E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Krüger Tunnel
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98568-064-1
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-98568-064-1
Verlag: Kanon Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Grit Krüger wurde 1989 in Erfurt geboren. Studium der Komparatistik sowie der Filmwissenschaft in Frankfurt am Main. Mitglied des »Salon Fluchtentier«, Mitglied des Festivalteams »Lit.Fest Stuttgart«. Auszeichnungen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Teilnahme am Open Mike 2018 und 2021; Klagenfurter Literaturkurs 2019. Stipendium der Darmstädter Textwerkstatt 2020. Stipendium des Förderkreises deutscherSchriftsteller in Baden-Württemberg 2020, Bayerische Akademie des Schreibens2020/21. Grit Krüger lebt in Ettlingen.
Autoren/Hrsg.
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Mascha
Rand
Drei Tage liegen. Am vierten liegt man sich den Rücken krumm – also hat Mascha sich geweckt, gehievt und gestreckt, der Tochter, die sich auf dem Sofa an ihren Bauch geschmiegt hat, die Nase geküsst, sich ein Bad eingelassen und die Post geöffnet. Das Mädchen muss zurück in die Schule. Sie raus an den Stadtrand: Bewerbung bei der Pflege, wie es das Amt von ihr verlangt. Und was sind schon viereinhalb Kilometer am Monatsende? Was zweimal zwei siebzig sind, weiß sie: zweimal zwei Mahlzeiten für sie beide – Butternudeln mit Salz, Toast mit Marmelade – oder eben Busfahrkarten. Bis zum Ersten hat sie noch elf und ein bisschen Geklimper. »Anlage zum Antrag auf Fahrkostenerstattung« würde von der Huhn kommen. Allein vom Gedanken daran möchte Mascha brechen. Dann lässt sie ihre Füße eben neun Kilometer Straße fressen, hin und zurück – im Bus hat noch nie irgendwer was gerissen.
Bewerbung, die heilige Pflicht, damit auch die letzte Monatswoche noch Toast und Marmelade bringt. Was die am Stadtrand von ihr erwarten? Die Tabelle ihres Lebenslaufs enthält ein Abitur, wenn auch gerade so bestanden. Das Jahr danach erwähnt sie nicht. Dann das halbe, in das sie so hineingeraten ist und das sich freiwillig und sozial nennt. Wie Frau Huhn im Triumph gelächelt hat, als sie aus eben diesem Jahr Zeit im Pflegeheim herauslesen konnte. Und sie selbst hat das auch noch abgeschickt! Guten Tag, denkt sie, Mascha Heerdmann mein Name, ich kann einen Umzug von einer Zweieinhalb- in eine Zweizimmerwohnung, allein mit Kind, quer durch die Stadt, mit nur einem Penny-Einkaufswagen möglich machen. Ich, denkt sie, kann Feuer machen, egal ob Kohle, Öl oder feuchter Pressspan brennen muss. Kann im Sommer drei Stunden im kalten See schwimmen ohne Pause – und wenn danach jemand zum Tanzen ruft, grinse ich was mit blauen Lippen hin und tanze noch die ganze Nacht. Mit jedem Schritt die Landstraße entlang scheuern ihr die albern glänzenden Schuhe, die sie nie einlaufen wollte, die Füße wund. Sie tritt in Schlamm, gegen die Leitplanke, zertritt jedes dummfreche Gewächs, das ihr unterkommt, der Adresse entgegen, zu der man sie bestellt hat.
Der Vorladung haben sie ein Hochglanzprospekt beigefügt: Eschenallee 2a bis 4, Wohnen im Grünen, naturnah und ruhig. Ein altes Kasernengelände, kernsaniert, umgebaut. Beschrieben in leicht verschwommener Schrift, dazu Bilder in übersatten Farben. 59 Einheiten à ein bis zweieinhalb Zimmer, schwellenfreier Eingangsbereich, Aufzug, breite Türen. In den Bädern Duschen mit ebenem Einstieg, vier Einheiten teilen sich eine Gemeinschaftsküche mit leicht zu bedienenden Elektrogeräten in Griffhöhe. Auf dem Dach Solarzellen, im Eingangsbereich ein 3.000-Liter-Aquarium mit preisgekrönter Guppykolonie, im Wintergarten eine Sukkulentensammlung – zur »Anregung« der Bewohnerinnen und Bewohner.
An der letzten Bushaltestelle vor ihrem Ziel muss sie noch eine Viertelstunde weitergehen, am Straßenrand entlang. Rechts ein Tennisplatz und Schrebergärten, links Felder, in der Ferne der Wald. Man kommt hier nicht zufällig vorbei. Die Straße führt einen Hügel hinauf, den sie sich hochplagen muss. Hügelabwärts ihr Ziel: Was sich hinter den Bildern des Prospekts verbirgt, liegt glanzlos und glatt vor ihr im Nebel. Ein Wohnkomplex, umzogen von einer hellgelben Mauer. Davor Parkbuchten und Hecken. Ein gusseisernes Tor am Ende der Auffahrt versperrt den Haupteingang, davor steht ein Taxi. Maschas Schritte verlangsamen sich. Es steigt ihr flau in die Kehle.
Aus einer der Parkbuchten schert ein Kleinwagen aus und fährt auf die Straße. Als er Mascha entgegenkommt, will sie sehen, wer darin sitzt, welche Menschen von hier fortfahren. Es dauert, bis sie es erkennen kann: Ein Mann allein, im Hemd, mit gekämmten Haaren – der schwach, aber stetig die Lippen bewegt. Er scheint mit sich selbst zu reden.
Wir fahren sie zu Residenzen,
sie sind nicht allein im Haus.
An den Fenstern gibt es warme Plätze
und mancher sieht glücklich aus.
Habts gut, liebe Eltern, habts gut, habts gut.
Bis dann, bis nächste Woche, bis dann, bis dann.
Der Wagen fährt an ihr vorbei, verschwindet hinter dem Hügel. Mascha sieht ihm noch nach, hält sich davon ab, stehen zu bleiben. Abdrehen möchte sie, quer über die Felder davonpreschen – aber reißt sich zusammen, geht weiter. Was soll so ein Ort auch weiter mit ihr zu tun haben? Nicht stehen bleiben. Ein Termin nur, nicht zögern.
An der Motorhaube des Taxis vor dem Tor lehnt der Fahrer mit Vollbart und Leopardenpullover. Er zündet sich eine Zigarette an. Die Fahrertür steht offen, auch die hintere Wagentür. Eine strubbelige Frau in hellem Kittel beugt sich in die Kabine, spricht laut und angestrengt hinein. Neben ihr auf dem Bürgersteig steht eine Metallamphore auf Rädern, von der aus Schläuche in den Wagen führen.
»Wir machen uns nur Sorgen, Lore. All Ihre Sachen sind doch hier. Ihre Medizin. Und die Fischis vermissen Sie doch.«
Auf der Rückbank sitzt eine massige Alte, bestimmt Mitte achtzig, die einen hellblauen Anorak trägt – viel zu dick für das Wetter – und aussieht, als würde sie darin frieren. Die Schläuche der Metallflasche enden in ihrem Gesicht.
Ein guter Moment, um stehen zu bleiben.
Als der Taxifahrer ihr eine Zigarette hinhält, weiß Mascha schon, dass es sich lohnt. Sie zwinkert ihm zu, zündet die Zigarette an.
Eine kleine, bebrillte Frau im Jackett kommt ihnen vom Gebäude entgegen, öffnet mit einer Plastikkarte das Tor, schließt es sorgfältig hinter sich und bleibt vor ihnen stehen. Sie mustert die Runde, vor allem den Hintern der Pflegerin, der sich aus dem Wagen stülpt. Vom Mustern allein dreht der sich aber nicht um, so räuspert die Bebrillte sich: »Bitte. Wo ist das Problem?«
Der Taxifahrer ist es, der sich zurückräuspert, schmunzelt: »Nun ja. Die beiden hier im Wagen haben ein Taxi zum Flughafen bestellt. Hab sie hingebracht, sogar noch mit der Flasche durch die Halle geholfen. Ich bin zurück, reihe mich mit meinem Wagen bei der Abfahrt ein – da sehe ich die beiden wiederkommen. Waren vielleicht zehn Minuten. Sicherheitshalber geh ich hin, frage, was los ist: Die beiden möchten wieder mit. Der Herr will, dass ich ihn über den halben Kontinent fahre, die Dame widerspricht und möchte lieber nach Hause, nennt mir aber keine Adresse. Hier also sind wir wieder.«
»Hab ich Ihnen die Adresse genannt.«
Erst jetzt fällt Mascha auf, dass sich da ein schmaler Mann neben die Alte im Anorak auf die Rückbank geknittert hat. Ist er auch schon hundertachtzig?
»Na ja, ich hab keine Zahnbürste bei. Ausland mach ich nur mit Voranmeldung«, antwortet der Fahrer. In Richtung der Geraden und etwas gedämpft fügt er hinzu: »Und die Kosten für die Rückfahrt, vierundsiebzig Euro – die beiden scheinen nicht genug Bargeld bei sich zu haben.«
Die Bebrillte seufzt, nickt und zählt aus ihrer Börse Geld für den Fahrer ab: »Danke für die Mühen und die Geduld.« Zuckt nicht mal beim Scheineblättern. Dann gibt sie der strubbeligen Pflegerin mit einer Berührung an der Schulter zu verstehen, zur Seite zu gehen. »Frau Windner, Herr Tomsonov – so spontan eine Reise?«
»Geht Sie nichts an«, antwortet der schmale Mann.
»Bitte, das ist Ihre Privatangelegenheit, sicher. Bei Reiseplanungen können wir Sie unterstützen. Möchten Sie mir nicht doch drinnen bei einem Kaffee davon erzählen?«
Die Alte im Anorak schüttelt immerzu den Kopf, lässt dabei die Nackenlehne nicht aus den Augen.
Ein genervtes Schnaufen kommt von der strubbeligen Pflegerin: »Sie steigen nicht aus. Frau Windner hat heute früh ihre Medizin nicht bekommen, spätestens heute Abend haben wir ein Problem. Ich zerre hier niemanden heraus, schon gar nicht allein. Sie wissen, wie gern ich das alles für die Bewohner tue, nur – eigentlich habe ich auch seit elf schon Feierabend.«
Die Bebrillte im Jackett richtet sich auf, blickt der Pflegerin ungewöhnlich lang ins Gesicht: »Das weiß ich zu schätzen. Die Zeit rechnen Sie sich an. Wir haben das im Griff. Bitte, gehen Sie in Ihren Feierabend.«
Die Pflegerin druckst: »Okay. Okay, gut, danke«, bleibt aber stehen und guckt zwischen dem Fahrer und den Alten hin und her.
Noch bevor Mascha die Nase hier weiter reinstecken muss, riecht es schon schal. Hier bleibt sie nur für die Unterschrift. Sie stapft ihre Zigarette aus und klingelt am Tor.
»Die Pforte ist leider gerade nicht besetzt. Wir sind gleich bei Ihnen«, ruft die Bebrillte im Jackett zu ihr rüber, wendet sich dann aber gleich wieder der Kabine zu und raunt den Alten zu, dass sie sie »erst einmal wieder hinein...




