E-Book, Deutsch, Band 5, 416 Seiten
Reihe: Ein Smiley-Roman
le Carré Dame, König, As, Spion
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8437-0403-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Smiley-Roman
E-Book, Deutsch, Band 5, 416 Seiten
Reihe: Ein Smiley-Roman
ISBN: 978-3-8437-0403-8
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
John le Carré wurde 1931 in Poole, Dorset geboren. Nach einer kurzen Zeit als Lehrkraft in Eton schloss er sich dem britischen Geheimdienst an. 1963 veröffentlichte er Der Spion, der aus der Kälte kam. Der Roman wurde ein Welterfolg und legte den Grundstein für sein Leben als Schriftsteller. Die Veröffentlichung von Tinker, Tailor, Soldier, Spy markiert den nächsten Höhepunkt seiner Karriere. Seine Figur des Gentleman-Spions George Smiley ist legendär. Nach Ende des Kalten Krieges schrieb John le Carré über große internationale Themen wie Waffenhandel, die Machenschaften der Pharmaindustrie und den Kampf gegen den Terror. Der in Deutschland hochgeschätzte Autor wurde mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. John le Carré verstarb am 12. Dezember 2020. johnlecarre.com
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VORWORT
Deutsch von Werner Schmitz
Es war immer mein Wunsch, einmal einen Roman in Cornwall spielen zu lassen, und bis heute bin ich ihm nie so nahe gekommen wie mit Dame, König, As, Spion. Das unfertige Manuskript, das jahrelang bei mir in der Schublade gelegen hatte, ehe ich mich ernstlich daran machte, den Roman auszuarbeiten, kam noch ganz ohne George Smiley aus. Es begann vielmehr mit einem vereinsamten, verbitterten Mann, der allein an der Kliffküste Cornwalls lebt und eines Tages einem schwarzen Auto entgegenstarrt, das sich den Hang hinunter auf ihn zubewegt. Im Kopf hatte ich mir als Schauplatz eine Stelle ausgemalt, ähnlich dem kleinen Hafen Porthgwarra im Westen Cornwalls, wo die Häuser sich bis dicht ans Wasser drängen und den Eindruck machen, als würden sie von den Hügeln dahinter ins Meer geschoben. Der Mann trug einen Eimer in der Hand und wollte gerade seine Hühner füttern. Er hinkte, genau wie Jim Prideaux in dem Roman, den Sie jetzt vor sich haben, und wie Jim war er ein ehemaliger Angehöriger des Britischen Geheimdienstes, »Circus« genannt, und durch einen Verräter in den eigenen Reihen zu Fall gekommen.
Mein ursprünglicher Plan sah so aus, daß die Ermittler des Circus den Mann auf eine Weise wieder ins Boot holen sollten, daß der unbekannte Verräter sich provoziert sähe, erneut in Aktion zu treten und sich auf diese Weise selbst zu entlarven. Die ganze Geschichte sollte in der Gegenwart spielen und nicht in Rückblenden, wie sie jetzt angelegt ist. Doch als ich mit der Ausarbeitung des Buchs begann, stellte ich fest, daß ich mich selbst in die Enge trieb. Ich fand einfach keine plausible Methode, geradlinig voranzuschreiten und gleichzeitig auf den Weg zurückzublicken, über den mein Mann an die Stelle gelangt war, an der die Romanhandlung einsetzt. Und so trug ich nach mehreren frustrierenden Monaten das ganze Manuskript in den Garten, verbrannte es und fing noch einmal von vorne an.
Ich hatte mir jedoch noch ein anderes Problem aufgeladen. Ich wollte nämlich etwas beschreiben, das damals meinen Lesern neu war und – trotz aller Presseberichte über die Infiltration unserer Geheimdienste – vielleicht auch heute noch neu ist: Es ging mir um die verquere Logik, die beim Einsatz eines Doppelagenten waltet, und um das enorme Chaos, in das ein feindlicher Dienst stürzen kann, wenn seine Informationsbeschaffung unter die Kontrolle des Gegners gerät.
Gewiß, wir alle wußten mehr oder weniger, daß Kim Philby einmal als Leiter der Gegenaufklärung des Britischen Geheimdienstes gearbeitet hatte und in die amerikanischen Bemühungen, den KGB zu unterwandern, eingeweiht gewesen war. Wir wußten, daß er zeitweilig sogar als Chef des Britischen Geheimdienstes vorgesehen war. Vielleicht wußten wir auch, daß er persönlich den führenden Moskau-Beobachter der CIA, James Jesus Angleton, bei der Enttarnung von Doppelagenten unterstützt hatte, einem Gebiet, auf dem Philby als außerordentlicher Experte galt. Vielleicht hatten wir gelesen, daß George Blake, ein weiterer KGB-Verräter innerhalb des SIS, etliche britische Agenten an seine sowjetischen Vorgesetzten verraten hatte – heute sagt er, es seien Hunderte gewesen, und wer vermöchte die Prahlerei dieses Elenden zu widerlegen? Die Sache, für die er gekämpft hat, ist wie seine Opfer längst gestorben. Nur wenige Leute haben damals jedoch begriffen, was für ein Hin und Her die Arbeit eines Doppelagenten ausmacht.
Denn während der heimliche Verräter einerseits alles tut, die Aktionen des eigenen Dienstes zu hintertreiben, strebt er andererseits ebendort eine erfolgreiche Karriere an; zu diesem Zweck liefert er der eigenen Seite die Tips und Hinweise, die sie zur Rechtfertigung ihrer Existenz so nötig hat, und spielt ganz allgemein den fähigen und vertrauenswürdigen Burschen, den freundlichen Helfer in dunkler Nacht. Die Kunst – am besten geschildert in J. C. Mastermans Bericht über die britische Doppelspielstrategie gegen Deutschland im Zweiten Weltkrieg – besteht demnach darin, die Balance zu finden zwischen dem, was den Doppelagenten in seiner Rolle als loyalen Angehörigen seines Dienstes bestätigt, und dem, was für die eigene Seite gut ist, deren unablässige Anstrengungen wiederum allein dem Ziel gelten, den gegnerischen Dienst bis zu dem Punkt zu unterwandern, wo er dem Land, das ihn unterhält, mehr Schaden als Nutzen bringt; oder, um mit Smiley zu reden: wo der Gegner komplett umgedreht ist.
In solch einer erbärmlichen Lage befand sich der SIS in den Glanzzeiten von Blake und Philby; ähnlich schlimm stand es um die CIA, freilich durch eigenes Verschulden, und zwar wegen des paranoiden Einflusses von Angleton selbst, der infolge der Entdeckung, daß er dem erfolgreichsten Doppelagenten des KGB aus der Hand gefressen hatte, den Rest seines Lebens zu beweisen suchte, daß die CIA wie der SIS von Moskau gesteuert werde – und daß demnach die gelegentlichen Erfolge der CIA bloß Häppchen seien, die ihr von den teuflischen Ränkeschmieden des KGB zur Beschwichtigung hingeworfen würden. Angletons Annahme war falsch, aber die Auswirkungen auf die CIA nicht weniger katastrophal, als wenn er Recht gehabt hätte. Beide Geheimdienste hätten ihren Ländern – moralisch und finanziell – weit weniger geschadet, hätte man sie einfach aufgelöst.
Ich habe Blake und Philby nie kennengelernt, aber Philby war mir immer ganz besonders unsympathisch, während Blake mir fast schon unnatürlich sympathisch war. Die Gründe dafür, fürchte ich, haben viel mit dem verdrehten Snobismus meiner Klasse und Generation zu tun. Philby mochte ich nicht, weil er mir in manchen Dingen sehr ähnlich war. Er hatte eine Privatschule besucht, er war der Sohn eines launischen, tyrannischen Vaters – des Forschers und Abenteurers St. John Philby –, er konnte mühelos Menschen für sich gewinnen und seine Gefühle gut verbergen – insbesondere seinen heftigen Abscheu vor der Bigotterie und den Vorurteilen der herrschenden Schichten Englands. Ich fürchte, all dies traf irgendwann einmal auch auf mich zu. Daher glaubte ich ihn nur allzugut zu verstehen, und auf seltsame Weise scheint er das gespürt zu haben, denn im letzten Interview vor seinem Tod hat er seinem Gesprächspartner Phil Knightley erzählt, er habe das Gefühl, mir sei etwas Diskreditierendes über ihn bekannt. Und in gewisser Weise hatte er Recht: Ich wußte ebenso wie er, wie es ist, unter dem so übergroßen Einfluß eines Mannes aufzuwachsen, daß man als sein Kind schlechthin gezwungen ist, zu Tricks und Täuschung zu greifen. Und ich wußte, oder glaubte zu wissen, wie leicht die dadurch geschürte Wut und Introvertiertheit sich zu einer Haßliebe gegenüber den Vaterbildern der Gesellschaft – und letztlich der Gesellschaft selbst – auswachsen konnte, so daß aus dem kindlichen Rächer ein erwachsenes Raubtier wird; ein Thema, das ich in meinem am stärksten autobiographisch geprägten Roman Ein blendender Spion angeschnitten habe. Ich ahnte, wenn man so will, daß Philby einen Weg eingeschlagen hatte, der auch mir selbst gefährlich offenstand, auch wenn ich ihn nicht gewählt hatte, ahnte, dass er einen der – Gott sei Dank nicht realisierten – Entwürfe meines eigenen Wesens darstellte.
Im Gegensatz dazu war mir Blake sympathisch, weil er halb Holländer, halb Jude war und wegen beider Eigenschaften kaum als eingeweihtes Mitglied des britischen Establishments in Frage zu kommen schien. Philby wurde im Innern der Festung geboren und verbrachte sein Leben damit, ihre Fundamente auszuhöhlen; Blake hingegen stammte aus der Fremde, hatte unter seiner Herkunft zu leiden und unternahm große Anstrengungen, von jenen akzeptiert zu werden, die ihn insgeheim verachteten: seinen Arbeitgebern. Als ich daher anfing, mein kleines »Bestiarium der Verdächtigen« zusammenzustellen, achtete ich darauf, daß mindestens zwei – Bland und Esterhase und vielleicht auch Jim Prideaux – durch ihre Herkunft jener Gesellschaft entfremdet waren, der sie dienten.
Soviel zum dokumentarischen Hintergrund. Alles andere sind – gut fundierte – Gedankenspielereien. Der Ursprung des Wortes »Maulwurf«, mit dem ich einen langfristig arbeitenden, bei der Gegenseite eingeschleusten Agenten bezeichne, ist nicht nur mir ein kleines Rätsel, sondern auch den Herausgebern des Oxford English Dictionary, die schriftlich bei mir anfragten, ob ich den Ausdruck selbst erfunden habe. Ich konnte die Frage nicht mit Gewißheit beantworten, meinte mich aber zu erinnern, daß während meiner kurzen Dienstzeit als Mitarbeiter des Nachrichtendienstes dieser Ausdruck beim KGB gebräuchlich war. Ich glaubte ihn sogar mit eigenen Augen in einem Anhang zu dem Bericht der Royal Commission über die Petrovs, die irgendwann in den fünfziger Jahren in Canberra zu den Australiern übergelaufen waren, gesehen zu haben. Aber die Leute vom OED konnten die Quelle ebensowenig wiederfinden wie ich, und daher hielt ich es lange Zeit für möglich, daß das Wort tatsächlich von mir selbst stammte. Dann bekam ich eines Tages einen Leserbrief, der mich auf Francis Bacons Historie of the Reigne of King Henry the Seventh hinwies; dort ist in der Ausgabe von 1641 zu lesen:
»Was seine geheimen Spione anbetrifft, die er sowohl zu Hause als auch im Ausland beschäftigte, um mit ihrer Hilfe aufzudecken, welche Machenschaften und Verschwörungen gegen ihn im Gange seien, so war dies in seinem Fall zweifellos berechtigt: denn solche Maulwürfe waren auch unablässig zugange, seine eigene Herrschaft zu untergraben.«
Nun, natürlich hatte ich Francis Bacons Ausführungen über Maulwürfe nie gelesen. Woher er wohl den Ausdruck hatte? Oder hatte ihn die Verwendung dieser durchaus angemessenen Metapher belustigt?
Der andere...




