E-Book, Deutsch, 470 Seiten
Lee DER DUNKLE ENGEL - DAS BLUT DER ROSEN I
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-9125-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Tanith-Lee-Werkausgabe, Band 13
E-Book, Deutsch, 470 Seiten
ISBN: 978-3-7438-9125-8
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Als Kind wurde Mechail von einer schwarzen Motte hochgehoben und fallengelassen. Seitdem ist er ein Krüppel und scheint für immer den dunklen Mächten zu gehören. Vom Halbbruder in einen Hinterhalt gelockt, stirbt er, um in Gestalt eines Wolfs von den Toten aufzuerstehen und furchtbare Rache zu üben... 'Tanith Lee versteht sich auf Menschen wie auf Magie, und das ist selten. Ihre Ideen bersten vor Erotik, Humor - und Komik.' - THE GOOD READING GUIDE TO SF AND FANTASY Der dunkle Engel ist der erste Teil des zweiteiligen Roman-Werks Das Blut der Rosen und erscheint als 13. Band der Tanith-Lee-Werkausgabe im Apex-Verlag.
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Erstes Kapitel
Am Anfang war stille Winternacht, und der große Mond brannte auf dem Schnee. Der gefrorene Boden war so hart wie eine Glaskugel. Zeitlos. Erstarrt lag die Erde da, nicht ein Zweig regte sich im Wald. Dann ertönte ein Geräusch. Ein dumpfes, fernes Trommeln. Ein wenig Schnee erbebte und geriet ins Rutschen. Das Trommeln wurde drängender, schwoll an und wurde zu einem Donnern. Ein Strom von Reitern ergoss sich aus dem Wald, am weißen Rand der Welt entlang, abgehoben von der Schwärze des Himmels, die Pferde in gestrecktem Galopp, die roten Fackeln ein Riss durch die Nacht. Die Jagd war eröffnet. Eine wilde Jagd. Die Gesichter der Männer waren verzerrt und bleich. Einige schrien im Reiten, dann verstummten sie wieder. Die Pferde schnaubten. Die Soldaten gaben ihnen die Sporen, Flammen wogten, hier und da blitzte ein blankes Schwert auf, das inmitten der Fackeln hochgereckt wurde, den Mond zu spalten. Doch wo war das Wild? Der vorderste Reiter, ein Hauptmann von neunundzwanzig Jahren, war Carg Vrost. Er schien nicht ganz bei sich zu sein, aber schließlich war es noch keine volle Stunde her, dass er im Gasthof ausgiebig gezecht hatte, und oben im Zimmer wartete ein Mädchen auf ihn... Jetzt hatte er es gewiss vergessen. Er sah aus wie die anderen, rasend, blutdürstig und verängstigt. Und plötzlich stieß er wie die anderen einen Schrei aus und zeigte irgendwohin, mit erschreckten Augen, als erblickte er ein Wesen aus einem Alptraum. Aber was? Die Fackeln flackerten, und die Schatten der Soldaten und Pferde malten Muster in den Schnee, und als sie wieder auf den Wald zustürmten, stand der Mond vor ihnen im Westen. Und dort... dort... einen Moment lang als Silhouette gegen die Scheibe des Mondes abgehoben... Der Fackelschein fiel darauf, fügte der Schwärze der im Flug begriffenen Flügel einen Flammensaum hinzu und gab dem langgestreckten Körper das Aussehen einer Spindel. Darüber war deutlich der Kopf mit den Fühlern zu erkennen. Und obwohl das Wesen für seine Art riesig war, erschien es in der Dunkelheit, im Mondschein, doch unglaublich zart im Vergleich zu seinen zahlreichen Verfolgern. Die Fühler am Kopf endeten jedoch in einem glitzernden Funkeln, röter als Feuer. Die Soldaten jagten nichts anderes als eine Motte. Der Wald wich auseinander. Die Reiter drängten hinein, finsteren, tückischen Pfaden folgend, als wollten sie mit dem untergehenden Mond Zusammenstößen. Sie wurden von Dunkelheit verschluckt. Sie waren verschwunden. Die alte Sklavin hatte geschlafen. Dies war ihr Verbrechen, für das sie noch vor dem Morgengrauen sterben würde. Das Kind hatte ebenfalls geschlafen, aber das sollte es auch bei Nacht. Es lag in einem kleinen Holzbettchen mit grünen, purpurfarbenen und rostbraunen Vorhängen, in dessen Pfosten in Miniatur der Rabe der Korhlen eingeschnitzt war. Der Sohn des Burgherrn Vre Korhlen, drei Jahre alt, das jüngste mit einer kränkelnden Frau gezeugte Kind und darum vielleicht sein letztes Kind überhaupt, wenn die Kirchenväter dem Burgherrn keine weitere Heirat gestatteten. Der Junge war brav, er machte keinen Ärger. Er lag da und schlummerte. Und das Feuer im Kamin brannte vor sich hin, der Winter mit seinem nächtlichen Schnee und den Wölfen blieb vor dem Fenster ausgesperrt. Das Fenster war geschlossen, doch der Laden hatte sich ein wenig verzogen. Durch eine Lücke drang die Kälte herein, darum hatte die Frau den Spalt wie gewöhnlich mit einem Wolllappen verstopft. Als sie erwachte, fiel ihr als erstes auf, dass der Lappen unter dem Fenster lag, am Fußende des Betts. Vielleicht hatte sie der kalte Luftzug geweckt. Sie erhob sich schläfrig, nahm den Schürhaken und stocherte im Kamin. Dann wollte sie den Lappen aufheben und ihn wieder in den Spalt stecken. Als sie am Bett anlangte, schaute die alte Frau durch die Vorhänge zu Vre Korhlens Kind hinein. Sie erblickte etwas so Schreckliches, dass es über ihren Verstand ging. Ihr erster Gedanke war, der Junge sei enthauptet worden. Sein Kopf lag verdreht auf dem Kissen, und über den Hals zog sich eine hervorstechende Linie aus hellrotem Blut. Noch starr vor Entsetzen bemerkte sie, dass eine Winterblume mit zwei schwarzen Blütenblättern in das Blut hineingefallen war. Die plötzlich erzitterte. Die blanke Furcht löste ihre Schreie. Sie strömten aus ihr hervor wie ein Schwall Erbrochenes. Schreiend wich sie zurück, mit ihren mageren, verwelkten Händen wieder und wieder das Zeichen des Kreuzes und noch ein anderes Zeichen der Abwehr schlagend. Doch keins von beiden zeigte Wirkung, nicht einmal das Schreien. Als sie die Schreie aus sich herausgepresst und die Tür beinahe erreicht hatte, kamen Fußgetrappel und das Klirren und Scharren von Metall die Treppe hoch. Männliche Stärke und die Kraft des Schwertes. Und dennoch. Und dennoch, was vermochten sie gegen dieses Wesen auszurichten? Die schwarze Blume der Motte am Hals des bewusstlosen Kindes erbebte erneut. Die Frau glaubte, sie werde auffliegen, sich womöglich auf sie stürzen, und ein letztes Wimmern entwich ihrer Kehle. Es geschah jedoch etwas viel Unglaublicheres. Die Motte erhob sich tatsächlich vom Bett, schaffte es aber irgendwie, im Aufsteigen den Körper des Kindes mit anzuheben. Das Bild überstieg die Grenzen des Möglichen und Begreifbaren. Wäre die Frau am Leben geblieben, hätte es sich ihr fürs Leben ins Gedächtnis eingebrannt. Die Motte hielt das Kind fest. Wie eine schwere Puppe hing es an ihrem zarten, atmenden, blütenblattbesetzten Leib. Gleich nachdem sie es gepackt hatte, stieg sie hoch, weg vom Bett, bis an die Dachsparren. Und von dort ließ sie es in dem Augenblick fallen, als die Tür aufgerissen wurde. Der Junge plumpste auf den gefliesten Boden. Er schlug hart auf, durch die Wucht des Aufpralls brachen mehrere Knochen. Dies weckte ihn jedoch nicht auf. Er blieb reglos vor den beiden Soldaten des Burgherrn und der alten Frau mit dem Wolllappen in der Hand liegen. Die Motte flüchtete durch den Spalt, in dem der Lappen gesteckt hatte. Und die Soldaten sahen wie versteinert zu und fluchten, und die Frau plapperte sinnlos vor sich hin. Überrascht waren sie nicht. Entsetzt, angewidert und wütend, das ja, aber nicht ungläubig. So etwas kam vor. Diese Dinge kehrten wieder wie die Jahreszeiten oder die Nacht. Einer der Soldaten fiel wie außer sich betend auf die Knie. Der andere rannte Befehle brüllend hinaus. Die alte Frau beugte sich über das Kind, das sie geliebt hatte, wagte jedoch nicht, es zu berühren. Sie empfand eine neue und ganz persönliche Angst, denn in ihrem Inneren wusste sie bereits, was ihr bevorstand. Vor ihnen war der Mond in den Tälern aus Dunkelheit versunken. Überall war Wald, die Säulen der Bäume zogen vorbei, die Kiefern inmitten der Schneewehen, Felsen, Hohlwege, die Flussbetten, die sich in Höllengruben verwandelt hatten. Drei Männer waren gestürzt, einer mit einem Schrei, ein Pferd war ausgerutscht und in den Brunnen der Nacht hinabgerollt und verschwunden. Zweige peitschten ihnen ins Gesicht. Jemand hatte ein Auge verloren, stürmte jedoch weiter mit den anderen voran, die eine Gesichtshälfte eine tintenschwarze Maske. Carg Vrost hatte den Kopf auf den Widerrist seines Pferdes gesenkt. Er schmeckte Galle; ohne in der wilden Jagd innezuhalten, hatte er sich vor einer halben Stunde aus dem Sattel gebeugt und das genossene Bier ausgewürgt. Darum wusste er auch nicht, war er immer noch betrunken oder bloß außer sich. Er jagte den Teufel, und der Gegner lockte ihn weiter. Hinter ihm ein Aufprall, Schreie, und wieder ertönte schrilles Gewieher, und ein Pferd ging zu Boden. Bei Gott, die Männer, die sie verloren, die verletzt, lahm und ohne Pferd liegenblieben, würden ein gefundenes Fressen für umherstreifende Wölfe sein. Carg Vrost duckte sich fluchend unter einen Ast, der wie eine Schlange nach ihm schnappte, ihm über den Schädel strich. Vor ihm ein flirrendes Bild, schwarze Asche und zwei mit glühenden Augen besetzte Fühler. Er sah es ständig vor sich. Es war da. Aber diese Jagd war eine Tollheit. Vrost blickte sich über die Schulter um. Zu seiner Verwunderung bemerkte er hinter sich nur zwei Männer. Sie schienen sich im Wald verheddert zu haben, als hätte etwas sie eingefangen und zöge sie von ihm weg, und er gestikulierte heftig und versuchte, sie mit Beschimpfungen anzuspornen. Und als er sich wieder umdrehte, sah er zwischen den Ohren seines Pferdes hindurch, dass der Wald zehn Schritte vor ihm am Rande eines Abgrunds endete. »Jesus Christus!« Carg Vrost zog die Zügel des dahinstürmenden Pferdes an, das sich daraufhin aufbäumte, strampelnd und rutschend, das Ebenbild einer wahnsinnigen Schachfigur. Und diese barbarische Erscheinung, Pferd und Reiter, tänzelte auf den Rand des Abgrunds zu und rutschte darüber hinweg, dem Mond entgegen. Als er ins Zimmer trat, stand sie am Fenster, Vre Korhlens Frau, die Herrin Nilya. Sie stand dort, seit man es ihr vor zwei Standen gesagt hatte. Wenn sich an ihr etwas bewegt hatte, eine Hand oder die Augen, so fiel es ihm nicht auf. Sie sah noch genauso aus wie bei seinem Weggang, ein Geschöpf der Schneenacht in ihrem weißen Umhang, das schwarze Haar von dreißig Jahren Frost grau gesträhnt. Das erste Grau hatte er am Hochzeitstag bemerkt, obwohl ihre Dienstmagd es unter dem mit Bändern geschmückten Schleier verborgen hatte. Bis dahin musste sie irgendein Färbemittel benutzt haben. »Setz dich hin«, sagte er brutal und laut, »oder geh zu Bett. Was nützt es, wenn du steif wie in der Kirche dastehst? Hast du ihn dir überhaupt angesehen?...




