Lambert | Vitamin L wie Liebe | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 124 Seiten

Lambert Vitamin L wie Liebe


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7457-5385-1
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 124 Seiten

ISBN: 978-3-7457-5385-1
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das ist er, ihr Mr. Perfekt! Marius ist sexy, sportlich, und sein Lächeln macht Charley schwach. Nichts wie ran an den Mann! Ihre Strategie: Jeden Tag stellt sie einen Obstkorb aus ihrem Laden vor die Tür von , wo Marius anscheinend als Hundesitter arbeitet. Doch der verflixte Kerl bedankt sich nicht mal ...

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1. KAPITEL

Schwungvoll bog Charley Meller um die Ecke. Hinter ihr lag der Kurfürstendamm mit seinem morgendlichen Straßenlärm, aber hier, in der Seitenstraße, war es deutlich ruhiger.

Charley ging mit raschen Schritten. Ihre blonden Locken, die sich wie immer erfolgreich jeder Bändigung widersetzten, wippten in wilden Ringeln auf den schmalen Schultern. Mit voller Absicht hatte sie heute ihr Lieblingsoutfit gewählt: Wenn sie diese rote Jacke, diesen bunten Rock, diese roten Wildlederstiefeletten anhatte, dann drehten sich die Männer nach ihr um. Und genau das war es, was ihr Ego brauchte! Die Sache mit Jens war endgültig vorbei, und wie bei den Sträuchern und den Bäumen, die in frischem Grün ausschlugen, war auch in ihrem Herzen der Frühling eingezogen. Das Eis war definitiv geschmolzen.

Die Berliner Luft prickelte wie Champagner mit einem leichten Beigeschmack von Abgasen. Charley blieb stehen und atmete tief ein. Genießerisch schloss sie für einen Moment die Augen. Sie konnte praktisch spüren, wie jede ihrer blassen Sommersprossen zum Leben erwachte. Kaum jedoch hatte sie ihre Wimpern gesenkt, tippte ihr jemand von hinten auf den Rücken. „Hey, Charley!“

Sie blinzelte kurz, wirbelte dann herum und stand Lilly gegenüber. „Lilly! Wo kommst du denn her? Ich dachte, du kommst heute später in den Laden! Und warum bist du überhaupt zu Fuß unterwegs? Wo ist der Lieferwagen?“ In einem Anfall von unternehmerischem Größenwahn hatte sie Lilly vor einem halben Jahr fest in ihrer Obst- und Gemüseboutique Das Obstkörbchen angestellt. Das Risiko war ein Riesenerfolg geworden: Inzwischen konnte sie sich den Geschäftsalltag ohne die Freundin nicht mehr vorstellen.

Lilly, die ihr dunkles, langes Haar zu einem lockeren Knoten hochgesteckt und mit zwei chinesischen Essstäbchen befestigt hatte, lachte sie mit blitzenden dunkelbraunen Augen an. „So viele Fragen so früh am Morgen! Zu Fuß bin ich heute, weil der Wagen bei mir zu Hause vor der Tür steht. Ich war gestern Abend mit Kilian verabredet. Und …“, sie beugte sich vor, sodass nur Charley und kein neugieriger Passant hören konnte, was sie sagte, „… ich habe nicht zu Hause geschlafen! Es war die Nacht der Nächte! Ich war bei Kilian! Aber er musste heute früher zur Uni, und an einem so traumhaften Morgen konnte ich es einfach nicht mehr allein aushalten. Kaum war er weg, bin ich auch losgegangen, hierher, zu dir, weil ich es einfach jemandem erzählen muss – ich bin so verliebt!“

Sie rief das Bekenntnis in den frühen Maitag hinaus, riss die Arme dabei hoch, und eine Sekunde lang war Charley überzeugt, dass ihre Freundin abheben und in den blauen Himmel entschweben würde. Was Lilly aber glücklicherweise nicht tat. Stattdessen erzählte sie weiter.

„Gestern waren wir im ‚Razzmatazz‘, einem zauberhaften Restaurant in Kreuzberg. Alles vegetarisch, alles toll gewürzt!“, schwärmte sie und hakte sich bei Charley ein. Gemeinsam liefen sie weiter ihrem Ziel entgegen, das am hintersten Ende der Straße lag. Nach den ersten Metern mit Lilly am Arm schnupperte Charley: In der Tat, das Essen musste würzig gewesen sein – im blumigen Parfümduft der Freundin konnte sie deutlich Knoblauch ausmachen.

„Zauberhaft“ war zurzeit Lillys Lieblingswort, was wahrscheinlich damit zu tun hatte, vermutete Charley, dass Kilian zwar tagsüber BWL studierte, abends jedoch als Zauberkünstler in einem Varieté jobbte. Und nebenbei hatte er das Herz ihrer Freundin mir nichts, dir nichts verzaubert. Seit einigen Wochen drehten sich Lillys Gespräche hauptsächlich um Kilian hier, Kilian da, und nun hatte sie endlich mit ihm die lang ersehnte, leidenschaftliche Liebesnacht verbracht.

Charley schluckte. Sicher, sie gönnte Lilly ihr Glück, bloß … sie wünschte sich auch mal wieder, so richtig ohne Wenn und Aber verliebt zu sein.

„Wird Simon nicht traurig sein, wenn er hört, dass du endgültig in festen Händen bist?“, fragte sie.

„Ach, Charley, das habe ich doch schon längst mit ihm geklärt“, meinte Lilly. „Er weiß, dass wir als Freunde toll, aber als Pärchen hoffnungslos wären. Er mag andere Musik als ich, andere Filme, andere Bücher, anderes Essen, hat andere Interessen. Kann ich alles tolerieren, wenn wir nicht zusammen sind. Aber als Partner … vergiss es. Stell dir mal vor, er will immer Steak, ich immer Gemüse. Er schaut Actionfilme, ich mag Comedys. Wie soll das denn funktionieren? Und Simon sieht es zum Glück genauso.“

Simon arbeitete auf dem Großmarkt. Seit Charley mit Lilly vor einem halben Jahr zum ersten Mal dorthin gefahren war, war er zu Lillys Dauerflirt geworden. Sie scherzten und schäkerten, dass sich die Balken der Gemüsekisten bogen. Und nicht nur das – Simon war auch überaus praktisch fürs Geschäft. Wann immer eine besonders erlesene Sendung eintrudelte, klingelte Lillys Handy, die sich dann in den kobaltblau gestrichenen Lieferwagen schwang und lossauste, um die fruchtige oder gemüsige Ware abzuholen. Besonders günstig daran war – und da waren sich Charley und Lilly völlig einig –, dass Simon ihnen die Kisten reservierte und sie nicht in aller Herrgottsfrühe hinfahren mussten, sondern erst einmal in Ruhe im Geschäft eine Latte macchiato trinken konnten, bevor es so richtig losging.

„Schau mal, da ist Aida. Huhu, Aida!“ Lilly winkte temperamentvoll einer hübschen blonden Frau mit streichholzkurzem Haar zu, die gerade die rot-weiß gestreifte Markise eines kleinen Geschäfts herunterkurbelte. Aida ließ die Kurbel los, winkte zurück und rief: „Guten Morgen, ihr beiden Hübschen! Ich wünsche euch einen prachtvollen Freitag!“

Sie waren an der kleinen Passage angekommen, die sie untereinander den „Weiber Walk“ nannten. Mit der Rückseite zu einem kleinen Park gelegen, öffneten sich die eingeschossigen Geschäfte zur Straße hin. Hier waren die Räumlichkeiten des Obstkörbchens, zusammen mit mehreren anderen Läden, die alle von Frauen betrieben wurden: Aidas Confiserie Süßes Wunder, in der sie nicht nur alles von Spekulatius über Geleekonfekt bis Pralinen verkaufte, sondern auch eigenhändig herstellte; Minuschs Dessousgeschäft French Kiss, in dem ausschließlich französische Dessous zu haben waren, von denen jedes einzelne auch oder gerade den härtesten Mann in die Knie zwingen konnte; Delilahs CD-Handlung Ohrenschmaus – Delilah spielte gerade Opernmusik, die sie so laut gedreht hatte, dass Charley und Lilly sie bis auf die Straße hören konnten. Dann gab es noch Ninas Bioseifenladen Saubere Sache. Und last not least Victorias Hutboutique Baron’s Best. Das Baron’s Best war noch geschlossen und würde es bis Montag auch bleiben: Victoria hatte ihnen gestern erzählt, dass sie zu einer Hutmesse nach Mailand fliegen würde, um für die nächste Saison einzukaufen.

„Aida hat echt Glück gehabt, dass das mit dem Vertrag im letzten Sommer geklappt hat“, sagte Lilly, während sie am Süßen Wunder vorbeigingen.

„Wir alle haben Glück gehabt, dass wir hier unsere Läden haben“, antwortete Charley. „Nicht auszudenken, wenn wir hier rausmüssten. So etwas finden wir nie wieder.“

„Warum sollte es jemals aufhören? Alle zahlen pünktlich die Miete an den alten Herrn Schluff, das ist doch schon mal gut! Da kann sich jeder Vermieter freuen“, meinte Lilly.

Der Weiber Walk, zentral gelegen und dank vieler Touristen mit guten Umsätzen gesegnet, war die letzte Bastion niedriger Mieten seitlich des Kurfürstendamms. Links und rechts von ihnen ragten hohe Geschäftshäuser empor, dazwischen aufwendig restaurierte Altbauten aus der Gründerzeit. Charley wusste, dass in diesen Luxusgebäuden kein Platz für die Erfüllung ihrer kleinen Geschäftsträume war. Dort gab es nur Büroräume für Gut-, Besser- und Bestverdienende wie Steuerberater, Rechtsanwälte, Ärzte mit Privatpatienten, Dependancen von internationalen Softwareunternehmen. Bei den Frauen des Weiber Walk dagegen floss das Geld nicht so reichlich. Jede Einzelne von ihnen war überglücklich gewesen, als sie den günstigen Mietvertrag unterschrieben hatte, und jede Einzelne wünschte sich, für immer und ewig hierzubleiben.

Charley schloss das Obstkörbchen auf, die kleine Glocke an der Tür bimmelte, als sie sie aufstieß, und nacheinander betraten sie das Geschäft. „Erst mal schnell die Ware raus. Wir sind heute spät dran“, sagte Lilly, und zusammen gingen sie in den Lagerraum, der hinter dem Verkaufsraum lag. „Machst du das Obst? Ich schnapp mir das Gemüse.“ Sie öffnete die Kühlzelle, in der sie über Nacht die verschiedenen Obst- und Gemüsesorten aufbewahrten: alles frisch, lecker und, wenn irgend möglich, aus biologischem Anbau.

„Heute müssen wir sehen, dass wir den grünen Spargel verkauft kriegen“, meinte Charley nach einem kritischen Blick in eines der Weidenkörbchen.

„Das ist kein Problem“, meinte Lilly und nahm einen Korb mit duftenden, orange-rosigen Aprikosen, um ihn nach vorne zu tragen. „Zum Wochenende hin geht der garantiert weg wie warme Semmeln. Da nehmen sich die Leute mehr Zeit zum Kochen …“ In diesem Moment klingelte ihr Handy. Sie stellte den Korb auf einem Regal ab, fischte das Telefon aus ihrer Tasche, checkte das Display und sagte: „Es ist Simon.“

„Wir brauchen erst wieder Montag was“,...



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