E-Book, Deutsch, Band 1, 472 Seiten
Reihe: Sextus Valerius
Kuhn Sextus Valerius
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-945025-32-1
Verlag: Ammianus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Varusgold
E-Book, Deutsch, Band 1, 472 Seiten
Reihe: Sextus Valerius
ISBN: 978-3-945025-32-1
Verlag: Ammianus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
9 n. Chr.
Varus ist tot, seine Legionen sind vernichtet. Nur Wenige entgehen dem Tod auf dem Schlachtfeld. Einer von ihnen ist der junge Optio Sextus Valerius. Es gelingt ihm, auf die andere Rheinseite zurückzukehren, um einen Neuanfang zu wagen.
Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los: Er verstrickt sich in die Machenschaften seines Freundes Lucius Poblicius, der als Kriegsgewinnler und Waffenschieber von der Niederlage profitiert.
Selbst findet er sich inmitten der Parteigänger des von den Truppen geliebten Feldherrn Germanicus wieder, der das verlorene Prestige und die rechtrheinischen Gebiete zurückgewinnen will.
Tiberius, der Nachfolger des Augustus, will das aus politischer Selbstbehauptung unter allen Umständen verhindern …
Eine packende Story um Freundschaft, Pflichterfüllung und die großen politischen Fragen zu Beginn unserer Zeitrechnung.
Der Romanhandlung ist der Reiseführer-Anhang "Spurensuche" angegliedert, der die Leser an die Truppenstandorte und Schauplätze im "wilden" Nordwesten des Imperiums diesseits und jenseits des Rheins führt.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
»Türe zu!«, rief der grauhaarige Legionär. Ehe die Neuankömmlinge dem Begehren nachkamen, fegte ein zweiter Windstoß in die Baracke.
»Bei Pluto«, fluchte der untersetzte Tavernenwirt und wischte einige Blätter und Regenspritzer mit der Hand vom Tisch. »Wollt ihr uns umbringen?«
Grölen und empörte Rufe schlugen dem Signifer1 und seinen Begleitern, offenbar jungen Rekruten, entgegen.
Mit fahrigen Bewegungen stemmte sich der Größte der Jungen mit der Schulter gegen die Brettertür und legte den Riegel vor. Erst dann schlug er die Kapuze der Paenula2 zurück, fuhr sich mit dem Schweißtuch durch das feuchte Antlitz und suchte den Blick seines Vorgesetzten. Das aufgeweckte, offene Gesicht mit den stahlblauen Augen und dem dunklen Haar der Südländer war von der Anstrengung des Marsches gezeichnet. Er mochte vielleicht siebzehn Jahre zählen, das Mindestalter für den Eintritt in die Legion.
»Gut gemacht, Sextus.« Der Signifer nickte ihm kurz zu und schaute sich nach einem freien Tisch um.
Sextus rieb sich die Schulter, die leicht schmerzte.
»Warum hast du nicht gewartet?«, sprach ihn einer der Rekruten an. »Ich hätte dir geholfen.«
»Nicht nötig, Lucius. Die Tür hat nur geklemmt. Es war der Wind.«
»Trotzdem«, widersprach Lucius. »Wir sind Freunde. Wir haben uns geschworen, immer zusammenzuhalten. Die Legion ist kein Ort für Einzelkämpfer.«
Ein dumpfer Aufprall, begleitet von einem leisen Klirren, lenkte die Blicke des Signifers und seiner Rekruten an den Tisch des Grauhaarigen. »Zwei, drei, vier, sechs«, murmelte der Legionär. »Nichts.« Er schob den Würfelbecher seinem Sitznachbarn zu. »Du bist dran.« Mit einer raschen Bewegung nahm der Mann das lederne Gefäß, schüttelte es kurz und schlug es auf die rohen Bohlen der Tischplatte.
»Eins«, lachte der Graue. »Da ist eine Eins bei. Geld auf den Tisch.«
Der Würfler schüttelte ungläubig den Kopf. Dann fingerte er eine Münze aus seinem Beutel und legte sie auf den stattlichen Haufen in der Mitte des Tisches. »Fortuna ist nicht mit mir.«
»Was wollt ihr?«, fuhr der Tavernenwirt die Neuankömmlinge an. »Nehmt den Tisch dahinten oder macht, dass ihr wieder rauskommt. Er wies auf einen freien Tisch im Hintergrund der Schänke. »Lucilla! Bring ihnen Cervisia3 oder was sie sonst wollen.«
»Ja, Vater.« Ein dunkelhaariges, schlankes Mädchen, vielleicht siebzehn Jahre alt, erhob sich vom Tisch der Spieler und geleitete die Männer durch den Raum an ihre Plätze. Sie schenkte den neuen Gästen einen Blick aus ihren leicht schräggestellten braunen Augen, lächelte und streckte den Rücken, was ihre festen Brüste unter der wollenen Tunika zur Geltung brachte. Ein schönes Mädchen, das gelernt hatte, ihre Reize einzusetzen. Während der Signifer ihrem Augenaufschlag anerkennend begegnete, schauten die Rekruten verlegen zur Seite.
»Wein für alle«, verlangte der Offizier und streckte seine Beine unter dem Tisch, nachdem sie ihre Mäntel ausgezogen und Platz genommen hatten.
Mit seiner Körpergröße von sechs Fuß war der Signifer Kaeso eine beeindruckende Erscheinung, dazu breitschultrig und das wettergegerbte Gesicht mit dem energischen Kinn von Narben gezeichnet. So wie es sich für einen Feldzeichenträger und Geldverwalter einer Centurie gehörte – weshalb ihn der Centurio auch ausgewählt hatte, das schwierige Geschäft der Anwerbung zu übernehmen.
Mehr als sieben Stunden waren seit ihrem Aufbruch im Straßenposten Bodobriga4 vergangen, viel zu lange für die wenigen Meilen bis nach Confluentes5. Ein kleines, mit einer Holz-Erde-Mauer und einem Spitzgraben gesichertes Kastell am Zusammenfluss von Rhenus6 und Mosella7. Die wenigen Hütten des dazugehörigen Vicus8 gehörten Fischern und Handwerkern. Dazu kamen noch ein Bordell und die heruntergekommene Taverne, in der die Legionäre und Auxiliare9 ihren kargen Sold vertranken. Insgesamt hatten sie vier Tage von Mogontiacum10 bis hierhin gebraucht, es hatte die meiste Zeit wie aus Eimern geschüttet, und sie würden noch einmal so lange unterwegs sein, bis sie das Ziel ihres Marsches, das Legionslager Vetera11, erreichten. Aber nur dann, wenn es nicht weiter von morgens bis abends regnen würde. Und es war, so früh im Oktober, viel zu kalt für die Jahreszeit. Die Caligae12 schmerzten Kaeso an den Füßen. Obwohl er das Leder vor dem Aufbruch ausgiebig eingefettet hatte, würde es durch die Witterung bald brüchig werden. Und er hatte keine Lust, sich schon wieder ein neues Paar zuzulegen. Es dauerte, bis das Schuhwerk eingelaufen war und nicht mehr schmerzte.
»Keinen Wein, Signifer«, antwortete das Mädchen mit Bedauern. »Es gibt nur noch Cervisia. Der Patron hat es frisch angesetzt. Es schäumt noch.«
»Dann eben Cervisia«, murrte der Offizier. »Was gibt es zu essen?«
»Puls13. Mit Speck und frischen Kräutern.« Ein schalkhaftes Lächeln umspielte Lucillas Lippen. Sie wusste, dass die Gäste keine andere Wahl hatten. Es gab im Umkreis von mehreren Meilen keine andere Taverne. Der Offizier und die Rekruten mussten mit dem Vorlieb nehmen, was ihre karge Küche hergab. Soldatenkost gegen den Hunger und Cervisia für angenehme Träume. Sie schlug die Bestellung kurz im Kopf durch. »Das macht zwei Denare14 und fünf Asse15 für alle.«
»Bei Merkur, dem Gott der Händler und Diebe«, entfuhr es dem Signifer. »Habe ich Schweinebraten in Honig, Liquamen16 und Pinienkernen bestellt?«
»Das Leben ist teuer, Dominus«, entgegnete Lucilla. »Ihr könnt auch wieder gehen. Bis zur nächsten Taverne sind es fünf Meilen. Auch dort werdet ihr nichts anderes bekommen. Es gibt erst neue Ware, wenn das Wetter sich bessert.«
»Habt ihr denn einen Schlafplatz für mich und meine Rekruten?«
»Im Schuppen. Heu und Decken für zwei Denare. Wenn ihr sofort zahlt, habt ihr die Plätze sicher. Wer weiß, wer heute noch kommt.« Sie hielt dem Offizier die Handfläche der Rechten hin.
Der Signifer Kaeso verzog das breite Gesicht zu einer Grimasse, griff aber in seinen Beutel und zählte dem Mädchen die Münzen in die Hand. Dann besah er sich den Rest seiner Barschaft. »Rekruten«, begann er gedehnt. »Das Geld reicht nicht bis nach Vetera. Ich brauche von jedem noch einmal fünf Denare.«
»Dann bleiben mir nur noch zehn Denare von meinem Handgeld«, empörte sich der Rekrut Sextus, der die Türe zugestemmt hatte.
»Wie du willst, Sextus«, entgegnete der Signifer. »Bezahle deinen Teil selber. Es wird dann aber teurer.«
Der Rekrut Sextus schaute Lucilla an, die zustimmend nickte.
»Da«. Er knallte seine fünf Denare auf den Tisch und wandte sich ab. Der Junge war empört. Für fünf Denare, den halben Monatslohn eines Handwerkers, bekam man ein Paar genagelte Caligae, eine wollene Tunica und einen warmen Mantel.
Als Kaeso den Obulus seiner Rekruten im Beutel verstaut hatte, rief er das Mädchen wieder zu sich. »Lucilla, eine Runde Cervisia für meine Freunde.«
Bis auf Sextus stimmten die Rekruten begeistert zu. Er nahm den Becher, den Lucilla vor ihm abgestellt hatte und nahm einen Schluck.
In was für eine Gesellschaft war er da geraten? Er hatte sich alles ganz anders vorgestellt. Mit einem Empfehlungsschreiben seines Vaters versehen, hatte er den weiten Weg von seinem Dorf in Etrurien17 bis nach Mediolanum18 zu Fuß oder auf einem Ochsenkarren zurückgelegt. Dort war er auf Lucius getroffen, der wie er zur Legion wollte. Gemeinsam setzten sie ihren Weg ins ferne Germanien fort, wo neue Rekruten gesucht wurden.
Er hatte den älteren, untersetzten Jungen mit den ausdrucksstarken Augen und der vorspringenden Nase vom ersten Augenblick an gemocht. Das aschblonde Haar, auf dem ein rötlicher Schimmer lag, ließ auf eine gallische Herkunft schließen. Vielleicht war sein Vater den Reizen einer cisalpinischen Schönheit erlegen. Lucius stammte aus der Tribus Terentina19 in der Campania und hatte ebenfalls einen Onkel, der in der Legion gedient hatte. Sextus und Lucius hatten sich schnell angefreundet. Was Sextus an seinem neuen Freund missfiel, war dessen Hang zum Leichtsinn und die Leidenschaft für das Glücksspiel.
Nach einem beschwerlichen Marsch über die Alpen und dann weiter den Rhenus hinab gelangten sie schließlich nach Mogontiacum. Sie meldeten sich im Legionslager, wo sie vom Signifer Kaeso von der XVIII. Legion gemustert wurden. Nach einem kurzen Gespräch und einem flüchtigen Blick auf sein Empfehlungsschreiben hatte er sein Handgeld erhalten. Zwanzig Denare, mit denen er auch seine...




