E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Venatrix
Lambertus Venatrix 1: Venatrix - Dämonenjäger von nebenan
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-646-94086-2
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Spannendes Fantasy-Abenteuer ab 10 Jahren: Mit viel Witz, Action und packenden Illustrationen!
E-Book, Deutsch, Band 1, 224 Seiten
Reihe: Venatrix
ISBN: 978-3-646-94086-2
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hendrik Lambertus, geboren 1979 in Hannover, studierte in seiner Lieblingsstadt Tübingen deutsche, skandinavische und indische Literatur - alle drei Fächer mit einem möglichst unpraktischen Schwerpunkt: Mittelhochdeutsch, Altisländisch und Sanskrit. Nach der Promotion machte er seine Liebe für das Schreiben zum Beruf und gründete seine eigene Schreibwerkstatt, die 'Satzweberei'. Daneben ist er auch weiterhin als Lehrbeauftragter für kreatives und akademisches Schreiben sowie Literaturwissenschaft tätig. Hendrik Lambertus schreibt v.a. fantastische und historische Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er in der Nähe von Bremen.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
DÄMONENJAGD
Gero Venatrix balancierte auf einem Baugerüst entlang, mitten in der Nacht und sechs Stockwerke über dem Boden. Dabei war er nicht besonders sportlich. Und schon gar nicht war er mutig, wagemutig oder tollkühn. Immer wieder schielte er hinunter in die Dunkelheit. Irgendwo dort unten lag das harte Straßenpflaster und schien nur darauf zu lauern, dass er einen falschen Schritt machte …
Trotzdem schob Gero sich verbissen voran, über knarzende Holzbretter, die lose auf einem Metallgestell lagen. Es gab tausend Orte, an denen er jetzt viel lieber gewesen wäre. Zum Beispiel zu Hause in der Familienbibliothek, in seinem Lieblingssessel, mit einer Tasse Kakao in der einen Hand und einem Buch in der anderen. Oder ganz einfach in seinem Bett. Aber ganz bestimmt nicht hier oben, auf diesem Gerüst!
Das wackelige Ding zog sich an der Wand eines Rohbaus aus Beton entlang und war umgeben von Baukränen und weiteren Gerüsten, die noch höher aufragten. Ein maximal ungemütlicher Ort. Aber Gero hatte nun mal einen Auftrag.
Niemand hatte ihn jemals gefragt, ob er ein Dämonenjäger sein wollte. Das war eben einfach so, wenn man als Mitglied der Familie Venatrix geboren wurde – selbst wenn man erst zwölf Jahre alt war. So wie auch Oma Brynhilda eine Dämonenjägerin war und Geros Eltern und natürlich auch seine Schwestern.
Unter seinem Pulli spürte Gero die kalten Metallringe des Kettenpanzers, der ihn vor Dämonenklauen schützen sollte. In seiner Hand lag das Gewicht seiner Bola: drei Metallkugeln, die mit Schnüren aneinandergebunden waren. Man konnte sie werfen und wenn alles glattlief, wickelte sich die Bola dann um den Körper des Dämons und fesselte ihn.
Vorsichtig bog Gero um eine Ecke. Hier konnte er große Löcher erkennen, die mitten in der Wand des Rohbaus klafften. Es sah aus, als hätte jemand Stücke aus dem Beton gebissen. Das Gebäude sollte einmal ein Mitmach-Museum für Kinder und Erwachsene werden, aber irgendjemand hatte schon begonnen, es zu zerstören, bevor es überhaupt fertig gebaut war. Jemand mit einem pizzaschachtelgroßen Maul, das Beton zerbeißen konnte – ohne Zweifel ein Dämon.
Entschlossen straffte Gero sich. Er musste die Kreatur aufhalten, ehe das ganze Gebäude in sich zusammenfiel! Für all die Menschen, die hier hoffentlich bald schöne Samstagnachmittage verbringen würden …
Gero seufzte. Manchmal fragte er sich, wie es wohl war, in einer Familie aufzuwachsen, die öfter mal ins Museum ging oder im Garten Federball spielte, statt das Werfen mit Ninja-Sternen zu üben. Oder die in den Ferien nicht etwa auf eine Vulkaninsel reiste, weil man da wunderbar den Kampf über offenen Lava-Gruben trainieren konnte, sondern einfach mit dem Zug ans Meer fuhr. So wie die Familie von seinem Schulfreund Khalid.
Oder wie cool es wäre, Khalid einmal nach Hause einladen zu können. Was natürlich völlig unmöglich war in einem Haus voller Dämonenjäger-Waffen, Dämonenjäger-Ausrüstung und Dämonenjäger-Bücher. Gewöhnliche Menschen durften schließlich nichts davon wissen, dass es Dämonenjäger überhaupt gab. Denn sonst wüssten sie auch, dass es Dämonen gab. Und das würde nur eines bedeuten: allgemeine Panik. Aber trotzdem! Einmal nur ganz normal sein …
DONK!
Gero hatte wohl einen Moment nicht aufgepasst – für einen Dämonenjäger war das genau ein Moment zu viel. Plötzlich gab es einen Schlag, das Baugerüst wackelte und direkt vor Gero stand ein riesiger Dämon, der eben ganz bestimmt noch nicht da gewesen war! Er musste von einem der anderen Gerüste zu ihm herabgesprungen sein.
Das Wesen war gut zwei Meter groß und kleiderschrankbreit. Seine baumstammdicken Arme hingen bis auf den Boden herab, wie bei einem Gorilla. Schwefelgelbe, schorfige Panzerschuppen bedeckten den muskelbepackten Körper. Sein Kopf bestand fast komplett aus einem riesigen Maul. Die metallischen gebogenen Zähne erinnerten an eine Baggerschaufel. Kleine, rot glühende Augen funkelten Gero über der Schaufel an.
„GRRRRUUUAAAAR!“, machte der Dämon drohend. Es klang, als würde man den Motor eines Lastwagens anwerfen.
Gero gab keine Antwort. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, nicht vor Schreck vom Gerüst zu purzeln. In Gedanken ging er hektisch den Darkstone durch. Das war ein Buch in siebzehn Bänden, das eigentlich Francis Darkstones Dämonenleben hieß. Es enthielt die Namen aller bekannten Dämonenarten, ihre Stärken und besonderen Fähigkeiten. Und vor allem auch ihre Schwächen! Was war das bloß für ein riesiges Ding, das da vor Gero stand? Und wo war seine verwundbarste Stelle? Gero blätterte im Geiste sämtliche Seiten durch. Aber er konnte sich einfach nicht erinnern …
„GRRRRUUUAAAAR!“, wiederholte der Dämon ungeduldig. Offenbar ging es ihm mit der Kämpferei nicht schnell genug. Er ballte die Hand zu einer Faust von der Größe einer Abrissbirne und holte aus. Gero vergaß den Darkstone und warf rasch seine Bola. Jetzt kam es darauf an!
Die drei Kugeln surrten an ihren Schnüren durch die Luft – und wickelten sich elegant um einen Träger aus Metall. Gero hatte das Baugerüst gefangen.
Verblüfft starrte ihn der Dämon an, als könnte er nicht begreifen, dass es ihm dieser kleine Jäger so einfach machte. Gero schluckte trocken und wich einen Schritt zurück.
„GRRRRUUUAAAAR!“ Der Dämon setzte ihm nach, um Gero unangespitzt durch das Straßenpflaster sechs Stockwerke in der Tiefe zu schmettern.
In diesem Moment sauste ein schwarzer Schatten durch die Luft!
„Hiiijaaa!“
Der Schatten stieß einen Kampfschrei aus. Es war ein menschlicher Umriss, wenn man von den beiden Katzenohren an seinem Kopf absah. Zwei glänzende gekrümmte Schwerter blitzten auf. Dann stürzte sich der Schatten auf den Dämon – und schien plötzlich überall zugleich zu sein. Er attackierte seinen Gegner von links und von rechts, sprang von hinten heran, schlüpfte zwischen den schuppigen Beinen hindurch und machte einen doppelten Salto über den Kopf des Dämons hinweg. Dieser wusste gar nicht, wohin er zuerst gucken sollte, während von allen Seiten Schwerthiebe auf seine Panzerschuppen prasselten.
Doch keiner der Schläge konnte etwas ausrichten. Die Schuppen waren so dick, dass die Klingen einfach von ihnen abprallten. Es war, als würde der Schatten auf eine massive Steinfigur einprügeln. Der Dämon grinste schadenfroh und ließ seine Pranke vorschnellen, um den Schatten zu schnappen. Doch der tauchte unter der Dämonenklaue weg, rollte sich ab und sprang wieder in die Luft. Mit beiden Beinen voran sauste er auf den Dämon zu und trat ihm gegen den breiten Brustkorb.
„Hiiijaaa!“
Der Schatten jubelte, während der Dämon nach hinten umkippte und vom Baugerüst fiel. Mit rudernden Armen segelte der schwer gepanzerte Brocken durch die Luft. Als der Dämon unten aufkam, machte es POFF und er verschwand. Zugleich zog der Gestank von faulen Eiern herauf.
Das passierte immer, wenn ein Dämon im Kampf gegen die Jäger zu viele Hiebe abbekam: Er verpuffte in einer schwefelgelben Wolke und wurde aus der Menschenwelt verbannt, um irgendwo in der Dämonenwelt Infernalia wieder aufzutauchen und beleidigt seine Wunden zu lecken.
Gero atmete tief durch. Das war knapp gewesen!
Der Schatten trat an seine Seite und steckte die Schwerter weg. Er schlug seine Kapuze zurück und unter den Katzenohren kamen zwei hochgesteckte, gezwirbelte Zöpfchen zum Vorschein. Als Nächstes zog der Schatten den schwarzen Schal herunter, der sein Gesicht halb bedeckte. Ein breites Grinsen inmitten von zehntausend Sommersprossen strahlte darunter hervor.
„Na, Professörchen?“, flötete Belladonna unschuldig, als hätte sie Gero bei einem Spaziergang auf der Straße getroffen. „Wie geht es denn so?“
„Gu…gut“, stammelte Gero überrumpelt. „Danke.“ Er musterte seine Zwillingsschwester. Der schwarze hautenge Ninja-Anzug, den sie selbst zum Duschen nur ungerne auszog, saß tadellos. Und auch sonst hatte der Dämon ihr kein Härchen gekrümmt. Sogar die fünf Dolche, die sieben Wurfsterne und die Ketten-Kampfsichel, die sie im Kampf nicht eingesetzt hatte, waren noch überall an diversen Gurten an ihrem Körper verstaut und nicht einmal verrutscht. Es war überdeutlich, worin Belladonnas Spezialität als Dämonenjägerin bestand: Sie war eine Ninja-Kriegerin.
In gewisser Weise stellte sie damit Geros genaues Gegenteil dar. Sie war hypersportlich ohne Ende. Außerdem war sie mutig, wagemutig und oft genug leider auch etwas zu tollkühn.
„Jaaa, mir geht es ebenfalls gut, besten Dank, auch wenn du nicht nachgefragt hast“, meinte Belladonna ungeduldig. „Ich kann nämlich auf mich aufpassen.“
Die kleine Spitze ärgerte Gero. „Na ja, der Dämon hätte dich beinahe erwischt! Du hättest auf die Lücke neben der dritten Panzerplatte von oben zielen müssen, an seiner Hüfte. Darunter liegt seine Schwefel-Stinkdrüse, die ist hochempfindlich.“
Belladonna legte den Kopf schief. „Aha. Und was für ein Dämon war das genau, Professörchen?“
Gero war sich nicht sicher, ob er den Spitznamen mochte. Aber es hatte schon seinen Grund, dass seine Schwester ihn so nannte.
„Ein Buladaazu-Dämon“, erwiderte er wie aus der Pistole geschossen. „Groß, stark und gemein.“
Lexikoneintrag zum Buladaazu
Der zornige...




