Lampert / Tschofen | Die Schwabengängerin | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Lampert / Tschofen Die Schwabengängerin

Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg 1864 - 1874
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-03855-259-8
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg 1864 - 1874

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-03855-259-8
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Regina Lampert erlebt als «Schwabengängerin» und Dienstbotin das dörfliche Schnifis, die bittere Realität auf einem Gut in Oberschwaben und die städtische Betriebsamkeit im kleinbürgerlichen Feldkirch. Mit unvergleichlicher Fabulierlust und Beobachtungsgabe und der Fähigkeit, Stimmungen wiederzugeben, beschreibt sie die Freuden und Leiden des Alltags in einer sich rasch modernisierenden Gesellschaft. Ein dichter Text in einem eigenwilligen und authentischen Duktus und mit bestechenden erzählerischen Qualitäten, eine Entwicklungsgeschichte aus dem kleinbäuerlichen Milieu. Lamperts Memoiren sind ein frühes und eindrückliches Zeugnis aus dem Leben der sogenannten «Schwabenkinder»: Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, der Schweiz und Liechtenstein, die bis ins frühe 20.?Jahrhundert aufgrund der Armut ihrer Familien alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den «Kindermärkten» in Oberschwaben zogen, um dort als Saisonarbeitskräfte an Bauern vermittelt zu werden.

Regina Lampert, 1854 im voralbergischen Schnifis als Kind armer Leute geboren und 1942 in Zürich gestorben. Sie stammt aus einer kinderreichen Familie und lebte ab 1864 für einige Jahre für einen langen Sommer auf einem Bauerngut in Berg bei Friedrichshafen, wo sie als Hilfe in Haus und Hof arbeiten musste. Später arbeitete sie als Magd in Saisonarbeit bei verschiedenen Bauernfamilien in Voralberg und im Kloster der Dominikanerinnen in Altenstadt. Ebenfalls diente sie im beliebten Ausflugsgasthaus Maria Grün bei Frastanz und in einem bürgerlichen Haushalt in der Stadt Feldkirch. 1875 zog sie in die Schweiz und half ihren Brüdern bei der Etablierung eines Bauunternehmens in der Nähe von St.Gallen. 1929 begann sie als über Siebzigjährige ihre Jugenderinnerungen niederzuschreiben. Im Lauf von fünf Jahren füllte sie neun Schreibhefte, die sie ihrer Familie hinterliess. Auf Initiative einer ihrer Enkelinnen erschien aus diesen Schreibheften 1990 ein Manuskript. Das erfuhr seither mehrere Auflagen.
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Dem Nachruf sind nicht nur Daten zur Biographie zu entnehmen, sondern auch ein für die Entstehungsbedingungen des Textes wichtiger Hinweis. Berta Bernet berichtet knapp über die Jugendjahre ihrer Mutter und führt an: «Zahlreich waren ihre grossen und kleinen Erlebnisse aus jener Zeit und es war immer ein sonniges Leuchten in den Augen der lieben Heimgegangenen, wenn sie von damals erzählte.» Lampert war sich offensichtlich ihres Erzähltalentes wohl bewusst. Retrospektiv verlagert sie die Gabe, mit ihren Geschichten und Geschichtchen die Leute unterhalten zu können, weit zurück in die Kindheit. In ihrer Ludescher Zeit berichtet Lampert von einer wahrlich zirkusreifen Nummer, dem Ritt auf Schweinen bei der Ravensburger Landwirtschaftsausstellung: «An solchen Abenden wurde viel geklatscht und geratschet, so musste ich oft auch von meinen Erlebnissen erzählen. Am meisten wollten sie etwas vom Schwabenland und dem Bodensee hören, denn die meisten von diesen Leuten sind noch nie weiter als bis Bludenz vielleicht bis Feldkirch gekommen. Eisenbahnen waren im ganzen Vorarlberg noch keine, die Leute noch unerfahren und dumm. […] So erzählte ich halt, was ich alles miterlebt, und auch Eingebildetes – wenn ich so ins Feuer kam. Die glauben ja alles.» (siehe hier) Jahre später, man liest davon in den hier nicht veröffentlichten St. Josefer-Passagen, wird Lamperts Talent geradezu zum Topos und sie zum gerngesehenen Gast – auch über Standesgrenzen hinweg. «Jungfer Lampert, meine Frau hat sich auf den heutigen Sonntag gefreut, weil ich ihr erzählt habe, wie Sie gut und lustig erzählen können», heisst es in einem typischen Dialog. Und ein andermal lässt sie ihre Gönnerin und Gastgeberin sagen: «Möchten Sie mir etwas Liebes erweisen, so besuchen Sie mich hie und da an Nachmittagen. […] Sie können so lustig erzählen.»

«Sie können so lustig erzählen»


Lampert wusste nicht nur um ihr Talent, auch das Aussergewöhnliche ihrer Biographie scheint ihr sehr bewusst gewesen zu sein. Welches andere Kind aus diesen Verhältnissen hatte schon mit Episoden wie sie aufzuwarten, war vom württembergischen König in seine Sommerresidenz geladen worden, hatte die Kaiserin Elisabeth und Kronprinz Rudolf bewirtet oder war von Carl Ganahl, der ‹Lokomotive› liberal-kapitalistischer Modernisierung in Vorarlberg, zur Ballkönigin erkoren worden? Dass sie in der Familie des Grossvaters bzw. Urgrossvaters zweier chilenischer Staatspräsidenten jahrelang im Dienst stand, konnte sie hingegen damals nicht wissen. Doch wichtiger noch als solche Begegnungen nahm Lampert die persönliche Reifung mit all ihren Krisen und Konflikten. Nichts entging ihr, alles nahm sie wahr, doch glücklicher wurde sie dabei nicht. Mit Sensibilität und unvergleichlicher Beobachtungsgabe schildert sie die Selbstzweifel und innere Bewegtheit eines jungen Mädchens, das – um seine Kindheit betrogen – von dem Gefühl gepeinigt wird, zur Unruhe geboren zu sein. Sie fragt sich, «warum ich nirgends lange bleiben kann», fühlt sich wie «die reinste Zigeunerin» und fasst ihre Lage in die mottohafte, oft variierte Feststellung «immer möcht ich wieder fort» (siehe hier u. hier): «Warum hab ich so etwas Unruhiges in mir, woher kommt das, ist das im Blut?» (siehe hier)

Bei allem Tiefsinn und bei aller Ausführlichkeit für das Kränkende und Tragische, für Grobheit und Gewalt dominiert bei Regina Lampert doch eine lebensbejahende Perspektive. «Wenn ich so weiterfahre, komme ich schon durch die Welt», lässt sie ihren Vater über seine mittlere Tochter resümieren, als es einmal mehr heisst, Abschied zu nehmen. Als sie diese Sätze schrieb, wusste sie, dass es dereinst so kommen sollte. Dementsprechend stellt sie neben der Regina, die «immer der Kopf hängen [lässt] und so sinnieren [muss]», früh auch die selbstbewusste und ehrgeizige Regina vor. Gerade der Schule entwachsen, versteht sie es, ihrem phlegmatischen Dienstgeber, diesem «grossen Kamöl und Faulenzer [von] Mann», das richtige Wirtschaften beizubringen, und dafür erfährt sie auch die entsprechende Bewunderung im Dorf. Solche Anerkennung ist ihr wichtig. Gleichgültig, ob es sich um ihren Fleiss und Einsatz rühmende und von ihr heimlich mitgehörte Gespräche der Dienstgeber handelt, ob es der für jeden mitgebrachten Schnupftabak dankbare Grossvater ist oder der Kapuziner-Eremit, mit dem sie eine grosse Freundschaft und seltsam amouröse Beziehung verbindet, Regina hört es gern, dass sie «a liabs Madel» sei, «a so a Liabs».

Wo für eine Kindheit im heutigen modernen Sinn kein Platz war und wo bereits in jüngsten Jahren Selbständigkeit und Durchsetzungskraft gefragt waren, gab es nicht nur als Enge erfahrene Pflicht, sondern auch eine Bewegungsfreiheit, die weit über das heute vorstellbare Mass hinausging. Das beginnt mit dem früh selbstverdienten Lohn des Schwabenkindes. Er bestand nicht nur aus dem obligaten ‹doppelten Häs› (zweifaches neues Gewand von Kopf bis Fuss) und dem schon auf dem Ravensburger ‹Markt für Hütekinder und Dienstboten› ausgehandelten Geldbetrag, mit dem zu Hause ohnehin fest gerechnet wurde. Lampert erzählt eindrucksvoll, wie es gelingen konnte, noch etwas mehr zu erhalten oder da und dort noch eigenes Geld oder zusätzliche Geschenke zugesteckt zu bekommen – vorausgesetzt man verstand es, sich bei den Leuten beliebt zu machen. Wenn in der veröffentlichten Meinung der sechziger Jahre die um den Zehrpfennig bettelnden Schwabenkinder nicht in gutem Rufe standen23, dann nimmt es um so mehr wunder, dass in Lamperts Bericht das eigentliche Gegenteil der Fall ist: Da ist von freundlicher Aufnahme in den Herbergen, von nachgerufenen Glückwünschen und vor allem immer wieder von hilfreichen Fuhrleuten die Rede. Fast gewinnt man den Eindruck einer grenzenlosen Solidarität der Landstrasse, und man staunt nicht weniger darüber, wie bevölkert diese mitunter waren, als man verwundert feststellt, wie gross überhaupt die Mobilität auch ohne Eisenbahn war. Schenkt man Regina Lamperts Erinnerungen Glauben, dann war es zumindest an Markttagen jederzeit möglich, in Feldkirch Leute aus dem eigenen Dorf – oft sogar aus der eigenen Familie – anzutreffen. Gasthöfe als Treffpunkte und Kommunikationsorte waren schon den Jüngsten vertraut; auch wenn es nur für eine Suppe oder Wurst und einen Schluck ‹Tiroler› war, oft war man unterwegs auf ihren Besuch angewiesen.

Was hier nur bruchstückhaft skizziert werden kann, fügt sich im Text zum Bild einer über die ökonomischen Zwänge hinaus dynamischen und unternehmungslustigen Jugendkultur. Da war bei allem geforderten Realismus auch Platz für Experimente oder spontane wie organisierte Kurzweil. Gerade in der Fasnacht versuchte man das auszukosten, man hielt am Heimweg bei bald jedem Gasthaus an, besuchte Bälle und Unterhaltungen, die man sich auch etwas kosten liess. Als selbstverständlicher Bestandteil der Alltagskultur der jungen Leute erscheint dabei die Folklore. Ausführlich berichtet Regina Lampert von ihrem Faible für musizierende Tiroler und den Erfolgen, die sie beim leidenschaftlich gemeinsam mit Freunden oder ihrem Bruder aufgeführten Schuhplattler im Tirolerkostüm einheimsen konnte.

Spätestens im belebten kleinbürgerlichen Feldkirch, in Grundzügen aber bereits auf Maria-Grün wurde Lampert mit einem Lebensstil vertraut, der sich von dem daheim gepflogenen gründlich unterschied. Als die jugendliche Magd 1870 oder 1871 nach Maria-Grün kam, stand das dortige Ausflugsgasthaus bereits in bester Blüte. 1849 hatte Johann Alois Widerin aus Frastanz Fellengatter um Verleihung einer Wirtskonzession angesucht.24 Im Jahr darauf übernahm er von seinem Bruder Johann Josef, der sich für den Beruf des Lehrers entschieden hatte, eines der beiden von ihrem Vater nahe der Feldkircher Stadtgrenze neugebauten Häuser.25 Warum die Wirtsleute daraufhin ihr Gasthaus Maria-Grün nannten, ist nicht bekannt. Jedenfalls handelt es sich dabei um keinen alten Flurnamen, mehr ist er als Anspielung auf eine profan romantische Pilgerstätte zu verstehen.26 Und als solche stand Maria-Grün auch bald im besten Rufe. Der Feldkircher Handelskammersekretär Franz Burgartz, Gründungsmitglied des Alpenvereins und Verfasser mehrerer alpin-touristischer Schriften27, widmete dem bald in keinem Reiseführer fehlenden Ausflugsziel 1868 ein eigenes Bändchen: «[…] ‹Maria-Grün› ist unser Zielpunkt. Ein loser Feuilletonist der ‹Inn-Zeitung› hat einmal dieses Plätzchen die ‹Feldkircher-Zecherklause› genannt; dem mag wohl so sein, wenn im Spätherbste beim Lampenlichte drinnen im Stübchen ruhige Staatsbürger ein republikanisches Jass spielen: anders aber ist’s im Sommer, wenn unter den durstenden Linden und blühenden Ahornbäumen zu hören und zu sehen sind: prätentiöse Damen – gelangweilte Herren – alte Pomeranzen – affektirt flötende Stimmen – eine Nomenklatur von Titulaturen – blasirte...



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