Kundera | Das Leben ist anderswo | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Kundera Das Leben ist anderswo


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-311-70471-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-311-70471-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von ihrer Ehe ist Jaromils Mutter enttäuscht. Ihr Mann hat für eine Abtreibung plädiert. Als er seine jüdische Geliebte im Ghetto von Theresienstadt besucht, wird er schließlich hingerichtet. Fortan widmet die Mutter sich ganz ihrem Sohn, in dessen kindlichen Kritzeleien und Brabbeleien sie ein außergewöhnliches Genie zu erkennen glaubt. Sie fördert ihn als Lyriker, kontrolliert alle seine Schritte und bindet ihn so eng an sich, dass er sich auch als Erwachsener nicht von ihr lösen kann. An der Eifersucht der Mutter scheitert jede von Jaromils Beziehungen: mit der Studentin, dem Rotschopf, der Filmerin ...

Milan Kundera wurde in der Tschechischen Republik geboren. Seit 1975 lebte er in Frankreich, wo er 2023 starb.
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Dann legte man den Dichter in eine Wiege und stellte sie neben ihr Bett, und sie lauschte seinem süßen Plärren; ihr schmerzender Körper war von Stolz erfüllt. Beneiden wir diesen Körper nicht um seinen Stolz; bisher hatte er ihn nicht oft genossen, obwohl er recht hübsch war: Zwar hatte er einen etwas ausdruckslosen Hintern und eher kurze Beine, dafür aber außergewöhnlich frische Brüste und unter den feinen Haaren (die so leicht waren, dass sie sich nur schwer frisieren ließen) ein keinesfalls blendendes, aber unauffällig liebliches Gesicht.

Die Mutter war sich immer eher ihrer Unauffälligkeit als ihres Liebreizes bewusst gewesen, zumal sie von klein auf in Gegenwart ihrer älteren Schwester gelebt hatte, die hervorragend tanzte, sich in der besten Prager Schneiderei einkleiden ließ und mit einem zierenden Tennisschläger mühelos in die Welt der eleganten Männer eindrang und dem Elternhaus den Rücken kehrte. Durch das effektvolle Ungestüm ihrer Schwester wurde die Mutter in ihrer trotzigen Bescheidenheit noch bestätigt, sodass sie aus Protest lernte, den sentimentalen Ernst von Musik und Büchern zu lieben.

Vor dem Ingenieur war zwar schon irgendein junger Mann mit ihr gegangen, ein Medizinstudent, Sohn einer befreundeten Familie, doch war es dieser Bekanntschaft nicht vergönnt gewesen, ihren Körper mit einem substanzielleren Selbstvertrauen zu erfüllen. Einen Tag nachdem er sie in einem Wochenendhaus zum ersten Mal geliebt hatte, trennte sie sich in der melancholischen Gewissheit von ihm, dass weder ihren Gefühlen noch ihren Sinnen eine große Liebe bestimmt war. Und weil sie gerade damals das Abitur machte, hatte sie Gelegenheit zu verkünden, das Ziel ihres Lebens in der Arbeit sehen zu wollen, und sie beschloss (gegen den Willen ihres praktisch veranlagten Vaters), sich an der philosophischen Fakultät einzuschreiben.

Als ihr enttäuschter Körper in der Universität schon ungefähr den fünften Monat die breite Bank des Auditoriums drückte, begegnete er einmal auf der Straße einem frechen jungen Ingenieur, der ihn ansprach und sich seiner nach drei Rendezvous bemächtigte. Und da der Körper damals (überraschenderweise) sehr zufrieden war, vergaß die Seele den Ehrgeiz einer fachlichen Karriere rasch und eilte dem Körper (wie es sich für eine rechte Seele gehört) zu Hilfe: Sie akzeptierte die Ansichten des Ingenieurs, seine sorglose Nachlässigkeit, seine liebenswürdige Verantwortungslosigkeit, bereitwillig. Und obwohl sie wusste, dass ihr diese Eigenschaften von Haus aus fremd waren, wollte sie sich damit identifizieren, denn der zuvor traurig bescheidene Körper hörte in deren Gegenwart auf, an sich zu zweifeln, und begann verwundert, sich zu genießen.

War die Mutter also endlich glücklich? Nicht ganz: Sie schwankte zwischen Zweifel und Glaube: Wenn sie sich vor dem Spiegel entblößte, schaute sie sich mit seinen Augen an und kam sich bald erregend, bald fade vor. In ihrer Hörigkeit hatte sie ihren Körper fremden Augen ausgeliefert – und darin lag eine große Unsicherheit.

Doch wie sehr sie auch zwischen Hoffnung und Ungläubigkeit schwanken mochte, aus ihrer vormaligen Resignation war sie vollkommen herausgerissen; der Tennisschläger der Schwester deprimierte sie nicht mehr; ihr Körper lebte endlich als Körper, und die Mutter begriff, dass es schön war, so zu leben. Sie wünschte sich sehnlichst, dass dieses neue Leben nicht nur arglistiges Versprechen, sondern ewige Wahrheit wäre; sie wünschte sich sehnlichst, der Ingenieur möge sie aus der Fakultätsbank und dem Elternhaus führen und ihre Liebesgeschichte in eine Lebensgeschichte verwandeln. Deshalb hatte sie die Schwangerschaft mit Begeisterung begrüßt: Sie sah sich, den Ingenieur und ihr Kind, und es schien ihr, als ob diese Triade zu den Sternen emporragte und das All erfüllte.

Wir haben im vorangehenden Kapitel bereits darüber gesprochen: Die Mutter hatte rasch begriffen, dass derjenige, dem an der Liebesgeschichte lag, sich vor der Lebensgeschichte fürchtete und kein Verlangen verspürte, sich zusammen mit ihr in eine Statue zu verwandeln, die zu den Sternen emporragte. Und wir wissen auch schon, dass ihr Selbstvertrauen damals unter der Kälte des Geliebten nicht zusammenbrach. Etwas sehr Wichtiges hatte sich nämlich verändert. Der Körper der Mutter, bis vor Kurzem noch auf Gedeih und Verderb den Augen des Geliebten ausgeliefert, war in eine weitere Phase seiner Geschichte getreten: Er hatte aufgehört, ein Körper für fremde Augen zu sein, er war zu einem Körper für jemanden geworden, der bislang noch keine Augen hatte. Die Oberfläche verlor an Wichtigkeit; der Körper berührte einen anderen Körper mit seiner inneren, noch nie von jemandem gesehenen Wand. Die Augen der Außenwelt konnten an ihm also nur das Unwesentlich-Äußerliche wahrnehmen, und selbst die Meinung des Ingenieurs bedeutete nichts mehr für ihn, denn sie konnte sein großes Schicksal in keiner Weise mehr beeinflussen; erst jetzt war er vollkommen selbstständig und selbstgenügsam geworden; der Bauch, der immer mächtiger und hässlicher wurde, war für den Körper ein wachsendes Reservoir des Stolzes.

Nach der Niederkunft trat der Körper der Mutter in eine neue Phase ein. Als sie zum ersten Mal den suchenden Mund ihres Sohnes an ihrer Brust saugen spürte, schwoll ihr Busen an in süßem Beben, das seine zitternden Strahlen in den ganzen Körper aussandte; es glich der Liebkosung des ten, hatte aber noch etwas anderes: ein großes, ruhiges Glück, eine große, glückliche Ruhe. Das war nie zuvor so gewesen; küsste der Geliebte ihre Brust, war das nur eine Sekunde, die Stunden des Zweifels und Misstrauens wiedergutmachen sollte; jetzt aber wusste sie, dass der Mund sich an ihre Brust presste zum Beweis unaufhörlicher Ergebenheit, deren sie sich sicher sein durfte.

Und noch etwas war anders: Immer wenn der Geliebte ihren entblößten Körper berührte, schämte sie sich; die gegenseitige Annäherung bedeutete stets Überwindung des Fremden, und der Augenblick der Annäherung war gerade deshalb berauschend, weil er bloßer Augenblick war. Die Scham schlief nie, sie ließ die Liebe erregend werden, wachte aber zugleich über den Körper, damit dieser sich nicht ganz und gar hingab. Diesmal jedoch war die Scham verschwunden; sie war nicht mehr da. Die beiden Körper hatten sich füreinander ganz und gar geöffnet, und es gab nichts mehr, was sie voreinander versteckt hätten.

Nie hatte sie sich einem anderen Körper so hingegeben, nie hatte ein anderer Körper sich ihr so hingegeben. Der Geliebte konnte ihren Schoß benutzen, doch darin gewohnt hatte er nie, er konnte ihre Brüste berühren, doch daraus getrunken hatte er nie. Ach, das Stillen! Liebevoll beobachtete sie die Fischbewegungen des zahnlosen Mundes und malte sich aus, wie mit der Milch auch ihre Gedanken, Vorstellungen und Träume in ihr Söhnchen einflossen.

Es war ein Zustand: Der Körper durfte ganz Körper sein und brauchte sich nicht mit einem Feigenblatt zu bedecken; sie waren beide ins Grenzenlose einer ruhigen Zeit getaucht; sie lebten miteinander, wie Adam und Eva gelebt hatten, bevor sie den Apfel vom Baum der Erkenntnis kosteten; sie lebten in ihren Körpern jenseits von Gut und Böse; und nicht nur das: Im Paradies werden Schönheit und Hässlichkeit nicht unterschieden, sodass alles, woraus der Körper ihres Sohnes bestand, für sie weder schön noch hässlich, sondern wonnevoll war; wonnevoll war das zahnlose Mündchen, wonnevoll die Brust, wonnevoll der Bauchnabel, wonnevoll der winzige Hintern, wonnevoll die Därme, deren Tätigkeit aufmerksam verfolgt wurde, wonnevoll der Flaum, der auf dem lächerlichen Schädel spross. Sie kümmerte sich besorgt um Bäuerchen, Pipi und Kackerchen ihres Sohnes, und es war dies nicht nur die Sorge einer Krankenschwester um die Gesundheit des Kindes; nein, sie kümmerte sich um sämtliche Vorgänge in seinem Körperchen s

Das war etwas ganz Neues, denn die Mutter empfand seit ihrer Kindheit eine ausgeprägte Abscheu nicht nur vor fremder, sondern auch vor der eigenen Körperlichkeit; sie war sich selbst zuwider, wenn sie sich auf die Toilette setzen musste (sie bemühte sich immer, dass wenigstens niemand sie sah, wenn sie hineinging), und es hatte sogar eine Zeit gegeben, da sie sich geschämt hatte, vor Leuten zu essen, denn Kauen und Schlucken waren ihr ekelhaft vorgekommen. Die über alles Hässliche erhabene Körperlichkeit ihres Söhnchens reinigte und rechtfertigte jetzt auf wunderbare Weise auch ihren eigenen Körper. Die Milch, von der manchmal ein Tröpfchen auf der runzeligen Brustwarze hängen blieb, schien ihr schön wie Tau; oft fasste sie ihre Brüste an und presste sie leicht, um dieses Zaubertröpfchen zu sehen; sie nahm es auf den Zeigefinger und kostete es; sie sagte sich, sie wolle den Geschmack des Getränks kosten, mit dem sie ihren Sohn ernährte, viel eher aber wollte sie erfahren, wie ihr eigener Körper schmeckte; und da diese Milch süß schmeckte, versöhnte dieser Geschmack sie mit all ihren anderen Säften und Ausscheidungen, sie begann sich selbst als appetitlich zu empfinden, ihr Körper war ihr angenehm, positiv und selbstverständlich wie jedes andere Ding der Natur, wie ein Baum, ein Strauch, wie Wasser.

Leider vernachlässigte die Mutter vor lauter Glück über den Körper ebendiesen Körper selbst; eines Tages wurde ihr klar, dass es zu spät war und die Haut auf dem Bauch faltig bleiben würde, mit weißen...


Kundera, Milan
Milan Kundera wurde in der Tschechischen Republik geboren. Seit 1975 lebte er in Frankreich, wo er 2023 starb.



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