Lanthaler | Heisse Hunde | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

Lanthaler Heisse Hunde

Hirnrissige Geschichten und ein Stück Karibik
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7099-7683-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Hirnrissige Geschichten und ein Stück Karibik

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7683-8
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



VIELE 'SELTSAME' UND 'HIRNRISSIGE' GESCHICHTEN UND EIN THEATERSTÜCK, in dem sogar der Krimistar Tschonnie Tschenett auftaucht Pointierte Geschichten, klassische Short-Stories, mit Schwung erzählt, hintergründig, skurril, Geschichten aber auch, die sich Zeit nehmen, dem Menschen schrittweise in seine Abgründe zu folgen, dorthin, wo er zum 'Heißen Hund' wird. Der Band enthält auch das Theaterstück 'Heiße Hunde. Hot dogs', eine Szenenfolge an der Imbissstube, wo sich das Leben der wenig Erfolgreichen abspielt, der Arbeitslosen, aber auch der Lebenskünstler, die sich ihr Stück Karibik im Traum erobern. 'Geschichten über Menschen am Rande der Gesellschaft, aber auch Geschichten über den ganz normalen Wahnsinn im Alltag, ein echt skurriles Lesevergnügen!' WEITERE BÜCHER DES AUTORS: - Das Delta - Goldfishs reisen um die halbe Welt - Offene Rechnungen AUS DER TSCHONNIE-TSCHENETT-REIHE: - Der Tote im Fels - Grobes Foul - Herzsprung - Azzurro - Napule

Kurt Lanthaler, geboren 1960 in Bozen, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Schreibt Erzählungen, Romane, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Installationen. Libretto und Video zu der Oper 'Rasura' von M. Kerer. Diverse Preise und Stipendien. Übersetzer aus dem Italienischen, darunter Romane von Peppe Lanzetta und Roberto Alajmo. Bei Haymon: Fünf Romane um Tschonnie Tschenett: Der Tote im Fels, Grobes Foul (beide 1993), Herzsprung (1995), Azzurro (1998) und Napule (2002); Heiße Hunde. Hirnrissige Geschichten und ein Stück Karibik (1997), Offene Rechnungen. Anoichtoi Logariasmoi. Zwölf Gedichte und vier Geschichten (deutsch/italienisch/neugriechisch, 2000), Südtiroler Wein Lesen. Beschreibungen, Fotografien, Literatur (gem. mit Wolfgang Maier und Jochen Wermann, 2003), himmel & hoell (fuer fuszleser & daumenschauer) 84 strofen & 84 bilder fuer 84 stufen (gem. mit Peter Kaser, 2003), Das Delta. Roman (2007) und Goldfishs reisen um die halbe welt. Gedichte (2011). Bei HAYMONtb: Grobes Foul. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman (2010) und Der Tote im Fels. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman (2011).
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ROMA STAZIONE TERMINI


Rom im November ist feucht und kalt. Ich hatte mich sechs Tage in der Stadt aufgehalten und nichts von ihr gesehen außer meinem Hotelzimmer, dem Kongreßsaal, einer Bar für den morgendlichen Espresso und einer kleinen Trattoria, in der ich mich jeden Abend vor den anderen Kongreßteilnehmern versteckte.

Kongresse sind die unangenehmste Begleiterscheinung meiner beruflichen Tätigkeit, aber nur selten zu umgehen. Schlimmer, aber glücklicherweise meistens vermeidbar, sind nur noch die Whiskeyabende an der Hotelbar, Veranstaltungen, die zum Groteskesten und Sinnlosesten gehören, das ich in meinem Leben gesehen habe. Innenarichtektonische Geschmackswüsten, deren Messinggreuel mit der Anzahl der Sterne zunehmen, Barkeeper, die das Glas vollgähnen, bevor sie ihre ebenso schlechten wie teuren Spirituosen hineinschütten, und dann: der Leidensgenosse auf dem Hocker nebenan. Kongreßteilnehmer, Vertreter, angetrunkener Heimatloser, zieht er im zweiten Satz ungefragt häßliche Fotos dicker Kinder und zerfallender Frauen aus der Tasche, zeichnet den Grundriß seines Häuschens im Grünen auf den Artikel in deiner Zeitung, den du gerade lesen wolltest, und ist um den Preis einer Bloody Mary gern bereit, dir die Adressen der letzten gesunden Transsexuellen der Stadt zu überlassen.

Ich denke also, es ist menschlich verständlich und nachvollziehbar, daß ich mich für die Dauer meines römischen Aufenthaltes allabends klammheimlich in die Seitenstraßen schlug und durch Gassen schlich, immer in der Angst, ein Kongreßteilnehmer oder einer der Hotelgäste könne meinen Weg kreuzen. Ich hatte Glück und erreichte jedesmal unerkannt die Trattoria „da Toni“, die Sie bitte nicht im Telefonbuch suchen, weil sie selbstverständlich nicht so heißt. Ich habe nämlich berechtigterweise die dumpfe Vorahnung, daß ich schon gegen Ende dieses Jahres aus beruflichen Gründen wieder nach Rom fahren muß. Und ich teile Toni ungern, auch mit Ihnen nicht, verzeihen Sie. Toni, der, Sie vermuten es sicher schon, genausowenig Toni heißt wie seine Trattoria „da Toni“, dieser Toni war ein großherziger Gastgeber, der mich Abend für Abend mit sanftem Zwang dazu brachte, genießerisch lächelnd mehr zu essen und zu trinken, als zur bloßen Erhaltung meiner Körperfunktionen notwendig gewesen wäre. Ich dankte ihm seine Fürsorge damit, daß ich bis in die frühen Morgenstunden an dem immer gleichen kleinen Tisch in einer nur spärlich ausgeleuchteten Ecke seines Lokals saß. Dann setzte er sich an meinen Tisch und wir tranken stumm zwei letzte Schnäpse.

Das Taxi, auch das war mir schon zu einer Gewohnheit geworden, die Ihnen vielleicht als übertrieben vorsichtig oder gar wahnhaft erscheinen mag, das Taxi brachte mich dann in eine zehn Gehminuten vom Hotel entfernte Seitenstraße.

Sowenig ich jetzt, wo ich in der kalten Halle von Roma Stazione Termini auf die Abfahrt meines Zuges wartete, der Stadt, dem Kongreß oder gar meinem Hotel nachtrauerte, so sehr wußte ich, daß ich, gleichgültig was kommen würde, der Trattoria „da Toni“ treu bleiben würde.

Die Bahnhofshalle von Roma Stazione Termini sieht aus wie alle Bahnhofshallen dieser Welt. Sie ist ebenso zugig und ungemütlich wie verschmutzt und laut. Ich mag Bahnhofshallen nicht, aber ich verkehre regelmäßig in ihnen. Beruflich bin ich viel unterwegs, die Eisenbahn ist das einzige Verkehrsmittel, das mich nicht in den Wahnsinn treibt. Und ich habe seit über dreißig Jahren Angst, meinen Zug zu versäumen. Was zur Folge hat, daß ich jedesmal gute eineinhalb Stunden zu früh am Bahnhof stehe und warte.

Weil ich aber bald erkannt habe, daß der Zugang zur Hölle durch die Bahnhofsrestaurants dieser Welt führt, was organisatorisch klug gedacht ist, kommt es doch so, trotz des bekannt großen Andrangs, nie zu Rempeleien oder Wartezeiten, die die mittlere Zubereitungsdauer einer Tütensuppe überschreiten, eben deswegen vermeide ich diese Restaurants.

Ich habe Wochen meines Lebens in Bahnhofshallen zugebracht. Auf und ab gehend, einfahrende Züge inspizierend, die mich nicht im Geringsten interessieren, kurz: sinnlos wartend. Aber so sinnlos das Ganze auch war, es war die sinnvollste Variante. Ich hatte mich längst schon daran gewöhnt.

Mein Zug sollte in achtunddreißig Minuten ab- und in fünfundzwanzig Minuten einfahren. Es war an der Zeit, mein Gepäck aus dem Schließfach zu holen.

Vor meinem Schließfach saß ein alter Mann auf einem Karton, neben sich zwei vollgepackte Plastiktüten. Ich zögerte kurz, er schlief. Noch bevor ich mir mein weiteres Vorgehen überlegen konnte, in solchen Dingen bin ich etwas unentschlossen, wachte er auf. Als ob er meine Anwesenheit gespürt hätte. Er lächelte mich zahnlos und stoppelbärtig an und erhob sich, mühsam, ächzend und stöhnend. Aber er blieb vor meinem Schließfach stehen.

„Geben Sie einem Menschen, der achtzig Jahre alt ist und immer noch Hunger hat, ein paar Lire“, sagte er.

Ich gebe keine Almosen, ich bin kein Katholik. Es gibt intelligentere Formen, jemanden zu beleidigen.

Und dann saß ich im Geist in der Trattoria „da Toni“.

„Hunger?“ sagte ich. „Wenn Sie einverstanden sind, lade ich Sie zum Essen ein.“

Der alte Mann sah mich an, dann schaute er in die Runde, um schließlich kurz zu nicken.

„Ja“, sagte er, „das geht. Wenn ich in einer Stunde wieder hier bin, finde ich noch einen Platz für heute nacht. Das ist nämlich das wärmste Eck im Bahnhof, und ziemlich gefragt als Nachtbleibe, müssen Sie wissen.“

„Ich verstehe“, sagte ich, „wir gehen ins Bahnhofsrestaurant.“

Der alte Mann schien nicht begeistert zu sein bei der Vorstellung, was ihn mir nur sympathischer machte.

„Es muß sein“, sagte ich, „leider. Ich versäume sonst meinen Zug.“

Er hatte, angesichts dessen, was im Angebot war, nicht schlecht gewählt, der alte Mann. Zuppa pavese, Involtini alla Romagnola, Cassatta, einen halben Liter Rotwein, Espresso, Brandy. Ich hatte mich zu einem viertel Liter Mineralwasser überreden können. Wir waren ein vielbeachtetes Duo. Der alte Mann mit seinen Plastiktüten und dem gefalteten Karton, „optimal“, hatte er gesagt, als ich mir einen fragenden Blick nicht hatte verkneifen können, wie er sich den Karton unter die Achsel geklemmt hatte, „optimal“, hatte er gesagt, „tagsüber drauf sitzen, nachts drauf schlafen.“ Und ich mit meinen zwei Aluminiumkoffern im alten Ju-Design.

„Wie lange leben Sie schon so?“ fragte ich, um nicht vollkommen stumm dazusitzen.

„Seit 1938, eigentlich“, sagte der alte Mann. „Auch wenn da noch etwas Militär und Krieg waren, und dann ein paar Jahre in einem Büro, irgendwann, und das Jahr in einem Hotel in der Schweiz, aber, eigentlich, seit 1938, Dezember, um genau zu sein.“

„Eine lange Zeit“, sagte ich.

„Wie man’s nimmt. In meinem Alter ist Zeit kein Begriff mehr. Weil sie nicht zu haben ist, ist sie wertlos geworden.“

„Gut“, sagte ich, holte meine Brieftasche aus der Jackentasche und zählte drei Hunderttausend-Lire-Scheine auf den Tisch, „dreihundert für dreißig Minuten. Erzählen Sie mir die Geschichte. Eine halbe Stunde, dann ist die Parkuhr abgelaufen, ich steige in meinen Zug und Sie sitzen auf Ihrem Schlafplatz.“

„Ich weiß nicht“, sagte der Alte, „es ist lange her, daß ich das letzte Mal gearbeitet habe für mein Geld. Hab keine guten Erinnerungen daran.“

„Das ist etwas anderes“, sagte ich und schob die Scheine in seine Richtung, „Schmerzensgeld für die Qualität der Küche.“

Das war der eine Grund. Der andere war, daß der Alte seit langem der, nun, wie sagen, eigenartigste Mensch war, den ich in einem Bahnhof getroffen hatte. Er erinnerte mich, fragen Sie mich nicht, wieso, an meine jungen Jahre.

„Verstehe“, sagte der alte Mann und griff nach den Geldscheinen, „wenn es Sie glücklich macht.“

Und dann faltete er die drei Hunderttausender, einen nach dem anderen, fein säuberlich viermal über die Kante und reihte sie wie kleine Häuschen nebeneinander auf.

„Wenn Sie so wollen“, sagte er und schob ein Häuschen nach dem anderen einen Zentimeter nach vorne, „wenn Sie so wollen, waren die Schweine mein Unglück. Dabei sind es Glücksbringer. Um genauer zu sein“, er löffelte konzentriert die Zuppa pavese leer, „damals dachte ich, die Schweine wären mein Unglück gewesen. Es ist aber andersherum. Sie haben mir das Leben gerettet. Fette umbrische Mastschweine, aus denen das Blut lief.“

Er schob die leere Suppentasse zur Seite und sah sich...


Kurt Lanthaler, geboren 1960 in Bozen, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Schreibt Erzählungen, Romane, Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Installationen. Libretto und Video zu der Oper "Rasura" von M. Kerer. Diverse Preise und Stipendien. Übersetzer aus dem Italienischen, darunter Romane von Peppe Lanzetta und Roberto Alajmo. Bei Haymon: Fünf Romane um Tschonnie Tschenett: Der Tote im Fels, Grobes Foul (beide 1993), Herzsprung (1995), Azzurro (1998) und Napule (2002); Heiße Hunde. Hirnrissige Geschichten und ein Stück Karibik (1997), Offene Rechnungen. Anoichtoi Logariasmoi. Zwölf Gedichte und vier Geschichten (deutsch/italienisch/neugriechisch, 2000), Südtiroler Wein Lesen. Beschreibungen, Fotografien, Literatur (gem. mit Wolfgang Maier und Jochen Wermann, 2003), himmel & hoell (fuer fuszleser & daumenschauer) 84 strofen & 84 bilder fuer 84 stufen (gem. mit Peter Kaser, 2003), Das Delta. Roman (2007) und Goldfishs reisen um die halbe welt. Gedichte (2011). Bei HAYMONtb: Grobes Foul. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman (2010) und Der Tote im Fels. Ein Tschonnie-Tschenett-Roman (2011).



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