E-Book, Deutsch, 242 Seiten
Kuck Die Boxerin
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-944576-21-3
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 242 Seiten
ISBN: 978-3-944576-21-3
Verlag: Verlag Krug & Schadenberg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manuela Kuck, Jahrgang 1960, ist in Wolfsburg aufgewachsen und lebt heute als Autorin zusammen mit ihrer Lebensgefährtin, einem ihrer beiden Söhne und zahlreichen Haustieren in Berlin. Neben dem Schreiben begeistert sie sich für Aikido und Laufen. Mit »Liebe Lügen« ist 2009 ihr neunter Roman bei Krug & Schadenberg erschienen, gefolgt von »Freispruch« im Herbst 2010, ein Roman, in dem die Berliner Anwältin Lena Bokken ihr Debüt hat. Zuvor erschien mit »Ariane« der Abschluss der in Berlin angesiedelten Trilogie um Rieke, Paula und ihre Freundinnen, die in »Hungrige Herzen« und »Die Rivalin« ihren Anfang nahm. Weitere Bücher von Manuela Kuck: »Lindas Entscheidung«, »Neue Zeiten für Linda« und »Lindas Ankunft« - die erfolgreiche Trilogie um lesbisches Leben und Lieben in der Provinz sowie die Romane »Die Schattentänzerin« und »Die Boxerin«. Darüber hinaus sind Erzählungen von Manuela Kuck in den erotischen Anthologien »Verführungen« und »Begehren« sowie in dem Band »Fein & gemein - Rachegeschichten« enthalten.
Autoren/Hrsg.
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9
Am ersten Abend kochte Simon – Curryreis mit Tomaten, Zucchini, Mandeln und Rosinen, dazu gab es grünen Salat und hinterher köstlichen Käse. Joy hatte eine halbe Stunde zuvor das große Gästezimmer im oberen Stock bezogen, in dem es einen Schreibtisch gab und genügend Platz für ihre Arbeitsunterlagen. Die Fünf-Kilo-Hanteln lagen neben dem Bett. Ihr ehemaliges Kinderzimmer, in dem Dorothea später genäht und gebügelt hatte, würde sie Elena überlassen. Nun hatte sie den Tisch gedeckt und nicht mit der Wimper gezuckt, als ihr Vater das Besteck anschließend zurechtrückte. Irgendwie hatte es für ihn noch nie richtig gelegen – egal, wer den Tisch deckte. Er verschob die Messer um zwei Zentimeter nach rechts, lächelte und bat sie, schon mal Platz zu nehmen. Mehr redete er nicht. Er kochte, und wenn er kochte, redete er nicht. Joy hoffte, dass er, solange sie zu Besuch war, zumindest beim Essen eine Ausnahme machen würde und nicht nahezu jede Mahlzeit ein schweigsamer, karger Essensvorgang blieb. Früher hatten Joy und ihre Mutter bei den Mahlzeiten geplaudert, während Simon häufig nur in sein Essen vertieft gewesen war.
Joy überspielte ihre Nervosität, indem sie in der Küche nach Veränderungen seit ihrem letzten Besuch Ausschau hielt. Seit damals. Außer einigen Kleinigkeiten entdeckte sie nichts. Alles in dem Raum war klar und übersichtlich angeordnet und ganz darauf abgestimmt, dem Koch oder der Köchin die Arbeit zu erleichtern. Die hellen Fliesen waren gut zu pflegen und bildeten einen Kontrast zu der dunklen Essecke mit dem großen Tisch und den freiliegenden Dachbalken mit Haken für Pfannen, Töpfe und Schöpfkellen. Die Arbeitsplatte bot viel Platz und war schwarzweiß gefliest. Joy erinnerte sich daran, dass ihre Mutter den Schmutzresten in den Fugen in regelmäßigen Abständen mit einer Zahnbürste und Scheuersand beizukommen versucht hatte. Dabei war sie immer so eifrig gewesen, dass ihr andauernd eine ihrer langen blonden Haarsträhnen ins Gesicht gefallen war. Wenn Simon das mitbekommen hatte, war er zu ihr getreten und hatte sie mit zarter Geste zurückgestrichen. Als Joy noch klein war, hatte ihre Mutter ihr manchmal erlaubt, ihr das Haar zu bürsten, und Joy war ganz hingerissen gewesen, wie seidig es sich anfühlte und wie wunderbar es durch ihre Finger glitt und dabei leise knisterte. Später meinte Dorothea, dass sie nun zu alt dafür wäre.
Simon nahm die gusseiserne Pfanne mit dem duftenden Reis vom Herd und trat an den Tisch. Joy reichte ihm beide Teller, dann saßen sie einander gegenüber. Simon lächelte.
»Schön, dass du dich entschieden hast zu kommen«, sagte er. »Was hältst du davon, wenn wir morgens gemeinsam frühstücken und auch abends zusammen essen? Wir kochen abwechselnd. Zwischendurch versorgt sich jeder selbst und geht seiner Arbeit und sonstigen Beschäftigungen nach, und für die Wochenenden könnten wir gesondert etwas planen.«
»Das hört sich gut an«, erwiderte Joy.
»Morgen früh gehe ich auf den Friedhof. Magst du mitkommen?«
Joy nickte. »Ja, natürlich.«
Das Essen schmeckte wunderbar. Simon hatte schon immer gut gekocht, im Gegensatz zu Dorothea. Wenn sie an der Reihe gewesen war, hatte es meist Spaghetti gegeben oder Gemüsesuppe. Manchmal Grießpudding, der immer viel zu süß gewesen war, oder Eierkuchen, die nie so aussahen, wie man sich Eierkuchen gemeinhin vorstellte.
»Wie geht es dir?« Die Frage war Joy herausgerutscht.
»Du meinst – ohne sie?«
»Ja, das meine ich.«
Simon überlegte einen Moment und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Ich vermisse sie schmerzlich. Ich rebelliere, und ich stoße an meine Grenzen. An die Grenzen meines Glaubens, meiner Lebensphilosophie.« Für einen Moment wirkte Simons Gesicht klein und bleich. »Das ist am schlimmsten. Ich hadere, und ich bemühe mich, Haltung zu bewahren.«
»Aber warum? Es steht dir zu, so zu empfinden«, erwiderte Joy. »Jedem stehen heftige Gefühle zu – erst recht in einer solchen Situation. Wofür willst du Haltung bewahren? Sie war noch jung, ihr seid zweiunddreißig Jahre zusammen gewesen, und ihr wart glücklich.«
»Natürlich, aber ich gestehe den Gefühlen nicht zu, mich zu beherrschen und womöglich andere damit zu belästigen.«
Wie edel, dachte Joy. Das alte, immer wiederkehrende Thema. Tritt ein Stück zurück und sieh erst mal genau hin, welche Gefühle von welchen Gedanken warum ausgelöst werden. Ist es nicht, wie so häufig, das kleine Ich, das dir mit spitzen Fingern in die Rippen stößt und auf seinem Recht beharrt? Na und? dachte Joy. Was ist so schlimm daran, Verlust zu empfinden, allerschlimmsten und ganz persönlichen Verlust, heftig zu leiden, und dieses Gefühl frei auszuleben? Gar nichts – es ist nur allzu menschlich. Und genauso menschlich ist es, ärgerlich oder auch wütend zu werden, wenn etwas nicht gelingt oder ein Wunsch nicht in Erfüllung geht. Es ist normal, so zu empfinden. Es ist normal, Wünsche zu haben und sie auszudrücken; Vorlieben, Neigungen, Sympathie und Antipathie zu empfinden und kundzutun. Liebe, Hass, Freude, Trauer. Nur für Simon anscheinend nicht. Der suchte seine Mitte. Und dann? War es da besser?
»Du hast die Messlatte schon immer sehr hoch gelegt«, sagte Joy einen Moment später leise. Und ich habe nie verstanden, warum und wofür das gut sein soll, fügte sie in Gedanken hinzu. Dieses ständige Hinterfragen, Beobachten, Disziplinieren. Lernen, wertfrei und vorbehaltlos anzunehmen, was immer geschah. Joy umfasste ihre Gabel mit festem Griff. Die alten Schlagworte. Sie schaute hoch, als Simon über den Tisch griff und ihre Hand berührte.
»Magst du Eis zum Nachtisch? Ich habe Walnuss und Johannisbeere besorgt«, fragte er. »Das mochtest du früher immer so gerne.«
Fremd. Simon war ihr meistens fremd und unnahbar erschienen – ein großer, starker, in sich gekehrter Mann mit klugen Augen und wachem Blick, einem oftmals rätselhaften Lächeln und geschickten Händen. Als kleines Kind hatte Joy bewundernd zu ihm aufgesehen und oft befürchtet, ihm nicht zu gefallen. Später suchte sie nur noch den Widerstand. Er redete immer so eindringlich. Joys Mutter wurde in seiner Nähe ganz weich und hatte ein strahlendes Gesicht voller Lachen. Dann gab es nichts anderes mehr für sie. Ihr Herz gehörte ihm – voll und ganz. Sie war wunschlos glücklich: Sie hatte einen wunderbaren Mann und führte eine harmonische Ehe, liebte ihren Beruf als Lehrerin für Englisch und Kunst, fand Anerkennung durch ihr Engagement in sozialen und christlichen Projekten und hatte eine süße kleine Tochter mit den grauen Augen des Vaters. Joy lernte schnell, dass sie ihre Mutter nur aus ihrem zufriedenen Trott reißen und ihre Aufmerksamkeit erringen konnte, indem sie ausscherte, sich quer stellte und, das vor allen Dingen, den Vater angriff. Dann war Dorothea ihr hundertprozentig zugewandt.
Joy war eine begabte Schülerin, und gute Zensuren waren die Regel. Simon erkannte ihre Leistung zwar an, aber allzuviel Aufhebens machte er nicht davon. Als sie auf dem Gymnasium anfing, in ihren schwächeren Fächern Physik und Chemie häufiger mit schlechten Noten nach Hause zu kommen, horchte er jedoch auf.
»Warum?« fragte er nach und betrachtete sie aufmerksam.
»Da liegen halt nicht meine Stärken«, gab sie zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich kann nicht in allen Fächern gleich gut sein.«
»Und warum nicht? Ein Fach ist wie das andere.«
Joy starrte ihn mit der geballten Empörung ihrer siebzehn Jahre an. »Für dich vielleicht. Ich mag Sprachen, Geschichte, Sport und Musik, und da bin ich ziemlich gut. Physik und Chemie sind einfach nur öde.«
»Sie gehören aber dazu. Du kannst sie nicht einfach ausklammern, nur weil du sie nicht magst.«
»Nein, aber es ist nicht so schlimm, wenn ich dort mal eine Arbeit verhaue. Außerdem: Wenn ich in Englisch und Deutsch Einsen und Zweien schreibe, interessiert dich das kaum, aber ein paar schlechtere Noten, und du musst mir gleich einen Vortrag halten.«
»Es fällt dir nicht schwer, in deinen Lieblingsfächern gute Leistungen zu erbringen, dafür musst du dich kaum bemühen«, entgegnete Simon ruhig. »Aber da, wo Mühe angebracht wäre, ziehst du dich zurück, statt dein Bestes zu geben, und niemand darf dich kritisieren.«
Joy spürte, wie ihr Tränen der Wut in die Augen stiegen. »Du bist total ungerecht! Ich könnte in allen Fächern gut sein, und du würdest immer noch irgend etwas finden, woran du rummeckern kannst. Du hast doch auch Arbeiten, die du lieber magst als andere. Du kochst sehr gerne, aber die Toilette putzt meistens Mama. Und du freust dich, wenn du einen japanischen Garten anlegen darfst, aber wenn es darum geht, in irgendeinem Stadtpark Tonnen von Stiefmütterchen zu verarbeiten, siehst du auch nicht besonders begeistert aus. Stiefmütterchen sind nämlich nicht gerade deine Favoriten, das weiß ich sehr genau!«
»Joy, was redest du denn da?« fuhr Dorothea, die gerade zur Tür hereinkam, dazwischen. Sie stemmte die Hände in die Hüften.
»Lass sie nur«, sagte Simon und wandte sich wieder seiner Tochter zu. »Du hast ganz recht. Ich beschäftige mich lieber mit japanischen Gärten als mit Stadtpark-Stiefmütterchen, aber ich gebe trotzdem mein Bestes oder versuche es zumindest.«
»Super! Ich gratuliere! Und als du siebzehn warst, hast du natürlich auch schon so grandios gehandelt, stimmt’s?« höhnte Joy. »Du gehst mir auf die Nerven mit deinem ständigen Bemühen, deinem Leistungsanspruch, bloß keine Klagen, jederzeit sich selbst zurücknehmen, in jedem Augenblick achtsam sein! Wie toll – immer nur geben statt nehmen, überwinden statt sich wehren, schweigen statt streiten, meditieren und...




