E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Kuck Die Schattentänzerin
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-944576-19-0
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-944576-19-0
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manuela Kuck, Jahrgang 1960, ist in Wolfsburg aufgewachsen und lebt heute als Autorin zusammen mit ihrer Lebensgefährtin, einem ihrer beiden Söhne und zahlreichen Haustieren in Berlin. Neben dem Schreiben begeistert sie sich für Aikido und Laufen. Mit »Liebe Lügen« ist 2009 ihr neunter Roman bei Krug & Schadenberg erschienen, gefolgt von »Freispruch« im Herbst 2010, ein Roman, in dem die Berliner Anwältin Lena Bokken ihr Debüt hat. Zuvor erschien mit »Ariane« der Abschluss der in Berlin angesiedelten Trilogie um Rieke, Paula und ihre Freundinnen, die in »Hungrige Herzen« und »Die Rivalin« ihren Anfang nahm. Weitere Bücher von Manuela Kuck: »Lindas Entscheidung«, »Neue Zeiten für Linda« und »Lindas Ankunft« - die erfolgreiche Trilogie um lesbisches Leben und Lieben in der Provinz sowie die Romane »Die Schattentänzerin« und »Die Boxerin«. Darüber hinaus sind Erzählungen von Manuela Kuck in den erotischen Anthologien »Verführungen« und »Begehren« sowie in dem Band »Fein & gemein - Rachegeschichten« enthalten.
Autoren/Hrsg.
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7
Sie war sechzig, hieß Sofia Langenfels, war schwerreich und benötigte nach Kurts Ansicht ungefähr so viel Personenschutz wie seine Urgroßmutter, die seit hundert Jahren tot war. Von ihrer Sorte gab es einige in unserer Kartei: Reiche, Künstler, Prominente oder solche, die sich dafür hielten, wollten zu gegebenem Anlaß mehr oder weniger engen Begleitschutz, um etwas für ihr Image zu tun, weil sie von Natur aus ängstlich waren oder um ihr Selbstwertgefühl aufzupolieren. Diese Aufträge mußten genauso ernst genommen werden wie andere; den Auftraggebern wurde jedoch grundsätzlich geraten, ein unauffälliges Schutzkommando mit ein, höchstens zwei Leuten im unmittelbaren Personenschutz zu wählen – das erfüllte den gewünschten Zweck und sah gut aus.
Sofia Langenfels galt als schwierige Persönlichkeit, weil sie, wie mir ein Kollege erzählte, nicht nur hochnäsig war und zur Hysterie neigte, sondern stur davon ausging, Schutz zu benötigen, während sowohl ihr Mann als auch der Rest der Familie seit Jahren das Gegenteil behaupteten. Auf Reisen wurde ihr jedoch widerspruchslos Begleitschutz spendiert, denn schließlich spielte Geld keine Rolle. Während ihrer Aufenthalte verbrachte Sofia Langenfels die Hälfte der Zeit damit, nach Beweisen zu suchen, daß ihr Schutzbedürfnis nicht ernst genug genommen würde und sie tatsächlich gefährdet wäre. Niemand riß sich darum, sie unter die Fittiche zu nehmen, und einen Moment lang dachte ich, Kurt erlaube sich einen üblen Scherz mit mir, als er während der allwöchentlichen Besprechung berichtete, daß Sofia Langenfels für vierzehn Tage auf eine Schönheitsfarm an den Tegernsee fahren würde – mit mir. Ein zweiter Kollege würde den weiträumigen Personenschutz im Hintergrund übernehmen. Es war nicht ganz einfach, einen freudestrahlenden Eindruck zu machen – immerhin war das mein erster halbwegs selbständiger Einsatz als unmittelbare Personenschützerin, und ich gierte seit Monaten danach, endlich in die vorderste Reihe zu treten. Aber eine konkrete Gefährdung lag eindeutig nicht vor, und nach dem, was ich bereits über Frau Langenfels wußte, würde sie mich wie eine Dienstbotin behandeln, an mir herumnörgeln und mich zeternd durch die Gegend jagen. Ich nickte langsam und bemühte mich um einen sachlichinteressierten Gesichtsausdruck.
„Sie war ganz begeistert, als sie erfuhr, daß wir ihr auch eine weibliche Begleitung anbieten können“, fuhr Kurt mit breitem Grinsen fort. „Auf einer Schönheitsfarm ist das besonders praktisch. All die vielen Frauen, die sich ihr Fett absaugen, die Orangenhaut runterpellen, den Hormonhaushalt auf Touren bringen und den Teint verjüngen lassen – da wirst du dich richtig wohlfühlen, nicht wahr, Alex?“
„Und kaum auffallen“, gab ich zurück. Ich würde das Beste aus diesem Auftrag machen. Höchstwahrscheinlich gab es auf dieser Schönheitsfarm einen gut ausgerüsteten Fitneßraum und jede Menge Joggingstrecken. Während meiner ungefähr zwei freien Stunden pro Tag würde ich Sport treiben, durch Wälder streifen, am See entlangflanieren und vielleicht irgendwo eine nette Frau kennenlernen … Und über den Gehaltszuschlag und die Spesen konnte ich mich auch noch freuen.
Die Gegend um den Tegernsee war fast kitschig schön und die Beauty Farm ein kleines Paradies. Das Zimmer von Frau Langenfels und meines lagen einander gegenüber, und obwohl ich mir gedacht hatte, daß meine Schutzperson auch auf Reisen und Kuren nur das Beste vom Besten gewöhnt war und höchstwahrscheinlich gar nicht wußte, was ein Mittelklassehotel war, staunte ich nicht schlecht über die luxuriöse Einrichtung. Marmor, Mahagoni, Seidenbettwäsche, flauschige korallenrote Handtücher, Blumen auf dem Tisch, überall ein angenehmer frischer Duft. Wie bestellt gab es in meinem Zimmer ein Faxgerät und ein zweites Telefon. Die Fitneßräume und die Schwimmhalle waren ein Traum. Aber meinem Aufenthalt haftete nicht einmal der Hauch von Urlaub, Erholung, Spaß an.
Frau Langenfels war von der ersten Begegnung an eine einzige Herausforderung. Mindestens zweimal am Tag mußte ich an einen von Kurts Lieblingssprüchen denken: daß wir bei den Schutzpersonen, die wir am wenigsten leiden können, das meiste lernten – aus der Befürchtung heraus, bei einem unsympathischen Menschen nicht sorgfältig genug zu sein, würde man sich jeden Schritt doppelt und dreifach überlegen und außerdem auch einiges über sich selbst erfahren. Das war in der Tat so. Sofia Langenfels hatte den grimmigzänkischen Gesichtsausdruck einer ewig unzufriedenen Frau. Darüber hinaus verbreitete sie eine Hektik, gegen die abzuschirmen mich Mühe kostete, und verkündete bei jeder sich bietenden Gelegenheit, daß sie irgendwann einem Anschlag zum Opfer fallen würde. Sie war einerseits froh, diesmal eine Frau um sich zu haben, ließ andererseits aber durchblicken, daß sie über Georg im Hintergrund sehr glücklich war und mich für eine Art Aushilfe hielt, die im Notfall schnell den starken Mann herbeirufen konnte.
Ich begleitete Frau Langenfels zu jeder Anwendung, wo ich dann geduldig vor der Tür auf sie wartete, und nach unserer Rückkehr durchsuchte ich gründlich ihr Zimmer, während sie draußen stehenblieb und über die Schlechtigkeit der Welt lamentierte. Die Strecken der Ausflüge, an denen sie teilnehmen wollte, mußte ich tags zuvor kontrollieren, möglichst zweimal, und wenn es etwas im Dorf zu erledigen gab, hatte ich sie zu begleiten. Sie kritisierte mich, wo sie nur konnte, rief alle paar Stunden Georg an, um sich diese oder jene Maßnahme, zu der ich mich entschlossen hatte, bestätigen zu lassen, und wies immer wieder gern darauf hin, daß sie sich problemlos zehn Leute von meiner Sorte leisten könnte. Mit einem Wort: Sie schikanierte mich, wo es nur ging. Ich reagierte, wie ich es gelernt hatte – sachlich, äußerlich ruhig, gelassen. Aber innerlich kochte ich, und ich wußte, daß ich ein Problem bekommen würde, wenn es mir nicht gelang, entweder die Situation zu entschärfen, indem ich zum Beispiel ein klärendes Gespräch anregte, oder aber das Brodeln abzustellen.
Dreimal mußte ich nachts aus dem Bett stürzen – einmal tobte eine Horde Katzen schreiend ums Haus, beim zweitenmal war irgendwo krachend eine Tür zugeflogen, und beim drittenmal waren Schüsse gefallen. So hörte es sich jedenfalls zunächst auch für mich an. Frau Langenfels schrie auf, ich ergriff meine Waffe, während mir das Herz im Hals klopfte, und flitzte über den Gang.
„Frau Langenfels?“ fragte ich und hoffte, daß das Beben in meiner Stimme nicht zu hören war. „Alles in Ordnung? Können Sie die Tür aufmachen?“
Keine Antwort. Ich griff sofort nach dem Zweitschlüssel, den ich in meiner Jogginghose hatte, und schloß auf. Ich ging in die Hocke und gab der Tür einen Stoß. Den Revolver hatte ich noch nicht entsichert. Ich habe vergessen, Alarm zu geben, dachte ich entsetzt. Ich muß Georg über Funk benachrichtigen. Wieder waren Schüsse zu hören. Vielmehr ein lautes Knallen. Dann hörte ich draußen jemanden fluchen, und Erleichterung schwappte in mir hoch. Ich stand auf und steckte meine Waffe in das Holster an der Hüfte. Meine Knie waren weich, und zugleich war ich froh, daß ich keinen Zeugen für diese Blamage hatte.
„Frau Langenfels?“ fragte ich erneut. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Da hat jemand Probleme mit seinem Auspuff. Es sind keine Schüsse, beruhigen Sie sich. Ein knatternder Auspuff, Fehlzündungen – was auch immer – aber keine Schüsse.“
Sie antwortete nicht. Ich machte Licht und trat langsam ins Zimmer. Sofia Langenfels lag im Bett und starrte mir mit schreckgeweiteten Augen entgegen.
„Hören Sie, es ist alles in Ordnung“, wiederholte ich. „Sie können beruhigt weiterschlafen.“
Meine Worte kamen mir plötzlich hohl und lächerlich vor. Die Frau würde in dieser Nacht kein Auge mehr zumachen, und in der darauffolgenden wahrscheinlich auch nicht. Sie begann zu zittern. Die Knöchel an ihren Händen traten weiß hervor, so fest umklammerte sie die Bettdecke. Sie war wie gelähmt vor Angst. Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich an ihr Bett. „Kann ich etwas für Sie tun? Möchten Sie vielleicht etwas trinken und ein bißchen reden?“
Sie räusperte sich. „Mitten in der Nacht?“
„Warum nicht?“
„Ich meine, wer fährt hier mitten in der Nacht mit einem kaputten Wagen durch die Gegend?“ Sie atmete flach. „Cognac. Bitte holen Sie mir einen Cognac.“
Ich ging zum Barfach und goß ihr einen Doppelten ein. „Vielleicht ein Hotelangestellter. Es ist kurz vor fünf. Die fangen hier sehr früh an.“ Ich hielt das Glas hoch, und sie nickte.
„Könnten Sie nachschauen?“
Ich brachte ihr das Glas. „Ich werde mich gleich vergewissern.“
Sie richtete sich auf und trank einen Schluck. Ihre Hände zitterten, und es war ihr peinlich. Ich wandte den Blick ab und ging zum Fenster hinüber. Im Hof waren zwei junge Männer damit beschäftigt, ein etwas älteres Golfmodell zu begutachten. Einer lag halb unter dem Wagen, der andere ging um ihn herum und prüfte die Federung, indem er schwungvoll einen Fuß auf den Reifen setzte und kräftig zu wippen begann, bevor er zufrieden nickte, noch einen kleinen Tritt anbrachte und sich schließlich dem nächsten Reifen zuwandte. Das werde ich nie verstehen, dachte ich, warum müssen Typen immer an die Reifen treten? Welchen Sinn hat das wohl? Erinnert mich an Little Joe, der die Hufeisen seines Pferdes prüft, bevor er die Ponderosa verläßt. Der Gedanke erheiterte mich.
„Geben Sie mir noch einen?“
Sofia Langenfels hielt mir ihr Glas hin, und ich schenkte nach. Der Cognac tat ihr gut, sie hatte wieder etwas Farbe bekommen und wirkte ein bißchen munterer.
„Es ist...




