E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Krup Mit der Flut
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8412-3300-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3300-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Finkenwerder bei Hamburg, 1923: Paul ist fast noch ein Junge, als er sich als blinder Passagier auf einen Überseedampfer nach New York schleicht. In der neuen Welt will er sein Glück suchen, denn der elterliche Obsthof ist ihm schon lange zu klein und zu eng. In Brooklyn gelingt es ihm Fuß zu fassen, und als er Antonina kennenlernt, deren Familie aus Sizilien eingewandert ist, scheint er ein neues Zuhause zu finden. Doch um seinen größten Traum zu verwirklichen und Arzt zu werden, muss Paul zurück zu seiner Familie nach Deutschland - und betritt im Jahr 1937 ein Land, das er kaum wiedererkennt. Damit wird auch Antoninas Liebe zu ihm auf eine härtere Probe gestellt, als sie es sich je hätte träumen lassen ...
Agnes Krup, geboren bei Hamburg, arbeitete nach dem Studium als Verlagslektorin, Agentin und Literaturscout. Ihr Debüt 'Mit der Flut' war auf Anhieb ein Erfolg. Zuletzt erschien ihr Buch 'Leo und Dora'. Lange Jahre war New York ihre Wahlheimat, heute lebt sie als Autorin und Übersetzerin in Berlin.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
New Paltz, Anfang September 1969
»Bella!«
Paul blickte vom Schreibtisch auf. Aus dem Erkerfenster sah er die Jagdhündin über die Wiese toben; mit ihrem braunweiß gescheckten Fell verschwand sie fast in den Büschen, in denen sie nach dem Ball suchte, den Spunk geworfen hatte. Das Mädchen rannte ihr nach, lachend und rufend.
Er musste unwillkürlich lächeln. Spunk war kein rechtes Mädchen mehr, eine junge Frau schon, gewissenhaft und ehrgeizig in ihren Studien und ihrer Arbeit in seiner Praxis. Aber abends, wenn sie mit Bella über das Feld stromerte, erwachte der Wildfang in ihr, der sie während ihrer Kindheit gewesen sein musste.
Im Wartezimmer erklangen Stimmen. Er hörte, wie die Vordertür geöffnet und wieder geschlossen wurde; Schritte näherten sich, und Antonina steckte den Kopf zur Tür herein. »Mrs. Altmeyer war die Letzte für heute«, sagte sie. »Natürlich hatte sie wieder ihr Scheckheft vergessen. Mrs. Badeker hat ihr eine Rechnung ausgestellt; sie ist auch schon gegangen. Brauchst du noch etwas?«
Ohne sich umzudrehen, schüttelte Paul den Kopf. »Lass nur. Ich gehe noch ein paar Patientenkarteien durch.«
»Dann bereite ich das Abendessen vor.« Leise zog Antonina die Tür hinter sich zu, und er wusste, dass sie jetzt durch den kurzen Flur in den alten Teil des Farmhauses ging.
Als er hören konnte, wie Antonina in der Küche zu rumoren begann, ließ er Mrs. Altmeyers Karteikarte sinken und zog die unterste Schublade in seinem schweren Schreibtisch auf. Unter ein paar vergilbten Ausgaben eines medizinischen Journals holte er einen Stapel Briefe hervor, etliche davon auf dünnem Luftpostpapier geschrieben und zum Teil noch in hellblauen Umschlägen. Einige waren getippt, viele – seine eigenen – in einer raschen, weit nach rechts fliehenden Handschrift geschrieben, die er nach all den Jahren kaum selbst mehr entziffern konnte.
Er konnte nicht glauben, dass Antonina die Briefe über Jahrzehnte aufbewahrt hatte; nur durch Zufall hatte er sie gefunden, als er vor ein paar Wochen auf dem Dachboden für ein neues Dachfenster Maß genommen hatte. Er hatte das schöne Augustwetter ausnutzen wollen, um das Spunk gleich nach ihrer Ankunft vor zwei Jahren gegebene Versprechen, die Bodenkammer für sie auszubauen, endlich einzulösen. Dafür hatte er seinen uralten Koffer beiseiteschieben müssen, der neben einem kaputten Ventilator unter den Dachsparren stand. Er hatte nicht gewusst, dass der Koffer überhaupt noch existierte – es war eigentlich der Koffer seines Bruders Johann aus dessen Zeit am Lehrerseminar in Uelzen. Paul hatte sich gewundert, wie schwer er war, und das Maßband beiseitegelegt – er störte sich ohnehin noch immer an den ungenauen amerikanischen Maßen mit Zoll- und Fußbreiten, aber sein altes deutsches Metermaß war an jenem Tag nicht zu finden gewesen. Mit den Händen hatte er über das Leder des Koffers gestrichen, das mit der Zeit rau und brüchig geworden war. Die Kofferschlösser waren festgerostet, und er hatte ein paar Tropfen aus dem kleinen Ölkännchen in seinem Werkzeugkasten benötigt, bis sie aufsprangen. Auch der gestreifte Baumwollstoff, mit dem die Innenseite des Koffers gefüttert war, war brüchig und an einigen Stellen eingerissen. Darauf lagen Stapel um Stapel von Papieren. Es waren Briefe, die Antonina mit ihren Schwestern gewechselt hatte, dann Briefe von seinen Nichten, Hella und Spunk, sogar noch von Lisa. Da waren Johanns Briefe in seiner eckigen, etwas vorsichtigen Handschrift, in grüner Tinte. Da waren seine eigenen aus längst vergangenen Zeiten, sorgsam mit einem Band umwunden, der letzte Brief, den er Antonina je geschrieben hatte, obenauf. Zwanzig Jahre lag das Datum zurück, seither waren sie nie mehr getrennt gewesen. Mit dem Daumen war Paul durch den Stapel seiner eigenen Briefe gefahren: Ja, die Briefe, die Johann während des Krieges getippt und in seinem, Pauls, Namen geschickt hatte, waren auch darin. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf über seinen fürsorglichen, eigenwilligen Bruder. Er fand Weihnachtskarten in der steilen strengen Handschrift seiner Mutter, dünne hellblaue Luftpostseiten eng gefüllt mit dem letzten Klatsch der Finkenwerder Nachbarn, Briefe eines italienischen Verehrers, von dem er nichts gewusst hatte. Zollbescheinigungen, die Abschrift eines Telegramms, die Rechnung für Antoninas Schiffspassage von 1947, eine alte Quittung von Gage & Tollner. Austern hatten die Gäste an jenem Abend gegessen und billigen Champagner getrunken.
Aus einem kartonverstärkten Briefumschlag schüttelte er eine Handvoll Fotos. Da war er, in Turner-Weiß, in strammer Aufstellung mit seiner Riege auf der hölzernen Promenade von Coney Island. Ein koloriertes Bild von den Rimis, Antonina und ihre Schwestern in umständlichen Sonntagskleidern und Hüten mit den streng blickenden Eltern, die jeder eine Hand auf Savys Schultern gelegt hatten, ihr einziger Sohn, noch ein Kind. Das Porträtfoto von Antonina im Abendkleid, das aus der Zeit stammen musste, in der sie sich kennengelernt hatten. Wie sie darauf strahlte! Es war an den Ecken arg angestoßen; er hatte es jahrelang mit sich herumgetragen im Krieg damals und in der Gefangenschaft. Und ein Abzug des Bildes von Antonina im dunklen Badeanzug, am Strand, mit den Füßen im Wasser, auf dem sie versucht hatte, keck zu lächeln.
Vorsichtig, still, zog er mit dem Finger auf dem Foto die Konturen von Antoninas Körper in ihrem Badeanzug nach. Er schämte sich. Alles, alles schien sie aufgehoben zu haben, ihr ganzes Leben und auch seines, während er ihre Briefe nach dem Lesen meist achtlos fortgeworfen hatte. Falls er sie überhaupt gelesen hatte. Manche hatte er beantwortet; viele nicht. Es waren so viele gewesen über die Jahre. Sie hätten nicht alle in den kleinen, abgeschabten Koffer gepasst, aus dem er in den vergangenen Wochen Bündel für Bündel heimlich in sein Sprechzimmer hinuntergetragen hatte, um sie durchzusehen. Wie weit das alles zurückzulag. Wie viel er verpasst hatte. Er hatte seine Eltern nicht sterben, seine Brüder nicht älter werden, Spunk nicht aufwachsen sehen. Hatte es sich gelohnt für sein neues Leben in diesem weiten, wilden Land? Er seufzte. Warum hatte er seine Familie nicht zumindest öfter besucht? Bald würde es zu spät sein; ihrer aller Zeit war endlich.
Ein Abendwind kam von den Höhen herunter und nahm etwas von der drückenden Hitze des Spätsommertages; die weißen Halbgardinen bewegten sich im Wind. Tagsüber hielt Antonina sie geschlossen, der Privatsphäre der Patienten wegen, sagte sie, obwohl das Fenster auf den Garten führte. Aber abends, wenn er im Sprechzimmer allein war, schob Paul die Gardinen zur Seite, um über das weite Feld auf das Mohonk-Massiv sehen zu können. Sein Feld; es zog sich bis zum Fuß des mächtigen Felsrückens. Er liebte den Ausblick, besonders wenn die Abendsonne ihren weichen Schimmer über die steil aufragenden Steinwände fallen ließ. Er liebte sein Stück Land, alle sechzig Morgen. Am Wochenende würde er noch einmal mähen müssen, nach all dem Regen wuchs das Gras selbst so spät im Jahr noch nach.
Eine Tür fiel scheppernd ins Schloss, Bellas Krallen klickten über den Linoleumboden, das Radio wurde angedreht. Paul verzog das Gesicht. An diese Musik würde er sich nie gewöhnen, falls man diesen Krach überhaupt Musik nennen konnte. »Spu–«, begann er zu rufen, doch dann besann er sich. Er würde ihr nicht sagen, dass sie das Radio leiser stellen sollte. Seine Nichte war so heiter, seit sie vor ein paar Wochen auf diesem grässlichen Musikfestival gewesen war, ausgelassen geradezu. Wie sehr er sich freute, sie hierzuhaben, einen jungen Menschen in dem alten Farmhaus, das für ihn und Antonina zu groß und zu still gewesen war, trotz des Hundes. Als sie vor ein paar Jahren zu ihnen gezogen war, hatte Spunk ein Stück der alten Welt mitgebracht, und dennoch schien sie sich müheloser in die neue Welt einzufügen, als es ihm je gelungen war.
Jetzt riss sie die Tür zum Sprechzimmer auf. »Onkel Paul! Du denkst doch daran, dass Simon gleich zum Abendessen kommt?«
Simon? Verflixt, das hatte er völlig vergessen. Spunk hatte einen Verehrer, den sie ihm und Antonina vorstellen wollte. Vielleicht war sie deshalb jetzt immer so gut gelaunt. Angeblich spielte der junge Mann Gitarre, wahrscheinlich auch diese Krach-Musik, er war es, mit dem Spunk auf dem Festival gewesen war. Aber...




