Kurz / Schulze | Wandertage in Hellas | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 237 Seiten

Reihe: Klassiker bei Null Papier

Kurz / Schulze Wandertage in Hellas

1913 München bei Georg Müller
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-248-5
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

1913 München bei Georg Müller

E-Book, Deutsch, 237 Seiten

Reihe: Klassiker bei Null Papier

ISBN: 978-3-96281-248-5
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Neue Deutsche Rechtschreibung Isolde Kurz ist auch heute noch eine ambivalente Schriftstellerin. Schon in jungen Jahren selbstständig als Autorin und Übersetzerin, war sie eine Seltenheit im wilhelminischen Deutschland. Später jedoch geriet sie wegen ihres Schweigens im Dritten Reich und ihrer altmodischen Sprache in Kritik. Hervorzuheben sind ihre Werke 'Vanadis' und 'Florentiner Novellen'. Isolde Kurz wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden. Null Papier Verlag

Isolde Maria Klara Kurz (21.12.1853-06.04.1944) war eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wuchs in einem liberalen und an Kunst und Literatur interessierten Haushalt auf. Schon früh wurde sie mit den Schriften der klassischen Antike bekannt und arbeitete in jungen Jahren als Übersetzerin. Anfang der 1890er Jahre errang sie erste literarische Erfolge mit Gedicht- und Erzählbänden.
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Triest – Piraeus


Kalt bläst der Wind aus dem Karstgebirge, zerfetzte graue Wolken ziehen über den Himmel, nur auf Schloss Miramar liegt Sonnenglanz, während wir durch den unruhigen Wellengang des Hafens von Triest ins offene Meer steuern.

Unser »Baron Beck« vom österreichischen Lloyd ist überfüllt mit Reisenden, die sich zum Orientalistenkongress nach Athen begeben. Da die Gelegenheit so einzig günstig ist, hat meine alte Schutzherrin Pallas Athene auch mich im Handumdrehen zur Orientalistin umgeschaffen und mich mit der Kongresskarte, vor der sich alle Riegel öffnen, auf dem »Baron Beck« eingeschifft. Zum Begleiter gab sie mir meinen alten Freund Ernestos, der mich in meiner Frühzeit die griechischen Dichter im Urtext lesen lehrte und mir schon damals den Traum von Griechenland träumen half. Als klassischer Philologe konnte er sich in aller Eile noch vor Abgang des Schiffes in den Besitz von so viel Neugriechisch setzen, als wir beide an Ort und Stelle brauchen werden.

Das Festland ist schon weit zurückgeblieben, aber meine alten Dolomiten leuchten mir noch in nie gesehenem Glanze, bis tief herab mit Schnee bedeckt. Gleich ungeheuren silbernen Riesenburgen stehen sie über der Küste und schauen uns noch stundenlang nach. Wie die letzte Abendsonne über ihnen versprüht, wird das Meer dunkelstahlblau mit weissen Schaumkronen. Links im Osten erscheint seltsam unwirklich der istrische Küstensaum mit dem dunklen Strich der niedrigen Bergwälder, hinter denen der Monte Maggiore aufragt, und dem Leuchtturm auf vorgeschobener Spitze; gegenüber in klarerer Zeichnung das gebirgige Ufer Italiens. Doch bevor die mit Ungeduld erwartete Küste von Dalmatien in Sicht kommt, versinkt alles in Dunkelheit.

Ein Blick in meine Kajüte hatte mir zeitig jede Hoffnung auf Nachtruhe benommen. Das Schiff war so voll, dass man unser viere in den engen Raum gepfercht hatte. Jetzt fand ich darin noch einen Turm von Hutschachteln allerneuesten Umfangs aufgebaut, jeden Zollbreit Fussboden mit Kleidungsstücken besät, und eine Luft, die nicht zu atmen war. Ich beschloss also, die Nacht auf Deck zu verbringen, und Freund Ernestos, in dessen Kajüte die Dinge nicht viel besser standen, leistete mir Gesellschaft. Um Mitternacht wurde der Wind so stark, die Feuchtigkeit so durchdringend, dass wir uns die Lehnstühle nach dem leeren unteren Schiffsraum, der als dritte Klasse benutzt wird, bringen liessen. Dort lagen nur wenige vermummte Gestalten, die ich zuerst für Säcke hielt, in der Ecke auf Pritschen umher. Doch nach einer Stunde war auch dort der feuchtkalte Zugwind unerträglich geworden, und es blieb uns nichts übrig, als uns in unser Geschick und in unsere Kabinen zu fügen. Ich hatte noch einen Schwerttanz zwischen den aufgerichteten grossen Stahlspiessen der am Boden liegenden Hüte aufzuführen, ehe ich auf der Leiter mein Bett erklomm.

Durch überlautes Geschäker in triestinischem Italienisch vor der Zeit geweckt, bot sich mir der unerfreulichste Anblick: zwei Damen waren von der Seekrankheit stumm und regungslos niedergestreckt; die dritte Lärmende, die zu einer der Stillen sprach, hatte sich des gemeinsamen Waschgeräts und aller übrigen Gebrauchsgegenstände in einer Weise bemächtigt, die es unmöglich und auch nicht mehr wünschenswert machte, sich derselben gleichfalls zu bedienen. Meine höfliche Bitte um etwas Platz hatte eine unhöfliche Antwort und vermehrte Ausbreitung ihrerseits zur Folge. Keine Rettung, als den Ort zu räumen und mich ins Badekabinett zu flüchten, wohin mir bald eine Dame aus Berlin nachkam, die gleichfalls vor ihren Zellengenossinnen floh. Welche Aussicht auf die drei weiteren Nächte, die noch an Bord zu verbringen waren!

Der ganze Tag vergeht uns auf hoher See. Man sieht nichts als die schwarzblaue, geheimnisvolle Flut, die um das Schiff her durch den vorquellenden Schaum weisslich geädert erscheint, ein seltsamer Anblick, wie wenn farbiger Marmor flüssig geworden wäre. Um 11 Uhr nachts wird in Brindisi angelegt: viele Lichter am Quai, italienischer Hafenlärm, durchtönt vom Gesang deutscher Matrosen, dann wird eine Treppe niedergelassen, und zu unserem Schrecken ergiesst sich noch ein ganzer Strom von Orientalisten in unser Schiff, die alle bis Patras mitfahren wollen, aber keine Kabinenplätze bekommen können. Esszimmer und Rauchsalon werden zu Schlafsälen für die Herren verwandelt; wo die Damen unterkommen, bleibt ein Rätsel. Ich quartiere mich im Badekabinett ein, wo mir der Stewart auf meine Bitte ein Brett mit Kissen über die Wanne legen lässt, weil ich unter keinen Umständen mehr mit der triestinischen Huldin in einem Raume schlafen will.

Das Gute hat ein solches Lager, dass man am Morgen nicht verschläft. Ich bin in der Frühe unter den ersten auf Deck und staune die Berge von Albanien an, die sich in herrlichen Formen zu unserer Linken erheben, lichter, zarter als irgend etwas je im Süden Gesehenes, wie aus zartgrauem Duft gewoben. In Santi Quaranta wird angelegt. Hier ist schon der Orient. Eine Menge Albanier in der bekannten malerischen Tracht kommen an Bord, ein gebundenes Lämmchen mit sich führend, das sie, wie ich fürchte, unterwegs zu verzehren gedenken, denn Ostern ist vor der Tür. Diese ganze bunte Welt wird unten in der dritten Klasse verstaut und verschwindet zunächst unseren Blicken.

Am Mittag erreichen wir die schöne Bucht von Korfu, die der stolze Pantokrator überragt. Bevor wir einfahren, erleben wir eine sonderbare Überraschung. Aus der Tiefe des Schiffes tauchen erst einzeln, dann in immer wachsender Anzahl korfiotische Bootsleute und Träger auf, die uns geräuschvoll in italienischer Sprache ihre Dienste für die Landung anbieten. Es ist, als hätte das Meer sie auf unser Schiff gespien, denn wir sind noch weit vom Land, und man begreift nicht, wo sie herkommen. Als wir uns der Einfahrt nähern, hat ihr Ansturm etwas Betäubendes und so Gewalttätiges, dass man meinen könnte, wir seien von Piraten gekapert. Erst später in Griechenland, wo der gleiche Vorfall sich vor jeder Landung wiederholte, erfuhr ich, wie es die Leute mit Hilfe der Matrosen fertig bringen, sich an einem ausgehängten Seil schon auf hoher See in den fahrenden Dampfer einzuschwärzen.

Beim Ausbooten in Korfu wird das Drängen und Schreien dieser Wilden nur immer ärger; man muss achtgeben, dass man nicht von der Schiffstreppe ins Meer gestossen wird. Wir lassen uns zu Wagen, denn die Zeit ist...



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