Laher | Kein Schluß geht nicht | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Laher Kein Schluß geht nicht

Erzähltes und Reflektiertes
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7099-7523-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzähltes und Reflektiertes

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7523-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kinder, Piraten und Lichtglockenbewohner, das Seligenstädter Dreieck und der Kurschattensprung: Ludwig Laher, bekannt und geschätzt für seine dokumentarischen Romane, versammelt Geschichten und Essays, die häufig von Schlüssen handeln - solchen wie dem Tod oder anderen Enden, und solchen, die gezogen werden. Dabei spielt immer auch die Sprache selbst eine Rolle - das Nachdenken über alltägliche, auch ungewöhnliche Begriffe, mit all den Entdeckungen, die bei genauem Hinschauen zu machen sind. Kein Schluß geht nicht spannt einen weiten Bogen und beweist erneut, dass Ludwig Laher zu den vielseitigsten Autoren dieses Landes gehört.

Ludwig Laher, geboren 1955 in Linz, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie in Salzburg, lebt in St. Pantaleon/OÖ. Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen. Sein bei Haymon erschienener Roman Verfahren (2011) war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises vertreten. www.ludwig-laher.com
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Weiche


Die erste Weiche seines Lebens stellte ihm der Großvater. Er hatte ihn den ganzen Vormittag angebettelt. Großvater steckte sich schließlich die selbstgedrehte filterlose Zigarette in den Mund und griff zu. Der Stellhebel mit dem Gewicht wanderte brav die vorgeschriebene Bahn, beim Verschwenken der Zungen registrierte der Fünfjährige zufrieden ein vertrautes mechanisches Geräusch.

Jeden Sommer verbrachte er mehrere Wochen bei den Großeltern im Diensthaus, einem langgezogenen einstöckigen Gebäude parallel zu den Geleisen gleich neben dem Bahnhof. Das Kind konnte stundenlang auf einem Stuhl knien und geduldig die Verschubbewegungen draußen vor dem Küchenfenster beobachten. Fuhr die schwere Dampflok auf dem ersten, dem Magazingleis ein, vibrierte im Zimmer der Holzboden, und wenn sie stampfend langsam abdampfte, schloß die Großmutter wegen der Rauchfahne für einen Moment die Fensterflügel. Hier lebten nur Eisenbahner samt ihren Familien.

Der Großvater, ein gelernter Bäcker, landete umständehalber, wie es hieß, nach dem Ersten Weltkrieg bei der Bahn. Er begann im Verschub und war am Ende seiner Berufslaufbahn Herr über ein großes Stellwerk in der Grenzstadt mit ihren vielen Schienensträngen für den Güterumschlag.

Jetzt du, meinte der hagere, muskulöse Pensionist, und seine Zigarette kehrte zwischen die beiden gelborangen Finger der rechten Hand zurück. Doch so sehr das Kind sich auch anstrengte, es rührte sich nichts. Der Großvater lachte kurz auf, das Kind lachte mit.

Da müssen wir wohl noch ein Weilchen warten, meinte er gutmütig und brachte die Weiche zurück in die Ausgangsstellung. Das Kind sah ein, es hatte sich zuviel vorgenommen.

In den Folgejahren schaute der Sechs-, Sieben-, Achtjährige ohne Begleitung immer wieder bei dieser keine hundert Meter vom Schrebergarten der Großeltern entfernten Weiche vorbei, die am äußersten Rand des Bahngeländes lag. Hierher verirrte sich nur ganz selten ein Waggon, die beiden von ihr bedienten Abstellgleise mit ihren rostüberzogenen Schienen neben dem Heizhaus dämmerten vor sich hin. Das Kind hatte keine Eile, die alte Handweiche würde nie durch eine ferngesteuerte ersetzt werden, war ihm vom Großvater erklärt worden, der Aufwand stehe nicht dafür. Sie war dermaßen unbedeutend, daß man sie nicht einmal mit einer Absperrvorrichtung ausgestattet hatte.

Der Sechs-, Sieben, Achtjährige hatte es wohlweislich vermieden, jenes Gespräch von damals wieder aufzunehmen und nachzufragen, wie lange er wohl noch zuwarten müsse. Vielmehr wollte das Kind, es war ja schon groß, von Zeit zu Zeit ganz alleine überprüfen, ob die Kraft für das Handgewicht nun endlich reichte oder nicht. Erst dem Achtjährigen gelang es mit gehöriger Anstrengung, indem er beide Hände zu Hilfe nahm, die Weiche umzustellen.

Mit einigem Stolz stellte er nach vollbrachter Tat fest, im Augenblick würde ein Zug, weil er das so entschieden hatte, vom vorletzten Abstellgleis auf das letzte abgelenkt werden. Fünf köstliche Minuten erfreute er sich am Ergebnis seiner angemaßten Entscheidungsgewalt, dann stellte er mit Mühe den alten Zustand wieder her und lief zufrieden zurück zum Schrebergarten, um eine von Großvaters gelben Tomaten zu verschlingen. Den Triumph behielt er bei sich.

Mit acht hatte der Enkel eines Eisenbahners bereits den nötigen Überblick. Da beide Randgeleise leer und stumpf waren, das heißt in Sichtweite von einem Prellbock begrenzt, war aus der Gegenrichtung kein Rangierbetrieb zu befürchten und damit auch kein Aufschneiden der von ihm umgestellten Weiche. Eine Zeitlang liebäugelte er deshalb damit, sie bei nächster Gelegenheit gleich für mehrere Tage in seine Gewalt zu bringen, aber dann traute er sich doch nicht.

Wieder vergingen zwei Jahre, der kleine Sommergast war den einheimischen Kindern längst kein Fremder mehr. Man spielte gemeinsam Fußball, veranstaltete Federball- und Schachturniere, machte aber auch vom Abenteuerspielplatz Bahngelände ausgiebig Gebrauch, obwohl das offiziell natürlich streng verboten war.

Neben dem verrußten Heizhaus, wo die Loks bekohlt wurden und Wasser faßten, erbettelte man sich beim Vater eines Spielkameraden Zugang zum Führerstand, die Schienen selbst dienten ganz selbstverständlich als Drahtseil für Balancierübungen, und es kam vor, daß die gesamte Fußballmannschaft in der Abenddämmerung noch die Energie fand, den einen oder anderen Bremsschuh zu entfernen und, ho ruck, einen kurzen Niederbordarbeitswagen zwanzig Meter zu verschieben.

Das war alles lustig, aber an den speziellen Genuß des einsamen Weichenstellens reichte es für den Zehnjährigen nicht heran. Inzwischen hatte sich dafür sogar zuhause in der Großstadt ein neues Betätigungsfeld eröffnet: Die Verbindungsbahn, ursprünglich führte sie nahe am Wohnhaus der Familie vorbei, wurde an den Stadtrand verlegt, um die teuren Grundstücke in bester Lage anderweitig zu nutzen. Erhalten blieb ein kurzes Stück in Form einer Anschlußbahn, die einige alteingesessene Firmen bediente. Gleich nach der letzten Abzweigung verlief sich das ehemalige Hauptgleis im Gestrüpp, bis es unter dem Asphalt der querenden Straße ganz verschwand. Jenseits waren die neuen Wohnblocks entlang der ehemaligen Trasse bald bezugsfertig.

Jetzt fand er längst nichts mehr dabei, diese Weiche jedesmal, wenn er vorbeikam, dauerhaft umzustellen. Er liebte den kurzen Moment der Kraftanstrengung, den Klang der Mechanik und stellte sich das Fluchen des Verschubpersonals vor. Daß die alten Fabrikstore, durch die das theoretisch benützbare Gleis führte, stets geschlossen waren und direkt davor zwischen den Holzschwellen einige halbmeterhohe Birkenschößlinge Zeugnis ablegten, daß auch hier der letzte Güterwagen schon vor geraumer Zeit zugestellt worden sein mußte, tat dem Vergnügen des Kindes keinen Abbruch.

Der Zehn-, Elf-, Zwölfjährige hatte nun seine Privatweiche. Mindestens einmal in der Woche, wenn er mit dem Fahrrad in die Hafengegend unterwegs war, um die Kähne aus aller Herren Länder zu beobachten, wechselte sie die Seite. Sinn und Zweck hatte das natürlich keinen, oder doch? Das wohlige Gefühl, eine von Abermillionen Eisenbahnweichen auf diesem Planeten unter Kontrolle zu haben, die über die Rumpfstrecke der Verbindungsbahn mit der ganzen Welt verbunden war wie der Hafen mit dem breiten Fluß und der mit dem Meer, dieses Gefühl war etwas Besonderes, sein Geheimnis, in das er nie jemanden einweihte, wohl auch deshalb, weil er fürchtete, dafür verlacht zu werden. Komisch, er besaß wie viele Schulkollegen eine Modelleisenbahn, aber die war eben doch nur gewöhnliches Spielzeug, während von der echten Weiche in seinem Besitz ein eigenartiger Zauber ausging, dessen Ursache er genau spürte. Nur fehlten ihm die Worte dafür, einstweilen jedenfalls.

Weichen waren schließlich im Grunde nichts anderes als Weggabelungen, wer sie stellte, wußte, wo und wie es langging, ganz egal, ob je ein Zug kommen würde oder nicht. Sonst wurde alles mit jedem Tag komplizierter und unübersichtlicher, schien es ihm, wenn er über sein junges Leben nachdachte, aus dem sich der geliebte Großvater, der umtriebige, unternehmungslustige, der dem falschen Gefühl des Kindes nach unverwundbare Großvater, schwer an Prostatakrebs erkrankt, in diesen Monaten gerade quälend langsam verabschiedete. Die Dinge waren im Fluß.

An der Weiche lag es jedenfalls nicht. Bis das gesamte restliche Areal von Grund auf neu gestaltet wurde, vom heruntergekommenen Gewerbegebiet zur gefragten Wohnadresse mutierte, hätte sie ihm gut und gern noch zehn, fünfzehn Jahre die Treue gehalten. Doch der Dreizehn-, Vierzehnjährige kam nicht mehr vorbei, die Beziehung war erkaltet. Daß er einst so für das alte Eisen geschwärmt hatte, war ihm jetzt ein peinlicher Gedanke, den er verscheuchte, sooft er ihn anwehte. Und das geschah immer seltener.

Mit einundzwanzig bereiste der Student der Rechtswissenschaften dann zum ersten Mal Skandinavien. Per Interrail und von einer Freundin, womöglich seiner Freundin begleitet, die Sache war auf beiden Seiten noch nicht ganz entschieden. In Mittelschweden, knapp zweihundert Kilometer nordwestlich von Stockholm, verbrachten sie einen Tag mit Wandern und am See. Gegen Abend erreichten sie entspannt, aber müde den auf der Karte verzeichneten Bahnhof.

Als die beiden den Fahrplan studieren wollten, informierte sie ein Aushang, die Strecke sei mit Beginn des Sommerfahrplans eingestellt worden. Er ärgerte sich fürchterlich, weit mehr als sie, denn für die Detailplanungen dieser Reise fühlte er sich alleine zuständig und verantwortlich. Alles sollte klappen wie am Schnürchen. Hier gestrandet zu sein, empfand er als persönliche Niederlage.

Dazu kam, daß sie die Jugendherberge in Stockholm auch für diese und die nächste Nacht gebucht hatten, also kaum Gepäck mitführten. Dreißig Kilometer Fußmarsch zurück zur Ausgangsstation an einer anderen Bahnlinie waren illusorisch. Sie mußten auf eine Busverbindung hoffen, irgendwo auf dem Weg in einen Zug umsteigen, und zwar in möglichst kurzer Entfernung, denn Busse waren in ihr Interrail-Ticket nicht einbezogen und in Skandinavien sauteuer.

Die Signale standen zwar auf Rot, aber sie schienen tadellos zu funktionieren. Jeden Moment konnte theoretisch ein Zug einfahren, wahrscheinlich bezog sich die Einstellung auch nur auf den Personenverkehr. Am Ende des Magazingleises standen im Gegenlicht unschuldig zwei Güterwagen, sonst war alles verwaist, kein Mensch zu sehen.

Wutentbrannt stürzte er auf die Handweiche los, die ein gutes Stück hinter dem Hausbahnsteig den Weg zu den...


Ludwig Laher, geboren 1955 in Linz, studierte Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie in Salzburg, lebt in St. Pantaleon/OÖ. Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Übersetzungen. Sein bei Haymon erschienener Roman Verfahren (2011) war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises vertreten. www.ludwig-laher.com



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