E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Laymon Unerbittliche Geschichten
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-86552-678-6
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-86552-678-6
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Richard Laymon wurde am 14. Januar 1947 in Chicago geboren. In den 60ern zog seine Familie nach Südkalifornien. Er machte den BA in Englischer Literatur an der Willamette Universität in Oregon und einen MA an der Loyola Universtät in Los Angeles. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich zunächst als Lehrer, Bibliothekar und Gutachter für ein Anwaltsbüro. Erste kürzere Werke, zumeist Thriller oder Kriminalgeschichten, erschienen zu Beginn der 1970er in Magazinen wie Ellery Queen, Alfred Hitchcock und Cavalier. Bereits damals verwendete Laymon, vorsichtig zunächst noch, Elemente des Grotesken und Bizarren. Erst später begann er mit dem Schreiben geradliniger Horrorstorys, ohne sich explizit um Genregrenzen zu kümmern. Der Roman The Cellar (1980) entwickelte sich zum Bestseller. Zahllose Taschenbuch- und Hardcoverausgaben machten den Titel um das Beasthouse in Malcas Point zum erfolgreichsten des Autors. Laymon schrieb etwa 50 Romane und sein Ruf wuchs beständig, bis er am Valentinstag, den 14. Februar 2001, völlig unerwartet an einem Herzanfall starb.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Einladung zum Mord
Eine Geschichte. Du brauchst eine Geschichte. Die Zeit läuft dir davon.
Die Woche auf Hawaii wird sicher kein entspannter Urlaub, wenn diese Deadline immer noch über dir schwebt.
Du hast nur noch heute Abend und morgen, Mensch. Sonst wirst du die ganze Zeit nur finster in deine Mai Tais starren und dir deinen verdammten Kopf zerbrechen.
Shane startete das Textverarbeitungsprogramm, tippte das Datum und machte sich an die Arbeit.
»Ed will eine Geschichte für seine Einladung zum Mord-Sammlung. Jede Geschichte in dem Buch soll von einer 22 Jahre alten jungen Frau handeln, die in ihrer Wohnung tot aufgefunden wird. Das ist das verbindende Thema des Erzählbands.«
Das sollte doch ein Kinderspiel sein. Da gibt’s mindestens eine Million Ansatzpunkte.
Aber ich brauche einen speziellen Clou. Eine clevere Wendung.
Es darf keine gewöhnliche Detektivgeschichte sein. Nicht von mir. Davon bekommt er von den Krimiautoren sicher schon jede Menge. Von mir wird er eine Horrorstory oder einen Thriller erwarten. Einen richtigen Hammer. In diesem Buch werden sich ein paar viel dickere Fische tummeln als ich. Da will ich nicht wie eine Niete aussehen.
Ich muss mir irgendeinen heißen Scheiß einfallen lassen.
Heiß. Gott, ist das heiß hier drin.
Für gewöhnlich kühlte West-L. A. nachts ohnehin nur ein wenig ab. Aber momentan befanden sie sich außerdem in einer dieser Phasen, die jeden Sommer wiederkehrte und etwa zwei Wochen andauerte: Tagsüber stiegen die Temperaturen auf über 35 Grad, während sich die kühlende Meeresbrise verflüchtigte und die Hitze auch über Nacht nicht verschwand. Selbst bei geöffneten Fenstern blieb die Luft in der Wohnung erdrückend schwül. Shanes T-Shirt und Shorts waren bereits feucht und klebten vor Schweiß.
Eine lange, kalte Dusche würde sich großartig anfühlen.
Zuerst lässt du dir einen Plot einfallen. Die Dusche ist dann deine Belohnung.
Na schön. Das sollte nicht allzu schwierig werden.
Shane starrte aus dem Fenster und versuchte, sich zu konzentrieren. Ein Kniff. Eine Wendung. Okay.
»Idee! Ein Typ guckt sich diese Kleine aus. Sie ist 22, klar. Und eine echte Schönheit. Er steht total auf sie, will sie unbedingt. Eines Nachts bricht er in ihre Wohnung ein, mit der Absicht, sie zu vergewaltigen. Aber er findet sie ausgestreckt auf dem Boden liegend, tot. Ermordet. Cool. Aber was dann? Ist der Mörder noch in der Wohnung?«
Shane starrte auf den Computermonitor und las die bernsteinfarbenen Zeilen immer wieder.
Wie endet das Ganze? Was ist die große Wendung?
Shane fiel nichts ein.
Vergiss es.
»Aber mir gefällt die Idee von einem Kerl, der von einer Frau besessen ist. Vielleicht ist er allein in seiner erdrückend heißen Wohnung. Er klettert auf die Feuerleiter, um ein bisschen frische Luft zu schnappen.«
Ich wünschte, ich hätte eine Feuerleiter. Oder einen Balkon, verflucht noch mal.
»Direkt gegenüber von seinem Haus steht ein altes, verlassenes Wohngebäude. Zum Abriss freigegeben vielleicht. Aber während er dort draußen hockt und versucht, sich abzukühlen, taucht eine wunderschöne junge Frau in einem Fenster des unheimlichen alten Kastens auf. Sie ist die schönste Frau, die er jemals gesehen hat.«
Sehr schön! Jetzt läuft’s doch!
Plötzlich zerschmetterte lärmende, dröhnende Musik Shanes Gedanken.
Scheiße!
Kam das von draußen? Ja, aber es scheint auch direkt durch die Wände zu wummern.
Shane stand auf, lehnte sich über den Computermonitor und legte eine Hand auf die Wand. Sie vibrierte wie ein Trommelfell.
Gottverdammte moderne Billigwohnhäuser!
Beruhig dich, beruhig dich. Ignorier es einfach.
Was, wenn das die ganze Nacht so weitergeht?
Das wird es nicht.
Vergiss es einfach.
Der Typ auf der Feuerleiter versucht sich abzukühlen. Das Mädel taucht auf der anderen Seite der Gasse auf. »Die Beleuchtung ist miserabel«, tippte Shane. »Kein Strom. Klar, das Gebäude soll ja abgerissen werden. Er sieht sie im Feuerschein. Kerzen. Kann sie nicht besonders gut erkennen. Eigentlich ist das Einzige, was er richtig sehen kann, ihr hübsches Gesicht. Ihr glänzendes blondes Haar. Sie unterhalten sich. Sie hat eine sinnliche Stimme. Lädt ihn ein, zu ihr rüberzukommen. Er zögert. Hat ein ungutes Gefühl. Wer ist sie? Was tut sie dort? Er will sie UNBEDINGT, aber er zögert, zu ihr zu gehen. Es ist eine miese Wohngegend. Überall Irre und Freaks. Erst am Abend ist er am Eingang der Gasse zwischen den zwei Gebäuden einer Obdachlosen mit lauter Tüten begegnet. Einer echten Hexe.
Nach langem Zögern lehnt er die Einladung schließlich ab. Er will gerade wieder in seine Wohnung zurück, um weitere Versuchungen zu vermeiden, als die Frau ein paar Kerzen aufs Fensterbrett stellt. Er kann sie von der Taille aufwärts sehen. Sie ist nackt. Sie streichelt über ihre Brüste und bittet ihn erneut, zu ihr zu kommen.
Also geht er doch. In der Gasse liegt überall ekliges Zeug, richtig gruselig. Nach einer Weile findet er schließlich eine kaputte Tür und betritt das Haus. Er schleicht durch den dunklen Korridor und eine unheimliche Treppe hinauf.
Gib ihm eine Taschenlampe.
Er folgt dem Flur im zweiten Stock, bis er die Tür der Wohnung gegenüber von seiner erreicht. Sie steht einen Spalt offen. Der Schein von Kerzenlicht im Inneren. Er tritt ein.
Und findet eine Leiche, ausgestreckt in einer Ecke des Raumes. Er richtet die Taschenlampe darauf. Die Leiche ist eine Frau – 22, natürlich. Ihre Kleider liegen über den Boden verstreut. Sie hat kein Gesicht, keine Haare. Von den Schultern bis zur Taille ist sie nur ein Haufen Blut.
Aus den Schatten tritt eine weitere Frau. Nackt. Sie trägt eine Maske mit dem Gesicht der Toten. Faltige Arme und Beine. Aber ein frischer, junger Oberkörper, der mit einer Art Geschirr aus Bindfaden festgeschnürt ist. Sie humpelt auf den Typen zu und liebkost dabei ihre prallen, perfekten Brüste, die sie der Leiche geklaut hat.
Sie lacht, gackert, sagt ihm, was für ein Prachtkerl er ist. Aufgrund seiner Reaktion vorhin in der Gasse, sagt sie, wusste sie sofort, dass sie sich keine Hoffnungen machen konnte, ihn je zu bekommen. Weil er zu wählerisch ist, um sich für eine wie sie zu interessieren. Also hat sie sich das gute Aussehen von einem Mädchen geborgt, das in der Gasse an ihr vorbeigegangen ist.
Er steht nur völlig perplex da, während sie immer näher kommt. ›Bin ich jetzt nicht auch hübsch? Bin ich jetzt nicht auch eine Schönheit?‹«
Shane glotzte grinsend auf den Monitor.
Hervorragend! Diese Geschichte ist ein echter Shane Malone: gruselig, pervers, sexy, mit einem Hauch von schwarzem Humor. Und ein paar netten thematischen Anspielungen auf Einsamkeit, Verzweiflung und den zweifelhaften Wert körperlicher Attraktivität. Das wird Ed aus den Socken hauen.
Aber was, wenn es zu viel des Guten war? Ed hatte Shane gewarnt, dass er keine allzu extremen Geschichten wollte.
Und das hier war verdammt noch mal ziemlich extrem. Die alte Tussi trug die Titten eines toten Mädchens!
Eine Weste aus Titten.
Scheiße! Harris hat das schon in Das Schweigen der Lämmer gebracht. Ein gottverdammter Bestseller! Alle werden denken, ich hätte das von ihm geklaut. Dabei hatte er die Idee von Gein, ohne Zweifel. Gein hat das schließlich wirklich gemacht. Aber sie werden trotzdem denken, ich hätte Harris’ Einfall kopiert.
Shane sank auf dem Stuhl zurück und starrte auf den Computermonitor.
Starrte und starrte.
Die Idee ist im Arsch. Ich muss mir was anderes ausdenken.
Die Musik dröhnte immer noch.
Allerdings hatte sie gar nicht wirklich gestört. Shane hatte sie kaum noch wahrgenommen, nachdem der Plot der Geschichte erst einmal in Gang gekommen war. Aber jetzt …
Was für ein Vollidiot lässt die Musik bitte so laut laufen?
Und wer zur Hölle lässt sie überhaupt laufen? Der Lärm kam eindeutig aus 210. Die Wohnung hatte im vergangenen Monat noch leer gestanden.
Irgendjemand muss eingezogen sein, während ich bei der Arbeit war.
Irgendein verfluchter Irrer.
Blende sie einfach aus. Ignoriere sie.
Ein 22-jähriges Mädchen wird tot in seiner Wohnung gefunden. Ich brauche eine unerwartete Wendung.
Wie wär’s mit einer Geschichte aus der Perspektive einer jungen Frau?
Verflucht, dieser Krach!
»Anfangsszene: Das Mädel streift allein durch die Straßen der Stadt. Nervös, weil sie so spät noch unterwegs ist. Vielleicht glaubt sie, dass ihr jemand folgt. Sie hat Angst, beschleunigt ihren Schritt. Schließlich erreicht sie ihr Wohnhaus. Schließt die Haustür auf, geht rein. Endlich ist sie in Sicherheit. Erleichtert steigt sie die Stufen in den zweiten Stock hinauf. Die Tür zu ihrer Wohnung steht einen Spalt offen. Sie schaut hinein. Ihre Mitbewohnerin, ein 22-jähriges Mädchen – natürlich –, liegt tot auf dem Boden. Und der Mörder hockt über der Leiche, grinst das Hauptmädel über seine Schulter hinweg an, springt auf und stürzt auf sie zu.«
Er stürzt auf sie zu. Und was dann?
»Sie wirbelt herum, weicht aus und rennt los …«
Shane funkelte wütend die Wand an. Diese Musik!
Bin ich der Einzige in diesem ganzen...




