Krones | Kontextsensitive Bioethik | Buch | 978-3-593-38599-0 | sack.de

Buch, Deutsch, Band 24, 446 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 216 mm, Gewicht: 630 g

Reihe: Kultur der Medizin

Krones

Kontextsensitive Bioethik

Wissenschaftstheorie und Medizin als Praxis

Buch, Deutsch, Band 24, 446 Seiten, Format (B × H): 142 mm x 216 mm, Gewicht: 630 g

Reihe: Kultur der Medizin

ISBN: 978-3-593-38599-0
Verlag: Campus


Die Bioethik versucht Antworten auf zentrale Konflikte unserer Lebenswelt zu finden. Die akademisch ermittelten Ergebnisse kommen jedoch selten zum praktischen Einsatz. Es fehlt die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Praxis. Tanja Krones zeichnet die Entwicklung der Disziplin auf der Grundlage von Ethik, Philosophie und Gesellschaftstheorie nach und fragt nach dem zukünftigen Weg. Am Beispiel zentraler bioethischer Konflikte in der Fortpflanzungsmedizin und der Arzt-Patienten-Beziehung plädiert sie für eine kontextsensitive Bioethik, die über traditionelle Fächergrenzen hinaus eine dem Menschen nahe, praxisrelevante Bioethik in den Vordergrund rückt.
Krones Kontextsensitive Bioethik jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Vorbemerkung und Dank 8

Einleitung

1. Gesellschaft
1.1. Der Anfang und das (vorläufige) Ende der Metaerzählungen im europäischen Denken
1.2. Gesellschaftsdiagnose Reflexive Moderne

2. Bioethik
2.1. Wurzeln und Ausformungen der Bioethik als Disziplin
2.1.1. Die US-amerikanischen Anfänge
2.1.2. Die bundesdeutsche Variation
2.2. ›Das ideengeschichtliche Erdreich‹

3. Epistemologische Grundsatzüberlegungen
3.1. Logik und Wahrheit, Rationalität und Rationalitäten
3.2. Das qualitative und das quantitative Paradigma
3.3. Der naturalistische Fehlschluss
3.4. Allgemeingültigkeit, Universalität, Unparteilichkeit und Konsens

4. "Juniorpartner" - Interdisziplinäre Perspektiven
4.1. (Sozial-)Anthropologie
4.2. (Sozial-)Psychologie
4.3. Soziologie
4.4. Humanmedizin

5. Kontextsensitiv-empirische Ethik: Ein transdisziplinäres Modell
5.1. Vom linearen zum transdisziplinären Modell der Bioethik
5.2. Grundlagen
5.3. Methodik

6. Anwendung
6.1. Der Beginn des Lebens und die ethischen Konflikte um die Fortpflanzungsmedizin
6.1.1. Handlungsbedingungen
6.1.2. Bewertung der Handlungen
6.1.3. Folgenabschätzung
6.1.4. Debattenanalyse
6.2. Arzt-Patient-Beziehung, Risikokommunikation und shared decision-making

Literatur

Personenregister


Diese Annahme trifft aber aus Sicht des Pragmatismus und der kontextsensitiven Ethik nicht zu. Moralität ist ebenfalls routinisierte Handlung. Sein und Sollen stehen grundsätzlich in einer Wechselbeziehung, die historisch und sozial verwurzelt ist. Moralische Urteile unterscheiden sich daher nicht fundamental von nicht-moralischen Urteilen, haben nur, wie andere Handlungen und Urteile über Handlungen (Einkauf, Liebesakt, Vorlesung, Gebet) bestimmte Charakteristika. Sie beziehen sich auf bestimmte Aspekte des menschlichen Lebens und zwar darauf, wie wir uns situativ und insgesamt ein gutes Handeln und ein gutes Leben vorstellen. Moralität hat sowohl etwas mit ›sachlichen, abstrakten Prinzipien‹ als auch mit genuinen Alterzwecken zu tun. Erstere leiten eher die Moralität aus der und in die Ferne, Konzepte zur guten Behandlung uns fremder Menschen an, sind zudem richtungsweisend in der Beurteilung von Situationen, in denen wir nicht direkt betroffen sind. Die Berücksichtigung von Alter-Zwecken, der Altruismus, ist für das gute Handeln konkreten Anderen gegenüber wichtig, in Situationen, in denen wir direkt betroffen sind, ist aber ebenso auch für die ›Fernethik‹ relevant. Beide Elemente (Altruismus und allgemeine Prinzipien) verweisen auf bestimmte, zentrale anthropologische Momente: Erstens auf die Selbsttranszendenz, die nicht nur im Bereich der Moral, sondern auch in der Religiosität, der Phantasie und den (Tag-)Träumen zum Tragen kommt, sowie zweitens auf die Intersubjektivität des Menschen, die ihn neben seinem Vernunftvermögen, seiner Fähigkeit, sinnhaft, situativ angemessen rational-emotional zu handeln und zu entscheiden, fundamental bestimmt. Die menschlichen ›Routinen‹ der gelebten Selbsttranszendenz und Intersubjektivität, die Ausrichtung an sachlichen und Alterzwecken statt an (rein) egoistischen Motiven, unsere moralischen Gewohnheiten unterliegen natürlich den selben Einflüssen, wie andere Handlungsgewohnheiten. Sie sind sozial mit geformt und durch unseren Charakter, unsere Entscheidungen, unsere kontinuierlichen Erfahrungen mit bestimmt. Eigen-, Fremd- und Sachzwecke sind dabei, wie ich unter 4.2. ausgeführt habe, nicht genuin voneinander zu trennen. Fremdliebe braucht Eigenliebe (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst). Die ›Ehrfurcht vor dem Gesetz‹ kommt vermehrt zum Tragen, wenn man selbst von Mitmenschen, die diesem Gesetz folgen, gut behandelt worden ist. Moralische Urteile über gutes Handeln und die guten Dinge aus der Sphäre anderer Urteile herauszuheben, da sie ›ganz andere‹ Charakteristika hätten als nicht-moralische Urteile ist das, was Dewey als mental magic bezeichnet. Warum sollten nicht göttliche, menschliche Wesen nicht-menschliche Eigenschaften und übermenschliches Urteilsvermögen besitzen? Und wer sollte wie dazu befähigt worden sein? Es gibt real keinen ›idealen menschlichen Beobachter‹, keinen paradiesischen Schleier des Nichtwissens, auch wenn diese Denkfiguren für bestimmte Zwecke, nämlich das minimal zwischen uns Geltende festzulegen, als Mittel zur ethischen Reflexion durchaus nützlich sind. Dabei ist zu beachten, dass ›wir‹ in diesen Unparteilichkeitsmodellen, wie ich unter 3.4. ausgeführt habe, prinzipiell egoistisch motivierte, völlig autonome Akteure sind, die aus der Ich-Perspektive urteilen, was nicht dem menschlichen Sein real und allgemeingültig entspricht, so dass diese Modelle aus kontextsensitiver Sicht durchaus problematisch sind. Daher muss - als eine bereits in der antiken Philosophie ausgesprochene Mahnung zur philosophischen Selbsterkenntnis und Bescheidenheit - die Unmöglichkeit der ›göttlichen‹ (komplett unparteiischen, a-historischen, a-sozialen) Perspektive dem Präskriptionen erarbeitenden Menschen immer vor Augen bleiben. Man kann nicht Philosophie oder Soziologie betreiben, ohne eine Psycho-Sozioanalyse der eigenen Person selbstkritisch mit zu denken, um der Ideologiefalle zumindest teilweise zu entgehen und um der hohen Verantwortung der Wissenschaftler für die Gesellschaft - und nicht nur für seine eigene Karriere - gerecht zu werden. Bioethiker sollten daher ihre Eigenliebe aus sich heraus immer wieder zu kränken versuchen, unter anderem lernen, Fehleinschätzungen einzugestehen, statt die eigene Position immer und immer wieder zu verteidigen und die gegnerischen theoretisch-praktischen Positionen genauso wichtig nehmen wie den eigenen Ansatz. Eine Fehlerkultur ist in der Bioethik selbst noch kaum entwickelt, wird aber von ihr der Medizin, dem Handlungsfeld gegenüber, eingefordert. Wir müssen unter anderem beachten, dass wir verschiedene Attributionsfehler machen, die wir aufgrund der Positionalität des menschlichen Erkenntnisvermögens überhaupt nicht umgehen können. Der grundlegendste ist der unter 4.2. beschriebene fundamentale Attributionsfehler, der dazu führt, dass Beobachter und Handelnde grundsätzlich anders attribuieren. Der Beobachter schlussfolgert eher auf Persönlichkeitsmerkmale, da er nicht die Erfahrungen der tatsächlichen situativen Flexibilität des Handelnden teilt und Menschen für menschliche Beobachter selbst dann, wenn sie körperlich abwesend sind, im Blickfeld stehen, da Personen und ihre Charaktereigenschaften und Ideen in der menschlichen Kognition zentrale mentale Anker bilden. Der Handelnde schlussfolgert eher auf den Einfluss situativer Merkmale, da er die Situation und nicht sich selbst primär im Blick hat (die Situation salienter ist). Auch weiss er aufgrund seiner Erfahrungen, dass er multiple Gewohnheiten (verschiedene Strategien seines Habitus) beherrscht, die er situativ anwenden kann. Zudem ist es im Sinne der immer latent vorhandenen Verteidigungsmotivation der Identität bei einem möglicherweise schlechten Ausgang besser, auf die Situation statt auf den eigenen Charakter zu attribuieren.

Nun werden einige einwenden, dass ethische Konflikte gerade dann entstehen und als solche empfunden werden, wenn die Alltagsroutinen durchbrochen werden und wir eben nicht genau wissen, wie wir handeln sollen. Damit erklären Marcus Düwell und Klaus Steigleder (2003b) die Entstehung des Fachs Bioethik und sehen dessen Aufgabe eben darin, für solche Situationen Präskriptionen auf der Basis formallogischen Denkens und ideengeschichtlichen Reichtums, bestärkt durch die Kenntnis objektiver Fakten, die durch die Juniorpartner geliefert werden, zu erarbeiten. Hinsichtlich der Entstehungsursache ethischer Konflikte ist ihnen aus kontextsensitiver Sicht - zum Teil - Recht zu geben. Das Bewusstsein für das Wegbrechen der Basissicherheiten ist gerade ein Signum der reflexiven Moderne. Insbesondere im Feld der Biomedizin werden die vormalig fraglosen Gegebenheiten, die Grenzziehungen brüchig. Dies wird unter anderem als ethischer Konflikt empfunden und hat die Bioethik als Fach mit entstehen lassen. Zum einen ist die Zerstörung von zuvor fraglosen Gegebenheiten aber nicht nur die einzige Ursache für die Entstehung ethischer Konflikte. Diese resultieren zum Beispiel auch aus der lauteren Artikulierung bereits existierender, aber illegitimer, unterdrückter Wissensarten und Werte gegenüber orthodoxen Normen und auch durch die Aufoktroyierung ethisch ›eindeutiger‹ Prinzipien und juridisch inadäquater Normen in komplexen uneindeutigen Situationen. Zum anderen ist es dann die Frage, ob die Lösung dieser Konflikte allein in der Ableitung von Präskriptionen aus moralphilosophisch ideengeschichtlich generierten Theorien liegt. Wenn neuere, uneindeutige Situationen auftreten, versuchen wir es zunächst dennoch mit unseren bewährten, alltagsweltlichen Handlungs- und Denkmodellen, unseren ›moralischen Heuristiken‹, den ›moralischen Intuitionen‹. Diese sind meist nicht völlig zum Scheitern verurteilt, müssen aber modifiziert werden. Dies geschieht im Handlungsvollzug selbst. Dabei ziehen wir als motivierte soziale Akteure durchaus Ratschläge von extern heran, die auch theoretischer moralphilosophischer Provenienz sein können. Aber auch diese müssen sich erst in der neuen Praxis beweisen, um als valide gelten zu können. Die historisch entstandenen philosophischen Ideen waren zu ihrer Zeit ›passend‹ und sind auch auf der historischen Grundlage ihrer Zeit zu interpretieren. Die direkte Übertragung philosophischer Denkmodelle auf gegenwärtige Probleme, wenn dies ohne eine soziale und historische Kontextualisierung geschieht, ist nicht zielführend. Denn es sind eben neue Gegebenheiten. Warum sollten daher ›alte Lösungen‹ hierfür direkt anwendbar sein? Die Ideen Kants in seiner Metaphysik der Sitten zu in Freiheit gezeugten Menschen lassen sich nicht direkt auf die heutigen Diskussionen über den präimplantativen Embryo übertragen, wie dies u.a. Kathrin Braun (2000) versucht. Wie Volker Gerhardt (2001) dazu ausführt, geht es (seiner Auffassung nach) in der Metaphysik der Sitten um die Freiheit und Autonomie und nicht um die moralische Beurteilung der Sexualität und der Würde des präimplantativen Embryos. Die philosophischen ideengeschichtlichen Ansätze sind beileibe für die Praxis nicht irrelevant. Viele haben sich bewährt, haben die Praxis (›Theorieeffekt‹) fundamental beeinflusst, sind damit Teil unserer heutigen moralischen Heuristiken geworden. Daher kehren manche Ideen seit der Antike in neuen Gewändern immer wieder, wie die Verbindung von Individualität und gesellschaftlicher Identität der aristotelischen Nikomachischen Ethik. Was im Kontextualismus allein bestritten wird, ist ihre direkte Passung und das Primat der Theorie über (beziehungsweise deren prinzipielle Trennung von) Handlungsroutinen. Theorien müssen ebenso ausgelegt und erprobt werden wie Handlungsroutinen, sind Teil der Handlungsroutinen und wurzeln in der Lebenswelt. Um die Hermeneutik der Klassiker wird im wissenschaftlichen Feld gekämpft, sie ist niemals ›objektiv‹, sondern auch mit der Durchsetzung von Interessen verbunden.


Tanja Krones, PD Dr. med., ist Medizinethikerin, Ärztin und Soziologin am Klinikum der Universität Marburg.


Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.