-Book, Deutsch, 255 Seiten

ISBN: 978-3-95988-047-3
Verlag: CulturBooks Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Erziehung ist pervers. Lisa Nerz recherchiert zum Tod eines Lehrers. Prompt pfeift ihr Chef sie zurück. Doch so leicht lässt Nerz sich nicht ausbremsen. Sie befragt Schüler, eckt im Lehrerkollegium an und schnüffelt trotzdem weiter ... »Harte Schule ist ein sehr empfehlenswerter Roman. Weil Lehmann mit nie aufgesetzt wirkender sprachlicher Chuzpe zu Werke geht. Und weil sich hier ein überzeugendes Bild von Jugendlichen findet, eine Mischung aus Kälte und Unbedarftheit, Zynismus und Romantik, Hormonkiller und Stilwillen. Lehmann lässt ihre Figuren reden wie Kids in der Straßenbahn und nicht wie Jugendslang-Lexika der Achtziger.« Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung »Lisa Nerz ist - einsam, aufsässig und notorisch respektlos - ein klarer Fall von hardboiled woman. Der gründlich recherchierte, temporeiche, stilistisch hochklassige Roman beschreibt höchst genau die Verhältnisse, die Verbrechen ermöglichen.« Gitta List, Konkret

Christine Lehmann lebt in Stuttgart und Wangen (Allgäu), ist als Nachrichten- und Aktuellredakteurin beim SWR tätig und schreibt Romane, Kurzkrimis, Kriminalhörspiele (Radio Tatort) und Glossen.

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1
Chefredakteur Hermann Elsäßer stand an der Kaffeemaschine, biss auf seiner Pfeife herum und kontaminierte den Kaffee mit drei Pillen Süßstoff. »Frau Nerz, wie Sie wissen, unterrichtet meine Frau am Paul-Häberlin-Gymnasium.« Elsäßer war sonst nicht der Mann, der den Verheirateten herauskehrte. »Also machen Sie bitte keine große Geschichte draus.« Ich nahm Zucker. »Woraus denn?« Er kraulte sich den Vollbart. »Irgendein Deutschlehrer ist ermordet worden. Und behandeln Sie mir die Volontärin pfleglich!« Volontärin Isolde Ringolf saß in meiner Zelle im Großraumbüro des Stuttgarter Anzeigers auf meinem Stuhl vor meinem Bildschirm und surfte durch die Agenturmeldungen. Der Duft von Laura Biagottis Venezia harmonierte mit einem orangeroten Leinenblazer, einer beigefarbenen Seidenbluse und einem braunen Wickelrock mit orangeroten Streifen. Sie war blond. Auf dem Näschen saß ein randloses Titanmodell. Sie war hochintelligente unter dreißig, und ich hatte sie jetzt für einen Monat am Hals. »Was wissen Sie über das Paul-Häberlin-Gymnasium?« »Paul Häberlin«, sagte sie, »war ein Pädagoge und Philosoph, ein Existenzialist. Er entwickelte eine Ontologie von Individualität …« »Was auch immer das ist.« Isoldes Augenbrauen rutschten hoch. »Ontologie? Die Lehre vom Sein.« »Ich meine Individualität.« Sie lächelte spöttisch. Als ich nach meiner Lederjacke griff, nahm sie einen karamellfarbenen Kamelhaarmantel vom Haken. »Und wo wollen Sie hin?«, erkundigte ich mich. »Ich dachte, wir …« »Wissen Sie, was eine Blondine mit zwei Gehirnzellen ist?« Sie runzelte die Stirn. »Schwanger.« Hinter den entspiegelten Gläsern brodelte blaues Gift. Ich meldete uns im Sekretariat zur Recherche ab und hielt meiner schönen, verstockten Begleiterin die Türen auf, die sich uns auf dem Weg zum Parkplatz entgegenstellten. Ihr »Danke« klang wie Zitronenbonbons mit Vitamin-C-Zusatz. Die Büsche, die kostbaren Parkplatz wegnahmen, waren wie verglast. Von jedem Blatt schmolz tropfend das Eis, um auf dem Asphalt sofort wieder zu gefrieren. Isolde rutschte. »Der da?« »Darf ich vorstellen«, sagte ich, »das ist Brontë. Und das ist Isolde.« Isolde lutschte an einem kleinen Lächeln, durchaus anerkennend. Brontë wirkte weniger begeistert. Sie war ein vierzig Jahre alter Porsche 356 B 1600 Super 90 – hochzeitsweiß mit nuttenroten Ledersitzen –, den ich mir hatte zulegen müssen, nachdem Emma, mein Golf Cabrio, an einem Apfelbaum bei Reutlingen an der Schwäbischen Alb ihr Leben ausgeknistert hatte. Ich hätte mir auch ein fabrikneues Cabrio leisten können, aber ich habe ein Faible für alte Damen. Auch wenn Brontë grätig war wie eine alte Katze. Erst wollte sie die Tür nicht öffnen, dann nadelte sie uns Kaltluft ins Gesicht. Isolde raffte den Kamelhaarmantel und überlegte laut: »Brontë? Nach welcher der drei Brontë-Schwestern ist die hier benannt?« »Keine Ahnung. Sie verrät mir ihren Vornamen nicht. Aber vielleicht haben Sie ja mehr Glück.« Isoldes titanleichter Brillenblick rasterte mein Profil, legte es unter der Rubrik ›mutwillig originell bis verrückt‹ ab und resümierte: »Mein Freund legt seinen Oldtimer im Winter still. Einen Benz.« Ich gab Brontë die Hundert auf der Schnellstraße nach Degerloch. Das intelligente Verkehrsleitsystem suggerierte sonniges und trockenes Wetter. Stuttgart eiste unter grauen Wolkenschichten zwischen entlaubten Hängen im Talkessel. Wir mussten längs hindurch, vom Südwesten in den Norden. Münster liegt hinter der Müllverbrennungsanlage, eingequetscht zwischen Bahnlinie und Neckar und nördlich beschnitten vom Schnarrenberg. Hier wurde eifrig und eng gewohnt. Es gab eine Bankfiliale, eine Post, eine Apotheke, ein Rathaus, aber kein Zentrum. Das Paul-Häberlin-Gymnasium gruppierte seine dreigeschossigen Plattenbauten oben an der Bahnlinie um einen Lehrerparkplatz und einen kleinen Schulhof. Das Aufgebot an Polizeiautos hatte etliche Anwohner zu einem spontanen Gang zum Bäcker animiert. Die Glastür des Haupteingangs hatte einen Sprung. Der Geruch nach feuchten Jacken, Turnschuhen und Putzmitteln weckte tief sitzende Beklemmungen. Wenn unsereiner früher durch menschenleere Schulgänge eilte, dann war etwas schiefgegangen. Andernfalls saß man hinter den Türen im Unterricht oder rempelte durch Pausenmassen. Ich steuerte die Treppe an. Lehrerzimmer und Rektorat lagen immer irgendwo oben. Grünpflanzen in einem Hydrokübel mit Sitzgruppe im zweiten Stock zeigten an, wo Eltern zu warten hatten, die zur Lehrersprechstunde erschienen. Das Lehrerzimmer verwehrte Unbefugten den Zutritt mit einem Türknauf. Das Rektorat hatte jetzt, zwischen den Pausen, etwas von Pausenstimmung. Am Tisch hinter der Holztheke trank eine voluminöse Sekretärin mit gespitzten Lippen und abgespreiztem kleinem Finger Kaffee aus einer Mokkatasse. Sie suchte den Blick durch beschlagene Brillengläser. »Guten Morgen«, sagte Isolde. »Wir sind vom Stuttgarter Anzeiger. Könnten wir wohl den Herrn Rektor sprechen?« »Der hat anderes zu tun.« »Dürfen wir dann hier auf Herrn Otter warten, Frau Bluthaupt?«, erkundigte sich Isolde höflich. Wie ein guter Staubsaugervertreter hatte sie sich die Namen auf dem Türschildchen gemerkt. Der Kamelhaarmantel schmiegte sich um ihr Figürchen an das zerratzte Holz der Theke. Unter dem Saum lugte der Rock hervor, darunter schimmerten Seidenstrümpfe. Die Pumps hatten an den Fersen kleine Nieten. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, sagte Frau Bluthaupt und wandte sich Papieren zu. Stühle gab es im Vorzimmer nicht. Schüler sitzen sowieso den ganzen Tag. »Sie halten die Stellung«, flüsterte ich Isolde zu. »Ich bin gleich wieder da.« »Aber …« »Oder wollen Sie im Auto warten?« Isolde schnaufte. Der Rektoratsgang endete an einem Fenster zu einem hinteren Schulhof. Gegenüber klotzte eine Turnhalle, die rechts durch einen Seitenflügel mit dem Haupthaus verbunden war. Der Zaun zum öffentlichen Fußweg hatte was von Raubtiergehege. Unten rotteten sich Uniformierte und Zivilisten um einen abgedeckten Körper. Ich treppelte die zwei Stockwerke hinab. Der Gang, der unten an einer Glastür endete, war mit rotweißen Bändern gesperrt und wurde von einem Schutzpolizisten bewacht. »Ist Oberkommissar Weininger schon da?«, fragte ich. Weder meine Frage noch meine Lederjacke oder die Narbe in meinem Gesicht passten zu dem, was sich der Bulle unter einer Lehrerin vorstellte. Seine Antwort war diplomatisch. »Das weiß ich nicht.« Ich entzog mich seinem Blick um die nächste Ecke in den Verbindungstrakt zur Turnhalle. Die Klassenzimmertüren lagen einander gegenüber. Ich klinkte links die nächste auf. Dahinter war es überraschend finster. Im Schein der offenen Tür starrten mir zwei Dutzend Kinder entgegen. Neben einem Filmprojektor ahnte ich die Gestalt des Lehrers. Auf der Leinwand vor der Tafel wurde gerade der brasilianische Regenwald abgeholzt. »Jede Minute verschwindet eine unserer Lebensgrundlagen auf einer Fläche von vierzig Fußballfeldern.« Schon zu meiner Zeit hatte der Sprecher so unerbittlich geklungen. »Polizei«, sagte ich noch tadelnder und marschierte durch den Regenwald zu den Fenstern, die mit schweren Vorhängen verhängt waren. Ich suchte nach einem Lichtstrahl, fand den Schlitz, öffnete ein Fenster und stieg aufs Fensterbrett. Gelächter flackerte auf. Auch die heutige Jugend war noch mit ganz einfachen Dingen zu erfreuen. Ehe ich in den Schulhof sprang, hatte ich Christoph Weininger ausgemacht. Er neigte zu weißen Socken, die vor der schwarzen Plane blitzten. »Ich kann dir nichts sagen«, sagte er. »Brauchst du auch nicht. Warum liegt die Leiche noch hier?« »Glatteis. Der Leichenwagen steckt im Stau. Es sind wieder alle Hausfrauen mit Sommerreifen losgefahren und haben sich quergestellt.« Er blies in die rot gefrorenen Hände und steckte sie dann in die wattierte rote Weste. Christoph war ein kleiner Schlägertyp mit stoppeligem Schädel und einem Gesicht zwischen Biergemütlichkeit und Strafbarkeitsvermutung. »Wer hat ihn gefunden?«, erkundigte ich mich. »Der Hausmeister und eine Turnlehrerin, heute früh beim Aufschließen, gegen halb acht.« Ich hätte gern die Plane angehoben. Aber die Spurensicherung ließ niemanden mehr ran. Der Tote lag kopfseits an einem sechseckigen Blumenkübel aus Beton, in dem ein kahles Bäumchen kümmerte. »Wie ist er gestorben?« Christoph hob die breiten Schultern. »Möglicherweise ausgerutscht und rückwärts gegen den Kübel gefallen.« »Das klingt nicht nach Mord.« »Dazu kann ich nichts sagen.« Christoph blinzelte an mir vorbei. Eine Frau stürzte auf uns zu. In Regenjacke, Jeans, Turnschuhen und mit dem mausgrauen Kurzhaarschnitt über dem Backpflaumengesicht schien sie seit Jahrzehnten erpicht darauf zu beweisen, dass sie der Abteilung bester Mann war. »Was machen Sie hier? Wer sind Sie?« »Nerz.« Ich senkte meine Stimme um eine halbe Oktave. »Hat man Sie nicht informiert? Ich bin der Stuntman. Dezernat für aktionsorientierten Lokaltermin, DALT, im Volksmund Stuntmen genannt. Wir stellen den Tathergang gerichtsverwertbar nach, sobald es der materielle Befund erlaubt. Ich kann nichts dafür. Die Idee stammt von unserem rührigen Polizeipräsidenten. Wir...



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