E-Book, Deutsch, 76 Seiten
Lang Na, aus'n Osten, wa?
5. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7531-7590-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 76 Seiten
ISBN: 978-3-7531-7590-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hans Lang wurde 1952 in Waren-Müritz als zweites Kind einer Umsiedler- Familie aus der Slowakei geboren. Abitur, Mathematik- Studium an der Universität in Odessa, der Hafenstadt am Schwarzen Meer. Das direkte Erleben fremder Kulturen hinterließ seinen prägenden Einfluss. Es folgten unruhige Jahre auf der Suche nach einem Platz zum Leben. Seit 1979 in Neubrandenburg. Die letzten Jahre seines Berufslebens bis 2015 als IT- Leiter eines kommunalen Unternehmens zunehmende Einschränkungen auf Grund der bei ihm diagnostizierten Parkinson- Erkrankung. Der leidenschaftliche Marathon- Läufer und Windsurfer, verheiratet seit 1975 und Vater zweier erwachsener Kinder, erschloss sich einen ganz anderen Lebensbereich. 2015 erschien sein erstes Buch 'Der Elefant und die Butterblume '.
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Na, aus’n Osten, wa?
Hans Lang
2021
Implosion
So oder ähnlich war 1989 die Begrüßung durch den freundlichen Herrn am Zeitungskiosk in Berlin (West). Es sollte wohl heißen: Na, Du bist bestimmt von drüben? Na, Du kommst doch aus der Zone? Na, wo bist Du denn zu Hause? Ich antwortete ihm: Ja, wo die Ostseewellen … Er schenkte mir seinen privaten Stadtplan, die Dinger waren schon ein paar Tage aus. Die Grenze war offen und ich das erste Mal beim Klassenfeind, ohne antifaschistischen Schutzwall. Eine ostdeutsche Familie in den aufregenden Wechseljahren der deutschen Wiedervereinigung auf der Suche nach der eigenen Identität. Ich sehe so manches anders: 1989- eine Friedliche Revolution? Was für ein Unsinn! Revolutionen sind nicht friedlich. Wenn doch, dann sind es keine. 1989- eine Wende? Ein vorgedachtes, mit starker Hand geführtes Manöver (wie beim Segeln oder Surfen)? Das war es schon gar nicht. Was dann? [ Wikipedia ] Eine Implosion ist der plötzliche Zusammenbruch eines Objekts infolge eines Außendrucks, der größer als der Innendruck ist, oder anderer Kräfte, die unausgeglichen auf die Objektmitte hin wirken. Umgangssprachlich schlagartige Zertrümmerung eines Hohlkörpers durch äußeren Überdruck. Genau so war es; der plötzliche Zusammenbruch eines Hohlkörpers. Wir mittendrin.
Die zweite Welle
Dezember 2020. Trist ist kein Ausdruck. Grau, verhangen der Himmel und wir verängstigt. Die zweite Welle rollt über uns hinweg. Ausgangssperre kommt wohl noch. Wen wollen sie denn aussperren in unserem Nest. Einsperren ist richtiger. Wenn ich abends meine Runde mache mit dem Fahrrad ist die Stadt wie ausgestorben. Jetzt ist es soweit, vier Wochen harter Shut down. Aber wer garantiert denn, dass es die Wende bringt. Wenn nicht, dann sind wir vermutlich am Ende in unserem Musterschüler-Ländle. Nein, ich mache mich nicht lustig drüber. Krankheit und Tod sind tabu für blöde und auch gute Witze. Es sei denn, sie kommen von den Betroffenen selber. Nein, es ist mein unverbesserlicher Optimismus, der mich an eine Zukunft glauben lässt. Es wäre schön, wenn ich davon noch ein Stück erleben könnte. Und natürlich die Erkenntnis, dass die Gattung Mensch bisher sehr anpassungsfähig an schleichende und an stoßartige Veränderungen in revolutionären Perioden der Entwicklung war. Nur bisher haben wir uns mehr oder weniger der Natur angepasst, anpassen müssen. Die letzten Jahrzehnte aber wollten wir diese erobern. Wir haben auf ihr umhergetrampelt, mehr als je zuvor. Der Mensch ist außerordentlich anpassungsfähig. Ich denke dabei an die Domestizierung des Ossis im Zuge der deutschen Wiedervereinigung. Alles Geschichte, Schnee von gestern? Sicher nicht. Alles hat seine Zeit, auch die Vergangenheit. Für mich ist jetzt Zeitzeugen- Zeit. Ich bin ein 68 er. Nee, kein Aktivist der APO oder RAF. Auch nicht 68 er Jahrgang. Ich bin im Moment gerade 68 Jahre alt, geboren kurz nach dem Krieg, den alle als Zweiten Weltkrieg betiteln. Als ob es immer so weiter ginge, danach der Dritte, der Vierte. Keine Angst nach dem Dritten wird es einen vierten nicht mehr geben. Ich habe einiges erlebt, das möchte ich erzählen. Nicht, dass die Jahre DDR, die deutsche Einheit mehr oder weniger nur von Leuten beschrieben werden, die gar nicht dabei waren. Ich will mich wiederfinden in diesem Chaos. Mich einordnen in Strömungen unserer Zeit, ausgelöst durch große, oft genug auch durch weniger große Lichter. Noch die drei Leute treffen, die in meiner Richtung marschieren. So lange ich denken kann, versuche ich, diesen meinen Platz zu finden. Es wird langsam Zeit. Das mühsam Erworbene, das Aufgeschichtete - es bröckelt sofort, will man es in Worte fassen. Erst recht versucht man darauf Gesetzmäßigkeit zu bauen. Aus A folgt B. So läuft das nicht. Was bleibt, ist ein Beschreiben des Erlebten, ein Erleben des Beschriebenen- Emotionen. Meine Fragen und Deine Antworten.
Nationalfeiertag
November 2019. Mit einer Präsentation, in der alle 16 Bundesländer in Szene gesetzt wurden, und einem Feuerwerk ist am Donnerstag die zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Kiel zu Ende gegangen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach als einer von vielen prominenten Gästen von einer "wunderschönen Gedenkfeier" [Tagesschau.de] Regen prasselt an die Scheiben. Kleine Tropfen bersten und für einen Augenblick entstehen unverhältnismäßig große Krater, bevor alles in sich zusammenfällt. Ganz das Leben; eben. Es ist der 3. Oktober 2019 - Nationalfeiertag. Auf dem Marktplatz meiner Heimatstadt übertreffen sich Käse - Heinrich und Wurst - Detlef mit ihren Angeboten. Und das heute. Wahrscheinlich haben wir nichts Besseres verdient, wir mit unserem Unrechtsstaat. Von morgens bis abends in allen Medien. Wenn ich das schon höre, ihr habt sie wohl nicht alle. Wissenschaftler streiten noch über diesen Begriff, aber Politik und Medien benutzen ihn tausendfach, das ist Trump- Niveau. Die Vereinfachung komplizierter Sachverhalte auf Schlagworte. Das ist Nährboden für die Unkultur der Fake News. Es gäbe viel zu erwidern. Geht es her um Recht oder um Gerechtigkeit? Jede staatliche Ordnung produziert mit ihrem Rechtssystem auch Unrecht, auch Ungerechtigkeiten. Es gibt also folglich nur Unrechtsstaaten. Ich könnte die Empörung gläubiger Christen verstehen, wenn jemand die katholische Kirche als Unrechtskirche bezeichnen würde. Und so wird der Begriff Unrechtsstaat DDR der Gesamtproblematik der deutschen Wiedervereinigung einfach nicht gerecht. Ja, es war eine Diktatur. Ja, es ist Unrecht geschehen. Diese Verbrechen sind hartnäckig aufzuklären, die Täter zu bestrafen. Ja, sie haben uns manipuliert. Sie haben versucht, uns zu fanatisieren. Das war das Schlimmste. Und dieser Mief auf den Trabbi- Rollbahnen und in den Köpfen. Und sie haben diesen Streifen Deutschland in Grund und Boden gewirtschaftet. Trotzdem gibt es mehr zu sagen. Ihr wundert Euch über die Mauer in den Köpfen. Was man hätte anders machen sollen? Ganz einfach die neuen Bundesbürger normal behandeln in Rechten und Pflichten. Aber auf Augenhöhe; nicht wie unmündige Kinder. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Schon mal gehört? Dabei hattet ihr doch nur die Gnade des anderen Geburtsortes oder der richtigen Weichenstellung. 1945, als die Züge mit den Flüchtlingen aus den Ostgebieten anrollten. Einer rechtsrum nach Mecklenburg, der andere linksrum nach Bayern. Unsere Eltern, die diesen scheiß Krieg erlebt haben, der Vater Jahrgang 1922, bis 1945 an der Ostfront. Mutter im Treck über Polen, alles verloren. Wer will ihnen vorwerfen, dass sie etwas anderes aufbauen wollten. Und auch über den Mief in den Köpfen in Ost und in West ließe sich vortrefflich streiten. Nur so viel. Es war auch eine schöne Zeit, unsere Jugend im Osten. Wir haben viel gelacht und bekommen heute noch Gänsehaut, wenn Ost - Rock aufgelegt wird. Es war eine schöne Zeit, ihr könnt sie uns nicht nehmen. Es regnet immer noch. Der betonierte Boden kann das Wasser nicht aufnehmen, überall Pfützen, kleine Seen… Fasziniert schaue ich aus dem Fenster. Das Wasser spült den Staub des Sommers fort. So auch die Zeit, sie lässt die Erinnerungen verblassen. Ehrenwerte Menschen haben die heutige Lehrmeinung über die kleine Republik geschrieben. Nur sie waren gar nicht dabei. Es ist der 3. Oktober. Ich hätte so gern einen Nationalfeiertag!
Kohl- Jahre
1989 war ein Kohl- Jahr. Nicht der Kohl vom Acker. Nein, ich meine den Dicken von nebenan. Der Kohl im Bundeskanzleramt, groß und gewichtig. Der schrieb Geschichte, als er einfach meine kleine DDR in seinen großen Sack steckte. Hat er gefragt vorher? Hat er? Mich nicht! Ich habe ihn nie gemocht, hat er doch immer nur schlecht über uns geredet. Über den Osten meine ich… Noch schlimmer war der Geißler. Ich sehe ihn vor mir, den frischgebackenen Generalsekretär der CDU. Sehen konnte man ihn eigentlich nicht so richtig, das Westfernsehen war zu sehr verrauscht. Er sprach stets von seinen Schwestern und Brüdern im Osten. Ich habe x Leute gefragt, niemand kannte so viele Geißlers in der DDR. Die mit dem großen C vorne redeten ziemlich oft wirres Zeug. Wollten Sie uns nun haben oder lieber doch nicht? Ich kam mir ziemlich verkohlt vor. Die hatten keine Ahnung, als sie uns aufsammelten. Worauf sie sich da einlassen. Aber eines muss ich sagen, der Geißler hat sich prima gemacht, feiner Kerl inzwischen. Hut ab. Viele Kohlianer kamen auch in den neunziger Jahren noch nicht rüber aus Angst, nach Sibirien verschleppt zu werden. Schlechtes Gewissen? Wer sollte sich wohl mit Ihnen abschleppen? Ich nicht! Die Russen hatten wir längst mit Blumen und Dankesreden verabschiedet. Ich war nicht fertig mit unserer kleinen Republik und nicht bereit, diese gegen den überdimensionierten Kohl und seine gebrauchten Ideen einzutauschen. Bei meiner Vergangenheit, ich war bei den Jungen Pionieren ein- und aus der katholischen Kirche ausgetreten, da hatte ich in dem großen Sack wohl kaum irgendwelche Chancen. Es ging so ziemlich alles schief 1989. Ich bin auch nicht gleich rüber, als die Grenze offen war. Hab‘ ein paar Tage gewartet und dann nach Westberlin. Die echte Freude der Verwandtschaft aus den ersten Tagen war schon im Abklingen. Sie hatten wahrscheinlich gemerkt, dass wir länger bleiben wollten. Nebenbei, der aufrechte Gang vieler meiner Art - Genossen wandelte sich auch schon wieder in eine leicht gebückte… ach was, in so eine Art vorauseilende Arschkriecherei. Man wusste ja nie, wozu es gut ist. Da war er also, der goldene Westen. Wir brauchten nur mit Kerzen in der Hand ein paar Mal durch unsere kleine Stadt laufen. Ich war schon immer ein misstrauischer Hund. Wir sind doch gebrannte Kinder. Du kannst ein beliebiges Ereignis der Weltpolitik betrachten. Jahre später öffnen sich die Archive, es war doch alles...




