Kundera | Der Scherz | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Kundera Der Scherz


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-311-70474-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-311-70474-4
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Optimismus ist das Opium der Menschheit! Es lebe Trotzki!« Der Text auf dieser Postkarte, eigentlich als Scherz gemeint, wird dem Studenten und kommunistischen Aktivisten Ludvik zum Verhängnis. Auf die Bestrebungen seines Freundes Pavel hin wird er aus der Partei ausgeschlossen und muss im Kohlebau schuften. Nach seiner Rehabilitierung wird Ludvik, nun ein verbitterter Mann mittleren Alters, Mathematikprofessor. Er will Rache üben und verführt Pavels Frau. Aber auch dieser Scherz geht nach hinten los: Das Paar steht sowieso kurz vor der Scheidung.

Milan Kundera wurde in der Tschechischen Republik geboren. Seit 1975 lebte er in Frankreich, wo er 2023 starb.
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Erster Teil Ludvik


So fand ich mich nach vielen Jahren auf einmal zu Hause wieder. Ich stand auf dem Hauptplatz (den ich als kleines Kind, als Junge und als junger Mann unzählige Male überquert hatte), und ich verspürte keine Rührung; ich dachte vielmehr, dass dieser flache Platz, dessen Dächer der Rathausturm überragte (er glich einem Soldaten mit altertümlichem Helm), aussah wie ein großer Exerzierplatz einer Kaserne und dass die militärische Vergangenheit dieser mährischen Stadt, einer ehemaligen Bastion gegen die Einfälle der Magyaren und der Türken, ihrem Gesicht Züge unauslöschlicher Scheußlichkeit eingegraben hatte.

Während langer Jahre hatte mich nichts an meinen Geburtsort zurückgezogen; ich sagte mir, er sei mir gleichgültig geworden, und das schien mir natürlich: Ich lebte ja schon fünfzehn Jahre nicht mehr dort, geblieben waren einige Bekannte oder Kameraden (denen ich auch lieber aus dem Weg ging), meine Mutter lag hier in einem fremden Grab, um das ich mich nicht kümmerte. Aber ich hatte mich selbst betrogen: Was ich Gleichgültigkeit nannte, war in Wirklichkeit Hass; seine Ursachen entgingen mir, denn in meinem Geburtsort waren mir gute wie böse Dinge widerfahren, wie in allen anderen Städten auch, doch dieser Hass war da; er wurde mir gerade im Zusammenhang mit dieser Reise bewusst: Die Aufgabe, die mich hatte hierherfahren lassen, hätte ich schließlich auch in Prag erledigen können; die gebotene Gelegenheit, das Vorhaben in meiner Geburtsstadt in die Tat umzusetzen, begann mich aber plötzlich gerade deshalb unwiderstehlich zu reizen, weil es sich um eine nische, niedrige Aufgabe handelte, die mich höhnisch von dem Verdacht befreite, aus sentimentaler Rührung über die verlorene Zeit hierher zurückgekehrt zu sein.

Noch einmal musterte ich hämisch den hässlichen Platz, kehrte ihm dann den Rücken und ging durch eine Straße zum Hotel, in dem ich ein Zimmer reserviert hatte. Der Portier reichte mir einen Schlüssel mit hölzerner Birne und sagte: »Zweiter Stock.« Das Zimmer war nicht gerade einladend: an der Wand ein Bett, in der Mitte ein kleiner Tisch mit einem einzigen Stuhl, neben dem Bett ein prunkvoller Mahagoni-Toilettentisch mit Spiegel, neben der Tür ein winziges, zersprungenes Waschbecken. Ich legte die Aktentasche auf den Tisch und öffnete das Fenster: Man sah in einen Hof und auf Häuser, die dem Hotel ihre schmutzigen, nackten Rücken zeigten. Ich schloss das Fenster, zog die Vorhänge zu und trat zum Waschbecken, das zwei Hähne hatte, der eine rot, der andere blau gekennzeichnet; ich probierte sie aus, und aus beiden floss kaltes Wasser. Ich sah mir den Tisch an; der war einigermaßen annehmbar, eine Flasche und zwei Gläser würden gut darauf Platz haben, schlimmer war aber, dass nur eine Person an dem Tisch sitzen konnte, weil es im Raum keinen zweiten Stuhl gab. Ich rückte den Tisch ans Bett und versuchte, mich daran zu setzen, doch das Bett war zu niedrig und der Tisch zu hoch; das Bett sank überdies tief unter mir ein, und mir wurde sogleich klar, dass es nicht nur schwerlich als Sitzgelegenheit dienen, sondern auch die Funktion eines Bettes nur zweifelhaft erfüllen würde. Ich stemmte mich mit beiden Fäusten dagegen; dann legte ich mich hinein und hob die Füße mit den Schuhen behutsam in die Höhe, um die Decke und das Betttuch nicht zu beschmutzen. Das Bett sackte unter mir ein, und ich lag darin wie in einer Hängematte oder in einem ganz schmalen Grab: Es war unvorstellbar, mit noch jemandem in diesem Bett zu liegen.

Ich setzte mich auf den Stuhl, heftete den Blick auf die lichtdurchtränkten Vorhänge und versank in Gedanken. In diesem Moment vernahm ich vom Flur her Schritte und Stimmen; es waren zwei Personen, ein Mann und eine Frau; sie unterhielten sich, und jedes Wort war zu verstehen: Sie sprachen über einen Petr, der von zu Hause ausgerissen war, und über eine Tante Klara, die blöde war und den Jungen verhätschelte; dann waren ein Schlüssel in einem Schloss und das Öffnen einer Tür zu hören, die Stimmen redeten im Nebenzimmer weiter; ich hörte das Seufzen der Frau (ja, sogar ein einfaches Seufzen war zu hören!) und den Vorsatz des Mannes, diese Klara endlich gehörig ins Gebet zu nehmen.

Ich stand auf und hatte meinen Entschluss gefasst; ich wusch mir noch im Waschbecken die Hände, trocknete sie mit dem Handtuch ab und verließ das Hotel, obwohl ich zunächst nicht wusste, wohin ich gehen würde. Ich wusste nur eines: Wollte ich das Gelingen dieser Reise (einer ziemlich weiten und beschwerlichen Reise) nicht allein durch die Ungemütlichkeit eines Hotelzimmers in Gefahr bringen, musste ich mich mit meiner vertraulichen Bitte an irgendeinen hiesigen Bekannten wenden, obwohl mir das widerstrebte. Ich ließ mir die alten Gesichter aus der Jugendzeit schnell durch den Kopf gehen, wies sie aber alle schon deshalb zurück, weil die Vertraulichkeit der gewünschten Gefälligkeit es erfordert hätte, mühsam die langen Jahre zu überbrücken, in denen ich sie nicht gesehen hatte – und dazu verspürte ich nicht die geringste Lust. Dann aber erinnerte ich mich, dass hier vermutlich jemand lebte, ein Zuzügler, dem ich vor Jahren zu einer Stelle verholfen hatte und der, wie ich ihn kannte, sehr froh sein würde, wenn er die Gelegenheit bekäme, meine Gefälligkeit mit einem Gegendienst zu vergelten. Er war ein Sonderling, streng moralisch und zugleich seltsam unruhig und unstet; seine Frau hatte sich meines Wissens vor Jahren nur deswegen von ihm scheiden lassen, weil er überall sonst, nur nicht bei ihr und dem gemeinsamen Sohn lebte. Jetzt bangte ich nur noch, ob er nicht wieder geheiratet hatte, denn das hätte die Erfüllung meines Wunsches erschwert, und ich eilte rasch zum Krankenhaus.

Das hiesige Krankenhaus war ein Komplex von Gebäuden und Pavillons, die verstreut in einem ausgedehnten Park lagen; ich betrat ein kleines Häuschen neben dem Eingangstor und bat den Pförtner hinter dem Tisch, mich mit der Virologie zu verbinden; er schob mir das Telefon bis an den Rand des Tisches entgegen und sagte: »Null Zwei.« Ich wählte Null Zwei und erfuhr, dass Dr. Kostka vor wenigen Sekunden weggegangen und zum Ausgang unterwegs sei. Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe des Tors, um ihn nicht zu verfehlen, und musterte die Männer, die in blau-weiß gestreiften Krankenhauskitteln herumstanden, und dann sah ich ihn: Er kam gedankenverloren daher, hochgewachsen, hager, sympathisch unscheinbar, ja, er war es. Ich stand auf und ging geradewegs auf ihn zu, so, als wollte ich mit ihm zusammenprallen; er schaute mich betroffen an, erkannte mich aber sogleich und breitete die Arme aus. Seine Überraschung schien mir fast glücklich, und ich freute mich über die Spontaneität, mit der er mich begrüßte.

Ich erklärte ihm, dass ich vor knapp einer Stunde hier angekommen sei, wegen einer belanglosen Angelegenheit, die mich etwa zwei Tage hier aufhalten würde, und er äußerte freudiges Erstaunen, dass mich mein erster Weg zu ihm geführt hatte. Mit einem Mal war es mir unangenehm, dass ich ihn nicht uneigennützig, nur seinetwegen aufgesucht hatte und dass auch die Frage, die ich ihm nun stellte (ich fragte ihn jovial, ob er wieder geheiratet habe), echte Anteilnahme nur vortäuschte und in Wirklichkeit berechnend praktischer Natur war. Er sagte mir (zu meiner Zufriedenheit), dass er noch immer allein lebe. Ich meinte, wir hätten einander viel zu erzählen. Er bejahte und bedauerte, nur eine gute Stunde Zeit zu haben, da er noch einmal ins Krankenhaus zurückmüsse und abends mit dem Autobus die Stadt verlasse. »Sie wohnen nicht hier?«, fragte ich bestürzt. Er versicherte mir, dass er hier wohne, er habe ein Apartment in einem Neubau, es sei aber »nicht gut, wenn der Mensch allein lebe«. Es stellte sich heraus, dass Kostka in einer anderen Stadt, zwanzig Kilometer von hier, eine Verlobte hatte, eine Lehrerin, angeblich sogar mit Zweizimmerwohnung. »Werden Sie irgendwann zu ihr ziehen?«, fragte ich ihn. Er sagte, dass er in einer anderen Stadt nur schwer eine so interessante Arbeit bekäme, wie er sie dank meiner Hilfe hier gefunden hätte, dass seine Verlobte wiederum nur mit Mühe eine Stelle in diesem Ort bekommen könnte. Ich begann (ganz aufrichtig) die Schwerfälligkeit der Bürokratie zu verfluchen, die nicht in der Lage war, einem Mann und einer Frau entgegenzukommen und ihnen das Zusammenleben zu ermöglichen. »Beruhigen Sie sich, Ludvik«, sagte er mit liebenswürdiger Nachsicht, »so unerträglich ist das nicht. Ich verfahre zwar nicht wenig Geld und Zeit, meine Einsamkeit aber bleibt unangetastet, und ich bin frei.« »Wozu brauchen Sie Ihre Freiheit so sehr?«, fragte ich ihn. »Wozu brauchen Sie sie?«, erwiderte er die Frage. »Ich bin ein Schürzenjäger«, antwortete ich. »Ich brauche die Freiheit nicht für Frauen, ich will sie für mich selbst«, sagte er und fuhr fort: »Wissen Sie was, kommen Sie auf einen Sprung zu mir, bis ich fahren muss.« Ich hatte mir nichts anderes gewünscht.

Wir verließen also das Krankenhaus und waren bald bei einer Gruppe von Neubauten angelangt, die unharmonisch aus einem noch nicht planierten, staubigen Grundstück (ohne Rasen, ohne Gehwege, ohne Straße) emporschossen und eine triste Kulisse am Stadtrand bildeten, an die eine öde Ebene weiter Felder grenzte. Wir traten durch eine der Türen, stiegen ein schmales Treppenhaus empor (der Aufzug war außer Betrieb) und blieben im dritten Stock stehen, wo ich auf einer Visitenkarte Kostkas Namen las. Als wir durch die Diele in das Zimmer traten, war ich höchst zufrieden: In einer Ecke stand eine breite, bequeme Couch; außer der Couch gab es im Zimmer ein Tischchen, einen Sessel, eine große Bücherwand und einen Plattenspieler mit Radio.

Ich lobte Kostkas Apartment...


Kundera, Milan
Milan Kundera wurde in der Tschechischen Republik geboren. Seit 1975 lebte er in Frankreich, wo er 2023 starb.



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