Kurz / Schwer | Geschichte des Designs | E-Book | sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 2938, 128 Seiten

Reihe: Beck'sche Reihe

Kurz / Schwer Geschichte des Designs


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-406-78814-7
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2938, 128 Seiten

Reihe: Beck'sche Reihe

ISBN: 978-3-406-78814-7
Verlag: Verlag C. H. Beck GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Band bietet einen kompakten Überblick über die wichtigsten Stationen des Produktdesigns vom Beginn der Industrialisierung bis heute. Im Zentrum stehen ikonische Alltagsgegenstände vom Thonet-Stuhl bis zum iPhone. Anschaulich und kenntnisreich nehmen Melanie Kurz und Thilo Schwer dabei auch die gesellschaftspolitische Situation, in der die Objekte entstanden sind, in den Blick.

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Industrielle Revolution: Massenfertigung und Beschleunigung
Mit dem Beginn der Industrialisierung bricht ein neues Zeitalter an. Der Wandel erfasst, ausgehend von der Warenproduktion, der Rohstoffgewinnung und dem Transportwesen, innerhalb weniger Dekaden sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens. Von Nordengland verbreiten sich die neuen Mechanisierungsbestrebungen über Kontinentaleuropa, Nordamerika sowie Japan und verwandeln ehemalige Agrargesellschaften in Industrieökonomien. Technologischer Startschuss für diese Entwicklung ist die Dampfmaschine, deren Erfindung meist allein James Watt zugeschrieben wird. Tatsächlich baut der Schotte mit seiner Idee auf einer Reihe an Vorgängermodellen auf, verbessert jedoch den Wirkungsgrad und die Zuverlässigkeit der bisherigen Dampfantriebstechniken entscheidend. 1769, rund zehn Jahre nach seiner ersten Beschäftigung mit den Methoden zur dampfbasierten Energieerzeugung, erhält Watt das Patent für seinen Entwurf einer einfachwirkenden Dampfmaschine. Es folgen weitere Modifikationen, bis die Maschine so wirtschaftlich ist, dass sie in sämtlichen Gewerben eingesetzt werden kann. Fortan ermöglicht sie die Erzeugung künstlicher Energie, womit Maschinen jeglicher Art ortsunabhängig betrieben werden können und Mechanisierung nicht mehr nur an den dafür günstigen Standorten, wie zum Beispiel an Wasserläufen, stattfinden kann. Was nun beginnt, kann unter dem Begriff der Beschleunigung zusammengefasst werden. In einem Tempo wie nie zuvor vollziehen sich technologische, wirtschaftliche, soziale und nicht zuletzt ökologische Veränderungen. Sie gehen mit einer Vielzahl an positiven und negativen Auswirkungen für die Betroffenen einher. In England setzt die Industrialisierung rund fünf Jahrzehnte früher als in anderen Ländern ein. Dass man zuerst ausgerechnet im Norden der Insel, in der Gegend um Manchester, Maschinen zur beschleunigten Textilproduktion erfindet, ist kein Zufall. Fernab der Metropole London erhalten die in den Ballungsräumen von ganz Europa besonders streng ausgelegten Zunftregeln des Handwerks kaum Beachtung. Die somit gegebene Freiheit zur Anwendung neuer Fertigungsmethoden erlaubt es Tüftlern, das Feld der traditionellen Handwerkstechniken zu verlassen und in Zusammenarbeit mit Mechanikern (darunter Mühlenbauer, Schlosser, Uhrmacher) Maschinen zur Erleichterung, Optimierung und vor allem zur Produktivitätssteigerung ihrer Arbeit zu entwickeln. Es entstehen in mehreren Etappen zum Beispiel industrielle Spinnmaschinen, die nicht nur einen oder zwei Fäden gleichzeitig spinnen, sondern tausende Spindeln parallel betreiben können. Im Hinblick darauf schreibt der Soziologe und Volkswirt Werner Sombart in seiner 1902 erschienenen Analyse Der moderne Kapitalismus: «In qualitativer und vor allem in quantitativer Hinsicht steigert die Maschine das menschliche Können über das individuell erreichbare Maximum von Vollkommenheit hinaus.» Auf dieser technischen Grundlage und unter der Voraussetzung neuer Gewerbeordnungen, die sich ab Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa durchsetzen, werden aus Handwerkern schnell Industrieunternehmer, aus Werkstätten Fabriken. Das bedeutet eine Neuordnung der bis dahin bestehenden Verhältnisse auf mehreren Ebenen. So tritt die industrielle Massenfertigung als dritte Betriebsform zum traditionell arbeitenden, zünftisch geregelten Handwerk auf der einen Seite und dem großbetrieblich organisierten und teilmechanisiert produzierenden Manufakturwesen auf der anderen Seite. Die beiden älteren Unternehmensformen koexistieren zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahrhunderten und weichen in wesentlichen Punkten voneinander ab: Der Handwerksmeister und Werkstattbetreiber gilt als Universalist, ist er doch weit über die Warenfertigung hinaus in sämtliche Arbeitsschritte selbst eingebunden. In der Manufaktur hingegen herrscht Arbeitsteilung; ihr steht ein kapitalstarker Verleger vor, der die Spitze einer hierarchisch gegliederten Arbeitnehmerschaft bildet. Eine große Zahl an Handwerksstätten ist nötig, um die Masse der gewöhnlichen Alltagswaren für die Mehrheit der Bevölkerung zu fertigen. Demgegenüber sind die wenigen zentralisiert arbeitenden Manufakturen dank Spezialisierung, Aufteilung der Herstellungsprozesse in Einzelabschnitte sowie Zuhilfenahme von mechanischen Vorrichtungen produktiver und präziser bei der Warenerzeugung. Ihre Feinwaren stellen keine Konkurrenz zu den einfachen Gebrauchsgegenständen aus den Handwerksstätten dar, denn die Manufakturen liefern ausschließlich Luxusgüter, die auf die zahlungskräftige Kundschaft zugeschnitten sind. Angesichts des Umstands, dass die Fabriken die Arbeitsteilung, Produktivität sowie Warenqualität der Manufakturen übernehmen und steigern, könnte man schlussfolgern, Industriebetriebe wären Weiterentwicklungen des manufakturellen Verlegerwesens. Das trifft jedoch nicht zu. Es handelt sich bei den ersten Industrieunternehmen um Neugründungen, die von Handwerkern initiiert werden und sich nicht, wie die meisten Manufakturen (etwa zur Porzellanherstellung), im Besitz der Aristokratie befinden. Zwar entwickeln sich die Industriellen der ersten Stunde schnell zu Kapitalisten, doch unterscheidet sich der Typus des Fabrikgründers deutlich von dem des wohlhabenden adligen Manufakturbesitzers. Oftmals aus armen Verhältnissen stammend, entspricht der Fabrikgründer dem universalistischen Handwerker, der zunächst ohne ein finanzielles Polster auf sich selbst gestellt ist und von der Werkstoffbeschaffung über die Einrichtung der Produktionsprozesskette bis hin zum Warenabsatz alles aus eigener Kraft plant und leitet. Noch als Mitglied der sich neu strukturierenden Oberschicht ist er häufig in seinen Produktionshallen präsent und arbeitet nach dem Vorbild traditioneller Handwerksmeister bei Bedarf persönlich an praktischen Aufgaben mit. Michael Thonet, Erfinder der Bugholztechnik, kann als Repräsentant der Fabrikgründergeneration angeführt werden. Seine ersten Experimente, Schichtholz mit handwerklichen Mitteln zu biegen, scheitern. Nach dem Konkurs seiner Werkstatt verlässt er Deutschland und wandert nach Österreich aus. Dort führt er seine Versuche aus Rationalisierungsgründen mit massivem Buchenholz fort, bis er schließlich durch Werkzeug- und Methodeninnovation zu einer industriellen Art der Möbelproduktion gelangt. Mit der Prägung eines universalistisch tätigen Handwerkermeisters schafft Thonet eine neue Fertigungsmethode, gestaltet damit herzustellende Produkte und plant den Maschinenpark der ersten Fabrik selbst. Sein Erfolg beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts; 50 Jahre später werden in den Werkhallen des inzwischen Verstorbenen mit rund 6.000 Arbeitern und 20 Dampfmaschinen täglich 4.000 Möbelstücke erzeugt. Solche Zahlen verdeutlichen: Die sich rasch verbreitenden Industriebetriebe setzen sowohl das Handwerk als auch die Manufakturen unter massiven Druck. Spätestens mit der zweiten Maschinengeneration fertigt die Fabrik nicht nur kostengünstiger, schneller und produktiver als die anderen beiden Betriebsformen, sondern auch qualitativ besser. Sie liefert massenweise Alltagsprodukte und dringt nach und nach auch in das Luxusgütersegment vor. Schon früh nimmt die Dampfmaschine Einfluss auf Bergbau (Rohstoffgewinnung) und Verkehr (Dampflokomotive und Dampfschiffe). Doch markiert letztlich die Warenproduktion – genauer: das Textilgewerbe – den Beginn der industriellen Revolution. Weitere Branchen folgen, etwa die Landwirtschaft oder die Lebensmittelerzeugung, was insbesondere die industrialisierten Schlachthöfe von Chicago vor Augen führen. Neben neuen Maschinen zur Gütererzeugung veranlassen zahlreiche weitere technische Erfindungen einen Wandel der gesamten Arbeits- und Lebenswelt. Als Ära der Fabrikansiedelungen und Urbanisierung, der Ingenieure und einer gesamtgesellschaftlich getragenen Technikbegeisterung, der Entstehung neuer Berufsfelder und Erfindungen geht die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts unter der Bezeichnung «Gründerzeit» in die Geschichte ein. Thomas Alva Edison entwickelt sein Glühbirnenmodell, Carl Benz konstruiert das erste Automobil, die Firma I. M. Singer & Co. bringt eine seriell hergestellte Nähmaschine in den Handel, und Alexander Graham Bell führt das erste Ferngespräch per Telefon. Die Formen der neuen Produkte sind technisch-praktischen Aspekten verpflichtet, das heißt, sie müssen sowohl produktionsgerecht als auch vertriebsfreundlich sein. Der Stuhl Thonet Nr. 14 (Abb. 1) ist ein Gegenstand, der diesen Maßgaben vorbildlich folgt. Designhistorisch inzwischen zur Ikone und vor merkantilem Hintergrund zu einem der erfolgreichsten Stühle avanciert, wird das Möbelstück im Thonet-Katalog Ende der 1850er Jahre als «billige Consumsorte»...


Melanie Kurz ist Professorin für Designtheorie und Designgeschichte am Fachbereich Gestaltung der FH Aachen. Sie ist Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Designgeschichte e.V.

Thilo Schwer ist Professor für Designgeschichte und -theorie an der Hochschule der Bildenden Künste in Essen und leitet dort das Institut für Kunst- und Designwissenschaft. Er ist Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Designgeschichte e.V.



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