Lanthaler Napule
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7099-7685-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Tschonnie Tschenett-Roman
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7685-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kurt Lanthaler, geboren 1960 in Bozen, lebt als Schriftsteller in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik, Drehbücher und Theaterstücke. Installationen. Libretto und Video zu der Oper 'Rasura' von M. Kerer. Übersetzer aus dem Italienischen, darunter Romane von Peppe Lanzetta und Roberto Alajmo. Bei Haymon: Fünf Romane um Tschonnie Tschenett: Der Tote im Fels, Grobes Foul (beide 1993), Herzsprung (1995), Azzurro (1998) und Napule (2002). Außerdem: Heiße Hunde. Hirnrissige Geschichten und ein Stück Karibik (1997). Offene Rechnungen. Anoichtoi Logariasmoi. Zwölf Gedichte und vier Geschichten (deutsch/italienisch/neugriechisch, 2000). Südtiroler Wein Lesen. Beschreibungen, Fotografien, Literatur (gem. mit Wolfgang Maier und Jochen Wermann, 2003). himmel & hoell. 84 strofen & 84 bilder fuer 84 stufen (gem. mit Peter Kaser, 2003). Das Delta. Roman (2007). Goldfishs reisen um die halbe welt. Gedichte (2012). Bei HAYMONtb: Grobes Foul. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman (2010) und Der Tote im Fels. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman (2011). Als E-Book bei Haymon erhältlich: Azzurro, Herzsprung, Grobes Foul, Napule, Der Tote im Fels, Heisse Hunde, Das Delta.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
3
Dünner, weicher Teig, knuspriger Rand, golden mit Brandflecken, Mozzarella, Tomaten, ein Schuß Olivenöl, fruchtig, und schließlich Basilikumblätter; nichts als eine ganze Welt auf einem Teller, dampfend, und ausnahmsweise in runder Harmonie.
»Ich denke«, sage ich, »die Fröste der letzten Wochen und die Trockenheit der letzten Monate haben den italienischen Gemüsemarkt leergefegt oder ihn zumindest so unerschwinglich gemacht für unsereinen wie es sonst nur die Amsterdamer Diamantenbörsen sind.«
»Deswegen sind wir hier«, sagt Totò, »Luccio weiß, wie’s geht.«
»Nicht daß mir die Tomaten aus diesen Nährlösungstöpfen der freudlosen holländischen Zuchtanstalten kommen …«
»Tschenett, mach dich nicht unglücklich und laß das den Patron nicht hören: Er würde dich direkt zur Hölle schicken. Eigenhändig. Du kämst nicht einmal in den Genuß eines Auftragskillers. Und was das heißt, weißt du: Sauerei.«
»Allora«, sagt Ciro und hebt sein Glas, »auf uns. . Was man liegen läßt, ist verloren.«
»Schönes Sprichwort«, sage ich.
»Man kann«, sagt Ciro, »sein Leben mit diesen Sprichwörtern verbringen. Man kann es sich manchmal sogar erklären damit. In Napoletanisch, in der Sprache dieser Stadt, läßt sich die Welt beschreiben, wenn überhaupt. Napule, wie wir sagen, Napule ist unsere Stadt. Das andere, dieses andere Napoli, ist eine entschlackte Leichtausgabe für den Reisenden.«
Dann prosten wir uns zu. Ein Aglianico aus dem Umland. Dunkel, erdig, würzig.
Länger als fünf Minuten hatte unsere Fahrt in dem nicht gedauert, hinter dessen Steuer ein älterer Mann saß, für napoletanische Verhältnisse völlig gelassen, den mir Totò als Ciro vorstellte. Ciro nickte kurz und nicht unfreundlich in meine Richtung.
»Und …«, sagte ich, »ein Kollege?«
»Deiner sicher nicht, Tschenett. Kein gestrandeter Seemann, kein lahmgelegter LKWler. Ein kaum gescheiterter Mensch.«
»Bulle?«
»Naja. So einer wie ich. Mich haben sie in die sibirischen Weiten des Brenners verbannt …«
»Und ich weiß auch, wieso. Vollkommen unzuverlässiger Ermittler mit unkontrollierbarem Hang zu Cannabis. Außerdem rechthaberisch, aufsässig und stur …«
»… und Freund Ciro hat vom Polizeichef mitten in Napoli ein Büro zugeteilt bekommen, in dem er außer Ratten keine Gesellschaft und außer Bleistiftspitzen kaum eine Beschäftigung hat.«
»Und wohin geht’s jetzt?« sagte ich. »Zum Verhör dritten Grades?«
»Ja«, sagte Totò, »höchste Zeit für Luccio.«
»E facimmo ’e pizze!«
Ciro schien Hunger zu haben. Und die Fähigkeit, sich fürs Essen zu begeistern.
Begeistert bin ich auch. Luccios ist ein Wunderwerk in ihrer ruhigen Einfachheit aus nichts als Mehl, Wasser, Hefe, Öl, Salz und den flüchtigen Aromen: Schon bin ich zuhause. So einfach ist das. Überall. Aber nicht immer. Habe schon festgestellt, daß bestimmte Wasser sich nun gar nicht zur Pizzateigherstellung eignen, wieso weiß ich nicht, keiner konnte es mir je auch nur im Ansatz erklären, Hypothesen, Hypothesen ja. Aber aus Hypothesen macht man keinen Pizzateig. Mit den Hefen ist es einfacher. Hefen funktionieren oder sie funktionieren nicht. Natürlich sieht man ihnen das nicht an. (Ich nicht.) Und trotzdem ist es so. Wir reden vom Fünften Hauptsatz der Thermodynamik. Hefen und ihre Hierarchien. Hefen und Hufeisen als Glückssymbol. Heftige Hefen höherer Ordnung. Das ganze System eben. Das wäre alles noch zu erforschen. In diesem Leben. Und als nächstes.
»Bene«, sagt Totò und wischt sich den Wein von den Lippen, erst mit der Linken, dann mit der Rechten, langsam mit breitem Handrücken, auf der Linken ein kleiner lila Streifen, die Rechte wischt längst ins Leere, und wie ich ihm dabei zusehe, denke ich: Er ist alt geworden in diesen Jahren, und ich noch älter. Ob das getrennt schneller geht als gemeinsam?
»Allora, also …«, sagt Totò
»Versuche ja nicht, dich zu entschuldigen«, sage ich. »Ciro, er hat mich öffentlich als seinen ausgegeben. Mehr als öffentlich: einem Carabiniere gegenüber.«
Ciro versteht sofort.
»Das tut man wirklich nicht. . Die Zunge ist tödlicher als das Schwert.«
»Was wollt ihr?« sagt Totò. »Ihr wart ja dabei. Die Herren vom anderen Ministerium haben eine Razzia veranstaltet. Und entweder finden sie auf diesem Frachter zwanzig halbverhungerte Chinesen, drei Kanister Koks oder Bin Ladens Zwillingsbruder: Irgendeinen Ärger wird es geben. So wie die aufmarschiert sind, waren sie sich ihrer Sache sicher. Und der Tschenett, dieses Unglück, wieder mittendrin.«
»Ist mir doch egal.«
»Dir vielleicht, Freund, ich weiß. Aber ich stehe in der Gerichts-Bar vor meinem , überlege, daß ich noch den Hafenmeister anrufen muß, um zu erfahren, wann du mit deinem Frachter einzulaufen gedenkst, Herr der Weltmeere du, da hör ich Hefaistos und Razzia und sehe die zwei Carabinieri und denke mir: Jetzt hast du den Tschenett fünf Jahre lang nicht gesehen und alles war ruhig und alles war bestens, er sitzt in Griechenland und was passiert? Die Erde bebt, die Wälder brennen, die Städte ersticken im Schnee, aber was soll’s, Griechenland ist weitab und irgendwie werden die schon mit ihm fertig werden, so wie ich es mußte all die Jahre, das denke ich mir und das höre ich, und da denke ich, und sag du mir, Ciro, wieso ich immer wieder so blöd bin und warum meine Mutter mich nicht gleich ertränkt hat, als in der Nacht meiner Geburt drohend feuerflammend das Wort Tschenett stand überm Tyrrhenischen Meer und die alten Weiber des Dorfes auf dem Platz zusammenliefen heulend und zähneknirschend, während die Männer nach ihren Gewehren griffen, warum bin ich so blöd und denke mir wieder: Hol ihn da raus, rette ihn vor sich selbst, wieder einmal und wohl wieder umsonst, entreiß ihn seinem wohlverdienten Schicksal, zwei Wochen Untersuchungshaft und ein schwerhöriger Richter, der es längst schon aufgegeben hat, den Pflichtverteidiger aus seinem Schlaf zu reißen, es kompliziert die Dinge nur, und die sind draußen in der Welt schon nicht einfach, wie sollen sie es dann bei Gericht sein, wo alles seinen Gang zu gehen hat in den schweren Roben, und dem Tschenett sein Gang ist der in die ewige Verdammnis der , wieso also rufst du Ciro eigentlich an und bittest ihn, mit dir zusammen einen Freund am Hafen abzuholen unter Mitnahme eines zivilen Dienstfahrzeuges und also: Formular Nummero 204StrichB, Formular 3Strich21A und was sonst noch, läßt dir von der sagen, wo dieses Unglücksschiff anlegen soll, steigst kaum aus dem Auto und wirst schon von der wildgewordenen Horde aus dem Verteidigungsministerium überrannt, nicht das erste Mal, daß ein Polizist von einem Carabiniere totgetreten würde, so gut wie folgenlos, siehst einen da liegen flach wie Flunder trotz der Leibesfülle, die sich im Lauf der Jahre um ihn gesammelt hat, bleich im Gesicht, weiß im grauen Schnee, verschnürt und verpackt und verloren, gut, denkst du und siehst den Carabiniere, der auf ihm steht und siehst dessen fraglosen Blick und den stummoffenen Mund, gut, da muß jetzt Trick siebzehn klappen und das im ersten Anlauf, und also raus mit dem Ausweis, der zu nichts anderem berechtigt als zu einem ermäßigten Essen in der Kongresskantine und vorwärts forsch, und noch bevor der Carabiniere zum Nachdenken kommt und der , der Knoten an den Kamm, zückst du das Zauberwort. . Und jetzt sag mir: Was sonst? Das sag mir.«
»Du hast ja flüssig reden gelernt, Totò.«
»Dich habe ich nicht gefragt, Tschenett. Ciro?«
»Insomma … Naja.«
Ciro scheint sich nicht sicher zu sein. Er schaut zweifelnd zwischen Totò und mir hin und her.
»Liebe Freunde«, sagt Totò und sinniert ins Weinglas, er, der sonst eher ein großzügiger Trinker ist, einer, der sich der Herausforderung stellt, besser gesagt, »liebe Freunde, jetzt, wo wir hier glücklich vereint sind …«
Ich greife mir an den Kopf. Ciro rührt keine Miene. Totò schiebt lärmend seinen Stuhl zurück, stemmt sich hoch, als hätte er’s am Rücken, hebt weit ausholend sein Glas.
»Amici …«
Und dann lacht es aus ihm heraus, er umarmt mich und sagt: »Gut, daß du da bist.«
»Erzähl mir, was du in Napoli machst, Totò. Von mir weiß ich das. Ich bin mit dir verabredet.«
»Durchaus ehrenwert«, sagt Totò.
»Schon gut.«
» undsoweiter …«
»Wie bitte?«
»




