Kuhn / Strohmaier | Leopardis Lesarten der Antike | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3334, 408 Seiten

Reihe: Ginestra. Periodikum der Deutschen Leopardi-Gesellschaft

Kuhn / Strohmaier Leopardis Lesarten der Antike

Letture leopardiane dell'antichità
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-381-11873-1
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Letture leopardiane dell'antichità

E-Book, Deutsch, Band 3334, 408 Seiten

Reihe: Ginestra. Periodikum der Deutschen Leopardi-Gesellschaft

ISBN: 978-3-381-11873-1
Verlag: Narr Francke Attempto Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Obwohl - oder weil - die Bedeutung der Antike für Dichten und Denken Giacomo Leopardis offensichtlich zu sein scheint, wird die Frage nach der Beschaffenheit dieser ,Antike' nur selten explizit gestellt. Ausgehend von der Annahme, dass jeder retrospektive Rekurs auf die Antike immer schon deren Transformation einschließt, geht der Band den vielfältigen und nicht selten widersprüchlichen Bezugnahmen Leopardis auf die Antike nach. Das Spektrum der Beiträge reicht von seiner Beschäftigung mit Ursprungsmythen und politischer Theorie über Themen wie antike und moderne Philosophie oder Heroismus bis hin zur Praxis der Übersetzung und zu Einzellektüren antiker Autoren wie Plinius, Properz und Vergil. ,Antike' bei Leopardi erweist sich damit nicht als statisch und monumental, sondern als dynamische Ressource eines ,pensiero poetante' (Antonio Prete), die immer neue und überraschende Denkbewegungen freisetzt.

Prof. Dr. Barbara Kuhn ist Inhaberin des Lehrstuhls für Romanische Literaturwissenschaft I an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Dr. Paul Strohmaier lehrt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter Romanistische Literaturwissenschaft an der Universität Trier. Seine Forschungsschwerpunkte sind die romanische Epik der Frühen Neuzeit, das französische Theater des 17. Jahrhunderts und die Lyrik der Moderne.
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IV. Dialoge mit der Antike: Lesen, Nicht-Lesen, Neu-Lesen


Die beiden in diesen einführenden Überlegungen teils gemeinsam, teils nacheinander betrachteten Texte Leopardis, die jeweils eine Figur der Antike und eine Figur der Moderne miteinander konfrontieren, stellen einerseits eine sehr spezifische ‹Lesart der Antike› dar, vergleicht man sie mit anderen Leopardischen wie etwa den in Versen oder in Prosa, bei denen es dem Übersetzer vor allem darauf ankommt, den Ton, den Stil des Originals genau zu treffen, oder auch mit seinen philologischen Betrachtungen, wie sie sich unter anderem in großer Zahl im finden und wie sie seinen Ruf als einer wahren Instanz in Klassischer Philologie begründen. Andererseits kann eben diese spezifische ‹Lesart der Antike› zugleich als geradezu paradigmatisch für viele Aspekte des Leopardischen Werks generell gelten, wie abschließend noch in knapper Form darzustellen ist, bevor im folgenden die einzelnen Beiträge in fünf großen thematischen Schwerpunkten je unterschiedliche Aspekte der vertiefen und so die Vielfalt der von Leopardi ausgeschöpften Möglichkeiten, sich mit der Antike auseinanderzusetzen, entfalten werden.

Sowohl der als auch die führen, wenngleich in unterschiedlicher Manier, den Dialog mit der Antike von der Moderne aus: Beide Male ist die dargestellte Welt und mit ihr die ‹Handlung› deutlich in ungefähr jener Zeit, in der sie entstehen, mithin in der Gegenwart situiert; beide Male wird mittels einer Sprachkritik, einer Kritik am Sprachgebrauch, der nicht oder zumindest nicht mehr der Wirklichkeit entspreche, Kritik an der Antike geübt, und beide Male unterliegt gleichsam die Antike der modernen Position: Sallustio als Repräsentant der Antike läßt sich vom Lettore überzeugen und schreibt seinen Text nach Maßgabe der Moderne um; Machiavellos Rede, die die Dinge beim Namen nennen will und daher statt der «parole antiche» Tugend, Vernunft, Recht etc. die für die Moderne zutreffenden Begriffe Scheinheiligkeit, Gewalt, Vorteilsnahme etc. verwendet, trägt den Sieg über jene von Senofonte davon.

Doch enthüllt sich in beiden Texten dieser Sieg der Moderne über die Antike als ein vordergründiger oder auch – wie häufig in den , wo am Ende selbst der Amico, der mit Tristano spricht, den Verdacht hat: «Voi parlate, a quanto pare, un poco ironico» – ein als Antiphrase zu lesender. So entspricht zwar im Falle des der umgeschriebene Text nun zur Zufriedenheit des Lettore wie auch seines Autors der geänderten Wirklichkeit, doch die Kehrseite des korrigierten und nunmehr gelobten Textes – «Così mi piace e sta bene» –, die Kehrseite dieser Übereinstimmung ist, wie oben ausgeführt, das Porträt einer Welt, in der um des Reichtums willen alle anderen ‹Werte› entweder hintangestellt werden oder überhaupt keine Rolle mehr spielen, inexistent geworden sind, so daß die von der Warte der Moderne aus formulierte Kritik an der Antike sich zu einer Kritik eben dieser Moderne vor dem Hintergrund einer in den alten Texten noch zu lesenden, aber unwiederbringlich vergangenen Antike enthüllt.

Und wenn Machiavellos die höllische Jury überzeugende Rede die gegenwärtige Wirklichkeit illustriert, wenn seine ‹Übersetzung› der idealisierenden Darstellung, für die ihm Senofontes Text und all jene, die diese alte, konventionelle Rede fortschreiben, stehen, ihrerseits das präsentiert, was in den «tempi miei» Realität geworden ist und «realmente» praktiziert wird, zeichnet analog oder doch vergleichbar auch die eine Welt, die als massive Kritik an dieser Gegenwart, an der Moderne zu lesen ist. Das ironisch-antiphrastische Spiel des im einen Fall und des im anderen führt zu vielstimmigen Lesarten der Antike, die ein unverkennbar Leopardisches Licht auf die Moderne werfen, ein Licht auf die als solche wahrgenommene ‹Wüste des Lebens›, «il deserto della vita», wie Tristano es nennt: Der Einsicht in diese Wüstenhaftigkeit läßt sich entweder durch die vorgeschützte Einsicht in die sogenannte Perfektionierung der Welt dank des Glaubens an die Perfektibilität des Menschen begegnen, so wie Tristano nach seiner angeblichen Meinungsänderung und der aus der Antike ins 19. Jahrhundert katapultierte Sallustio mit ihrem fingierten Konsens zur neuen Version (des Textes wie des Lebens) vorgehen, oder indem das jeweilige Ich der Einsicht standhält und dennoch der anderen Sicht wohlwollend begegnet, wie wiederum Tristano in seiner letzten Replik und Machiavello am Ende des letzten Fragments und damit am Ende seiner an Senofonte gerichteten Rede, der hier ebenso als Philantrop wahrgenommen wird wie der Amico im letzten Text der oder Timandro in jenem Dialog, der in den ersten beiden Ausgaben das Buch beschlossen hatte: Ähnlich wie Eleandro oder Tristano hält auch der «misantropo» Machiavello letztlich scheinbar versöhnlich fest: «non ostante il mio rinnegamento degli antichi principii umani e virtuosi, fui costretto di conservare perpetuamente una non so se affezione o inclinazione e simpatia interna verso loro» (, 265 [‹trotz meiner Ablehnung der antiken menschlichen und tugendhaften Grundsätze konnte ich nicht umhin, beständig ein Wohlwollen oder vielleicht auch eine Neigung und eine innere Sympathie ihnen gegenüber zu bewahren›]).

Leopardis Lesarten der Antike erweisen sich demnach in der Tat als ein «conversare […] con chi scrisse», als Gespräche mit denjenigen, die einst geschrieben haben. Seine Texte stellen sich als ein fortwährender und ausgesprochen lebhafter Dialog mit der Antike in einer Vielzahl von Variationen und Ausprägungen dar, und dieser Dialog zeigt, um abschließend noch einmal auf die beiden widersprüchlichen Motti zurückzukommen, die über diesen Überlegungen stehen, – neben vielem anderem – zweierlei: Zum einen macht der Dialog mit der Antike deutlich, daß offensichtlich die Texte der Alten – und auch die nicht ganz so alten, aber dennoch immer wiedergelesenen Bücher, wie etwa der , durchaus dazu gebracht werden können, «molto buone e belle cose» zu sagen, wie Filippo Ottonieri sich ausdrückt, und dies «molto bene», sonst hätte ihnen der ebenso unermüdliche wie kritische Leser Leopardi ihr «parlar sempre» gewiß nicht verziehen, sondern lieber selbst geschwiegen. Und zum anderen enthüllt dieser Dialog mit der Antike, als der Leopardis Werk verstanden werden kann, daß Platons Sokrates, wie ihn der inszeniert, offenkundig nicht recht hatte, als er meinte, das einmal Geschriebene sei nur zu stets identischer Wiederholung imstande, im Gegenteil: Wenn das Lesen, wie Filippo Ottonieri und mit ihm oder durch ihn Leopardi sagt, ein «conversare […] con chi scrisse» ist, ein echter Dialog, dann erweisen sich die Schriften der Alten eben nicht als stumme ‹Quelle› für den Autor des Ottocento, sondern als ‹Intertext›, der, wie die vielfältigen Lesarten zeigen, ebenso in Bewegung wie im Gespräch bleibt.

Und genau dies machen auch die im folgenden zu lesenden Beiträge deutlich, die ihrerseits Lesarten von Leopardis Lesarten der Antike präsentieren. So befaßt sich in der Rubrik «Ursprünge | Origini» Valerio Camarotto mit «Leopardi zwischen Hesiod, Lucrez und Ovid», Martina Piperno mit «Leopardi und der vorrömischen Welt» und Elisabetta Brozzi mit «Inschriften und Fragmenten für eine linguistische Archäologie» bei Leopardi, bevor abschließend Gaspare Polizzi die Position «Leopardis zwischen Vico und Niebuhr» analysiert.

In der zweiten Rubrik, «Politik | Politica», untersucht Franco D’Intino das Verhältnis von Leopardi zum «politischen Denken der Antike»; Marc Föcking widmet sich «Leopardis Brutus», und Christoph Söding geht den «Konfigurationen von Heldentum in Leopardis politischen Canzonen» nach. Das dritte, «Philosophie | Filosofia» überschriebene Kapitel wird eröffnet von Franco Trabattoni, der die «Philosophe der Alten und die Philosophie der Modernen bei Leopardi» einander gegenüberstellt. Bardo Gauly geht der Frage nach, wie sich «Römische Naturgeschichte bei Leopardi» manifestiert, und Paul Strohmaier analysiert die Modellierung «Antiker und moderner Körper bei Leopardi».

Die vierte Rubrik, die sich auf die «Philologie | Filologia» im Werk Leopardis konzentriert, wird mit einer Analyse von Leopardis Auseinandersetzung mit der «Batrachomyomachie (zwischen Philologie und Literatur)» von Diego De Brasi eingeleitet, bevor Aretina Bellizzi sich Leopardis Lektüre «eines Fragments aus des ‹Hippolytos›» widmet, Fulvio Vallana der «Stellung Vergils im leopardischen System» und Vincenzo Allegrini schließlich «Leopardi, der Elegie und Properz». Den Band beschließt in der letzten Rubrik zum Thema «Nachleben | Sopravvivenza» Milan Herolds Beitrag über «Eugenio Montales und Giacomo Leopardis » als «zwei dionysisch-antike Landschaften», die auch von dieser Warte aus erneut deutlich machen, daß die geschriebenen Texte keine stummen Zeugen sind, sondern in einem Dialog stehen: Wie in diesem Dialog Leopardis Texte als Antworten auf Fragen, die ihm die Antike in ihren Texten stellt, gelesen werden können, und ebenso als Fragen an jene Texte, so sind sie selbst wieder Antwort und Frage in einem, Repliken in einem offenen Dialog, auf die...



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