Lagerlöf / Haefs | Klara oder Die Kaiserin von Portugallien | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Reihe: Reclam Taschenbuch

Lagerlöf / Haefs Klara oder Die Kaiserin von Portugallien

Roman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-15-962384-9
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Reihe: Reclam Taschenbuch

ISBN: 978-3-15-962384-9
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der vergessene Roman der »Nils Holgersson«-Schöpferin und Literatur-Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf Värmland im 19. Jahrhundert: Der Tagelöhner Jan schenkt seiner Tochter Klara Geborgenheit und Liebe. Als die Familie in finanzielle Not gerät, geht Klara nach Stockholm, um ihren Eltern Geld zu schicken. Doch bald spricht sich eine bitterböse Wahrheit herum, die Jan den Verstand verlieren lässt. In seiner Scheinwelt wird Klara zur Kaiserin von Portugallien ... Selma Lagerlöfs Roman von 1914 bewegt sich zwischen dem harten Leben der schwedischen Landbevölkerung im späten 19. Jahrhundert und den Wahnvorstellungen Jans, der sich ein Phantasieland erschafft, in dem seine Tochter als Kaiserin herrscht. In seiner Sehnsucht sorgt er auf wundersame Weise immer wieder für Gerechtigkeit in seinem Umfeld, bis er selbst zu einer Sagenfigur wird. Ein Roman über Liebe und Verlust, der Lagerlöfs meisterhaftes Erzähltalent zeigt. - Mit einer kompakten Biographie der Autorin.

Selma Lagerlöf (1858-1940) war eine schwedische Schriftstellerin und die erste Frau, die den Literatur-Nobelpreis erhielt. Die Erinnerungen an ihre glückliche Kindheit verarbeitete sie in zahlreichen Romanen, u. a. in ihrem Welterfolg Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden. Pauline Klaiber-Gottschau (1855-1944) war eine Übersetzerin, die u. a. Werke von Hans Christian Andersen und Knut Hamsun ins Deutsche übertrug. Gabriele Haefs, geb. 1953, ist eine mehrfach ausgezeichnete Übersetzerin und Autorin.
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Erster Teil


Das pochende Herz


Egal, wie alt Jan Andersson aus Skrolycka auch wurde, nie wurde er es müde, von dem Tag zu erzählen, an dem sein kleines Mädchen zur Welt gekommen war.

In aller Frühe war er aufgebrochen, um die Hebamme und andere Helferinnen zu holen; danach aber musste er dann den ganzen Vormittag und noch bis weit in den Nachmittag hinein auf dem Hauklotz im Holzschuppen sitzen und warten, warten.

Draußen regnete es in Strömen, und auch Jan Andersson blieb nicht ganz verschont von dem Regenwetter, obgleich er sozusagen unter Dach und Fach saß. Der Regen drang zwischen den undichten Wänden zu ihm herein, und jetzt eben schleuderte der Wind auch noch eine ganze Sturzsee in den offenen Schuppen.

»Ich wüsste ja gern, ob wohl irgendjemand meinen kann, ich freute mich über die Ankunft des Kindes?«, murmelte er, und zugleich stieß er mit dem Fuß so heftig nach einem kleinen Holzscheit, dass dieses auf den Hof hinausflog. »Etwas Schlimmeres hätte mir doch gar nicht passieren können. Katarina und ich haben schließlich nur geheiratet, weil ich bei Erik auf Falla nicht länger in der Knechtskammer hausen wollte. Das ist doch das größte Unglück, das mir hätte widerfahren können. Wir wollten die Füße unter den eigenen Tisch setzen, aber an Kinder hatten wir wirklich nicht gedacht.«

Er schlug die Hände vors Gesicht und seufzte tief. Die Kälte, die Feuchtigkeit und das lange angespannte Warten hatten seine Verstimmung noch gesteigert, aber die eigentliche Ursache waren diese Unannehmlichkeiten keineswegs. Es war ihm vollkommen Ernst mit seiner Klage.

›Arbeiten‹, dachte er, ›arbeiten muss ich alle Tage, vom Morgen bis zum Abend, aber bisher hatte ich dann wenigstens nachts meine Ruhe. Nun wird das Kind wahrscheinlich viel schreien, und dann bekomm ich auch da keine Ruhe mehr.‹

Bei diesem Gedanken überkam ihn noch größere Verzweiflung. Er ließ die Hände sinken und rang sie so heftig, dass die Gelenke krachten.

›Bis jetzt ist auch alles ganz gut gegangen, weil Katarina genauso viel arbeiten konnte wie ich. Aber jetzt muss sie ja daheim bleiben und sich um das Kind kümmern.‹

Er starrte in die zunehmende Dunkelheit und sah aus, als ob schon die Hungersnot über den Hofplatz geschlichen käme und ins Haus eindringen wollte.

»Ja, ja«, sagte er, und jetzt schlug er, wie um seine Worte zu bekräftigen, mit beiden Fäusten auf den Hauklotz. »Ja, ich sag’ nur so viel, wenn ich damals gewusst hätte, dass so etwas dabei herauskommen würde, als Erik auf Falla sagte, ich dürfte mir ein Haus auf seinem Grund und Boden bauen, und mir überdies auch noch alte Balken zum Bau überließ, also, wenn ich das damals gewusst hätte, dann hätte ich doch alles abgelehnt und wäre bis an mein Lebensende in der Knechtskammer auf Falla geblieben.«

Das waren starke Worte, das war ihm durchaus klar; aber er hatte keine Lust, sie zurückzunehmen.

»Wenn es je geschehen sollte …«, begann er wieder; und fast hätte er gesagt, es wäre ihm gar nicht unlieb, wenn dem Kind auf irgendeine Weise etwas zustieße, ehe es das Licht der Welt erblickte. Aber er kam nicht dazu, diesen Gedanken auszusprechen; denn eben jetzt drang ein piepsendes Stimmchen durch die Wand an sein Ohr, und da hielt er jählings inne.

Der Holzschuppen war an das Wohnhaus angebaut, und als er hinhorchte, drangen die piepsenden Laute immer wieder zu ihm heraus. Jan Andersson wusste natürlich sofort, was das bedeutete, und nun blieb er lange ganz stillsitzen, ohne ein Zeichen von Kummer oder Freude an den Tag zu legen.

Schließlich zuckte er kurz mit den Schultern und sagte:

»Ja, jetzt ist es also da, und jetzt werd’ ich doch wohl in Gottes Namen ins Haus und mich wärmen dürfen.«

Aber auch diese Erlösung wurde ihm nicht so schnell zuteil, denn er musste abermals Stunde um Stunde warten.

Der Regen strömte noch immer mit der gleichen Heftigkeit hernieder, der Wind nahm zu, und obgleich es noch nicht einmal Ende August war, war die Luft so rau wie an einem Novembertag.

Und um das Maß vollzumachen, verfiel Jan Andersson nach einer Weile noch auf einen Gedanken, der ihn noch niedergeschlagener machte.

Er fühlte sich allmählich missachtet und zurückgesetzt.

»Drei verheiratete Frauen sind außer der Hebamme bei Katarina drinnen«, sagte er halblaut. »Die hätten sich doch wirklich die Mühe machen können, oder wenigstens eine von ihnen, herauszukommen und mir zu sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.«

Er horchte nach der Hauswand hin und hörte, wie auf dem Herd Feuer gemacht wurde. Dann sah er die Frauen am Brunnen Wasser holen; aber keine schien ihn auch nur zu bemerken.

Nun schlug er wieder die Hände vors Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her.

»Mein guter Jan Andersson«, begann er, »woran hapert’s denn eigentlich bei dir? Warum geht bei dir alles schief? Warum bist du immer so niedergedrückt? Ach, warum hast du kein schönes junges Mädchen heiraten können, statt der alten Stallmagd Katarina bei Erik auf Falla?«

Er war ganz aufgelöst vor Kummer. Zwischen den Fingern quollen ihm sogar ein paar Tränen hervor.

»Warum bist du im Dorf so wenig geachtet, mein guter Jan Andersson? Warum wirst du immer zurückgesetzt? Du weißt, es gibt andere, die ebenso arm sind wie du und ebenso schwach bei der Arbeit, aber keiner wird so übersehen wie du. Woran hapert’s denn nur bei dir, mein guter Jan Andersson?«

Das war eine Frage, die sich Jan Andersson schon oft, aber immer vergeblich gestellt hatte. Er hatte auch gar keine Hoffnung, dass er je die Antwort darauf finden würde, und wenn er alles in allem betrachtete, so haperte es vielleicht überhaupt an nichts. Vielleicht war die richtige Erklärung, dass Gott und die Menschen ihn ganz einfach ungerecht behandelten?

Als er bei diesem Gedanken angekommen war, nahm er die Hände vom Gesicht und versuchte, eine kecke Miene aufzusetzen.

»Wenn du je wieder in dein eigenes Haus hineindarfst, dann wirst du nicht einen Blick auf das Kind werfen, mein guter Jan Andersson«, sagte er. »Du wirst nur stillschweigend an den Herd gehen und dich wärmen. – Oder wie wär’s, wenn du jetzt weggingst«, fing er wieder an. »Du brauchst ja gar nicht länger hier sitzen zu bleiben, jetzt, wo du weißt, dass alles überstanden ist. Wie wäre es denn, Katarina und den anderen Weibern drinnen zu zeigen, was du für ein Mann bist …«

Er wollte eben vom Hauklotz aufstehen, da erschien die Bäuerin auf Falla vor dem Schuppen. Sie verneigte sich überaus höflich und lud ihn ein, jetzt ins Haus hereinzukommen und sich das Kind anzusehen.

Wenn es nicht die Hausmutter auf Falla selbst gewesen wäre, die diese Einladung vorbrachte, dann steht nicht fest, ob Jan Andersson in seiner aufgebrachten Stimmung hineingegangen wäre. Aber mit ihr ging er natürlich, wenn auch, ohne irgendwelche Eile an den Tag zu legen. Er gab sich alle Mühe, die Miene und Haltung anzunehmen, die Erik auf Falla hatte, wenn er im Rathaus zur Urne schritt, um seinen Wahlzettel hineinzulegen, und es gelang Jan Andersson jetzt auch ganz gut, ebenso feierlich und finster auszusehen wie jener.

»Bitte, Jan!«, sagte die Hausmutter auf Falla, und damit machte sie die Tür weit auf. Zugleich trat sie zur Seite und ließ Jan vorausgehen.

Jan sah auf den ersten Blick, wie fein und sauber alles in der Stube gemacht worden war! Die Kaffeekanne stand zum Abkühlen auf dem Rand der Herdplatte, und der Tisch am Fenster war mit von der Hausmutter auf Falla mitgebrachten Kaffeetassen und einem schneeweißen Tuch gedeckt. Katarina lag im Bett, und zwei andere Frauen, die auch zur Hilfe da waren, drückten sich an die Wand, damit er einen freien Blick auf alle Veränderungen haben könnte.

Gleich vor dem Kaffeetisch stand die Hebamme mit einem Bündel auf dem Arm.

Jan Andersson drängte sich unwillkürlich der Gedanke auf, dass er hier ganz plötzlich die Hauptperson zu sein schien. Katarina sah ihn mit einem freundlichen Blick an, wie um zu fragen, ob er zufrieden mit ihr sei. Und die andern ließen ihn nicht aus den Augen und schienen auf sein Lob zu warten, für all die Mühe, die sie sich seinetwegen gemacht hatten.

Aber es ist nicht so leicht, frohen Herzens zu werden, wenn man einen ganzen Tag draußen gesessen und gefroren hat und schlechter Laune geworden ist. Jan schaffte es nicht, nicht mehr das gleiche Gesicht zu machen wie Erik auf Falla, und er blieb, ohne ein Wort zu sagen, mitten im Zimmer stehen.

Da machte die Hebamme einen Schritt auf ihn zu. Und die Stube war so klein, dass sie mit diesem einzigen Schritt ganz vor ihn hintreten und ihm das Kind in die Arme legen konnte.

»Hier kann Er ein kleines Mädchen sehen, das noch dazu ein Prachtmädel ist«, sagte sie.

Da stand nun der arme Jan und hielt zwischen seinen Händen etwas, das sich warm und weich anfühlte und in ein großes Tuch eingewickelt war. Das Tuch war so weit zurückgeschlagen, dass Jan das winzige, runzlige Gesichtchen und die verschrumpelten Händchen sehen konnte.

Er stand unsicher da und fragte sich, was denn die Frauenzimmer erwarteten, was sollte er denn bloß anfangen mit diesem Ding, das ihm die Hebamme in die Arme gelegt hatte. Doch dann erhielt er plötzlich einen Stoß, bei dem er und das Kind zusammenzuckten. Keine von den Anwesenden hatte ihm diesen Stoß versetzt, aber ob er von...



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