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E-Book

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

Lange Kreuz- und Querungen

Exkursionen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-9967-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Exkursionen

E-Book, Deutsch, 140 Seiten

ISBN: 978-3-7431-9967-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Kurzgeschichten in "Kreuz- und Querungen" wortskizzieren Menschen, die trotz gradliniger Lebensmuster auf labyrinthische Weise in eigenwillige Bahnen gelenkt werden. Vielleicht nicht trotz, sondern wegen ihres vorgezeichneten Verwurzelten kommt es zu einem porträtierten Verästelten. Schraffuren werden zu ungewollten Schattierungen, Profilierungen zu brüchigen Perforierungen. Klare Konstruktionen verdichten sich zu kühnen Kompositionen, die aus den Fugen geraten. Wer sich als Leserin oder Leser darauf einlässt, wird auf Exkursionen in ein unbestimmtes Überall mitgenommen.

Bernd Lange, geboren 1949 in Berlin, gewachsen in Köln, gelebt in Stuttgart, Freiburg und wieder in Stuttgart, gebraucht das Wort als Lebenselixier. Was andere über ihn erzählen: "Vor seiner Schreibmaschine sitzt er. Freut sich über geglückte Worte, verflucht misslungene. Wenn der Mond mit seinen Schatten Sujets camoufliert, ist er glücklich. Und wenn die Sonne wieder mit ihrer Evidenz prahlt, geht sein Leben weiter."
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Mit uns, das wird nicht mehr


1 Dass die Wellen in der kleinen Baia del'Innamorata seine Füße in dieser Minute umspülen, ist eine Flucht. Eine ziemlich spontane Flucht, geht ihm durch den Kopf, und doch eine durchdachte, eine logische Flucht. Es ist seine Flucht, vor ihm selbst.

Nach sieben Stunden mit dem Auto durch die Nacht und achthundert Kilometer weiter südlich steht er am Rande des Mittelmeeres. Die gerade aufgehende Sonne legt einen hellen Streifen in die glatte Bucht. Die Flügel der ersten schreienden Möwen über dem Wasser gleißen bereits im flachen Licht.

Abraham wollte vor sich selber fliehen. Jetzt steht er fröstelnd am noch dunklen Meer. Ich habe mich selbst eingeholt, denkt er müde. Und dass die gleichen Wellen, die seine Füße umspülen, immer wieder die Worte, die letzten Worte, die er von ihr gehört hat, an Land spülen, will er nicht begreifen: .

2 »Einen Caffè.«

Kurzes Nicken.

»Einen doppelten, bitte.«

»Hm.«

»Bitte.«

»Danke.«

Eine Brioche greift Abraham von der Theke. Sein Frühstück nimmt er im Stehen, noch vor Sonnenaufgang.

Die Bar Centrale, direkt am Marktplatz, ist bereits voll. Fischer, in Gummistiefeln. Marktfrauen, mit Schürze und buntem Kopftuch. Dann im feinen Nadelstreifen, die ersten Geschäftsleute, der Anwalt, der Notar, der Inhaber vom Schuhgeschäft gegenüber. Der Postbeamte, in seiner blauen Uniform mit Schirmmütze. Ein Kommen und Gehen. Alle haben was zu sagen, wissen das Neueste zu berichten, jeder trinkt schnell seinen Caffè, seinen Cappuccino, isst hastig seine Brioche.

»Ciao.«

»Ciao.«

Und sind durch die Tür.

Abraham genießt diese Hektik, die so viel Ruhe ausstrahlt. Dieses Ambiente, das den Deutschen so abgeht. Es lenkt ab von den verqueren Gedanken, die er achthundert Kilometer mitgeschleppt hat.

»Noch einen bitte, doppelt.«

Es ist sein zweiter, nach sieben Stunden Fahrt hinterm Steuer, am Stück.

»Ja, gerne.«

»Danke.«

Ein neuer Tag beginnt.

3 Die ersten Sonnenstrahlen berühren bereits den kleinen Strand, der sich im Halbkreis an das Meer schmiegt. Abraham sitzt im Sand und lehnt an einem der Fischerboote, die sich nach der nächtlichen Fahrt aufs Meer jetzt ausruhen. Fast alle leuchten in den Farben des unverwechselbaren mediterranen Blaus. Abraham versucht zu lesen. Das Buch heißt „50“, der Autor Avery Corman. Doug Gardner, bekannter Sportjournalist in New York macht seine Midlife-Crisis durch. Sie beginnt mit 47 und endet drei Jahre später mit seinem 50. Geburtstag.

Abraham ist bereits über 50, nicht viel. Und stellt fest, dass ihn auf dem Höhepunkt des Lebens sein Tiefpunkt voll erwischt hat. Er ist weder bekannt, noch Journalist, noch lebt er in Amerika. Doch er findet eine Reihe von Parallelen zwischen dem Protagonisten des Buches und seinem eigenen Leben. Warum sollte nicht auch ein durchschnittlicher Reklametexter aus Deutschland eine, seine eigene Lebenskrise durchmachen?

Die Wellen in der Baia del'Innamorata, fast 60 km südlich von Genua in Ligurien, nach Ansicht von Abraham mit eine der schönsten Küsten Italiens, plätschern leise vor sich hin. Und wieder zurück. Außer den laut gestikulierenden Geräuschen einiger Fischer, die ihre Boote säubern, ihre Netze neu zusammenlegen für die Ausfahrt nächste Nacht, liegt eine milde Ruhe in der Bucht.

Abraham legt sein Buch in den Sand. Ihm fehlt die Ruhe zum Lesen. Seine Gedanken kreisen im Kopf wie die Möwen über dem Wasser. Nur, seine Gedanken haben nichts gemein mit der Anmut der Möwen, die schwerelos in ihren Flugbahnen schweben. Seine Gedanken sind eher wie die Schreie, wenn die Möwen um die letzten Reste des Meeres, die noch in den Fischerbooten liegen, streiten. Abraham stellt fest, dass er sich in etwas verrannt hat. Total verrannt. Etwas, das er so greifbar vor sich sieht, vor sich im weichen Sand.

Es ist nicht greifbar. Die Wellen spülen es immer wieder an Land und nehmen es nur eine Sekunde später wieder mit. Was bleibt, sind wirre Bilder, die niemals untergehen.

Abraham findet keine Ruhe.

4 »... Ein Kilo Pfirsiche.«

»Bitte.«

»... Haben Sie Artischocken?«

»Ja.«

»... Und Spinat?«

»Wie viel?«

»... Sind die Auberginen frisch?«

»Selbstverständlich, Signora!«

»... Und von den Oliven, den schwarzen.«

»Gerne.«

»... Nein, nein, heute keine Zitronen, aber ein Pfund Kirschen, von diesen da.«

»Gut. Bittesehr.«

Abraham geht über den Wochenmarkt auf der kleinen Piazza. Er nimmt das Hin und Her des Einkaufens, Aussuchens, Verhandelns in sich auf. Hört Wortfetzen der nicht enden wollenden Gespräche. Beobachtet die Mimik, die Gestik der Männer, der Frauen, der Kinder, die oft genug mehr sagen als Worte.

Seine Augen erfreuen sich an der üppigen Farbpalette des Obstes. Genießen die prächtige Vielfalt des Gemüses. Bewundern den unendlichen Reichtum der unterschiedlichsten Meeresfrüchte. Begutachten das ausgereifte Angebot des Käses. Sind begeistert über die nicht mehr überschaubare Auswahl an lukullischen Sinnesfreuden. Abraham sieht sie alle vor sich, die Ergebnisse der Kochkünste der italienischen Cucina casalinga.

Der schon lauwarme, obwohl noch frühe Morgen tut sein Übriges. Abraham ist eins mit sich. Wie im Traum. Wie in einem paradiesischen Zustand kurz vor seiner Vollendung. Für ihn gibt es heute Morgen keine quälenden Fragen, was nehme ich, was brauche ich, was fehlt mir. Nein, heute gehört ihm alles. Heute gehört Abraham die Welt. Es ist sein Tag.

Lass ihn nie zu Ende gehen.

5 Ein Kaugummi ersetzt das Zähneputzen an diesem Morgen. Fade lümmelt er inzwischen in Abrahams Mund, bekommt langsam einen unerotischen Beigeschmack. Abraham hat manchmal das Gefühl, dass der Kaugummi ein wenig salzig schmeckt. Er spuckt ihn aus, will seinen Zustand damit ebenfalls in hohem Bogen ausspucken.

Das Meer nimmt alles, was man ihm gibt. In dieser Hinsicht ist es geduldig. Das Meer nimmt auch Kaugummis. Das Meer gibt jedoch auch wieder zurück. Es ist ein Spülbecken für gestrandete Vergänglichkeiten, für unbewältigte Unerlässlichkeiten. Abraham muss erkennen, sein Kaugummi ist ein Symbol für die Unendlichkeit. Abraham schließt seine Augen. Er lässt die lichtgetränkte, glitzernde Oberfläche des Meeres, die aussieht, als würden Tausende von Sternen funkeln, ins Zeitlose verschwinden. Sie blenden ihn noch bei geschlossenen Augen und verdunkeln ihm gleichzeitig den Blick in eine neue Zukunft. Abraham kaut auf seinen Gedanken rum, bis er, übernächtigt, nahtlos in einen tiefen Schlaf versinkt.

6

Schreiend, ja fast schon befehlend steht es an der braunen Hauswand.

Abraham geht durch die alten Gassen des kleinen Städtchens, in denen die späte Nachmittagssonne nur noch an wenigen Stellen hineinschaut. An alten Häusern vorbei geht er immer höher hinauf. Er lässt sich treiben, würde jeder denken, der ihn hinter geschlossenen Fenstern beobachtet. Ein kleines, unscheinbares Häuschen, neben den anderen schon deutlich verkommen, schreit ihn an.

Es rückt seine Fassade mit den in dicken Pinselstrichen gemalten Buchstaben mit einem Mal in den Vordergrund, stellt sich vor seine Nachbarn, nimmt Beziehung auf durch seine schlichte, aber dennoch unübersehbare Anklage.

Du bist der ruhende Pol zwischen all den sauberen, ordentlichen Ansichten.

Die Gleichung geht auf. Im Garten des kleinen Häuschens, verwildert, verwuchert, verwunschen, singt ein Vogel sein Lied. Unaufhörlich, immer wieder, ohne zu enden. Er singt seine unendliche Geschichte.

Für mich, denkt Abraham.

Mir allein. Klar und deutlich.

Er versteht jeden Ton.

7 Die Glocken des Kirchturms, nur fünfzig Meter von der kleinen Bucht entfernt, verkünden wie jeden Tag auch heute ihre Botschaft.

12 Uhr Mittag. Aus irgendwelchen Träumen herausgerissen, blinzelt Abraham aufgeschreckt in die Sonne.

Wo bin ich? Wer bin ich? Wieso bin ich? Die Vergangenheit holt Abraham langsam wieder ein. Er liegt immer noch an dem Strand, wo ihn vor zwei Stunden das ständig wiederkehrende Plätschern der Wellen in eine andere Welt schaukelte. Er ist immer noch derjenige, der vor vierzehn Stunden fluchtartig seine Wohnung verlassen hat, um hier zu stranden. Auf die dritte Frage weiß er immer noch keine Antwort.

Das Stück Meer in der kleinen Bucht kündigt Welle für Welle den Wechsel der Gezeiten an. Mit dem aufkommenden Wind meldet sich die Flut. Sehr viel unruhiger schlagen die Wellen an den Strand, erobern Zentimeter um...



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