Kroll / Schurich | Polizistenmorde | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Kroll / Schurich Polizistenmorde

Vier authentische Kriminalfälle aus der DDR
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95958-780-8
Verlag: Bild und Heimat
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Vier authentische Kriminalfälle aus der DDR

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-95958-780-8
Verlag: Bild und Heimat
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am 13. April 1972 verrichtet der Abschnittsbevollmächtigte Karl L. in seinem beschaulichen Heimatstädtchen seinen alltäglichen Dienst. Als er einen auffälligen Bürger zur Ordnung ruft, wird ihm das zum tödlichen Verhängnis. In der Nacht des 15. Februar 1973 wird der im Streifendienst befindliche Hauptwachtmeister Manfred B. in Berlin-Buch von hinten überfahren und getötet. Der Täter flüchtet, nachdem er dem Polizisten seine Dienstwaffe mit 16 Schuss Munition entwendet hat. Mit einer Maschinenpistole 'Kalaschnikow' wird am 15. Januar 1981 der Volkspolizist Gerhard G. in Leipzig erschossen. Die Waffe stammt von einem Posten der NVA. Gegen 22.30 Uhr wird am 21. September 1982 der Schutzpolizist Lutz L. in einem Innenhof in Berlin-Pankow leblos aufgefunden. An seinem Körper werden 14 Stich- und eine Schnittverletzung entdeckt. Vom Täter sowie von der Dienstwaffe des getöteten Polizisten fehlt zunächst jede Spur. Remo Kroll und Frank-Rainer Schurich schlagen ein bisher unbekanntes Kapitel der DDR-Kriminalgeschichte auf: heimtückische Morde an Angehörigen der Deutschen Volkspolizei. Auf Basis der originalen Akten rekonstruiert das erfolgreiche Autorenduo die realen Tathergänge und lässt die Leser minutiös und mitreißend an der Spurensuche und Aufklärung teilhaben. Gelingt es den Ermittlern, die Schlinge um den Hals der Täter zu legen?

Remo Kroll ist Angehöriger der Berliner Polizei und widmet sich publizistisch der Historie der Kriminalpolizei und der Morduntersuchung in der DDR. Er ist Mitherausgeber der Schriftenreihe Polizei. Studien zur Geschichte der Verbrechensbekämpfung. Darüber hinaus hat er vielfach publiziert, u. a. bei Bild und Heimat gemeinsam mit Frank-Rainer Schurich: Brudermord (2018). Frank-Rainer Schurich lehrte als ordentlicher Professor für Kriminalistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist seit 2015 ebenfalls Mitherausgeber der Schriftenreihe Polizei. Er arbeitete regelmäßig bei der Berliner Kripo; seit 1994 ist er freier Autor. Er legte zahlreiche Publikationen vor, zuletzt bei Bild und Heimat gemeinsam mit Remo Kroll: Postraub am Spreekanal (Blutiger Osten, 2018).
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Tatwaffe »Wolga«

Berlin-Buch. Donnerstag, 15. Februar 1973

Für den Hauptwachtmeister der Volkspolizei Manfred Kube sollte es ein ganz normaler Arbeitstag werden. Es war Donnerstag, der 15. Februar 1973. Gegen 6.30 Uhr kam er mit der S-Bahn auf dem Bahnhof Berlin-Buch an. Vor dem Bahnhof traf er die beiden Schutzpolizisten Hauptwachtmeister Neubert und Oberwachtmeister Schweigel. Diese erzählten erregt, dass sich der Kollege Hauptwachtmeister Biernaczyk seit 1 Uhr nachts nicht auf der VP-Wache 285 gemeldet hätte. Sie hätten den Auftrag, ihn zu suchen und zu finden.

Mit diesen Gedanken ging Manfred Kube in Uniform zu eben dieser VP-Wache 285, zu seiner Dienststelle, in der er seit einem Jahr arbeitete. Alle Polizisten sagten »VP-Wache«, obwohl sie richtigerweise »VP-Revier« genannt werden müsste.

Kubes Dienst begann an diesem Tag um 7 Uhr, so dass er gut in der Zeit lag. Es war ja nur ein kurzer Weg, die Wiltbergstraße bis zum Röbellweg und dann den Röbellweg bis zur Wache.

Etwa zehn Meter vor der Straßenkreuzung Röbellweg/Pölnitzweg – der Hauptwachmeister ging auf dem rechten Bürgersteig vom Bahnhof aus gesehen – hörte er die aufgeregte Stimme einer Frau, die er gedankenversunken vorher gar nicht gesehen hatte. Sie stand auf der anderen Straßenseite mit einem Mann. Sie rief: »Kommen Sie bitte herüber, Herr Wachtmeister! Hier liegt einer von Ihren Leuten oder ein Armeeangehöriger!«

Kube ging schräg über die Straße zu den beiden Bürgern. Als er sich etwa in ihrer Höhe befand, sah er in einer Entfernung von circa fünf Metern in der Nähe des Trafohäuschens einen Uniformierten liegen. Er näherte sich bis auf etwa anderthalb Meter und erkannte, dass diese Person mit dem Gesicht im Sand lag, so dass nur der Hinterkopf erkennbar war. Aber aufgrund des spärlichen Haarwuchses und der Figur des am Boden Liegenden hatte er sofort den Verdacht, dass es sich um Biernaczyk handeln könnte, der ja vermisst wurde.

Kube berührte den Liegenden nicht, erkannte aber sofort, dass die Pistolentasche geöffnet war und sich darin keine Waffe befand, auch kein zweites Magazin. Verletzungen konnte er aufgrund der Morgendämmerung und der nur kurzen Betrachtung nicht feststellen. Aber es war ein VP-Angehöriger, das war ihm sofort klar.

Er rannte quer über die Straße zur Wache, zuvor rief er aber noch den beiden Zeugen zu: »Warten Sie bitte einen Augenblick! Es kommt Hilfe!«

An der Wache angekommen, klopfte er energisch an die Jalousie des Wachzimmers. Er hörte, dass der Meister der VP Brust telefonierte, deshalb rannte er in den Korridor des Hauses, in dem sich unten auch die Wache befand. Manfred Kube klopfte an das kleine Schalterfenster in der Tür zur Wache, und er klingelte vehement. Leutnant der VP Strehmann öffnete das Schalterfenster, und Kube rief ihm durch das Fenster zu: »Am Trafohäuschen liegt vermutlich unser Biernaczyk!«

Strehmann öffnete die Tür und ließ Kube in die Wache, der seine Aktentasche in den Wachraum warf und mit Strehmann zu der Stelle lief, an der die Person am Boden lag. Die Zeugen waren verschwunden, aber Kube war sich sicher, dass sie ihn mit seiner Bitte, am Ort zu verbleiben, gehört haben müssten. Doch sie waren wohl in Richtung S-Bahnhof Berlin-Buch gegangen. In seiner späteren Vernehmung am 15. Februar 1973 ab 9.20 Uhr sagte er: »Denn sowohl im Pölnitzweg als auch im Röbellweg in Richtung Röntgenthal konnte keine Personenbewegung festgestellt werden. Jedoch befanden sich mehrere Personen im Röbellweg zwischen Pölnitzweg und Wiltbergstraße auf dem Weg in Richtung Bahnhof, und ich nehme an, dass die beiden Personen, welche mich auf die am Boden liegende Person aufmerksam gemacht hatten, unter diesen Passanten waren.«

Der Leutnant und der Hauptwachtmeister stellten fest, dass diese Person tot war, veränderten aber nichts. Sie rannten zur Wache zurück, Kube nahm eine Decke, sie eilten wieder zum Ort des Geschehens und bedeckten den leblosen Körper. Strehmann ging zur Wache zurück und übernahm die Alarmierung und die Meldung an die Vorgesetzten, Kube sicherte den Tatort. Plötzlich war ihm klar geworden, dass er doch einen kleinen Fehler gemacht hatte. Die Mütze des Opfers, die neben ihm lag, hatte er mit zur Wache genommen, als sie die Decke holen gingen. Vorher hatte er mit einem Kreis um den Fundort der Mütze die konkrete Lage gekennzeichnet.

Die Personen, die den Fundort verlassen hatten, konnte er grob beschreiben: Die Frau war in seiner Erinnerung circa 30 bis 35 Jahre alt, etwa 165 Zentimeter groß, trug einen Stoffmantel mit hellem Pelzbesatz, der sich in der Nähe des Mantelkragens befand, der Mantel reichte kurz über die Knie. Der Mann war gleichaltrig, etwas größer, vielleicht 165 bis 170 Zentimeter, er trug einen dunklen Mantel, einen dunklen Stoffhut und eine schwarze Aktentasche oder Collegemappe. An das Material des Mantels konnte sich Kube nicht erinnern. Die beiden Personen waren ihm unbekannt, vielleicht war es ein Ehepaar, das zur Arbeit fahren wollte. Das war aber nur eine Vermutung von ihm.

Den ledigen Biernaczyk, der zusammen mit seiner Mutter lebte, kannte er seit 1964, er schätzte ihn als zurückhaltenden, höflichen und korrekten Genossen – wie viele seiner Kollegen.

Die Zeugen, die den Fundort verlassen hatten, wurden noch am Tattag ausfindig gemacht und vernommen. Irmela Kammrath arbeitete als Sekretärin bei der Deutschen Außenhandelsbank in Berlin-Mitte, Unter den Linden; Wolfgang Kammrath, ihr Ehemann, als Fachgebietsleiter bei der Industrie- und Handelsbank Berlin-Mitte in der Behrenstraße. Sie wollten an diesem wie an jedem Arbeitstag zum S-Bahnhof Berlin-Buch laufen, um dann zu ihren Arbeitsstellen zu gelangen. Sie hatten keine verdächtigen Personen oder Fahrzeuge gesehen, und sie bestätigten das, was Manfred Kube von ihrem dramatischen Zusammentreffen berichtete. Warum sie aber den Ort des Geschehens verlassen hatten, danach wurden sie in den Zeugenvernehmungen nicht gefragt.

Was Manfred Kube offenbar in seiner Aufregung nicht wahrgenommen hatte – es war noch eine dritte Person am Fund- und Tatort anwesend. Aus der Psychologie ist ja bekannt, dass sich das Auge am leichtesten täuschen lässt. Jedenfalls wurde noch Helmut Pfattenhauer, Dolmetscher im VEB Berlin-Information in Berlin-Mitte, als Zeuge ermittelt, weil das Ehepaar Kammrath ihn aus gemeinsamer Arbeit im Ortsausschuss der Nationalen Front gut kannte. Er bestätigte die Aussagen von Frau und Herrn Kammrath, und auch er konnte keine zweckdienlichen Hinweise, wie es im Polizeideutsch so schön heißt, geben.

Der Tatortbefundsbericht wurde noch am 15. Februar 1973 durch Oberleutnant der K Platzk von der Morduntersuchungskommission (MUK) verfasst. Die Bilddokumentation vom 18. Februar 1973, gefertigt von Kriminalobermeister Heide (MUK/KT), klärt uns hervorragend über den Tatort auf.

Tatortskizze

Skizze zur Fundsituation

Übersichtsaufnahme der Kreuzung Röbellweg/Pölnitzweg. In dem im Bild sichtbaren Gebäude befindet sich das VPR 285 in Berlin-Buch. Pfeil 1 zeigt in Richtung Röbellweg/Wiltbergstraße; Pfeil 2 in Richtung Zepernicker Straße.

Übersichtsaufnahme der Straßenkreuzung Pölnitzweg/Ecke Röbellweg, vom Pölnitzweg in Richtung Neubauten gesehen. Rechts der Lageort der Leiche

Übersichtsaufnahme des Fundorts der Leiche, der durch Pfeil markiert ist

Nahaufnahme der Fundstelle der Leiche und der zur Fundstelle führenden Fahrzeugspuren, vom Pölnitzweg gesehen. Die im Bild linke Fahrzeugeindruckspur wird mit der Spurentafel 2 markiert. Die rechts daneben liegende Fahrzeugeindruckspur wird mit der Spurentafel 3 markiert (nicht erkennbar). Die rechte Außenspur wird mit der Spurentafel 4 markiert.

Die abgedeckte Leiche in einer Nahaufnahme. Die mit der Zahl 1 markierte Stelle bedeutet den Fundort einer Schuheindruckspur.

Die Schuheindruckspur (Spurentafel 1) mittels Gips gesichert und fotografiert

Reifenspur 2, Segment 2.1

Die Leiche von Manfred Bienarczyk wurde noch am 15. Februar 1973 (das Protokoll gibt als Beginn 12.30 Uhr an) im Institut für Gerichtliche Medizin der Humboldt-Universität zu Berlin obduziert, Oberarzt Dr. med. Gerhard Dietz und Dozentin Dr. med. habil. Christiane Kerde als 1. Sachverständige sowie Dr. med. H. Waltz als 2. Sachverständiger fertigten das Vorläufige Gutachten (Sektionsnummer 212/73) an. Als Todesursache stellten sie einen schweren Schädelbasisbruch mit hochgradigem Blutverlust fest. Im Ergebnis der Sektion konnten folgende wesentliche Befunde erhoben werden:

  • angedeutete, bogenförmige massive Gewebe- und Muskelzertrümmerung im Gesäßbereich rechts; interpretiert als Anfahrstelle eines Kfz;
  • Wirbelsäulenbruch im Bereich des 12. Brustwirbels infolge einer Überstreckung des Rumpfes nach hinten als typisches Zeichen einer Anfahrung von hinten unterhalb des Körperschwerpunkts;
  • massive Unterblutungen im Hinterkopfbereich mit Sprengung der Schädelnaht; interpretiert als Anschlagsverletzung nach »Aufladen« des Betroffenen auf das Vorderteil der Karosserie;
  • etwa Mitte des Oberkopfes quergestellte circa 4 Zentimeter lange scharfrandige Platzwunde in Verlaufsrichtung von hinten nach vorn; gleichfalls als...



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