E-Book, Deutsch, 348 Seiten
Reihe: Transfer Bibliothek
Lanteri Die Insel und die Zeit
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-99037-169-5
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 348 Seiten
Reihe: Transfer Bibliothek
ISBN: 978-3-99037-169-5
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Claudia Lanteri, in Caltanissetta geboren, wurde bereits als Kind von ihren Eltern, Gründern eines Theaters, mit der Leidenschaft für Geschichten infiziert. Nach Jahren in London arbeitet sie als Buchhändlerin in Palermo und schreibt für 'La Repubblica' und 'L'Espresso'. Ihr außergewöhnliches Romandebüt wird in Italien einhellig als literarische Sensation gefeiert. Inspiriert haben sie die Werke von Elsa Morante, vor allem aber die Insel Linosa, auf der sie viele Monate schreibend verbrachte, ein Ort außerhalb der Zeit.
Weitere Infos & Material
1. Der Berg
2. Der Gehilfe
3. Der Schatten
4. Die Kaserne
5. Die Tote
6. Die zwei Wege
7. Der Zeuge
8. Der Lügner
9. Die Leiche
10. Der Witwer
11. Die Stimmen
12. Der Anhänger
13. Der Priester
14. Die Verräter
15. Der Briefwechsel
16. Die Beschattung
17. Die Überlebende
18. Die Gegenüberstellung
19. Der Gast
20. Der Hund
21. Die Mutprobe
22. Der Schreck
23. Die Tochter
24. Das Fieber
25. Das Verhör
26. Was bekannt ist
27. Der Bericht
28. Der Scherge
29. Die Teufelin
30. Der nächste Tag
31. Die Wanderung
32. Der Abschied
33. Morgengrauen
34. Die Ausfahrt
35. Gleiten
36. Das Kästchen
37. Die Zimmer
1.
Der Berg
Ich kann sie hier oben nicht hören, aber ich sehe sie und weiß, dass sie nach mir rufen: Sie halten die Finger zum Trichter geformt wie ein Megafon, damit der Wind ihre Stimmen nehmen und ein Stück weitertragen kann, wo sie von selbst nicht hinkämen, zum Bootsanleger, ins Land, in die Kirche hinein. Flach hingekauert sehen sie mich nicht und heben nicht einmal den Kopf, um nach mir Ausschau zu halten, als wäre ich unsichtbar, als wäre ich ein Felsblock oder eine stachlige Distel, die selbst ohne Wasser die Erde dieses dunklen Berges aufwirft. Es herrscht ein Licht, das alles verschluckt, Sträucher, Steine, Pfosten, Schuppen, Hecken aus Feigenkakteen, alles vertilgt in geballtem, schattenlosem Weiß, das den Hall meines Namens löscht. Bald werden sie des Rufens leid. Sie sind müde von der vergangenen Nacht, in der sie Reusen ausgeworfen und eingeholt haben, draußen auf dem Meer, jenseits der Untiefe Secchitella. Auswerfen und einholen, die ganze Nacht, gestern war Taschenkrebsnacht. Erst spät am Vormittag lief der Kutter ein; der Kapitän hat sich die Kisten besehen – nach Stunden in der Wärme war das Eis längst geschmolzen – und sich nicht mal runtergebeugt, um dran zu riechen. Er hat vielleicht dreihundert Lire aus der Tasche gezogen und mein Vater hat wohl nichts gesagt, um die nicht auch zu verlieren; er hat die Galle runtergeschluckt, und das Geld ist in der Tasche verschwunden. Wie er die Zigarette bis zu den Fingern hinunterraucht: Auch daran kann ich sehen, wie wütend er ist.
Ich kauere, die Ellenbogen flach auf der Erde, aber entdecken tun sie mich sowieso nicht: Ich verstecke mich nur, damit es sich nach Abenteuer anfühlt. Die gucken nie rüber zum Berg, sie haben hier oben nichts verloren, und selbst wenn, würden sie nicht raufkommen, weil sie sich hier zu einsam fühlen. Letztes Jahr haben sie den Berg aus dem Weg räumen wollen: Das Forstamt ist gekommen und hat mit Dynamit ein Stück weggesprengt, ein Mordskrach war das. Weil wir nicht wussten, was wir mit dem Krater voller Felstrümmer anfangen sollten, haben wir ihm einen Namen gegeben: Kogelscharte, weil's eine aasige Scharte ist. Von dem Geröll hat sich jeder was mitgenommen, um Mauern, Öfen oder sonst was zu bauen. Sie tun so, als gäbe es den Berg mit all seiner roten und schwarzen Erde nicht; dabei kann man ihn unmöglich übersehen, egal von wo: Man sieht ihn auf der ganzen Insel. Angeblich erkennt man ihn sogar von Lampione aus, aber bis dort bin ich nie gekommen. Es ist mein Glück, dass die anderen Dörfler sich nicht raufwagen, so kann ich kommen und gehen, wie es mir passt. Einmal auf dem Gipfel, kann man sich im Anblick der Wolken verlieren, die in blassblauen Streifen zwischen dem Horizont und dem glatten Wasser liegen wie feiner, schäumender Nebel. Allein ist man Herr über alle Dinge, vergangene wie gegenwärtige, man erfasst sie in einem Wimpernschlag. Stück für Stück entrollt sich die Geschichte vorm Auge bis zum Horizont, bis zum Ende des Meeres. Einst hieß die Gegend Vedetta – Ausguck –, und tatsächlich kann ich von hier sehen, wo Schlechtwetter herrscht, wo es windig und wo windabgewandt ist und ob es ein Tag zum Hinausfahren ist oder nicht.
Vilasi ist schon bei der rotbarbenfarbenen Bougainvillea vor Don Colas Haus, so wenig schert er sich um mich. Filippo dagegen legt noch immer die Hand an die Wange. Er ist der Älteste und fühlt sich verantwortlich für uns Geschwister, für unsere Eltern und dass der Himmel nicht einstürzt. Filippo würde ewig nach mir rufen, ohne hungrig zu werden, so lieb ist er mir. Mein Vater wartet noch kurz, dann schlägt auch er den Arm nach hinten, als gehörte die Hand nicht ihm und als wollte er sie loswerden. Er hat Hunger. Sie alle haben Hunger, nach einer Nacht auf dem Boot, und das für einen läppischen Fang: Wenn ich zum Essen kommen will, komme ich, ich kenne den Weg, und wenn nicht, auch gut, dann bleibt mehr für sie. Ich sehe sie davongehen und in der Kurve hinter dem letzten Haus verschwinden. Zur Sicherheit zähle ich noch einmal von eins bis sechzig – weder zu schnell noch zu langsam, so lang, wie es braucht. Bei einundsechzig kann ich aufstehen und mir sicher sein, dass mir nichts mehr dazwischenfunkt.
Es ist Juli oder Anfang Juli vielleicht; deshalb bin ich wohl nicht in der Schule, wo ich dieses Jahr zum zweiten und letzten Mal die sechste Klasse gemacht habe. Im Juli ist die Schule geschlossen, und die Lehrerin ist wohl inzwischen nach Hause zurückgekehrt. Sie ist eine waschechte Lehrerin, mit hinters Ohr gestrichenem Haar und bepackt mit Büchern. Den ganzen Juni hat sie auf das Eintreffen des Direktors vom Festland gewartet, der am Schuljahresende immer seine Kontrollen durchführen will. Als die Kontrolle gemacht und alles in Ordnung war, einschließlich unserer Fingernägel und Haare, konnte die Lehrerin die Fähre besteigen und ebenfalls aufs Festland zurückkehren. Die Lehrerin ist Italienerin aus Sizilien. Dieses Jahr im September heiratet sie, einen von dort, und sie sagt, sie werde nicht wiederkommen. Auch wenn die Lehrerin nicht geheiratet hätte, hätte ich die Sechste nicht gern noch mal gemacht. Ich durfte sie zweimal wiederholen, weil es hier sonst keine Schule gibt. Im September habe ich noch wie wild den Arm in die Höhe gereckt, weil ich die Antwort vom letzten Jahr kannte, aber schon im Oktober war mir zum Gähnen: Alles vorher zu wissen, ist nicht so aufregend, wie ich dachte. Aber ich finde, wenn jemand anfängt, Lehrerin zu sein, sollte man auch damit weitermachen, statt zu heiraten. Jetzt, ohne Lehrerin und ohne Hilfe, muss ich zusehen, wie ich die Dinge begreife, wie sie beschaffen sind und sich zugetragen haben, und genau deshalb steige ich immer wieder auf diesen Berg und behalte im Blick, ob der Tag Neues bringt, ob der Wassertanker ausbleibt, ob Auswärtige an Land gehen oder sich beim Friedhof die Erde über den Toten regt. Von hier oben beobachte ich alles. Jetzt, nah beim Professor auf Lauerstellung, wird sich erweisen, ob es mir gelingt, sein Gehilfe zu werden.
Der Professor ist ein Naturforscher, mit Vornamen heißt er Edoardo und mit Nachnamen Dalmasso. Er ist auf die Insel gekommen, um Exemplare von Tieren und Pflanzen zu sammeln, die für die Wissenschaft noch bedeutender sind als Menschen. Die Leute kommen auf die Insel und glauben, sie hätten es lediglich mit einem verbrannten Felsen weit draußen im Meer zu tun. Wenn ihr im Sommer kommt und das sonnenversengte Gestrüpp und Unkraut seht, die Bäume, die wir in die Gräben pflanzen, um sie vor dem Wind zu schützen, und die trockene Erde, die mickrige Kapern hervorbringt, kann ich verstehen, dass man die Insel für eine Wüste hält; ihr müsst im März kommen, wenn der brache Boden explodiert und die Schmetterlinge und Bienen sich an den Wildblumen betrinken und die Bienenfresser aus Afrika zurückkehren, und die Pirole, und alles grünt. Um uns diesen großen Reichtum zu offenbaren, ist der Professor von einer Universität in Mittel- oder Norditalien gekommen, die, wenn ich mich nicht irre, mit dem Buchstaben P beginnt, und seine Forschungen waren so bedeutend, dass er manchmal sogar zu essen vergaß. Ich vergesse nie zu essen; darum habe ich immer eine kleine Faust Salz in der Tasche, um es in ein Gelbschnabelei zu streuen, falls ich eines finde.
Wir glaubten zu träumen, als Dalmasso vom Postschiff ging, dem es, obwohl es recht windig war, an jenem Tag gelang, am Scalo Vecchio anzulegen. Er war mit Kisten und Koffern bepackt, und es brauchte drei Maultiere und sechs Männer, um alles in seinen Dammuso zu bringen. Während er am Schluss der Karawane vorbeizog, bekreuzigten sich die Frauen, weil das Maultier bei jedem Schlagloch ein Glasgefäß fallen ließ und dem Professor ein Fluch entfuhr. Sogleich verbreitete sich Aufregung auf der Insel, die Leute kamen, um ihn zu sehen, und hielten ihn von der Arbeit ab. Dann verflog die Neugierde, und die Leute kümmerten sich wieder um ihre eigenen Angelegenheiten, als wäre nichts gewesen. Nur ich bin noch da und erzähle mir die Geschichte jeden Tag aufs Neue, so wie sie sich zugetragen hat und wie ich sie sehe.
Kurz und gut, sofort habe ich vor den Wolkenschemen die Gestalt des Professors entdeckt, die mit dem wehenden Pastinakengesträuch verschmilzt. Er vermag die Zeichen des Wetters nicht zu deuten – Wind hat sich erhoben, doch obwohl es aufzufrischen scheint, geht es Richtung Flaute –; er ist nicht von hier, hat den bedeckten Himmel gesehen und sich zu dick angezogen. Das sehe ich an den roten Flecken, die auf seinen aschlaugebleichen Wangen brennen, und am Schweiß, der ihm das spärliche Blondhaar in drolligen Hörnern an den Schädel klebt. Er ist unsere Gluthitze nicht gewohnt. Er streckt die Hand nach der Feldflasche aus, doch es kommt kein Wasser mehr raus, er hat wohl den ganzen Vormittag auf dem Berg zugebracht. Ich würde ihm gern sagen, dass er am Sauerklee saugen kann, aber dann hätte er mich beim Ausspionieren ertappt und wäre sogleich misstrauisch geworden: Also ziehe ich mir das weiße Unterhemd aus und binde es mir an die Hosen, in der Hoffnung, dass er mich vor dem Schwarz des Berges nicht sofort entdeckt und ich mich noch ein paar Schritte heranpirschen kann. Bleibt da mein Schuh doch unter einem dicken, trockenen Pastinakenzweig hängen? Und obwohl der Professor von der Insel gewiss wenig Ahnung hat, sich das Wasser nicht einzuteilen weiß und von auswärts kommt, bleibt er dennoch ein Wissenschaftler, wogegen ich Trottel mich sofort habe erwischen lassen.
Der Professor lässt die Brauen in stummem Vorwurf emporschnellen und macht mir ein Zeichen, behutsam zu...




