E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Kuttner Mängelexemplar
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-10-400096-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-10-400096-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Kuttner wurde 1979 in Berlin geboren und arbeitet als Moderatorin. Sie wurde mit ihren Sendungen »Sarah Kuttner - Die Show« (VIVA) und »Kuttner.« (MTV) bekannt und arbeitete mehrfach für die ARD. Bei zdf.neo hat sie das Großstadtmagazin »Bambule« und die Talkshow »Kuttner plus Zwei« moderiert. Seit 2016 produziert und moderiert sie die monatliche Veranstaltungsreihe »Kuttners schöne Nerdnacht« und seit 2017 moderiert sie gemeinsam mit Stefan Niggemeier den Podcast »Das kleine Fernsehballett« auf Deezer. Ihre Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress wurden im Fischer Taschenbuch Verlag veröffentlicht. Ihr erster Roman »Mängelexemplar« erschien 2009 und stand wochenlang auf der Bestsellerliste. Danach erschienen die Romane »Wachstumsschmerz« (2011), »180 Grad Meer« (2015) und »Kurt« (2019). Sarah Kuttner lebt in Berlin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ich beschließe, einfach mal zu einer Psychotherapeutin zu gehen.
Eigentlich habe ich keine besonders großen Probleme. Nicht, dass ich überhaupt keine hätte: Mein cholerisch angehauchtes Ich macht mir schon zu schaffen, und mein Leben ist durchaus etwas im Ungleichgewicht: Ich habe einen ziemlich tollen Job bei einer Event-Management-Agentur verloren. Nach der Ausbildung war ich übernommen worden, und glücklicher hätte man mich nicht machen können. Der Job war mein Zuhause. Seit drei Monaten ist er weg. Jetzt überweist mir meine Oma jeden Monat heimlich meine Miete, und ich kellnere gelegentlich in einer Kneipe.
Die fehlende Arbeit gibt mir Zeit und Muße, in meinem Leben ein wenig aufzuräumen. Also sortiere ich einige zwischenmenschliche Beziehungen, die für mich nicht mehr funktionieren, einfach aus, manche ehemals enge Freunde sortieren sich selbst aus, und ich habe, um ehrlich zu sein, ein wenig das Gefühl, dass sie versuchen, sich freizuschwimmen vom übergroßen Emo-Monster Ich. Bitte sehr, sollen sie doch, ich kann nichts gebrauchen, was mich nicht lieb hat. Ich strauchele nicht. Ich kriege Sachen schon alleine irgendwie hin, muss ja, muss ja.
Ein weiteres Feuer in den Hollywood Hills meines Lebens ist mein Freund Philipp. Wir sind vermutlich einfach nicht füreinander gemacht. Wir versuchen aber schon seit über zwei Jahren sehr erfolgreich, diese kleine Ungereimtheit zu verdrängen. Im Grunde finden wir uns beide gegenseitig doof. Alles an ihm macht mich wahnsinnig, vieles an mir macht ihn wahnsinnig. Jeder von uns denkt regelmäßig an Trennung, keiner hat den Arsch in der Hose. Ich denke, wir haben einfach Angst, allein zu sein. Lieber eine Beziehung mit Streit und fehlenden gemeinsamen Interessen als keine Beziehung. So sind wir jungen Konservativen. Sicherheitsbedürftig, faul und feige.
Mein Leben ist also durchaus unbefriedigend, aber ich kann nicht sagen, dass ich einen enormen Leidensdruck verspüre. Ich fühle mich nicht im klassischen Sinne »reif für eine Therapie«, ich habe einfach Zeit, und ich bin neugierig. Ich möchte wissen, was eine Professionelle über mich denkt, wie sie mich einschätzt. Als ob man sich die Karten legen lässt oder so.
Meine Mama, eine Expertin in Sachen Psyche im Allgemeinen und Depression im Speziellen, ist auch ein großer Fan der Idee, dass ich mich mal mit jemandem unterhalte. Sie glaubt schon länger, etwas in mir schwelen zu sehen, und empfiehlt mir die Therapeutin einer Kollegin, Diplom-Psychologin Frau Görlich.
Telefonisch bekomme ich einen Termin für ein Casting. Ich bin sicher, dass Frau Görlich ein anderes Wort wählte, aber machen wir uns nichts vor, es ist eben doch eine Art Auswahlverfahren für eine Rollenbesetzung. Bin ich verkorkst genug, um ein Recht auf eine Therapie zu haben? Ist mein Lebenslauf steinig genug, um Hilfe zu beantragen? Diese Gedanken mache ich mir vor dem ersten Treffen. Ich ziehe sogar ein Themenoutfit in Erwägung, allerdings scheitert es am Kleiderfundus und vor allem an der nötigen Ahnung. Wie kleidet man sich denn, um möglichst psychisch hilfsbedürftig zu erscheinen? Und will ich überhaupt hilfsbedürftig wirken? Will ich nicht lieber hören, dass mit mir alles top in Ordnung ist?
Vermutlich gilt dieselbe Regel wie für alle anderen Castings auch: möglichst natürlich wirken! Sei ganz du selbst! Ich will so bleiben, wie ich bin!
Völlig normal gekleidet, aber mit einer peniblen schriftlichen Auflistung meiner persönlichen Charakterschwächen und Probleme (ich neige dazu, wichtige Sachen zu vergessen. Ich bin eine von denen, die nach einem Streit noch mal anrufen: »Und was ich außerdem noch sagen wollte …«) sowie einem kurzen Abriss der wichtigsten Ereignisse meiner Kindheit und Jugend gehe ich also zum ersten Psychocasting meines Lebens.
Ich habe keine altbackene, verklärte Vorstellung davon, wie eine Therapeutin aussieht. Ich bin schlau genug, um keine Couch zu erwarten oder eine ältere Dame mit Gleitsichtbrille und Notizblock. Ich bin modern und aufgeklärt und abgewichst.
Ich halte eine Therapie nicht für etwas, das es zu verheimlichen gilt, ich weiß, dass jeder zehnte Deutsche unter einer Depression oder einer anderen psychischen Krankheit leidet, ich weiß, dass die Seele genauso krank werden kann und darf wie der Magen oder die Blutgefäße, ich weiß, dass man bereit sein muss, sich völlig zu öffnen, wenn man Hilfe erwartet.
Völlig offen und energiegeladen erklimme ich die Wendeltreppe zu Frau Görlichs Praxis. Ein wenig zu energiegeladen vielleicht, denn mir wird schwindlig. Frau Görlich erwartet mich schon in der Tür: »Immer mit der Ruhe!«
Damit benennt sie schon die erste tragende Säule meines Mackenlebens. Ich bin ungeduldig. Sachen müssen schnell und ohne Wartezeit geschehen. Alles muss zackzack gehen. Ich kaufe Kleidung, ohne sie anzuprobieren, denn ich weiß, was mir steht und was mir passt, ich habe keine Zeit für Umkleidekabinen. Ich koche nicht. Nicht, weil ich nicht kann, sondern weil ich keinen Nerv für den Aufwand habe. Buffet ist meine liebste Art, auswärts zu essen, denn das Essen ist sofort verfügbar. Sollte doch mal das Rührei in diesen Aufwärmbottichen zur Neige gehen, werde ich nervös. Ich zahle immerhin für die totale Verfügbarkeit. Also sagen Sie dem Koch bitte, dass das Ersatzrührei schon bereitstehen sollte, wenn sich im Bottich eine Zweidrittelleerung ankündigt. Danke.
Diese Schnelligkeit geht durchaus nicht mit fehlender Leidenschaft einher. Ich liebe Kleidung, und ich liebe Essen. Aber schneller bedeutet für mich oft auch mehr. Mehr schöne Kleidung kaufen und noch mehr wohlschmeckende Nahrung im Magen unterbringen.
Etwas schwindelig sitze ich also vor Frau Görlich auf einem Ledersessel. Kein romantischer Opa-Ohrenledersessel, sondern einer dieser modernen, die wie das Haus der Hexe Baba Jaga auf einem Fuß stehen und sich drehen lassen. Das ist sehr gut, denn ich bin zappelig. Ich muss immer irgendwas bewegen. In Wartezimmern beispielsweise wippe ich ganz leicht auf meinem Stuhl vor und zurück. In dem Ohrensessel hätte mein Wippen autistisch ausgesehen, ein Eindruck, den ich beim ersten Treffen nicht hinterlassen will, obwohl es mir vermutlich ziemlich sicher ein Ticket für den Recall bescheren würde. Aber ich will mit meinen echten Problemen beeindrucken, also drehe ich mich einfach nur ganz leicht im Drehsessel hin und her.
Frau Görlich hat riesige, freundlich stechende blaue Augen und ein enorm offenes Gesicht. Ich überlege, ob Psychologen in der Zulassungsstelle für Berufe, die mit Menschen zu tun haben, nach ihrem Aussehen ausgewählt werden. Falls ja, wundert es mich nicht, dass sie ihre eigene Praxis hat. Sie ist um die vierzig Jahre alt, hat einen hübsch geschnittenen, natürlich gewellten Kurzhaarschnitt, und überhaupt wirkt alles an ihr so natürlich, dass ich mir plump und verkleidet vorkomme.
»Frau Herrmann, warum sind Sie denn hier?«
Auf die Frage bin ich bestens vorbereitet, ich rattere wie eine Zwölfjährige, die einen uninteressanten Vortrag halten muss, meine aktuellen Problemchen mit mir selbst, dem geliebten Ex-Job, den doofen Nicht-mehr-Freunden und dem ungeliebten Noch-Freund herunter. Außerdem den gesamten Teil meines Lebens, den ich für psychologisch relevant halte: »Ich hatte eine eher doofe Kindheit mit einer unglücklichen Mutter, der hin und wieder die eine oder andere Ohrfeige rausrutschte. Dann war da noch mein sehr bemühter Vater, der mich in jungen Jahren, in denen ich dringend ein wenig Liebe hätte gebrauchen können, lieber an die Perlen der Weltliteratur heranführen wollte. Meine Eltern sind außerdem geschieden, und ich habe einen angeheirateten Onkel, der mich als Kind auf eine Art ›lieb hatte‹, wie man ein Kind eher nicht lieb haben sollte, und mein sehr geliebter Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war.« Etwas aus der Puste lehne ich mich zurück.
Ein kleines Potpourri an Stolpersteinen auf dem Entwicklungsweg eines gesunden jungen Menschen. Ich bin nicht sicher, ob ich damit überzeugen kann, lebe ich doch schon seit diversen Jahren mit dieser Vita. Es geht mir gut. Ich bin durch damit. Ist ja alles schon so lange her. Ich nehme an, dass die Der--Onkel-Karte in dieser Aufzählung Trumpf ist, allerdings habe ich auch mit diesem Teil meines Lebens schon vor Jahren meinen Frieden geschlossen. Meine Sexualität scheint trotz allem gesund und problemlos, zu diesem hässlichen Teil meiner Familie hatte ich, wenn auch etwas spät, den Kontakt gänzlich abgebrochen. Etwas unsicher blicke ich noch einmal auf meinen Notizzettel, um sicherzugehen, dass ich nichts vergessen habe, und erwarte die erste professionelle Psychologen-Resonanz meines Lebens auf selbiges. Ich bin mit meiner Performance zufrieden und aufgeregt. Habe ich genug Mist im Rucksack, um weitere Audienzen gewährt zu bekommen? Reicht die Tatsache, dass ich eigentlich nur gerne weniger anstrengend sein möchte, aus, um eine Krankenkasse zu veranlassen, Frau Görlich hundert Euro pro Stunde zu zahlen? Oder habe ich Luxusprobleme? Schließlich bin ich nicht der einzige Mensch auf der Welt mit geschiedenen Eltern, anstrengenden Vätern und einem fragwürdigen Start in die Sexualität. Oder sind all die anderen auch in Therapie?
Frau Görlich sagt erst mal nichts.
Dann: »Atmen Sie mal richtig durch!«
Merkwürdig. Das mit dem Atmen scheint mir eigentlich eine der wenigen Sachen zu sein, die ich nun wirklich ganz gut allein beherrsche. Aber ich will folgsam und weniger aufmüpfig sein, also atme ich tief durch.
»Und jetzt atmen Sie mal in den Bauch!«
Gern, wenn mich das weiterbringt....




