E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Laure Während ich vom Leben träumte
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7336-0191-1
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0191-1
Verlag: FISCHER Sauerländer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Estelle Laure glaubt an die wahre Liebe, magische Momente und daran, dass Ehrlichkeit - vor allem sich selbst gegenüber - der Schlüssel zum Glück ist. Sie hat in Vermont Kreatives Schreiben studiert und lebt heute mit ihren beiden Kindern in Taos, New Mexico, USA.
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Du gibst dem Internet die Schuld an allem.
Mom hatte ihre beschwipste Limettentarte zum Nachtisch gemacht. Du hast keine gegessen, weil du schon satt warst, aber du hast den Tequila eingesteckt, der zum Rezept gehört, und ihn mit an den Fluss genommen. Du hast ihn gebraucht, um nachts den Hügel runterzuwandern, weil deine Lederjacke im November nicht warm genug war, aber du warst zu stur und zu dumm, um die Daunenjacke anzuziehen, die war dir viel zu hässlich. Winterschuhe hattest du auch nicht an. Nicht mal die Springerstiefel, du Idiot. Ballerinas. Ballerinas bei dem Wetter, Eden. Dafür hattest du den Tequila dabei, weil du seit sechs Wochen nicht mit Lucille geredet hattest, bis auf den Smalltalk bei Fred’s, wo sie kellnert, und du euch beiden den Wiedereinstieg erleichtern wolltest. Aber dem Tequila gibst du nicht die Schuld.
Du gibst dem Internet die Schuld. Das Internet hat dich auf diese Seite gelockt, wo die Sache mit dem sagenhaften Supermond stand, den es nur einmal alle fünf Jahre gibt, und dass das Universum von dir verlangt, du sollst dich ändern.
, hieß es da. Wie eine Sturmwarnung an die Seele. Du konntest die Stimme praktisch hören, konntest den Wetteransager in seinem schlecht sitzenden Anzug vor dem Monitor stehen sehen, wie er unheilvoll mit den Armen wedelte.
, hörtest du ihn aufgeregt ankündigen. Wärst du naiv genug, an ein Universum zu glauben, das mit den Menschen kommuniziert (was du nicht tust), ein Universum, mit dem sogar eine Unterhaltung möglich wäre (was du erst reht nicht tust), würdest du gern wissen, warum es in diesem unverständlichen Kauderwelsch von Planeten und Symbolen spricht und erwartet, die Leute würden es verstehen.
Erst hast du die Warnung des Internets ignoriert, weil Astrologie Schwachsinn ist, aber dann war die ganze Woche so ätzend, dass dir Zweifel gekommen sind. Du bist wegen des Monds sogar richtig paranoid geworden, was dich noch wütender auf das Internet gemacht hat, weil unsere Gedanken so viel Macht haben, dass allein das Lesen der Warnung die Gefahr heraufbeschwören kann. Und als Lucille dir dann schrieb, dass sie dich brauche, dachtest du, wenn du hingehst, würde alles vielleicht wieder auf den normalen gemütlichen Ätzpegel zurückgehen, statt dieses oberätzenden Extrems. Heimlich – so heimlich, dass du es dir selbst nicht eingestandst – dachtest du, du könntest dieses nichtexistierende, verwirrende höhere Etwas besänftigen, das mit dir spielte, indem du für Lucille da wärst, nachdem du zugegebenermaßen echt doof zu ihr gewesen warst, ausgerechnet als sie dich am meisten brauchte.
Dabei wolltest du eigentlich nie fies zu ihr sein. Früher hast du immer gesagt, das Einzige, was du wirklich hasst, seien fiese Mädchen, und du würdest niemals mit Absicht fies sein. Doch seit Lucille beschlossen hatte, dein Zwillingsbruder Digby – der, eigentlich so gut wie verlobt, neuerdings auf Abwegen wandelte – sei ihr Seelenverwandter, fiel es dir echt schwer, in ihrer Nähe zu sein, ohne Aggressionen zu kriegen. Und jedes Mal, wenn Digby dich vollheulte von wegen, dass er sie Elaine liebe, und wie er sich zermartere, was richtig und falsch sei, und was er tun solle, hättest du Lucille am liebsten geschüttelt, bis ihr der Kopf ausgekugelt wäre.
Denn erstens mischt eine Frau, die auch nur ein bisschen Selbstachtung hat, sich nicht ins Drama anderer ein und ist erst recht nicht der Grund dafür. Zweitens ist Betrügen billig und widerlich. Und drittens war die Sache ein Interessenkonflikt, der nicht mal besonders originell war, und trotzdem das einzige Thema, über das noch geredet wurde. Am Anfang verfolgte man das schäbige Debakel noch (denn es ist ein Debakel), aber mit der Zeit wurde es einfach nur oll.
Und als sich dann dieser unheilvolle Supermond ankündigte, saßt ihr nachts auf dem flachen Stein am Fluss, auf eurem Felsenthron, wo ihr als Kinder gespielt habt. Eigentlich fühlst du dich immer noch wie die Königin, und der Fluss ist dein Reich. Die Flussbiegung, verborgen hinter den Felsen, den uralten Bäumen und dem alten Eisenbahnwaggon, ist dein Refugium. Die Weiden sind nackt in dieser Jahreszeit und von Eis überzogen. Sie sind deine Lieblingsbäume, denn sie wissen, wie man sich vor einer Dame verneigt, und auch, weil sie weinen, wenn man sie verletzt.
Lucille weinte auch, in Anorak und Mütze eingepackt wie ein dicker Schneeball, und das Eis in deinem Herzen schmolz, als sie so herumrutschte, auf der Lippe kaute, an den Fingernägeln und den Nagelbetten, die Beine übereinanderschlug und wieder nebeneinanderstellte, wie sie zappelte, die ganze Zeit zappelte, als würde sie sich mit jeder Zuckung für all ihre Unzulänglichkeiten entschuldigen.
Herz-in-der-Hand-Mädchen.
Du warst froh, dass du gekommen warst, um dich von deiner tiefen leidenschaftlichen Liebe zu deiner besten Freundin zu überzeugen, die zu vergessen so weh getan hatte. Aber du warst nicht ganz bei der Sache. Dein strudelndes Gehirn hörte nicht auf sich zu wälzen, rund um deine dumme, unbedeutende, kleinstädtische New-Jersey-Mittelmäßigkeit, den grauen, endlosen Weg deiner Zukunft. Auch die dritte Zigarette war keine gute Idee. Der Rauch strömte durch deine Lunge. Er tat weh, dein Kopf tat weh und dein Bauch, und du wusstest, du solltest mit dem Ketterauchen aufhören, aber du konntest nicht.
»Das mit dem Vortanzen tut mir echt leid.« Lucilles Stimme klebte dich an den Fels, als du gerade aufstehen und ihr sagen wolltest, dass du nach Hause gehst. »Aber du musst weitermachen«, sagte sie.
»Ja, ja.« Du versuchtest, den Gedanken an die Frau in New York zu verdrängen, die sich geschmeidig wie ein Reh zu dir gebeugt und dir den Albtraum deiner Zukunft ins Ohr geflüstert hatte. »Aber ich weiß jetzt, dass ich nie eine große Ballerina sein werde. Nur Feiglinge machen sich was vor.« Du sagtest es laut, weil du wolltest, dass auch Lucille es hört. »Stell dich deinen Dämonen. Sonst wirst du alt und depressiv und verwandelst dich in einen fremdgesteuerten Spießer, und deine einzige Sorge im Leben ist, wann du die Dose Limo gegen eine Dose Bier eintauschen kannst. Echt wahr.« Du zogst noch einmal an der Zigarette. »Sieh dich bloß um.«
Lucille kicherte, aber das Fernsehsesselszenario war nicht witzig. Es war sehr gut möglich. Sogar wahrscheinlich. Die Leute sitzen vor der Glotze und stehen nie wieder auf, weil es ihnen zu anstrengend ist. Auch wenn du es nie zugeben würdest, manchmal denkst du, es wäre viel leichter, sich ein einfaches Leben zu wünschen. Du träumst von dem Fernsehsessel und von einem abgestumpften, fügsamen Gehirn, statt dem, das du hast, das sich eher wie eine zappelnde Krake anfühlt als wie eine im warmen Wasser treibende Seekuh.
Du drücktest die Zigarette aus und stelltest dich auf die Zehenspitzen. Du strecktest dich, recktest die Arme in den Himmel, fragtest den Mond, ob er jetzt zufrieden sei, ob du genug getan hättest, um die Dinge umzukehren, um den Sturm abzuwenden, indem du ihm Respekt gezollt und deine Freundschaft mit Lucille wiederhergestellt hast.
Und das … war der Moment, in dem es passierte.
Deine Füße verloren den Halt, als wäre das die Antwort.
Du bist auf dem Eis ausgerutscht, hast noch versucht, das Gleichgewicht zu halten, aber es ging zu schnell.
Du wolltest Lucille rufen, dann ein Schlag, dein Kopf. Ein grelles Rasseln. Schmerz. Du hast versucht zu kämpfen. Konntest nicht. Du warst schon im Wasser.
Du hast auf die Bewusstlosigkeit gewartet, aber sie kam nicht. Jedenfalls glaubst du, dass sie nicht kam. Steine schürften dir die Beine auf, Wasser drang in deine Lunge, schwerer als Rauch, aber genauso beißend.
Es war eine Krise, das wusstest du in deinem zappelnden Krakenhirn, aber es berührte dich nicht. Weil du nicht mehr du warst. Du warst nicht mal mehr in der Nähe. Nirgends. Du warst kein Mensch mehr. O nein. Du warst der Wind in den raschelnden Seiten eines Buchs, du warst ein wogender Ozean aus Gras. Du warst die Trauerweide, die weinende, jedes Schlaflied auf einmal summend, leise und schön und unendlich.
Hey, aufpassen!
Ich erzähle dir das, damit du dich erinnerst.
Weil du schwerelos bist, und du musst dich erinnern, sonst vergisst du, wer du bist.
Eden Jones. Eden Austen Jones. Siebzehn Jahre alt. Tochter von John und Jane Jones. Zwillingsschwester von Digby Riley Jones. Beste Freundin von Lucille Bennett. Wohnhaft in Cherryville, New Jersey, in der nagelneuen Siedlung auf dem Hügel, wo deine Eltern ihr Traumhaus gebaut haben. Den Teppich und die Wandfarbe in deinem Zimmer hast du dir selbst ausgesucht. Du tanzt Ballett. Du sammelst Zitate von Leuten, die schlauer sind als du, auch wenn die meisten längst tot sind. Du schreibst ihre Zitate auf und wiederholst sie laut, um sie in deine Seele zu stanzen. Du träumst von Ruhm. Was ist ein Name? Eine Rose, wie sie auch hieße, würde lieblich duften, es bedeutet nichts, nichts und alles, und es istdiregalganzegalbedeutetdirgarnichts.
Deswegen lässt du los.
So lieblich ist es, nichts zu sein als das Lied des Flusses.
Patient: Eden Jones
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