Kuper | Die größte aller Partys | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Kuper Die größte aller Partys

Die WM-Tagebücher von Simon Kuper. Oder: Warum ich wegen der Fußball-WM meinen Job kündigte und Deutschland nicht mehr Darth Vader war
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98588-149-9
Verlag: Edel Sports - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Die WM-Tagebücher von Simon Kuper. Oder: Warum ich wegen der Fußball-WM meinen Job kündigte und Deutschland nicht mehr Darth Vader war

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-98588-149-9
Verlag: Edel Sports - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
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Seit 1990 hat Simon Kuper keine Fußball-Weltmeisterschaft ausgelassen, er war bei allen neun Turnieren vor Ort und hat seine Beobachtungen in 25 Notizbüchern festgehalten. Dabei legt er den Fokus nicht auf 1:0-Berichterstattung, sondern auf die vielen abseitigen Geschichten rund um das größte Fußballfest der Erde. So erfährt der Leser etwa, weshalb die deutsche Mannschaft ihren Bösewicht-Status als 'Darth Vader' der WM verlor, wie ein Indigenen-Stamm mit dem 1:7-Desaster Brasiliens umging und auch, warum der Autor von der WM 1998 in Frankreich dermaßen begeistert war, dass er seinen topdotierten Job in London kündigte und spontan nach Paris umzog. - Das einzigartige Buch zur WM in den USA, Kanada und Mexiko vom vielfach ausgezeichneten Simon Kuper - Keine 08/15-Erlebnisse, sondern Hintergründiges, Abseitiges, Literarisches zum größten Fußballereignis der Welt - Insider-Wissen & große Erfahrung: Der Autor war seit 1990 bei jeder WM live dabei 

Simon Kuper, geboren 1969 in Uganda, aufgewachsen in den Niederlanden, Berlin, USA und England, ist Kolumnist der 'Financial Times'. Sein Buch 'Football Against the Enemy' wurde mit dem William Hill Sports Book of the Year Award ausgezeichnet und gilt als eines der wegweisenden Bücher über Fußball. Zuletzt bei EDEL SPORTS von Kuper erschienen: 'Barca - Aufstieg und Fall des Klubs, der den modernen Fußball erfand'.
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2 | Auf der Suche nach Jules Rimet


An einem wunderschönen Herbstmorgen fuhr ich von meiner Wohnung in Paris mit dem Rad raus zum städtischen Friedhof im Vorort Bagneux. Ich war auf der Suche nach dem Grab von Jules Rimet. Bagneux war ein erstaunlich unglamouröser Ort für seine letzte Ruhestätte, denn als er 1956 starb, hatte er 33 Jahre lang den Posten des FIFA-Präsidenten bekleidet und auch die WM-Trophäe war damals bereits nach ihm benannt.

Obwohl mit einem Friedhofsplan der Gräber berühmter Persönlichkeiten bewaffnet, brauchte ich eine halbe Stunde, um die Grabstätte der Rimet-Familie aufzuspüren. Sie wirkte verwahrlost, der flache Grabstein mit Steinkreuz war von Moos überwuchert.

Auf dem Grabstein lag ein kleiner Bund vertrockneter Blätter, die jemand Monate zuvor hier abgelegt haben musste. Eine Schnecke und ein Marienkäfer sonnten sich. Nur eine Inschrift war noch leserlich: „Simon Rimet, 1911–2002“. Vielleicht war die Familie ausgestorben.

Der einzige Hinweis auf den Mann, dessentwegen ich hergekommen war, bestand aus einer kleinen goldenen Plakette mit der Inschrift „JULES RIMET, 24/10/1873–15/10/1956“. Kein Wort darüber, was er geleistet hatte. Nur die goldene Farbe erinnerte an das Gold der Coupe Jules Rimet, des ursprünglichen WM-Pokals (auf den ich in Kapitel 16 näher eingehe), der heute sogar noch mehr in Vergessenheit geraten ist als sein Schöpfer.

Rimets Name taucht noch gelegentlich in den Annalen der Fußballgeschichte auf, doch an den Mann selbst erinnert sich fast niemand mehr. Wer war der weißhaarige Franzose mit dem gepflegten kleinen Schnurrbart, der in der Mitte jedes Gruppenfotos von Fußballfunktionären steht. Es wurde kaum etwas über ihn geschrieben, und wenn, dann fast ausschließlich auf Französisch. Doch auch in Frankreich ist er „so gut wie unbekannt“, schreibt der Historiker Renaud Leblond.

Dabei ist die Weltmeisterschaft, wie wir sie heute kennen, nach seiner Idee entstanden und sie trägt noch immer die Fingerabdrücke ihres Erfinders – eines Mannes, dessen Wunsch, ein Turnier ins Leben zu rufen, zum Teil aus seiner Erfahrung als Soldat herrührte, der im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft hatte. Rimet hatte Nationalismus in seiner widerwärtigsten Form erlebt und half dann, den internationalen Fußball trotz der Widrigkeiten und Wirren des Zweiten Weltkriegs zu führen, wobei er (halbherzig) mit dem nazifreundlichen Vichy-Regime kollaborierte. Er leitete jede WM von 1930 bis 1950. Wer also war Jules Rimet und wie hat er dieses Turnier zu dem gemacht, was es ist?

***

Die meisten schnurrbärtigen Europäer, die die großen internationalen Sportwettbewerbe ins Leben riefen, stammten aus der Oberschicht oder der Aristokratie. Nicht so Rimet.

Er wurde 1873 als Bauernjunge im ostfranzösischen Dorf Theuley geboren, drei Jahre vor der demütigenden Niederlage seines Vaterlandes im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Preußen hatte sich das Elsass und Lothringen einverleibt und ein vereinigtes Deutsches Reich geschaffen. Die französisch-deutsche Grenze hatte sich nach Westen verschoben und war bis auf 100 Kilometer an Rimets Dorf herangerückt. Die französische Wirtschaft lag darnieder. Rimets Vater musste seinen Hof verkaufen und wurde Lebensmittelhändler.

Die Rimets lebten schon mindestens seit dem 17. Jahrhundert in Theuley, doch als Jules noch ein Kind war, zogen seine Eltern nach Paris. Ihren ältesten Sohn Jules und dessen vier Geschwister ließen sie beim Großvater zurück, schreibt Rimets Biograf Laurent Lasne.

Jules, der ein ausgezeichneter Schüler und sehr begabter Chorknabe war, erlebte mit etwa elf, dass sein Großvater aus Geldnot seine Windmühle verkaufen musste. Nachdem er zur Kommunion gegangen war, zog der junge Jules zu seinen Eltern in die Pariser Rue Cler, nur wenige Straßen vom Eiffelturm entfernt, in ein Viertel, in dem die untere Mittelschicht lebte. In ihrer Straße betrieben sie ein Lebensmittelgeschäft.

Wie damals ist die Rue Cler auch heute noch eine lebhafte Einkaufsstraße, auf der einige haussmannsche Gebäude stehen. Die Fassade einer Pferdemetzgerei, die wahrscheinlich aus Rimets Zeit stammt, ist noch zu sehen, allerdings verbirgt sich dahinter heute ein schickes Fischrestaurant. Die Lebensmittelhändler preisen in vier Sprachen „Bio“-Obst an, um Touristen und einheimische Kunden aus der Bourgeoisie anzulocken.

Der modernste Sport in Rimets Dorf war damals Conkers, ein Geschicklichkeitsspiel mit Kastanien. Fußball entdeckte Jules vermutlich in Paris für sich, in den Straßen rund um die Rue Cler. Ein anderer französischer Biograf, Jean-Yves Guillain, will wissen, dass der Junge auf der nahe gelegenen Esplanade des Invalides einen Ball durch die Gegend kickte (und zudem den mittelalterlichen Kampfsport „barres“ betrieb).

Spiel und Spaß hatten in Rimets Leben allerdings keine Priorität. Er war das, was Pariser etwas abschätzig „un ambitieux“ nennen, ein frommer Streber aus der Provinz. Er half im Lebensmittelladen der Familie, las aber daneben auch die Klassiker, belegte Abendkurse und studierte an der Universität Jura. Später arbeitete er als Schuldeneintreiber, hatte also sicherlich auch engen Kontakt zu den Ärmsten der Stadt. Doch er selbst hatte es geschafft: Ein Foto zeigt den jungen Mann und zwei Freunde mit Zylinderhüten.

In den 1890er-Jahren schossen in Paris Fußballvereine wie Pilze aus dem Boden. 1897 trafen sich der 24-jährige Rimet und ein paar Freunde in einem Bistro, um ebenfalls einen Verein zu gründen. Sie nannten ihn Red Star – den Namen schlug Miss Jenny vor, die britische Gouvernante der Rimet-Familie. Bei Red Star gab es auch Abteilungen für Fechten, Radsport, Laufen und Literatur (Rimet war ein miserabler Dichter).

Bis 1910 diente er als Präsident von Red Star und fungierte danach weiter als Vizepräsident des Comité français interfédéral (CFI), des katholisch angehauchten Vorgängers des heutigen französischen Fußballverbands Fédération Française de Football (FFF). Seine Reden strotzten nur so vor abstrakten Ideen („Freiheit“, „Jugend“, „Moral“ und „physische Weiterentwicklung“), aber er war auch ein gewiefter Diplomat und ein echter Bürohengst. Kurz: Er war der geborene Fußballfunktionär.

Vom Spiel an sich schien er nicht übermäßig begeistert gewesen zu sein, da er nur für Red Star auflief, wenn dem Team ein Mann fehlte. Als frommer Katholik mit einem sozialen Gewissen sah er in dem Sport einen Weg für die Armen, sich aus ihrem Elend zu befreien – genau wie er selbst sich daraus befreit hatte. Fußball würde den Arbeitern Würde verleihen und ihnen ein Gefühl von Solidarität vermitteln. Einmal hatte Rimet beobachtet, wie Spieler leidenschaftlich gegeneinander kämpften und nach dem Match mit ihren Gegnern in die Kneipe gingen. Das hatte ihn inspiriert. Im Sport arbeiteten alle zusammen, die Schiedsrichter wurden respektiert und unfaires Verhalten wurde geahndet. Wenn nur die Welt auch so funktionieren würde, pflegte er oft zu sagen. Der Sport war seine Version von dem, was die Briten des viktorianischen Zeitalters „muskulöses Christentum“ nannten.

Der Krämersohn begriff: Wenn arme Männer sich diesem Sport in Vollzeit widmen sollten, mussten sie dafür bezahlt werden. Das machte ihn zu einem klaren Befürworter des damals viel diskutierten Profifußballs, der sich in Großbritannien bereits etabliert hatte. Hinzu kam, dass im Paris der 1890er-Jahre ein etwas älterer Franzose, Baron Pierre de Coubertin, gerade dabei war, die antiken Olympischen Spiele wiederzubeleben. Wie Rimet glaubte auch Coubertin, dass Sport auf die Massen einen positiven moralischen Effekt haben könne. Doch im Gegensatz zu Rimet setzte der Baron auf den Amateursport, er hielt es nicht für nötig, die Athleten zu bezahlen. Wenn es nach ihm ging, sollte Fußball ein elitärer Nischensport bleiben.

Der provinzielle Streber Rimet legte sich mit dem Baron an und schrieb: „Das olympische Ideal ist ein edler Grundgedanke. Es ist die ideale Ethik, um Männer zur Perfektion zu führen, doch ist Perfektion von dieser Welt?“ In einer unvollendeten Streitschrift, die Rimet zu einem späteren Zeitpunkt verfasste, warf er dem Amateurismus vor, dieser würde „der willkürlichen Herrschaft einer privilegierten Oligarchie“ den Weg bereiten. In den 1910ern verpflichtete Red Star internationale Fußballspieler aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland und bezahlte sie auf Umwegen – per sogenannter „Spesen“ oder mittels Pseudojobs.

***

Die Briten des viktorianischen Zeitalters erfanden die meisten modernen Sportarten, sahen aber keinen Sinn darin, sich in diesen mit Ausländern zu messen. Also blieb es an ihren ewigen Rivalen, den Parisern, internationale Sportwettbewerbe zu kreieren. Und das taten sie um die Jahrhundertwende in einem großen Aufwasch. (Diese Geschichte habe ich in meinem Buch Impossible City über Paris erzählt.) 1896 veranstaltete Coubertin die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit. Die Sportzeitung L’Auto erfand die Tour de France, die 1903 erstmals an den Start ging. Ein Jahr später wurden zwei internationale Sportverbände nur wenige Gehminuten voneinander entfernt im Zentrum von Paris gegründet: Die Fédération Internationale de l’Automobile, die Regeln für Autorennen ausarbeitete, und im Mai 1904 erschufen im Innenhof von Haus Nr. 229 in der Rue Saint Honoré die Gesandten von sieben europäischen Nationen die Fédération Internationale de Football Association, kurz FIFA.

Heute verbirgt sich hinter der Schaufensterfront von Nr. 229 ein Shop von Gucci Valigeria,...



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