Land / Dath / Theisohn | Okkultes Denken | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 431 Seiten

Land / Dath / Theisohn Okkultes Denken


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7518-0362-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 431 Seiten

ISBN: 978-3-7518-0362-5
Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nick Land, einer der Köpfe des antidemokratischen neoreactionary movement, Prophet der Beschleunigung und bekennender »Hyper-Racist«, gehört zu den rücksichtslosesten Denkern unserer Zeit. Mit halluzinatorischem Furor lässt er Ungeheuer, Nietzsche-Zombies oder theoriegesättigte Abjekte Amok laufen und schleift Cthulhu-beschwörend Fiktion zu Realität. Ungebremst prescht Land in die tragenden Pfeiler der Aufklärung, in deren Ruinen eine dunkle, irrationale Welt zum Vorschein kommt, worin das Subjekt des abendländischen Denkens endgültig ausgedient hat. Weshalb ihm die ästhetischen und technikphilosophischen Diskurse, über eigenen Skrupel hinwegrasend, dennoch folgen? - Das fragen die Herausgeber Dietmar Dath und Philipp Theisohn gleichermaßen fasziniert in ihrem begleitenden E-Mail-Wechsel und kommen zu dem Schluss: »Weil er etwas extrem Seltenes in der Geschichte der letzten 250 Jahre ist: ein Mensch, der denkt und argumentiert, wie das Allerschlimmste und Allerfalscheste denken und argumentieren würde, wenn es überhaupt denken und argumentieren könnte.« Denken, so zeigt dieser Band mit Nick Lands erstmals ins Deutsche übersetzten Theorie-Fiktionen, ist eine Gewalt, die die Fantasie dazu zwingt, sich als Wirklichkeit zu enthüllen

Nick Land, 1962 geboren, ist Philosoph und Journalist. In den 1990er-Jahren gründete er u. a. mit der cyberfeministischen Theoretikerin Sadie Plant und dem Schriftsteller Kodwo Eshun die stark von H. P.  Lovecraft, William Gibson und Deleuze/Guattari beeinflusste Cybernetic Culture Research Unit, deren Einfluss auf den Akzelerationismus und Spekulativen Realismus maßgeblich war. Später entwickelte er gemeinsam mit dem rechtsextremen Blogger Curtis Yarvin alias Mencius Moldbug das Projekt einer »Dunklen Aufklärung«.
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VORWORT


Philipp Theisohn


Land was our Nietzsche – with the same baiting of the so-called progressive tendencies, the same bizarre mixture of the reactionary and the futuristic, and a writing style that updates nineteenth century aphorisms into what Kodwo Eshun called »text at sample velocity.« Speed – in the abstract and the chemical sense – was crucial here: telegraphic tech-punk provocations replacing the conspicuous cogitation of so much post-structuralist continentalism, with its implication that the more laborious and agonised the writing, the more thought must be going on.

Mark Fisher, »Terminator vs. Avatar.
Notes on Accelerationism« (2010)1

Nick Land, Jahrgang 1962, zählt zweifellos zu den verrufenen Denkern unserer Zeit. Zurückzuführen ist sein Stigma auf seine geistige Ahnherrschaft in Bezug auf das Neo-reactionary movement (NRx), auf die politische Allianz mit Curtis Yarvin, auf sein Eintreten für einen »Hyper-Racism«2 sowie auf ungezählte Tweets und Blogeinträge, die Land je nach Perspektive im Umfeld oder Epizentrum der Alt-Right verorten (von der er NRx gleichwohl abgesetzt sehen möchte).

Indessen bildete und bildet Verrufenheit seit jeher die Matrix seines Denkens und somit auch all jener Schriften, die keineswegs nur den Herausgebern dieses Bandes über Jahrzehnte als Stimulantien dienten. Die Wirkung, die Nick Lands Texte auf die ästhetischen und technikphilosophischen Diskurse der 1990er-Jahre ausgeübt haben, ist kaum zu überschätzen. Von Poptheoretikern wie Simon Reynolds über Luciana Parisi – der derzeit vielleicht bedeutendsten Repräsentantin eines philosophischen Posthumanismus – bis hin zur theoriegesättigten britischen Elektroszene von Kode9 bis zu Kodwo Eshun, der Land um 2010 zum »most important philosopher of the last 20 years« erklärt hat:3 Lands Theorie-Fiktionen, von Mark Fisher in einem Interview treffend als »cybergothic remixes« des bezeichnet,4 öffneten Hunderte von Türen, hinter denen sich das Verhältnis von Kunst, Technik und Wirklichkeit immer wieder neu und anders verstehen ließ – und lässt.

Die Schlüssel zu diesen Türen hatte sich Land als »malfunctioning academic«5 über dunkle Kanäle beschafft: Ihre persuasive Kraft verdanken die Texte nicht zuletzt einem Bündnis mit dem, was aus der akademischen Reflexion für gewöhnlich ausgeschlossen bleibt – das Okkulte, die Droge, die Kunst des Erzählens. Triebkräfte, die Land nutzte, um das Subjekt, das seit der Aufklärung als Ankerplatz des abendländischen Denkens gedient hatte, hinter sich zu lassen. Immer war es ihm um den Sprung auf jene Ebene zu tun, die den Blick freigibt auf die Fiktionsfabriken, in denen der Mensch und seine Götter ebenso hergestellt werden wie Gibsons Replikanten oder Lovecrafts »Great Old Ones«.

Der vorliegende Band kann somit als eine Reise durch Lands dunkle Welten verstanden und gelesen werden. Am Ausgangspunkt dieser Reise steht ein junger Philosophiedozent, der 1987 – im Alter von 25 Jahren – in Essex über Heideggers »Die Sprache im Gedicht« promoviert, Kurse in zeitgenössischer französischer Philosophie anbietet und 1995 zum Zentrum eines Kreises wird, der auf den Namen »Cybernetic Culture Research Unit« (CCRU) hört. Zahlreiche Gerüchte und Geschichten umranken da schon diesen Mann, die allermeisten von ihm selbst in Gang gesetzt: Er lebe in einem lovecraftschen Paralleluniversum, sei von verschiedenen archaischen Mächten bewohnt, von den Toten auferstanden6 und verstehe sich als aus der Zukunft gesandter Android.7 Seine Vorträge verwandelt er in Performances, bei denen er sich auch schon einmal, vom Geist einer Schlange besessen, schreiend auf dem Podium windet.8

Das CCRU, dem neben den oben erwähnten Eshun, Parisi und Fisher auch Leute wie Hari Kunzru, Jake Chapman, Robin Mackay und Sadie Plant – die Verfasserin der immer noch großartigen Studie (1999) – angehörten, gilt als die Keimzelle des Akzelerationismus; jener Denkschule also, die im Technokapitalismus eine Dynamik erkennt, deren Widersprüche nur dadurch – wenn überhaupt – geheilt werden können, indem man den Menschen aus ihr herausnimmt. Die Antwort auf die Frage, auf welche Art und Weise dieses »Herausnehmen« erfolgen soll und vor allem: was danach bleibt – diese Antwort wird die unterschiedlichen Ausfaltungen des Akzelerationismus definieren. Zu dessen Geburtsstunde ist von den späteren Entgegensetzungen noch wenig zu spüren; das CCRU kennt Dogmatik ohnehin immer nur als überdrehte, sich letztlich gegen sich selbst wendende Performance, ein Spiel mit der Autorität. So war das CCRU zwar drei Jahre am philosophischen Department der University of Warwick beheimatet, blieb dabei jedoch immer eine dezidierte Nicht-Institution. »Cybernetic Culture« wurde hier dementsprechend gerade nicht als Forschungsobjekt im klassischen Sinne begriffen, sondern als ein Tun respektive als jener »Übertragungsmodus, der flache Produktionskollektive kennzeichnet«9: Hier wird nicht diskutiert, sondern gesetzt. Reflexion und Aktion, Prozess und Produkt fallen stets in eins. Jeder Gedanke, jeder Text ist Setzung, ist Ausweis und Beschleuniger eines den Menschen übersteigenden und umformenden Gestaltungsprozesses, der von einem weltumspannenden wie weltdurchdringenden Technokapital angetrieben wird. Daneben charakterisiert das CCRU »Cybernetic Culture« anhand ihrer »absoluten Überpersönlichkeit, Ahistorizität und Extraterritorialität«.10 Die Verabschiedung von Subjekt, Geschichte und Territorium konfiguriert die posthumane Grundausstattung des CCRU. Damit einher geht die Auflehnung gegen Chronologie und die Aufhebung der Unterscheidung von Fiktion und Fakt. In der Dynamisierung von Donna Haraways Cyborg-Modell, dem die Aufhebung der Dichotomie von Körper und Geist bereits inhärent gewesen war,11 verwandeln sich im Denkraum des CCRU Menschen in »Ccru Meat Puppets«,12 selbst geschaffene Mythen in Argumente, Horrorgeschichten in Transzendentalphilosophie, Fantasien in Urkunden. Die Maschinerie, mit der diese Transformationen vorgenommen werden und die auch die archaische Wiederkehr von Gegenwart, das »counter-chronic arrival«, verantwortet, ist das sogenannte Numogram; die darin zum Tragen kommende Technik wiederum die von Land ersonnene »Hyperstition«, zu der in der diesen Band begleitenden Schlusskorrespondenz noch einiges gesagt wird.

Noch vor die Entstehung des CCRU fällt die Veröffentlichung von Lands einziger Monografie (1992), die zwar den Untertitel »Georges Bataille and virulent nihilism« trägt, die gleichwohl weniger Bataille-Studie als vielmehr Bataille-Performance ist. Dass Land dabei »nichts über Bataille weiß«,13 dass er – als »ein schmutziger Bettler (wie Gott)« – nichts anderes tut, als an den »Rändern des Diskurses über Georges Batailles Schriften herumzunörgeln«14: Das ist, mitsamt dem ostentativen »Ich«-Gebrauch und dem Bekenntnis-Ton, selbst ein Sprechen mit Bataille, ein Wirkungssprechen. Und wenn Batailles unverkennbare Handschrift die »Geisteskrankheit« (»spiritual disease«) sein soll,15 dann geht es Land vor allem darum, das Virus zu verbreiten und das von Bataille aufgeweckte »Monster im Keller der Vernunft«16 endgültig aus seinem Labyrinth zu führen.

Batailles Stellenwert für Land erklärt sich sicherlich zunächst aus dessen eschatologischer Aufladung des Verfemten und der Verausgabung als Grundlage einer Uminterpretation des Marxismus. Die karitative, um nicht zu sagen: humanistische Tendenz, die einerseits die vernichtende Kraft des Kapitalismus in Kartelle und Korporationen zurückbindet, die andererseits aber darauf hinausläuft, eine im Kolonialismus auf den Höhepunkt getriebene Ausbeutungsform lediglich durch eine andere, der Utopie verschriebene zu ersetzen, lässt Bataille hinter sich. Kapitalismus erscheint ihm – wie Land auch – als eine »tyranny of good«,17 als eine Bürokratie des Verbrauchs, des »nützlichen Reichtums«, der »realen Ordnung«, deren Gegenstück das Opfer, dessen Verzehrung und Aufzehrung ist.18 Batailles Unterscheidung zwischen ›realer‹ und ›intimer‹ Erfahrung, seine gezielte Erweiterung der politischen Ökonomie um die kultisch-religiöse Ebene sowie seine Apokalyptik der Selbstaufzehrung bleiben in Lands Schriften mit wechselnder Akzentuierung präsent.

Die Fährte, die der hier vorliegende Band aufnimmt, findet sich indessen im siebten Kapitel von , in einem Zitat aus Batailles : »Ebenso halte ich die Erfassung Gottes, auch eines Gottes ohne Form und Modus […], für einen Stillstand in der...



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