Kumerdej | Unter die Oberfläche | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Kumerdej Unter die Oberfläche

Erzählungen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8353-8493-4
Verlag: Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

ISBN: 978-3-8353-8493-4
Verlag: Wallstein Erfolgstitel - Belletristik und Sachbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dreizehn Erzählungen Mojca Kumerdejs, in denen sie die Innenwelt ihrer Figuren an die Oberfläche bringt. Unter den Oberflächen lauern mitunter dunkle, beängstigende Dinge - wie etwa bei der Frau, die nach außen hin den Schein der ihre kleine Tochter liebenden Mutter aufrechterhält, sich im Innern aber nach ihrem selbstbestimmteren Leben vor der Geburt zurücksehnt und dann nicht einschreitet, als sich eine Katastrophe anbahnt. Oder bei der Frau, die nur dann selbst glücklich sein kann, wenn es ihrer Freundin schlecht geht. Mit feinem psychologischen Gespür schildert Mojca Kumerdej die Innenwelt ihrer Figuren, die Beweggründe für ihr Verhalten - auch wenn das Bewusstsein seinen Sitz mitunter schon nicht mehr in einem Körper hat, sondern sich dieses in einer frisch transplantierten Leber zu befinden scheint. In ihren brillant geschriebenen Erzählungen offenbart sie uns die Schrecken und Träume ihrer Figuren, die sie auch immer mit intelligentem Humor begleitet.

Mojca Kumerdej, geb. 1964, ist eine slowenische Autorin, Philosophin und Journalistin. Nach ihrem Studium der Philosophie und Kultursoziologie an der Universität von Ljubljana debütierte sie mit ihrem parodistischen Roman 'Krst nad Triglavom'. Darauf folgten zwei Bände mit Erzählungen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Für ihren zweiten Roman 'Kronosova ?etev' (Chronos erntet) erhielt sie den renommierten Pre?eren Fund Award.
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Unter die Oberfläche


»Kommst du echt nicht mit?«, fragte er mich, als er über den Kies am Seeufer langsam ins Wasser glitt.

»Das weißt du doch … ich schwimme nicht gern«, antwortete ich, so wie jedes Mal, wenn er mich fragt; als hätte er es vergessen, oder vielleicht hatte er das auch, weil er sich nicht erinnern wollte.

Den wahren Grund wirst du nie erfahren. Ich werde ihn dir nie verraten. Dafür, dass wir schon den dritten Sommer, unseren gemeinsamen Sommer, allein verbringen, ohne dass uns jemand dabei stört, brauchte es ein Opfer. An jenem frühen Nachmittag im Juli sah ich nicht nur alles, ich tat auch nichts – und damit alles. Wahrscheinlich war es eine Fügung des Schicksals – dass ich vom Strand ins Haus ging, weil ich schon seit dem Morgen an Übelkeit litt und ich mich übergeben musste. Vielleicht las ich etwas, vielleicht auch nicht, wahrscheinlich machte ich nichts, außer durchs Haus zu streifen und ein paarmal auf die Terrasse zu treten. Ich sah euch beide, wie ihr am Strand spieltet, du und die Kleine mit ihren langen blonden Locken. Es stimmt nicht, dass ich nicht daran gedacht hätte, was später an jenem Nachmittag passierte, dass ich es mir nicht sogar gewünscht hätte. Mir war nie viel an Kindern gelegen, ich hatte gar nicht darüber nachgedacht, und mir schien nur, dass auch wir beide einmal eins haben würden – einfach weil das in der Beziehung zweier Menschen, die sich lieben, für gewöhnlich passiert. Wahrscheinlich hätte ich nicht ernsthaft darüber nachgedacht, hätte ich nicht diese Frau bemerkt, wie berechenbar sie deine Nähe suchte, dich umgarnte, sich absichtlich eine Haarsträhne zurechtstrich, wenn sie mit dir sprach, wie ihre Mundwinkel zitterten, bevor sie etwas sagte, wie sie sich in die Unterlippe biss und – scheinbar beiläufig, in Wahrheit aber perfide und berechnend – mit der Zunge darüberfuhr, und wie glasig und fixiert dein Blick dabei wurde.

Da wusste ich, dass ich eingreifen muss. Nicht zuletzt war sie attraktiver als ich und besaß die Fähigkeit, eine Art warmes Magnetfeld um sich herum zu bilden, wozu ich schlichtweg nicht fähig bin. Und so passierte es halt. Als du zum ersten Mal deine Hand auf meinen Bauch legtest, wusste ich, ich habe dich, und beschloss, dich für immer zu haben, ganz und gar, ohne störende Elemente dazwischen, die unsere Liebe gefährden könnten.

Als aber die Kleine auf die Welt gekommen ist, hast du dich verändert, vor allem mich hast du nicht mehr so wie früher gesehen. Nicht mehr als Geliebte, sondern als Mutter deines Kindes. Als Mutter des Babys, aus dem langsam ein Mädchen wurde und dann, wie ich bemerkte, immer mehr ein kleines Fräulein. Jedes Mal wenn du nach Hause kamst, umarmtest du zuerst die Kleine, spieltest mit ihrem honiggelben Haar und küsstest sie auf die Wange, erst dann kam ich an die Reihe. Und die Kleine weinte die ersten Monate, sie weinte so unbeschreiblich viel, dass ich schon da überlegte, ob man nicht etwas unternehmen müsste. Jede Nacht weckte sie mich mit ihrem durchdringenden Gebrüll, sodass ich aufstand und versuchte, sie zu beruhigen, während du nur selten aufgestanden bist, denn du musstest am nächsten Morgen ausgeschlafen sein, als hätte ich das nicht nötig, weil ich mit ihr zu Hause blieb. Um für sie zu sorgen. Um für dein Kind zu sorgen. Für deinen liebsten Schatz, wie du oft gesagt hast, ohne dabei überhaupt zu bemerken, wie weh mir das tat. Sie wusste ganz genau, dass sie an erster Stelle stand, dass du sie lieber mochtest als mich. Nicht selten konnte ich dieses hämische Grinsen in ihren großen hellen Augen sehen, wenn du sie fest umarmtest und ich danebenstand, wartete, bis ich an der Reihe war, bis ihr genug voneinander hattet. Die Kleine konnte gehässig, sehr gehässig und gemein sein. Sie dachte sich die wildesten Unwahrheiten aus: zum Beispiel, dass sie nicht zu essen bekommen hätte, was sie sich an dem Tag gewünscht oder ich ihr einen Tag zuvor versprochen hatte, und ich hätte ihr ein paar Ohrfeigen verpasst, als sie im Einkaufszentrum nicht auf mich gehört und sich von mir losgerissen hatte, nur um Aufmerksamkeit zu erregen, und die Angestellten sie dann über Lautsprecher gesucht und die Verkäuferinnen mit mir zusammen zwischen den Kleiderbügeln nach ihr gekramt und gewühlt hatten, bis man sie endlich in der Sportabteilung fand. Sie lachte mir ins Gesicht, als wollte sie sagen, schau, wie viele Leute nach mir gesucht haben, alle haben mich finden wollen, einschließlich dir, die du auf der Welt niemanden hast, der dich am liebsten hat. Und in dem Moment, als man sie zu mir brachte, verpasste ich ihr in Wahrheit keine Ohrfeige, ich fasste sie nur etwas fester an und strich ihr übers Haar, sie aber brüllte, als würde es wehtun; aber das tat es nicht, ich war es, der es wehtat, weil sie mich, wie so oft zuvor, bloßgestellt hatte; alle Augen waren auf mich gerichtet, wie ich sie nur so schlecht hatte erziehen können, was für eine Mutter ich sei, solches und Ähnliches konnte ich in ihren Blicken lesen. Und zu Hause warst du dann nicht wütend auf sie, sondern auf mich, weil ich sie aus den Augen verloren hatte, weil ich zugelassen hatte, dass sich dein Kind den sicheren Händen der Mutter entriss.

Unzählige Male tat sie das, nur um im Mittelpunkt zu stehen. Wenn Freunde zu Besuch kamen, setzte sie sich aufs Sofa, überkreuzte die Beine und stellte den Gästen dann, wie ein kleines Fräulein, für Kinder ziemlich ungewöhnliche, auch mit Sexualität verbundene Fragen. Oh, wie sehr alle sie vergötterten, das wird eine richtige Femme fatale, die wird alle in Schach halten, man sieht jetzt schon, was für ein heller Kopf sie ist, und außerdem ist klar, dass aus ihr eine richtige Schönheit wird. Klug und schön, sagten die Gäste und blickten dabei zu dir. Ganz der Vater, dachten sie bestimmt, zum Glück hat sie eher wenig von der Mutter. Sie hat seine grünblauen Augen, seine großen Lippen und das entwaffnende Lächeln, mit dem man alles erreichen kann, seine außergewöhnliche Fähigkeit zu kommunizieren … Bestimmt fragte so mancher sich, was du überhaupt in mir siehst. Gut, seit wir ein Kind haben, nicht mehr, aber was hast du damals gesehen, als du wahrscheinlich noch in mich verliebt warst? Menschen kalkulieren das immer irgendwie und verlieben sich in Personen, die ähnlich schön sind, irgendwie wägen sie immer ab, für wen sie nicht schön und attraktiv genug sind und wer ihrer selbst nicht wert ist. Wenn sie uns so ansahen, merkten sie das wahrscheinlich und dachten sich, du hättest vielleicht eine Attraktivere als mich verdient. Aber keine auf der Welt hätte dich so sehr lieben können wie ich, keine hätte tun können, was ich getan habe – gerade indem ich im entscheidenden Moment nichts getan habe.

Seitdem die Kleine da war, hatte sich alles verändert. Unsere Sonntage waren nicht mehr wie früher, als wir uns bis mittags im Bett wälzten, mit einem riesigen Holztablett daneben auf dem Boden mit Obst, Vollkornbrot, Käse und Kaffee mit Kardamom. Nein, wenn wir gerade dabei waren, aufzuwachen, und du mich an dich zogst, ging für gewöhnlich die Tür auf, und sie lief im Nachthemd zu uns, sprang aufs Bett und umarmte dich. Und damit war es für den Sonntag, für die Woche vorbei. Unsere Zeit wurde immer mehr die Zeit der Kleinen, sie war es, die den Rhythmus unserer Morgen und Nächte angab. Du wolltest die Tür nicht, wie ich es einst vorschlug, einfach abschließen; man kann nie wissen, wann sie der Hafer sticht und sie aus ihrem Zimmer in unser Schlafzimmer geschlichen kommt. Das ist nicht gut, das ist unmenschlich, sagtest du, sie ist noch ein Kind und braucht uns … Ja, schon, habe ich gesagt, aber doch nicht immer, wenn ihr danach ist … und was ist mit uns? Sie ist unsere Tochter, hast du mich jedes Mal böse angeschaut, vorwurfsvoll, als würde ich dein Kind nicht lieb genug haben. Immer wenn ich morgens aufgewacht bin, dich neben mir gespürt und angefangen habe, dich zu berühren, habe ich besorgt zur Tür geschielt, gelauscht und mir gewünscht, die winzigen Schritte in Richtung unseres Schlafzimmers nicht zu hören und nicht zu sehen, wie die Türklinke sich senkt.

Immer gelang es ihr, die Aufmerksamkeit zu stehlen. Auch an meinen Geburtstagen. Ich hatte alles sorgfältig vorbereitet, mich schön angezogen, alles war in bester Ordnung, aber dann, wenn die Gäste kamen, einige davon auch mit ihren Kindern – so ist das eben, wenn man im Sommer Geburtstag hat und alle sich aufs Grillen im Garten freuen, wo die Kinder gefahrlos spielen können –, war wieder alle Aufmerksamkeit und jegliches Interesse auf die Kleine gerichtet. Und kaum hatten sie mir die Geschenke übergeben, hatten sie schon wieder vergessen, warum sie überhaupt gekommen waren. Zweimal habe ich dir gesagt, dass ich gern anders feiern würde, nicht nachmittags, im Garten und mit all diesen Kindern, sondern abends, wir beide zusammen, allein, die Kleine hätten wir zu den Großeltern gebracht. Beide Mal warst du dagegen, weil mein Geburtstag ein Festtag für die ganze Familie sei und auch unsere Eltern gekränkt wären, würden wir sie nicht einladen. Ich habe nachgegeben, nur deshalb, weil ich alles für dich tun würde, weil ich dich so sehr liebe wie noch niemanden zuvor und vor allem so sehr, wie ich noch nie geliebt wurde. Aber du weiß nicht, wie es ist, wenn du jemanden mehr liebst als er dich, wenn du weißt, dass seine Berührung und seine Umarmung jemand anderen stärker drücken können, während du bereit bist, ihm alles zu geben, was du hast, und alles dafür tun würdest, ihm auch das geben zu können, was du nicht hast. Und genau das habe ich für dich getan und mir einmal im Leben das...


Kumerdej, Mojca
Mojca Kumerdej, geb. 1964, ist eine slowenische Autorin, Philosophin und Journalistin. Nach ihrem Studium der Philosophie und Kultursoziologie an der Universität von Ljubljana debütierte sie mit ihrem parodistischen Roman »Krst nad Triglavom«. Darauf folgten zwei Bände mit Erzählungen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Für ihren zweiten Roman »Kronosova žetev« (Chronos erntet) erhielt sie den renommierten Prešeren Fund Award.

Köstler, Erwin
Erwin Köstler, geb. 1964, ist Übersetzer slowenischer Literatur und freier Literaturwissenschaftler.
Er wurde mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzer ausgezeichnet und ist Träger des Lavrin-Diploms des slowenischen Übersetzerverbandes.

Linde, Liza
Liza Linde, geboren 1989 in Reutlingen, lebt und arbeitet als Übersetzerin für die Sprachen Deutsch, Slowenisch und Englisch in Ljubljana. Sie übersetzt Prosa, Lyrik und eine Vielzahl anderer Texte aus den Bereichen Kultur und Politik. Zu ihren zahlreichen literarischen Übersetzungen zählen unter anderem Werke von Nataša Kramberger, Anja Zag Golob, Tomaž Šalamun, Mojca Kumerdej, Peter Svetina, Goran Vojnovic, Nicolas Mahler, Jela Krecic und Maruša Krese.



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