Kuttner 180 Grad Meer
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-10-403717-2
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-10-403717-2
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Kuttner wurde 1979 in Berlin geboren und arbeitet als Moderatorin. Sie wurde mit ihren Sendungen »Sarah Kuttner - Die Show« (VIVA) und »Kuttner.« (MTV) bekannt und arbeitete mehrfach für die ARD. Bei zdf.neo hat sie das Großstadtmagazin »Bambule« und die Talkshow »Kuttner plus Zwei« moderiert. Seit 2016 produziert und moderiert sie die monatliche Veranstaltungsreihe »Kuttners schöne Nerdnacht« und seit 2017 moderiert sie gemeinsam mit Stefan Niggemeier den Podcast »Das kleine Fernsehballett« auf Deezer. Ihre Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress wurden im Fischer Taschenbuch Verlag veröffentlicht. Ihr erster Roman »Mängelexemplar« erschien 2009 und stand wochenlang auf der Bestsellerliste. Danach erschienen die Romane »Wachstumsschmerz« (2011), »180 Grad Meer« (2015) und »Kurt« (2019). Sarah Kuttner lebt in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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1.
Daniels kurze Finger wabern auf dem Klavier herum, als wollten sie eigentlich woanders sein, hätten aber hier noch einen unangenehmen Job zu erledigen. Wobei, genau so ist es ja. Nur scheint ihr Besitzer den Job zu lieben, und da müssen die Finger eben mitspielen.
Daniel verachtet mich. Ich finde das grundsätzlich nicht unangebracht, ich verachte ihn auch, allerdings verachte ich mich selbst hier gerade mehr, daher scheint es mir doch nicht gerecht, dass ich von zwei Menschen verachtet werde, er nur von einem.
Der Rest der Bar liebt uns.
Kein Wunder, wir spielen die beschissensten Songs der Achtziger, der Neunziger und das Beschissenste von heute. Und wenn es nicht beschissen ist, dann sorgen wir dafür, dass es beschissen klingt. Denn das ist es, wofür uns die Menschen lieben. Weshalb man uns bucht. Gefällige Musik, . Die Menschen lieben ordentliche Portionen Soul, zumindest in Bars tun sie das. Während sie ihre Weine oder Whiskys oder Cosmos trinken, während sie einander in die Augen sehen, Liebe spielen, Business spielen oder nur Geselligkeit spielen.
Soul macht alles gehaltvoller, .
Also singe ich jeden Song auf unserer Setlist, als hätte ich mit Aretha Franklin gefrühstückt. Ich mache das ganze Programm: Ich phrasiere mich dumm und dämlich, meine Finger zittern ekstatisch am Mikrophon auf und ab, und mein Gesicht spielt, in zufällig erscheinender Reihenfolge, immer wieder dieselben drei Formen von Leidenschaft: 1. (Augen geschlossen, Kopf wahlweise nach oben, unten oder schräg zur Seite geneigt, aber immer leicht nickend, ein verträumtes Lächeln, als wäre ich in einer ganz anderen, eigenen Welt), 2. (Augen, wenn möglich feucht vor Glück, weit aufgerissen, Kopf gen Himmel, die freie Hand auch, ein gejauchztes »Jesus« würde passen, wäre aber zu viel) und 3. . Was Überraschung in Soul zu tun hat, weiß ich nicht so richtig, ich habe es aber oft bei anderen schlechten Performern gesehen, es scheint eine Bedeutung zu haben. entsteht meistens aus und wird mit einer ruckhaften Kopfbewegung nach vorn am besten ausgeführt. Dazu die Augen wieder aufgerissen, dieses Mal aber nicht feucht vor Glück, sondern streng und gradlinig mit direktem Blick in das Gesicht des Nächstbesten. Vielleicht sagt , dass Soul keinesfalls langweilig oder sanft ist. Nein, sagt sie, Soul ist auch konkret und kraftvoll und geht jeden was an. Eventuell ist auch die falsche Bezeichnung für diesen Profiblick, aber all die Souldiven sehen unfassbar überrumpelt aus, wenn sie diesen merkwürdig harten Blick benutzen, und außerdem weiß ja eh niemand, wie er heißt, der Blick. Fakt ist: Er funktioniert. Er rüttelt die Leute auf. , denken sie dann, Und zack haben alle Beteiligten das Gefühl, selbst ein bisschen Soul zu sein. Sie haben ja schließlich indirekt mitgewirkt.
Zumindest ist es das, was die Gesichter der Menschen sagen, wenn ich ihnen, was ich selbstverständlich versuche zu vermeiden, ins Gesicht sehe. Sie sagen: , sagen die Gesichter.
Daniel glaubt auch an . Er begleitet mich jetzt seit zwei Jahren am Klavier und diese drei Abende in der Woche bedeuten ihm viel. Ich bedeute ihm nichts, ich bin nur sein Weg zum Ziel. Weil ich persönlich aber ausschließlich Weg ohne Ziel mache, verachtet er mich. Er spürt, dass mir all das, generell eigentlich , nichts bedeutet, und das nimmt er mir übel. Unsere gegenseitige Verachtung ist die Schmiere, die unseren Zauber geschmeidig hält, sollte man meinen, aber es ist wirklich nur Verachtung. Daniel will hoch hinaus, ich will nichts. Aber er kann sich nicht verpissen, denn die Leute wollen uns als Duo. Wir wirken eingespielt, aufgrund meines -Blickes sogar manchmal verliebt, zumindest aber sexuell aufgeladen. Nichts davon stimmt, natürlich. Aber die Menschen wollen auch nicht mehr sehen als das, was wir ihnen geben.
Was sie konkret sehen, ist eine recht große Frau Anfang dreißig, eher dürr als schlank, mit verwirrendem Haar. Ich habe unfassbar stark gelocktes Haupthaar. Obwohl niemand in meiner Familie auch nur leichte Wellen hat, kräuseln sich auf meinem Kopf winzige, dicke Locken. Von hinten denken viele, ich hätte afrikanische Vorfahren. »Hey, eine kleine Schokopuppe!« habe ich schon mehr als einmal von angetrunkenen Männern, deren Frauen gerade auf dem Klo waren, in den Nacken gehaucht bekommen. Bis ich mich umdrehe. Dann sieht man ein durchschnittliches, sehr europäisches Gesicht mit eher knappen Features: kleine, ein wenig zu eng zusammenstehende Augen, eine kurze Nase, schmale Lippen. Verhärmt, würde meine Mutter sagen. Diese unfassbar weit auseinanderklaffende Schere zwischen aufregendem Haar und egalem Rest ist mir zuwider, weshalb ich meine Haare große Teile meines Lebens immer entweder auf ein Minimum gekürzt habe oder unter diversesten Kopfbedeckungen verstecke. Hier allerdings passt und gefällt es, wie der furchtbare Rest. Hier im geheimen Land des beschissenen Geschmacks gilt das als exotisch.
Zusammen sind Daniel, dessen vietnamesische Mutter ihr Erbgut zwar eher rezessiv weitergegeben hat, aber immerhin genug, um ihn ausreichend asiatisch anmuten zu lassen, und ich Paradiesvögel. Also lasse ich die dämlichen Haare wachsen und schmiere Kokosnussöl rein, weil man das so macht und es mir egal ist. All das ist mir egal.
Daniel ist all das nicht egal. Er glaubt daran, dass wir Paradiesvögel sind. Er glaubt an unsere exotische Ausstrahlung, er hegt und pflegt sie. Auch er hat raue Mengen Haar und versucht es, so sehr es geht, wie Jamie Cullum zu stylen. Auch er sieht durchschnittlich aus und trägt eher schlecht sitzende Anzüge, was uns aber in die Hände spielt, denn die Leute in Bars wollen nicht, dass der Typ am Klavier besser aussieht als sie selbst, das wäre zu viel, angesichts des vermeintlich eh schon unfassbaren Talents. Es ist ganz wichtig, dass die Begleitung der Sängerin nur medioker aussieht. Das männliche Publikum muss zumindest die Möglichkeit erahnen, mich abschleppen zu können. Und die Frauen befriedigt es, dass die talentierte und geheimnisvoll anmutende Sängerin nicht auch noch zu allem Überfluss einen heißen Klavierspieler ihr Eigen nennen darf. Das wäre einfach unfair, das würde man mir nicht gönnen. Gleichzeitig stärkt es ihr eigenes Selbstbewusstsein: , wollen sie denken. Wenn sie diesen nur oberflächlich emanzipierten Mist nicht schon von alleine mitbringen, möchten sie ihn von mir vermittelt bekommen.
Bitteschön. Ich vermittle das. Ich vermittle alles, was sie wollen, diese Menschen in Bars. Ich bin eine Prostituierte der menschlichen Emotionen.
So ein Abend erreicht seinen Höhepunkt (Sicht: Publikum und Daniel) und Tiefpunkt (Sicht: ich) immer dann, wenn wir »Smooth Operator« von Sade spielen. Dieser Song berührt, aus einem mir vollkommen unerfindlichen Grund, das Belohnungszentrum der meisten Menschen, die gegen 21.30 Uhr in einer Bar sind. Wobei hier im Grunde noch mal spezifiziert werden muss: Wir spielen eigentlich in einem Restaurant, das sich nach 21.00 Uhr irgendwie in eine Bar verwandelt. Wir fangen um 20.00 Uhr an zu spielen, für einen richtigen Künstler ist das eine denkbar undankbare Zeit, denn da läuft der Restaurantbetrieb auf Hochtouren und es fühlt sich an, als würde man in einem Hauptbahnhof auftreten. Kellner hetzen durch die Gegend, der ganze Raum ist erfüllt von zahlreichen und und und . Es macht keinerlei Sinn, zu dieser Uhrzeit eine Sängerin an ein Klavier zu stellen, aber mir soll es egal sein, ich stehe einfach da und singe, die Gespräche der Gäste mit meinem Soul störend. Als wir vor zwei Jahren hier anfingen, hatte ich einen lauen Versuch gestartet, Andreas, dem Besitzer des Ladens, zu bedenken zu geben, dass man sich beim Essen in einem eh recht wuseligen Restaurant von Livemusik vielleicht eher gestört fühlen könnte, aber Andreas fragte nur: »Wollt ihr den Job oder nicht?« Also dachte ich nein und sagte ja und ließ mich leidenschaftslos von Andreas ficken, und seitdem stören wir die Menschen beim Essen ab acht.
Interessanterweise ist das ganze Hetzige ab 21.30 Uhr schon wieder vorbei. Als ob die Menschen hier tatsächlich Punkt acht alle gleichzeitig ankommen, essen und fertig sind. Dann verwandelt sich die Atmosphäre nahezu schlagartig in etwas Barähnliches. Zwei Drittel der Gäste gehen, der Rest schaltet die Körpersprache auf Krawatte-lockern um, und uns wird plötzlich zugehört. Und dann kommt eben »Smooth Operator«, ein Song, den ich schon immer gehasst habe, und es wird sogar geklatscht. Immer von Männern im Übrigen. Gefälliges Grinsen auf den Lippen inklusive. Meine Theorie ist, dass kaum einer der Herren weiß, was ein Smooth Operator ist. Es hört sich einfach sexy an, eben. Sicher...




