Lawrence Tom Tin und das Sträflingsschiff
2. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7725-4071-4
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Reihe: Tom Tin
ISBN: 978-3-7725-4071-4
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Iain Lawrence war nach dem Publizistikstudium in Vancouver für verschiedene Zeitungen tätig. Dann ließ er sich in der Küstenregion nieder, wo er zuerst in der Hafenstadt Prince Rupert lebte und später als Wärter eines abgelegenen Sendeturms arbeitete. Heute lebt Iain Lawrence auf den Gulf Islands in British Columbia.
Weitere Infos & Material
1. Mein Abenteuer beginnt 2. Ich begebe mich in Gefahr und finde einen Schatz 3. Der Lumpensammler und sein dreibeiniger Gaul 4. Im Grab 5. Die Straßenkinder 6. Darkeys Entscheidung 7. Mr. Mehl stattet mir einen Besuch ab 8. Ich stehe vor Gericht 9. Ich begegne einem gelben Mann 10. An Bord des Sträflingsschiffes 11. Ein kleiner König in einem kleinen Königreich 12. Die Untaten des Walter Weedle 13. Eine seltsame, schweigende Gestalt 14. Der Bauernjunge wird untergepflügt 15. Midgely hat Zweifel 16. Ein raffinierter Plan 17. Oten riecht die Felder 18. Ich bin in großen Schwierigkeiten 19. Mit Midgely im Moor 20. Einsame Weihnacht 21. Jenseits des Ozeans 22. Ich kämpfe mit einem Riesen 23. Auge in Auge mit König Neptun Anmerkung des Autors Danksagung Glossar
Erstes Kapitel
Mein Abenteuer beginnt
Als sie sechs Jahre alt war und ich acht, starb Kitty, meine kleine Schwester. Sie fiel von einer Brücke in die Themse und ertrank, bevor ihr jemand zu Hilfe eilen konnte. Meine Mutter war dabei, als es geschah. Sie hörte einen Schrei, drehte sich um und sah meine Schwester durch die Luft wirbeln. Sie schaute zu, wie Kitty in den Strudeln braunen Wassers verschwand. In diesem Moment verlor meine Mutter den Verstand.
Sie zog Trauerkleidung aus dem schwärzesten Stoff an und verbarg sich darin vom Kopf bis zu den Fußspitzen, wie ein Käfer in seinem Panzer. Bei Sonnenaufgang stand sie an Kittys Grab, und wenn die Sonne unterging, stand sie immer noch da. Mit ihrem im Wind wehenden Schleier und dem vom Regen tropfnassen Schal wurde sie selbst zu einem Geist, der den Friedhof heimsuchte und vor dem sich die Kinder fürchteten. Selbst ich, der ich sie mein ganzes Leben lang gekannt hatte, wagte mich nicht in die Nähe des Totenackers, wenn der gelbe Herbstnebel die Grabsteine umwaberte.
Es war solch ein Tag, ein Tag im Herbst, als mein Vater sie schließlich vom Grab meiner Schwester wegzerren musste. Der Nebel war dicht und roch faulig, sah aus wie verdorbene Vanillesoße, die man zwischen die Gräber gegossen hatte. Vor dem Eisengatter an der Straße stehend, konnte ich nicht bis zur Kirche sehen, aber ich erkannte die Kreuze und die Marmorengel, manche davon deutlich, andere schemenhaft. Und mittendrin meinen Vater, der mit einem Dämon kämpfte. Ich hörte das Heulen meiner Mutter.
Ihre Schuhe waren schwarz, ihre Haube war schwarz und in ihren flatternden Kleidern sah sie mehr wie ein Tier aus als wie ein Mensch. Sie kreischte und wehrte sich, klammerte sich an die Grabsteine und bohrte ihre Finger in die Erde. Als mein Vater sie endlich durch das Gatter zog, jaulte sie wie ein Hund. In ihren Fäusten hielt sie Erdklumpen. Sie schaute sie an und wurde ohnmächtig.
Wir hoben sie auf den Karren, legten sie zwischen die Bündel und die Truhen, in denen unsere Habseligkeiten steckten. Der Kärrner kletterte auf seinen Sitz. Er ließ die Peitsche knallen und warf dem Pferd einen Fluch zu, dann zuckelten wir los in Richtung Camden Town.
Ich ging neben meinem Vater, als wir an unserem leeren Haus vorbeikamen und auf die Brücke zuliefen. Zufällig wählte der Kärrner dieselbe Strecke, die mein Vater jeden Morgen hinter sich brachte, wenn er – vergeblich – bei der Admiralität vorsprach. Ich sah, wie mein Vater das Haus betrachtete und dann zu Boden schaute. Schweigend gingen wir weiter. Der Karren, der nur ein paar Schritte vor mir über das Pflaster holperte, war nichts weiter als ein grauer Schemen. Er schien von einem unsichtbaren Lasttier gezogen zu werden, das schnaubte und nieste, während es vorantrottete. Meine Mutter erwachte und setzte sich jammernd im Karren auf.
Wir waren beinahe am Fluss, als mein Vater sagte: «Es ist zu ihrem eigenen Besten. Das weißt du, Tom.»
«Ja», erwiderte ich, obwohl es nicht die Wahrheit war. Wir verließen Surrey nicht um meiner Mutter willen, sondern um die zwei Pennys zu sparen, die mein Vater Tag für Tag beim Überqueren der Brücke entrichten musste. Wir verließen unser Heim, weil Mr. Goodfellow uns daraus vertrieben hatte, genauso wie er uns vor einem knappen Jahr schon aus unserem größeren Haus fortgejagt hatte. Ich glaubte, er würde uns auf ewig heimsuchen, würde uns von einem ins nächste Heim jagen – eins kleiner als das vorherige –, bis er erreicht hätte, dass wir mit den Bettlern und den Blinden auf der Straße lebten. Wir verließen Surrey, weil mein Vater ein Seemann ohne Schiff war.
Sein Gang war nicht mehr der eines Seemanns. Er sah nicht mehr aus wie einer und roch auch nicht mehr so, und ich hätte nie vermutet, dass er jemals zur See gefahren war, wären da nicht die fadenscheinige Uniform gewesen, die er jeden Morgen anlegte, und die vielen Utensilien und Erinnerungsstücke, die ein Seemann von seinen Reisen mitbringt. Früher hatten sie überall herumgestanden, jetzt waren nur noch wenige davon übrig. In meinem ganzen Leben hatte ich ihn bisher erst einmal auf See ausfahren sehen, und das in einem jämmerlichen Kahn, der sank, bevor er den Fluss Medway erreichte. Auch das hatten wir Mr. Goodfellow zu verdanken; dieser Augenblick war der Anfang vom Ende gewesen.
Als wir die hölzernen Anleger am Fuß der Brücke erreichten, konnte ich die Nähe der Themse fühlen. Nebelhörner tuteten klagend, und auch das Klopfen der Maschinen eines Dampfers war zu hören, der sich durch den Fluss schaufelte. Aber das Wasser konnte ich nicht riechen; der Gestank des Nebels überdeckte alles.
Wir bezahlten die Maut und gingen über die Brücke. Vater lief ganz am Rand. Sein Hemdsärmel wurde schwarz vor Ruß, der sich auf dem Geländer angesammelt hatte. Pferde und Kutschen tauchten vor uns auf, und von hinten ratterte ein offener Wagen heran. Ich musste Menschen ausweichen und sprang gerade noch rechtzeitig einem Karriol aus dem Weg. Mein Vater aber ging stur geradeaus, richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf den Fluss unter uns. Damen, die auf Bänken saßen, zogen ihre Füße ein, als er vorbeiging. Eine hob hastig einen kleinen weißen Hund hoch. Ein Mann brüllte: «Passen Sie auf, wo Sie hingehen!» Aber mein Vater stapfte achtlos an ihnen vorbei.
Ich stellte mir vor, dass er das Wasser irgendwie sehen konnte, und auch das Leben und das bunte Treiben, das sich darauf abspielte. Geräusche, die als bloßes Stöhnen und Ächzen und nichts sagendes Platschen an mein Ohr drangen, mussten vor seinen Augen als Ruderer und Flussschiffer bei ihrer Arbeit an Riemen und Segeln erscheinen. Sein Kopf ruckte nach oben und einen Moment lang strafften sich seine Schultern.
Ich hatte kein Verlangen danach, seine Welt kennen zu lernen, obwohl ich an der Mündung der Themse geboren worden war, dort wo der Fluss auf das Meer traf. Wir zogen aus dem Dorf fort, bevor ich zwei Jahre alt war, weil meine Mutter es so wünschte. Der Fluss hatte ihr den Vater genommen und die See die Brüder, und seit dem Tod meiner Schwester lehrte sie mich, beides zu fürchten. Ich dachte oft, wenn ich die Themse vorbeiwirbeln sah, dass eins von beiden nur darauf wartete, auch mich an sich zu reißen.
Mein Vater war enttäuscht, dass ich kein Interesse am Seemannsleben hatte. Als er jetzt wie ein grauer Schatten im Nebel vor mir herging, musste ich daran denken, wie weit wir uns voneinander entfernt hatten. Er war der Meinung, dass ich seit dem Tod meiner Schwester verhätschelt und verwöhnt worden war, und möglicherweise stimmte das auch. Er war nicht stolz auf mich, und ich nicht auf ihn.
Meile für Meile liefen wir hinter dem knarrenden Karren her. Wir entfernten uns vom Fluss und durchquerten Covent Garden mit seinen belebten Buden, dann trotteten wir durch ein Labyrinth aus engen Gassen. Als wir Tottenham Court hinaufstiegen, begann sich der Nebel um uns zu lichten, bis wir schließlich hinaus in den Sonnenschein traten. Immer noch hatten wir eine Meile Weges vor uns. Hinter uns lag der Nebel wie schmutzig gelber Schlamm über der Stadt, nur die hohe Kuppel der St. Paul’s Kathedrale und ihr glitzerndes Kreuz ragten in die Helligkeit und den blauen Himmel empor.
Der Tag war fast vorbei, als wir in unserem neuen Zuhause ankamen. Es war ein erbärmliches kleines Haus, eingezwängt zwischen vielen anderen, die alle in einer Reihe standen. Aus weiter Ferne, im Herzen Londons, schlug ein ganzer Chor von Glocken die Stunde an. Der Kärrner warf unsere Sachen vom Karren und eilte davon, als ob er sich davor fürchtete, in der anbrechenden Nacht so weit von der Stadt entfernt zu sein. Meine Mutter kletterte ohne Hilfe herab und stand schweigend am Straßenrand. Sie war selbst eine Gestalt der Nacht. Es war keine Menschenseele zu sehen, und niemand kam, um uns willkommen zu heißen.
Ich hob eine Truhe auf und trug sie ins Haus. Dabei warf ich meiner Mutter einen wütenden Blick zu, weil sie keinen Finger rührte, um uns zu helfen. Als ich durch den Türrahmen trat, marschierte gerade eine Horde Kakerlaken durch die Diele. Einen Moment stand ich stocksteif vor Verblüffung und Ekel, dann trampelte ich wild entschlossen in meinen Stiefeln hinterher. Aber mein Vater, der hinter mir ins Haus gekommen war, rief: «Hör auf damit, Tom! Auch sie sind Gottes Geschöpfe!»
«Das sind Kakerlaken», sagte ich.
«Dann eben Gottes Kakerlaken», gab er zurück. Er trug einen Stuhl, der so groß war, dass er beinahe nicht durch die Tür gepasst hätte. Alles, was ich von ihm sehen konnte, waren sein Gesicht über der Rückenlehne und seine Stiefel unter den Stuhlbeinen. «Wie würde es dir gefallen, wenn ein riesiges Etwas versuchen würde, dich zu zertrampeln, Tom?», fragte er mich. «Sie versuchen nur zu fliehen. Sie versuchen, sich zu verstecken. Würdest du nicht dasselbe tun?»
«Es sind Kakerlaken!», beharrte ich.
«Spielt keine Rolle.» Er stellte den Stuhl in das winzige Wohnzimmer und verrenkte...




