E-Book, Deutsch, 472 Seiten
Kumerdej Chronos erntet
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8353-4351-1
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 472 Seiten
ISBN: 978-3-8353-4351-1
Verlag: Wallstein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mojca Kumerdej, geb. 1964, ist eine slowenische Autorin, Philosophin und Journalistin. Nach ihrem Studium der Philosophie und Kultursoziologie an der Universität von Ljubljana debütierte sie mit ihrem parodistischen Roman 'Krst nad Triglavom'. Darauf folgten zwei Bände mit Erzählungen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Für ihren zweiten Roman 'Kronosova ?etev' (Chronos erntet) erhielt sie den renommierten Pre?eren Fund Award.
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Finster tönt es
Das Land durchlebte moralisch-meteorologisch-medizinische Katastrophen. Genau wie im Alten Testament, wie das Volk feststellte. Nach einem strengen Winter begann der Schnee zu schmelzen, sodass Anfang März das Wasser stieg. Dem folgte eine kühle Regenzeit, dass die Leute husteten und Eiter spuckten. Dann wurde es plötzlich warm, und Keime erwachten, die in tatenloser Dumpfheit überwintert hatten und nun die Gedärme, Ohren, Münder, Lungen der Menschen befielen und sich auch über die Nutztiere hermachten. Da die Eichen zwei Jahre davor voller Eicheln gewesen waren, waren im Jahr darauf die Mäuse zu Kolonien herangewachsen, die hemmungslos auf Hofeinfahrten, in Ställen und Häusern herumlaufen und sogar aus den Schubkästen und Truhen kriechen sollten, nach dem Mäusejahr aber konnte das Volk sich für diesen Frühling auf eine noch schlimmere Plage gefasst machen – Schlangen. Überfressen von den fetten Mäusen und Ratten, lange, dicke, kurze, dünne, wanden sie sich beim ersten wärmeren Sonnenstrahl munter zwischen den menschlichen Füßen, machten ihnen ein wenig Platz oder schlugen auch ihre Zähne hinein, wenn ihnen einer für ihren Geschmack zu nahe trat. Einige aber, und das meinten nicht wenige, bissen aus reiner Bosheit. Denn außer den Menschen und … wir werden nicht sagen, wem, können auch Tiere bösartig sein, zumal jener, der Ungeschriebene und Ungesagte, imstande ist, ihre Gestalt anzunehmen.
Noch vor dem richtigen Sommer würde eine große Hitze kommen, weissagten die Praktiken der Bauern wie der Astrologen: Brände werden ausbrechen – ja was, ganz von allein?! –, dann werden seltsame, Heuschrecken ähnliche, nur viel größere Insekten angreifen und noch das wenige auf den Feldern, dem es gelungen sein wird, Wurzeln zu schlagen, vertilgen. Auf dem Land wird es an Nahrung fehlen, noch schlimmer wird es in den Städten, wo der Preis für Lebensmittel in die Höhe schnellt. Und damit es eine Katastrophe biblischen Ausmaßes ist, greift der Bauchfluss um sich, an dem sich mancher qualvoll zu Tode scheißt. Und dann kommt die Pest und rafft ein Fünftel der Dörfer dahin, dann kommen Typhus, Fleckfieber und Bauchfluss und wieder die Pest, inzwischen wüten ein wenig die Türken, brechen die schwarzen Blattern herein, und während zu all dem Übel das Antoniusfeuer die Menschen erfasst hat, kommt wieder der Typhus und abermals die Pest …
Vielleicht ist all das wirklich geschehen, sehr wahrscheinlich aber nicht in einem Jahr oder zweien. Der menschliche Verstand hat die Angewohnheit, die Geschehnisse in Betracht der Vergangenheit zusammenzurücken, sie reich und bildhaft ineinander zu mengen und in manchem zu übertreiben. Gerade Letzteres bewährt sich, wenn es gilt, eine vergangene Tat zu rechtfertigen. Und auf das Gute, oh, auf das Gute versteht sich das Volk. Der gesunde Menschenverstand sagt ihm deutlich, was gut ist und was nicht, besonders, wenn lebendiges Fleisch verstümmelt und die Grenze zwischen Leben und Tod gezogen wurde. Es ist einfach nicht anders gegangen, war schon besser so, für alle, sind die üblichen Erklärungen nach solchen endgültigen Taten, deren einige das menschliche Gedächtnis schlicht löscht. Worte wie schlicht oder einfach sind für die Begründung von Gewalt außerordentlich brauchbar, denn sie bekräftigen den Sinn und betonen die Unausweichlichkeit des Getanen. Und eine Erinnerung zu löschen ist nicht schlecht, sondern gut. Mit zu viel Schlechtem zu leben ist für den Menschen ermüdend und qualvoll, ruft es doch Schuld und Unbehagen hervor, das sich wiederum auswächst zu Angst und Beklemmung. Man muss Gottes Erfindergeist dankbar sein, dass unser Menschengehirn alles Schöne zurückhält wie ein Sieb und nicht von all dem Schlechten verstopft. Ein bisschen übertreiben, abwiegeln, auslöschen, aufblasen, auf jeden Fall irgendwie anders darstellen … zu all dem ist der menschliche Geist fähig. Doch der menschliche und Gottes Geist sind nicht die Einzigen. Neben ihnen existiert noch einer, der das Volk listig zu bereden weiß, es lockt und verführt …
»Wie wissen wir also, dass wir richtig gehandelt haben?«, fragt sich das Volk.
»… dass wir uns nicht geirrt haben?«
»… dass wir etwas gemacht haben, weil es Gott uns befohlen hat, und nicht, weil wir in eine Falle getappt sind?«
»… ja, woher wissen wir, ob Gott zu uns spricht und nicht vielleicht …?«
»Und nicht vielleiiicht …?«
»Der andere …«
»Wer zu uns spricht, das kann man an der Stimme erkennen«, antwortet das Volk sich selbst.
»Aber kann man die zwei wirklich immer auseinanderhalten?«
»Die zwei?!«
»Kann ja sein, dass wir glauben und uns ganz sicher sind, dass es Gottes Stimme ist, die wir hören, aber in Wahrheit ist es …«
»Wer?!«
»Sein Nachahmer … der mit der bösen Stimme … der finsteren Stimme, der zu sein vorgibt, was er nicht ist …«
»Der Fromme kann Gut und Böse unterscheiden!«
»Kann er das immer? Und wenn ja, wie kann er es? Wie hat der biblische Abraham, dem Gott auf seine alten Tage einen Sohn geschenkt und dann von ihm verlangt hat, ihn auf den Berg Morija zu bringen und ihn dort zu opfern wie ein Tier – wie hat er erkannt, dass es Gottes Stimme war und nicht irgendeine andere? Wie kann er ohne Bedenken das Messer nehmen, um es dem Sohn ins Herz zu stoßen, weil Gott es von ihm will?«
»Wer glaubt, der hat keine Angst und tut alles, was Gott von ihm erwartet.«
»Aber was wäre gewesen, wenn ihm nicht im letzten Moment ein Engel Einhalt geboten und ein Opfertier vor die Nase geschoben hätte?«
»Dass der Engel Abraham Einhalt geboten und den Hammel vor ihn hingeschoben hat, beweist, dass es Gottes Stimme war.«
»Im Nachhinein klingt das versöhnlich, doch in dem Augenblick, in dem der Mensch ein so grauenhaftes Begehren vernimmt und alles offen ist und vor ihm die unendliche Leere sich auftut … Was ist, wenn diese wahrhaftig leer und wenn in ihr keinerlei Sinn ist?«
»Wo der Glaube ist, dort gibt es nicht die Leere der Sinnlosigkeit!«
»Doch sein Kind umbringen? Was für ein Gott kann von einem Vater den Tod seines Sohnes verlangen …«
»… wenn nicht Gott, der imstande ist, sogar den eigenen Sohn in den Tod zu schicken, um damit die grobe Unterbrechung eines derart häretischen Denkens zu betonen?«
»Still! Wir sollen uns nicht in die Schöpfung drängen und sie besser verstehen wollen, als nötig und als uns bestimmt ist. Untergraben wir nicht Gottes Pläne mit Zweifeln und unangemessenen Fragen! Es gibt Dinge, die uns übersteigen, die man nicht verstehen und die man nur hinnehmen kann!«
»Doch wie sollen wir mit Bestimmtheit wissen, was Gott von uns will? Dass er überhaupt etwas von uns will? Woher wollen wir wissen, dass die Stimme, die zu uns spricht, nicht unsere eigene Narrheit ist?«
»Wir wissen es, weil wir glauben! So ist es und nicht anders! Wir müssen Gott für alles, was wir sind und haben, dankbar sein. Ohne ihn würde es auch uns, die wir nach Gottes Ebenbild erschaffen sind, nicht geben …«
»Schon, schon, aber einige, sehr wenige zwar, glauben, dass es für unser Dasein nicht den Geist Gottes braucht. Und dass es uns in unserer ganzen elenden Unvollkommenheit gibt, weil uns die kalten Gesetze der Natur ausgespuckt haben, denen am Menschen nichts liegt und die weder von Gott noch von sonst etwas eine Ahnung haben. Die Naturgesetze, die wie wildgewordene Automaten ins Leere schaffen und mahlen. Und dass wir, die wir glauben, Gottes Ebenbild zu sein, in Wahrheit nur die Körner sind, die in diese verrückte Maschine geschüttet werden, um nichts bedeutender als die Tiere und das Wasser und die Steine und die Gestirne. Denn es gibt einige, die ohne Gott leben können und weder Grauen nach Angst davor haben, dass die Welt ohne Sinn vor sich hin mahlt von Anfang bis Ende. Und das Ende kommt, eines schönen Tages, sagen diese, der vor allem nicht schön, sondern hässlich sein wird, dann bleibt die Maschine stehen, weil die Naturgesetze es so wollen. Schlimmer noch – vielleicht wollen sie weder noch wollen sie nicht, sondern sie mahlen ohne einen Funken von Geist vor sich hin, bis sie in sich zusammenfallen und mit der Welt genauso verschwinden, wie sie entstanden sind …«
»Völlig ausgeschlossen! Etwas kann nicht aus dem Nichts entstehen und dann im Nichts verschwinden. Das geht nicht! Unmöglich! Unmöglich! Es gibt keine Natur ohne Gott! Gott hat die Natur erschaffen, in der nichts geschieht, das er ihr nicht selbst eingeschrieben hätte!«
»Und die Wunder?«
»Mit Wundern zeigt Gott uns seine Größe, indem er die Natur aufbläst und sie ein wenig in die Mangel nimmt.«
»Doch was ist, wenn es keine Wunder gibt und das bloß Naturerscheinungen sind, die wir seltsam finden, weil wir sie nicht begreifen können?«
»Was wenn … Aber … Trotzdem … Doch … Diese ganzen Fragen, das alles führt doch zu nichts!«
»Aber einige leben mit der Abwesenheit von Sinn … können damit leben …«
»Nicht mehr lange! Denn wir...




