E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Marcus-Trilogie
Kuhn Marcus - Soldat Roms
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-945025-13-0
Verlag: Ammianus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Band 1
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Marcus-Trilogie
ISBN: 978-3-945025-13-0
Verlag: Ammianus
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Michael Kuhn M.A., Jahrgang 1955, studierte in Aachen Geschichte und Politische Wissenschaften. Im Anschluss war er in unterschiedlichen historischen Projekten involviert und organisierte im eigenen Unternehmen geschichtliche Events. Zurzeit arbeitet er neben seiner Tätigkeit als Autor in der Archäologie. Das Anliegen, bei seinen Mitmenschen Interesse und Verständnis für die faszinierende Welt der Geschichte zu wecken, durchzieht seine bisherige Vita wie ein roter Faden. So stehen die vorliegenden Bände am Beginn einer Buchreihe, die den Leser mit Spannung und Information auf eine Zeitreise in die aufregendsten Epochen unserer Vergangenheit mitnimmt.
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An den Pforten der Unterwelt
Mein Name ist Marcus Junius Maximus, geboren auf dem väterlichen Weingut in der Nähe der Kaiserstadt Treveris im 14. Jahr der Herrschaft des Großen Constantinus. Im Alter von neunzehn Jahren hatte ich meinen Dienst bei der ruhmreichen XXX. Legion in Tricensima angetreten, wurde in den Grenzkriegen mehrfach ausgezeichnet und zum ranghöchsten Centurio meiner Einheit befördert. Als Tribun und Freund des göttlichen Imperators Julian, dessen früher Tod ein neues Zeitalter verhinderte, war ich maßgeblich an dem blutigen Sieg über Franken und Alemannen und der Rückgewinnung der verlorenen germanischen Provinzen beteiligt.
Ich beginne meinen Bericht mit meiner befehlsgemäßen Flucht aus der untergegangenen Festung Gelduba, bei der ich durch einen Pfeilschuss in den Rücken schwer verwundet wurde.
Unser überladenes Boot schwankte stark in der Strömung, und zwei Kameraden waren die ganze Nacht beschäftigt, das über die Bordwand hinein flutende Wasser mit ihren Helmen herauszuschöpfen. Glücklicherweise hatten sich an Bord ein paar Ruder befunden, so dass wir dem reißenden Fluss nicht steuerlos ausgeliefert waren.
Als der Schock der Verwundung nachließ, begann meine Schulter heftig zu schmerzen und hilflos musste ich meinen Kameraden bei ihren verzweifelten Bemühungen zuschauen, das Boot auf Kurs zu halten und vor dem Kentern zu bewahren.
Sobald wir ruhigeres Wasser erreichten, zog mir ein Soldat mit einem heftigen Ruck den Pfeil aus der Wunde und der Medicus legte einen notdürftigen Verband an. Das Geschoß hatte den Kettenpanzer durchschlagen und steckte unterhalb des Schulterblattes im Fleisch, ohne einen Knochen verletzt zu haben. Das war die einzige positive Erkenntnis, denn die Widerhaken hatten beim Entfernen der Spitze die Wunde weit aufgerissen und mir war schwarz vor den Augen geworden.
Danach dämmerte ich im Halbschlaf dahin, während als erste Anzeichen des beginnenden Wundfiebers heiße und kalte Schauer in Wellen durch meinen Körper fluteten.
„Hoffentlich war das Geschoß nicht vergiftet“, hörte ich aus weiter Ferne die Stimme des Medicus. „Es gibt Stämme, die ihre Pfeil- und Lanzenspitzen in den Leichensaft verwesender Tiere tauchen und damit auch die kleinste Verwundung zu einer tödlichen Gefahr machen.“
Mühsam stemmte ich meinen Oberkörper über den Bootsrand und erbrach mich unter Krämpfen, bevor eine gnädige Ohnmacht meinem Leiden zunächst ein Ende setzte. Mitleidvoll ruhten beim Erwachen die Blicke der Gefährten auf mir, von denen keiner einen Follis auf mein Überleben gesetzt hätte. Ich hatte es allein meiner kräftigen Konstitution zu verdanken, dass ich die Nacht überlebte.
Im Morgengrauen legten wir an einer Sandbank an, und die Männer schleppten mich das Ufer empor, während sie unser Fluchtgefährt dem Fluss überließen. Führerlos auf den Wellen tanzend, war das Boot bald unseren Blicken entschwunden, und nichts konnte mehr unseren Aufenthaltsort an einen zufällig vorbei kommenden Feind verraten.
Wir schlugen das Lager in einem Waldstück auf, das wir aus Angst vor Entdeckung zwei Tage nicht verließen. Es war ein ungemütlicher und nach modriger Verwesung stinkender Ort, den wir uns ausgesucht hatten. Schwarzes Laub, in dem ekliges Gewürm und huschende Asseln hausten, bedeckte den Boden des aus Weiden und vereinzelten Buchen bestehenden Wäldchens. Brombeerranken krallten sich bei jeder Bewegung in die Kleidung, und es kostete viel Mühe, den Boden von Unterholz und Blattlaub zu befreien.
Den ganzen Tag dämmerte ich im unruhigen Halbschlaf dahin.
Am Abend gelang es einem meiner Kameraden mit Feuerstein, Stahl und etwas trockenem Zunder ein kleines Feuer zu entzünden, das notdürftig wärmte und die feuchten Kleider trocknete. Wegen der starken Rauchentwicklung des nassen Holzes unterhielten wir es erst nach Einbruch der Dämmerung mit einer größeren Flamme.
Nach dem kargen Abendessen, das aus angefeuchteten Resten der Tagesration bestand, die sich in unseren Proviantbeuteln fanden, trat der Medicus an mein Krankenlager.
„Wie geht es dir, Centurio?“, fragte er und fingerte an dem klammen Mantel, der über die Laubauflage meiner provisorischen Bettstatt gebreitet war.
„Mir ist heiß und es pocht in der Schulter“, presste ich heraus und sank stöhnend zurück.
Über der Nasenwurzel des Medicus bildete sich eine Sorgenfalte, als er die Hand auf meine Stirn legte.
„Du hast hohes Fieber, lass mich die Wunde anschauen.“
Ächzend richtete ich den Oberkörper auf und zuckte bei der leisesten Berührung vor Schmerz, als die Binden entfernt wur-den.
„Verdammt“, fluchte der Medicus und legte mich sachte zurück. „Die Wundränder haben sich verfärbt, Centurio. Wenn wir nichts tun, wirst du an der Entzündung sterben und die Nacht nicht überleben. Ich muss schneiden, den Eiter entfernen und die Wunde ausbrennen.“
Verzweifelt stöhnte ich auf. „Lasst mich sterben, ich bin euch sowieso nur eine Last.“
„Das Fieber spricht aus dir, Centurio. Es sieht nicht gut aus, aber du solltest jede Möglichkeit nutzen. Füge dich in das Unvermeidliche und lass mich meine Arbeit tun.“
Rote Schleier tanzten vor meinen Augen und ich verlor kurz das Bewusstsein, als der Medicus zum Feuer schritt und seinen Dolch in die Glut legte.
Ich erwachte aus der Ohnmacht, als zwei Männer mich auf den Bauch drehten und mir ein Stück Holz zwischen die Zähne klemmten. Voller Panik drehte ich den Kopf und schaute über die Schulter zum Feuer, von dem aus sich ein großer Schatten auf mich zu bewegte, der etwas rot Glühendes in den Händen hielt. Ich stöhnte wie ein wundes Tier, als man mich packte und auf dem Boden fixierte.
„Ruhig Centurio“, klang über mir die beruhigende Stimme des Medicus. „Wenn du leben willst, musst du das ertragen.“
Mein Körper entspannte, und ich ergab mich in stumpfer Verzweiflung in die Hände des fremden Mannes, der mein Leben retten wollte.
Ein schrecklicher Schmerz, grell wie ein Blitz, tobte durch meinen Körper, als die glühende Klinge in mein Fleisch schnitt und jeden Augenblick zur Ewigkeit werden ließ.
„Es ist gleich vorbei, Centurio“, drang eine Stimme durch eine rote Wolke in mein Bewusstsein, während das Holzstück im gleichen Augenblick mit einem Krachen zwischen meinen Zähnen zerbrach.
Wieder durchzuckte mich der Schmerz, Feuerräder tanzten vor den Augen, und es roch nach verbranntem Fleisch.
„Lasst mich endlich in Ruhe“, stieß ich gequält hervor.
„Du bist tapfer“, lobte eine Stimme.
Als ich verbunden wurde und der Medicus Heilkräuter auf die ausgebrannte Wunde presste, verlor ich das Bewusstsein.
Fiebernd und phantasierend verbrachte ich die Nacht und spürte kaum die helfenden Hände, die mir den Schweiß vom Gesicht wischten und mich mit Flüssigkeit versorgten. Im Morgengrauen fiel ich in einen tiefen Erschöpfungsschlaf und durchlebte einen Fiebertraum, der sich bis auf den heutigen Tag mit allen Einzelheiten in meine Erinnerung eingebrannt hat.
Die Welt stand in Flammen und aus der Glut erhob sich schlängelnd und züngelnd eine riesige Schlange, die bis zu den Sternen emporwuchs und schließlich Himmel und Erde ausfüllte. Langsam wand sie mir ihr Antlitz zu, und ich versank in ihren smaragdgrünen Augen. Sie schien mich anzulächeln, als sie das Maul öffnete und mir ihre schrecklichen, Blut triefenden Giftzähne zeigte. Das Untier war das genaue Abbild der Schlange auf meinem Armreif.
Fast hätte ich es nicht geschafft. Ich stand am Ufer eines grauen Gewässers und ein dunkler Kahn glitt langsam auf mich zu, den ein hagerer Mann in weitem Kapuzenmantel steuerte. Gebannt starrte ich in ein gesichtsloses Antlitz und erschauerte, als der Fährmann seinen Arm hob und mir zuwinkte. Die Angst löste sich, die Schmerzen wichen und leicht und kühl durch-rieselte es meinen fieberverzehrten Körper.
„Loslassen“, sehnte meine geschundene Seele, „endlich los-lassen.“
Da schob sich eine Nebelwand vor den Nachen und der Fährmann entschwand im Dunst. Dumpf kroch der Schmerz in den Körper zurück, bis Qualen und Elend der ganzen Welt auf meinem gemarterten Körper lasteten. Ich hatte es geschafft und sollte leben.
Ich schlief durch bis zum Abend, als mir die Strahlen einer tief stehenden Sonne, die ein letztes Mal eine Wolkenlücke gefunden hatten, direkt in die Augen schienen. Obwohl matt und schwach wie noch nie in meinem Leben, fühlte ich mich besser und verspürte Hunger und brennenden Durst.
„Willkommen bei den Lebenden“, spürte ich die beruhigende Wärme einer kräftigen Hand auf meiner Stirn. „Du hast Glück gehabt und das Fieber hat sich ausgetobt“, erkannte ich die Stimme des Medicus, der neben mir auf dem Boden saß und mir mit sanften Bewegungen den Verband abnahm.
„Als ich deine Wunde öffnete, war die Fäulnis schon eingedrungen, und ich habe nicht mehr daran geglaubt, dass du es schaffen könntest.“ Er...




